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Globalisierung

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Die Globalisierung der Wirtschaft

Globalisierung in der Kritik: 
Konzepte und Perspektiven 

 

Heft 4/2003 
Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis

BAUSTEIN D

Die Globalisierung der Wirtschaft


Die Wirtschaft ist die dynamische Triebfeder der Globalisierung. Sie steht im Mittelpunkt der Globalisierungsdiskussion, schon weil im ökonomischen Bereich die "Entgrenzung" der Welt am weitesten fortgeschritten ist. Die zentrale Rolle spielen dabei das produzierende Gewerbe, Dienstleistungen und nicht zuletzt die Globalisierung der Finanz- und Kapitalmärkte. Die Hauptakteure auf dem Weltbinnenmarkt sind die mehrheitlich in Nordamerika, der EU und in Japan - der so genannten Triade der Weltwirtschaft - ansässigen trans- und multinational agierenden Konzerne, für die sich die Bezeichnung "Global Player" etabliert hat. Auf der Suche nach den weltweit kostengünstigsten Produktionsstandorten lenken diese ihre Direktinvestitionen an die für sie interessantesten Standorte.

Durch Innovationen vor allem im Bereich der Kommunikationstechnologie, durch sinkende Transportkosten, fallende Handelsbeschränkungen und vereinfachten Kapitaltransfer sind die Möglichkeiten für weltweit agierende Unternehmen gestiegen, ihre Produktion zu globalisieren. Im Ergebnis bedeutet dies, dass die klassische Arbeitsteilung zwischen Rohstofflieferanten einerseits und weiterverarbeitenden Produzenten andererseits weit gehend aufgehoben ist, weil einzelne Produktionsschritte dorthin verlagert werden können, wo die dafür günstigsten ökonomischen und technologischen Bedingungen herrschen. Davon profitieren besonders weltweit agierende Unternehmen mit komplexer Produktstruktur und entsprechender Kapitalausstattung. Aber der Prozess greift tiefer. Was für hoch komplexe Produkte wie Automobile oder Computer leicht nachvollziehbar ist, zeigt sich auch bei Produkten, von denen man es auf den ersten Blick nicht unbedingt erwartet hätte - die Produktionsabläufe einer herkömmlichen Jeans belegen dies. Und von dem weltweiten Konkurrenz- und Preisdruck sind auch die klassischen mittelständischen Unternehmen betroffen, die oft auf einem globalen Zulieferermarkt bestehen müssen.

Mit dem weltweiten Wettlauf um Investitionen in Produktionsstätten entsteht eine internationale Konkurrenz auch zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern. Der Konkurrenzdruck zwischen den "Anbietern" führt nun je nach Konkurrenzfähigkeit zu immer weit reichenderen Zugeständnissen an die Global Player. Deregulierung lautet daher das politische Programm in einer rapide wachsenden Zahl von Staaten: Geringe oder gar keine Umweltschutzauflagen, Steuersenkung, Lockerung der Arbeitszeitregelungen und Minimierung der Lohnnebenkosten sind Beispiele der zahlreichen Stellschrauben, an denen die Regierungen immer weiter drehen (müssen), um im internationalen Wirtschaftsgefüge konkurrenzfähig zu bleiben und ihren nationalen Wirtschaftsräumen Wachstumsraten zu sichern.

Der Argumentation, dass durch die steigende Verlagerung von Produktionsstätten der industriellen Fertigung (z.B. Automobilmontage) und der Auslagerung von einfachen und hoch qualifizierten Dienstleistungen der Datenverarbeitung (z.B. Datenerfassung, Programmierung, Verwaltung) weltweit Arbeitsplätze mit westlichen Sicherheits- und Technikstandards geschaffen, Einkommen garantiert und Armut abgebaut wird, steht die Argumentation der Kritiker entgegen. Diese verweisen vor allem darauf, dass wirtschaftliche Wachstumsraten nicht notwendigerweise mit der Wohlstandsmehrung aller Bereiche der Gesellschaften einhergehen. Für alle an der Globalisierung teilhabenden Staaten der Erde gilt aber, dass sie sich permanent an neu entstehende Anforderungen der globalisierten Märkte anpassen müssen. Die Aussage von Bundeskanzler Schröder "Wir müssen uns anpassen, sonst werden wir angepasst" bringt diesen Sachverhalt auf den Punkt (vgl. die Karikatur A 4).

In der Realität führt dieser Anpassungsprozess zu oft weit reichenden gesellschaftlichen Problemen und strukturellen Brüchen in den tradierten Werte- und Sozialordnungen. Die aktuelle Diskussion in Deutschland zeigt auch, dass damit tiefe Einschnitte in die sozialen Sicherungssysteme verbunden sein können.

