Zeitschrift 

Die siebziger Jahre

Facetten eines Jahrzehnts

Neue soziale Bewegungen -
zwei Beispiele

Die neue Ostpolitik

Die Ära Honecker

Terrorismus
 

Heft 2/2003 
Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis

Baustein E

Terrorismus


Eine Vergegenwärtigung der siebziger Jahre kann auf das Phänomen des Terrorismus nicht verzichten. Insbesondere der so genannte Baader-Meinhof-Komplex gehört zu den bedrückenden Erfahrungen des Jahrzehnts. Der Terrorismus, der die Bundesrepublik Deutschland jahrelang in Atem hielt, veränderte die deutsche Gesellschaft, indem er das in der Bevölkerung vorhandene Reform- und Veränderungspotenzial schwächte und das Bedürfnis nach Sicherheit und Ruhe verstärkte. Das öffentliche Leben wurde weitgehend durch die Abwehrmaßnahmen gegen die terroristischen Gruppierungen geprägt. "Es herrschte ein Klima der Angst."9

Auf der unterrichtlichen Agenda sollten aber nicht so sehr die einzelnen Anschläge der Terroristen und deren abwegige Programme und Motive stehen (E 5 bis E 7). Der Terrorismus der Roten Armee Fraktion (RAF) und anderer Terrorgruppen stellte zu keiner Zeit eine wirkliche Gefährdung für die Bundesrepublik Deutschland dar, auch wenn die brutalen Anschläge zahlreiche Opfer forderten. Bei 1493 Anschlägen in der Bundesrepublik wurden 99 Menschen getötet und 404 verletzt.10 Die relativ kleinen Terrorgruppen verbreiteten zwar Angst und Schrecken, für einen wirklichen Erfolg fehlte ihnen aber nahezu jede Resonanz in der Bevölkerung. Weder die politischen Forderungen noch die krude und gewalttätige Sprache der RAF-Aufrufe und -Bekennerschreiben riefen das geringste Verständnis hervor. Im Unterricht geht es vielmehr darum, den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, dass der Rechtsstaat sich gegen die terroristische Herausforderung mit rechtsstaatlichen Mitteln zu wehren wusste und wirkungsvoll, hart, in manchen Fällen vielleicht sogar über das Ziel hinaus schießend reagierte.

Im Jahre 1978 erschien in der Reihe "Politik und Unterricht" aus gegebenem Anlass ein Sonderheft mit dem Titel "Terrorismus". (Das Heft ist schon lange nicht mehr lieferbar, weshalb die Redaktion rät, die Exemplare an den Schulen zu archivieren.) Ging es 1978 vor allem um "Bewältigung und Vorsorge" - damals ein Anliegen von hochgradiger Aktualität -, sind die Akteure und die Terroranschläge der RAF und anderer terroristischer Vereinigungen der siebziger Jahre für die Jugendlichen heute weit zurückliegende Phänomene ohne nennenswerte Nachwirkungen für die eigene Gegenwart.

 

Zeichnung: Heidemann 1977; nach P&U 2/1978, S. 16

 

Vorsicht, Mann, nicht ins eigene Fleisch!
Zeichnung: Horst Haitzinger, 1977; nach P&U 2/1978, S. 16

 

Didaktische und methodische Anregungen

Greift man heute dieses Thema im Unterricht auf, dann erfolgt dies mit den folgenden drei Intentionen:

  1. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich bewusst machen, dass im demokratischen Rechtsstaat die Anmaßung Einzelner, Veränderungen mit Gewalt durchzusetzen und das eigene politische Weltbild gegen die Mehrheit der Bevölkerung durchzusetzen, jeglicher Legitimität entbehrt.

  2. Sie sollen erkennen, dass sich Demokratie und Rechtsstaat auch in schwierigen Situationen und gegenüber gefährlichen Herausforderungen bewährt haben und uneingeschränkt funktionsfähig geblieben sind.

  3. Sie sollen erarbeiten, dass die RAF-Aktivisten und ihr Umfeld zu keiner Zeit eine Chance auf Erfolg hatten, weil die Bundesrepublik Deutschland eben nicht dem von den Terroristen gezeichneten Bild eines "faschistischen Polizeistaates mit einer demokratischen Maske" entspricht.

 

Die Bewährung des demokratischen Rechtsstaates

Die deutsche Demokratie ging gestärkt aus dieser Auseinandersetzung hervor. Indem die politisch Verantwortlichen weder den Forderungen linker Intellektueller und radikalisierter Sympathisanten der Terroristen nach einem nachsichtigen Umgang mit den Terroristen nachgaben, aber auch nicht Strömungen in der Bevölkerung aufgriffen, die - teilweise geradezu hysterisch - Todesstrafe und Lynchjustiz als das einzig wirksame Mittel gegen den Terrorismus anpriesen (E 14), praktizierten sie ein anschauliches Lehrstück für das Wesen und die legalen Möglichkeiten der "Streitbaren Demokratie". (Vergleiche E 9, E 13 und E 15.) Die überwältigende Mehrzahl der verantwortlichen Politiker stimmte darin überein, dass etwaige Einschränkungen der Freiheit nur in dem für die Sicherung dieser Freiheit erforderlichen Umfang erfolgen dürfen und dass andererseits jedes Nachgeben gegenüber den Forderungen der Terroristen aus rechtsstaatlichen Grundsätzen nicht zulässig sei. "In einer schwierigen Situation hatte sich der Staat als nicht erpressbar gezeigt. Er hatte keine ,faschistische Fratze' offenbart, wie es in den Flugschriften der RAF hieß, sondern seine Machtmittel verantwortungsvoll eingesetzt."11

 

Mögliche Aufgaben

  • Stellen Sie Gründe für die fast einhellige Ablehnung der Theorien, Forderungen und Aktivitäten der Terroristen durch die deutsche Bevölkerung zusammen.

  • Erklären und beurteilen Sie die Maßnahmen von Staat und Politik zur Bekämpfung des Terrorismus in den siebziger Jahren.

  • Zwischen den Forderungen großer Teile der deutschen Bevölkerung nach einem härteren Vorgehen gegen Terroristen (z. B. dem Ruf nach der Todesstrafe) und den von der Politik getroffenen Maßnahmen bestehen erhebliche Unterschiede. Hätten nach Ihrer Meinung Regierung und Bundestag dem "Druck der Straße" nachgeben sollen? Begründen Sie Ihre Auffassung.

  • Vergleichen Sie Erscheinungsformen des Terrorismus und den Grad der Bedrohung durch diesen in den siebziger Jahren mit der aktuellen terroristischen Gefahr. Warum sind heute andere Gegenmaßnahmen erforderlich?


9 Wolfgang Jäger; in: Ders. / Werner Link (Hrsg.): Die Republik im Wandel, Stuttgart/Mannheim (Deutsche Verlagsanstalt/Brockhaus Verlag) 1987, S. 74

10 Nach Peter Waldmann: Terrorismus, München (Gerling Akademie Verlag) 1998, S. 23

11 Jürgen Weber: Deutsche Geschichte 1945-1990, München (Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit) 2001, S. 179

Texte und Materialien
BAUSTEIN E Terrorismus

E 1 bis E 3 "Deutscher Herbst" 1977
E 4 bis E 8 Anfänge und Chronik des Terrors
E 9 bis E 12 Reaktionen von Staat und Gesellschaft
E 13 bis E 15 Bewertungen


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