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Zeitschrift Die siebziger Jahre Facetten eines Jahrzehnts Heft 2/2003 |
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E 4 bis E 8 Anfänge und Chronik des Terrors
In den siebziger Jahren wurde die Bundesrepublik Deutschland zum Schauplatz einer Serie terroristischer Anschläge ... Ihre Urheber waren drei Gruppierungen, die Rote Armee Fraktion (RAF), die Bewegung 2. Juni und die Revolutionären Zellen. Aus der inzwischen abgeklungenen Studenten- und Protestbewegung der sechziger Jahre entstanden, teilten alle drei die strikte Ablehnung der Bundesrepublik als ein angeblich faschistisches, imperialistisches Staatsgebilde, das es im Namen sozialrevolutionärer Zukunftsvorstellungen zu zerstören galt. Ihre terroristischen Aktionen zielten vor allem auf die Befreiung der bundesrepublikanischen Arbeiterklasse vom kapitalistischen Joch, eine Befreiung, die dem Kapitalismus auf Weltebene einen entscheidenden Schlag versetzen und in einer Kettenreaktion zur Abschüttelung der imperialistischen Herrschaft durch die notleidenden und ausgebeuteten Massen in der Dritten Welt führen sollte. Unmittelbar ging es darum, den Staat durch provokative Gewaltakte dazu zu zwingen, seine heuchlerische rechtsstaatlich-demokratische Fassade abzustreifen und sein wahres faschistisch-repressives Gesicht zu zeigen. Der zunehmende Widerstand der Arbeiterschaft gegen diesen Unterdrückerstaat würde, so die Annahme, mit einer allgemeinen Volkserhebung enden, welche das Ende der kapitalistisch-faschistischen Machtordnung besiegeln und die Schaffung eines sozialistischen Gesellschaftssystems ermöglichen sollte. Als einflussreichste der drei Gewaltgruppen erwies sich die RAF. Sowohl hinsichtlich der Intensität und Öffentlichkeitswirksamkeit der Anschläge als auch, was die Produktion von ideologischen Texten und Rechtfertigungsschreiben angeht, übertraf sie die anderen deutlich ... Die Mitglieder der RAF ... [gehörten] vorwiegend der mittleren oder sogar gehobenen Mittelschicht an, waren Studenten, Akademiker oder sonstige Vertreter intellektueller Berufe. Bei den Linksparteien, Gewerkschaften und anderen links-orientierten Gruppen in der Bundesrepublik stießen die Gewaltaktivisten auf einhellige Ablehnung; dasselbe gilt für die Arbeiterschaft, ihre Hauptzielgruppe. Dies lag nicht nur daran, dass ihre These vom repressiv-faschistischen Charakter der Bundesrepublik schwer nachvollziehbar und jedenfalls mit den Alltagserfahrungen des Durchschnittsbürgers unvereinbar war. Dazu trugen daneben auch die Überheblichkeit und der Absolutheitsanspruch bei, mit dem die RAF-Intellektuellen ihre "Wahrheiten" verkündeten. Peter Waldmann: Terrorismus, München (Gerling Akademie Verlag) 1998, S. 77-79
Auszüge aus der Programmschrift der RAF von 1971 Wir bezweifeln, ob es unter den gegenwärtigen Bedingungen in der Bundesrepublik und Westberlin überhaupt schon möglich ist, eine die Arbeiterklasse vereinigende Strategie zu entwickeln, eine Organisation zu schaffen, die gleichzeitig Ausdruck und Initiator des notwendigen Vereinigungsprozesses sein kann. Wir bezweifeln, dass sich das Bündnis zwischen der sozialistischen Intelligenz und dem Proletariat durch programmatische Erklärungen "schweißen" ... lässt ... Wir behaupten, dass ohne revolutionäre Initiative, ohne die praktische revolutionäre Intervention der Avantgarde der sozialistischen Arbeiter und Intellektuellen, ohne den konkreten antiimperialistischen Kampf es keinen Vereinheitlichungsprozess gibt, dass das Bündnis nur in gemeinsamen Kämpfen hergestellt wird oder nicht, in denen der bewusste Teil der Arbeiter und Intellektuellen nicht Regie zu führen, sondern voranzugehen hat ... Eine Führungsrolle der Marxisten-Leninisten in zukünftigen Klassenkämpfen wird es nicht geben, wenn die Avantgarde selbst nicht das Rote Banner des Proletarischen Internationalismus hochhält und wenn die Avantgarde selbst die Frage nicht beantwortet, wie die Diktatur des Proletariats zu errichten sein wird, wie die politische Macht des Proletariats zu erlangen, wie die Macht der Bourgeoisie zu brechen ist ... Das Konzept der Stadtguerilla stammt aus Lateinamerika. Es ist dort, was es auch hier nur sein kann: die evolutionäre Interventionsmethode von insgesamt schwachen revolutionären Kräften ... Stadtguerilla ist bewaffneter Kampf, insofern es die Politik ist, die rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch macht ... "Die Pflicht eines Revolutionärs ist, immer zu kämpfen, trotzdem zu kämpfen, bis zum Tod zu kämpfen" (Blanqui) ... Stadtguerilla heißt, trotz der Schwäche der revolutionären Kräfte in der Bundesrepublik und Westberlin hier und jetzt revolutionär intervenieren!! Gesellschaft für Nachrichtenerfassung und Nachrichtenverbreitung (Hrsg.): Ausgewählte Dokumente der Zeitgeschichte: Bundesrepublik Deutschland (BRD) - Rote Armee Fraktion (RAF), Köln 1990, S. 6-13
Aus einem Brief Andreas Baaders von 1972 an die Deutsche Presse-Agentur Erfolgsmeldungen über uns können nur heißen: verhaftet oder tot. Die Stärke der Guerillas ist die Entschlossenheit jedes Einzelnen von uns. Wir sind nicht auf der Flucht. Wir sind hier, um den bewaffneten Widerstand gegen die bestehende Eigentumsordnung und die fortschreitende Ausbeutung des Volkes zu organisieren. Der Kampf hat erst begonnen. Nach Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, Hamburg (Hoffmann und Campe Verlag) 1997, S. 278
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