Das übergeordnete Lernziel dieses Bausteins ist, dass die Lernenden die Globalisierung der Wirtschaft als einen differenzierten Prozess (Wirtschaft allgemein, Finanzwirtschaft, Industrie und Handel) begreifen, der weit reichende positive als auch bedenkliche Folgen für das Leben Einzelner und ganzer Gesellschaften haben kann. Die Schülerinnen und Schüler sollen realisieren, dass sich der Globalisierungsprozess in den 1990er-Jahren dramatisch beschleunigt hat, aber noch nicht abgeschlossen ist. Damit soll auch das Verständnis für die Notwendigkeit eines demokratisch legitimierten Konsenses gestärkt werden, wie die Globalisierung zu gestalten ist, damit sie nicht negative, sondern positive Folgen für möglichst viele Menschen hat. Der Baustein beginnt mit einer Bestandsaufnahme, anhand der sich die Lernenden in einem ersten Schritt eigenständig einen Überblick über die weltwirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der 1990er-Jahre erarbeiten können.

 

Kommunikations- und Informationstechnologie

Die Materialien D 1 - D 3 thematisieren die tief greifenden Veränderungen in der Kommunikations- und Informationstechnologie, die als eine der Ausgangsbedingungen für eine globalisierte Weltwirtschaft gelten. D 1 stellt grafisch die fundamentalen Innovationen auf dem Weg in das Computer-Zeitalter dar. D 2 zeigt die quantitative Ausweitung der wichtigsten kommunikativen Hilfsmittel im zeitlichen Längsschnitt, während D 3 anhand der regionalen Verteilung der Internet-Zugänge die Thematik der digitalen Spaltung der Welt in "information-rich" und "information-poor" aufgreift.

 

Mobilität

Der internationale Transport von Waren und Personen hat sich in den letzten 25 Jahren mehr als verdoppelt, wobei die größte Dynamik dieses Zuwachses in den 1990er-Jahren zu beobachten ist. Die Welt ist auch in Bezug auf die Mobilität von Gütern und Menschen zum globalen Dorf geworden. Noch nie in der Geschichte der Menschheit stand eine derart vielfältige und effiziente Auswahl an Transportmitteln zur Verfügung. Und diese werden nicht nur im wirtschaftlichen Zusammenhang, sondern für den weltweiten Tourismus auch im privaten Rahmen intensiv genutzt.

 

Mit D 4 lassen sich die heutigen Mobilitätsmöglichkeiten in historischer Perspektive mit den Bedingungen des "Italienreisenden" Johann Wolfgang Goethe im 18. Jahrhundert kontrastieren. D 5 thematisiert den Anstieg des modernen individuellen Flugverkehrs. Anhand dieser Grafik können die begleitenden ökonomischen und ökologischen Probleme dieser Entwicklung diskutiert werden.

 

Globaler Handel - globales Kapital

Das Schaubild D 6 zeigt den kontinuierlichen und steilen Anstieg des weltweiten Handels mit Industriegütern, Rohstoffen und Agrarprodukten. Die Entwicklung ist ein deutlicher Indikator für die Öffnung und Verflechtung der nationalen Volkswirtschaften.

D 7 unterstreicht anhand der Weltexporte die Bedeutung der industrialisierten Regionen. D 8 verdeutlicht den Globalisierungsprozess der Finanz- und Kapitalmärkte sowie die Bedeutung der wirtschaftlichen Triade anhand der weltweit getätigten Direktinvestitionen seit 1993.

 

Global Players

Die transnationalen, in mehreren Staaten oft weltweit operierenden Unternehmen - umgangssprachlich auch als Multis oder Global Players bezeichnet - entstehen durch internationale Kapitaltransaktionen. Meist ist die Muttergesellschaft der Konzerne in einem Staat angesiedelt, betätigt aber Umsätze und betreibt strategische Unternehmensplanung in anderen Staaten.

Die internationale Tätigkeit erschließt den multinationalen Unternehmen neue und gegebenenfalls größere Absatzmärkte sowie Kostenvorteile (Arbeits-, Rohstoff-, Energie- und Transportkostenersparnis) und vermindert die Abhängigkeit von nationaler Wirtschaftspolitik, Gesetzgebung und nationalen Konjunkturschwankungen. Ungeachtet des Beitrags der Global Player zur Verbesserung der internationalen Arbeitsteilung, zur Verbreitung von technischem und wirtschaftlichem Know-how, zur Ausweitung des Welthandels und somit auch zu Fortschritt, Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit, ist ihre Wirkung umstritten. Bedenken werden geäußert wegen wirtschaftlicher Machtkonzentration, möglicher politischer Einflussnahme, Wettbewerbsverzerrung, Steuerflucht und der bislang unzureichenden öffentlichen Kontrolle, etwa durch eine internationale Wettbewerbsbehörde. Umstritten in der kontroversen Diskussion um multinationale Unternehmen sind auch die Wirkungen auf die Beschäftigung und die Position von Arbeitnehmern und Gewerkschaften. So tritt im Stammland der "Multis" vielfach ein Verlust von Arbeitsplätzen ein, wenn diese in "Niedriglohnländer" verlagert werden. Dem steht die Sicherung von Arbeitsplätzen gegenüber, wenn z.B. Auslandsmärkte gesichert oder neu erschlossen werden können.

D 9 eröffnet die Diskussion über die Motive der so genannten Mega-Fusionen. D 10 bietet die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit den globalen Strategieplanungen international agierender Unternehmen und dem Zusammenhang mit der Strukturförderungspolitik der EU. Anhand des Textes können die Schülerinnen und Schüler die Motivation der Unternehmen für die Verlagerung von Produktionsstätten als auch die Auswirkungen auf die Zielländer und -regionen diskutieren. D 11 thematisiert anhand des Automobilkonzerns Volkswagen die Motive für die Erschließung eines neuen und attraktiven Marktes in China. Das Foto D 12 zeigt die Produktion von BMW in Südafrika. Schafft die Verlagerung von Produktionsstätten also moderne und an westlichen Standards orientierte Arbeitsplätze in weniger entwickelten Ländern? D 13 scheint nicht nur diese Tatsache zu bestätigen, sondern anhand der Sozialcharta des VW-Konzerns auch die, dass multinationale Unternehmen in den Zielländern ihrer Investitionen durchaus auch zur Hebung der sozialen und arbeitsrechtlichen Standards beitragen.

 

Weltweiter Wettbewerb der Standorte

Die Diskussion um die Attraktivität des Standorts Deutschlands scheint derzeit die Globalisierungsdebatte hier zu Lande zu dominieren. Im Kern dreht sich die Diskussion um die Reform bzw. die Reformierbarkeit der sozialen Sicherungssysteme, die einer der entscheidenden Kostenfaktoren für Arbeit sind. D 14 und D 15 bieten einen weltweiten Vergleich der Arbeitskosten und ein Ranking der attraktivsten Standorte. Im Anschluss an die Analyse bietet D 16 die Möglichkeit, anhand von Umfrageergebnissen im verarbeitenden Gewerbe das Ursachenbündel deutscher Unternehmen für den Aufbau bzw. die Verlagerung von Produktionsstätten im Ausland zu diskutieren.

Die Materialien D 17 und D 18 versuchen, die abstrakte und komplexe Globalisierungstendenz auf zwei Beispiele "vor Ort" herunterzubrechen. Den Schülerinnen und Schülern wird hier bewusst, dass an der Globalisierung nicht nur die so genannten "Multis" teilhaben, sondern dass sich die Globalisierung der Ökonomie gewissermaßen vor der Haustüre abspielt und eventuell auch ihre spätere berufliche Tätigkeit bei einem baden-württembergischen Unternehmen beeinflussen kann. Anhand zweier Produkte - Schokolade und Jeans - können die Motive für die Verlagerung von Produktionsstätten als auch deren positive und negative Auswirkungen auf den heimischen Arbeitsmarkt diskutiert werden. Während sich beim einen Beispiel (Schokolade) die klassische Motivation der Erschließung eines neuen Marktes ohne die Folge eines Arbeitsplatzabbaus hier zu Lande zeigt, wurden beim anderen Beispiel (Jeansproduktion) Stellen in Baden-Württemberg abgebaut.

 

Armut und Migration

Nachdem mit der Aufarbeitung der jüngsten Entwicklung und dem aktuellen Stand der Weltwirtschaft sowie mit den Motiven und Strategien der internationalen Unternehmen eine Fundierung im Verständnis des wirtschaftlichen Globalisierungsprozesses erfolgt ist, sollen sich die Lernenden anhand der Materialien D 19 - D 25 mit den "Schattenseiten" der Globalisierung auseinandersetzen.

Hier wird die Problematik des Globalisierungsbegriffs besonders deutlich, weil mit ihm meist ein weltweit gleichlaufender Prozess unterstellt wird. Aber die Welt zeichnet sich immer noch durch höchst unterschiedliche Teilstrukturen aus. An der Spitze der Weltgesellschaft ist ein Entgrenzungsprozess zwischen den fortgeschrittenen Industriegesellschaften (OECD-Welt) zu sehen. Hier findet auf weit gehend gleichwertigem Niveau der beteiligten Ökonomien eine Art "Globalisierung de luxe" statt, von der alle Beteiligten einschließlich der Konsumenten zu profitieren scheinen. Weltweit existiert aber weiterhin ein erhebliches Gefälle zwischen den hoch produktiven Ökonomien und den weniger produktiven, die einem dramatischen Verdrängungsprozess ausgesetzt sind.

Das Beispiel Schwarzafrika zeigt, dass ökonomischer Abbau und Verfall mögliche Reaktionen sind. Meist aber führt der Prozess zu einer Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur, die mit dem Begriff der strukturellen Heterogenität umschrieben wird, weil sich hoch produktive Firmen einerseits und eine oft kärgliche Selbstversorgungswirtschaft andererseits verschränken. Die Folge ist die Vertiefung der Kluft zwischen Reich und Arm in ein und derselben Gesellschaft. Eine andere Folge ist die der erzwungenen Mobilität von Armutsflüchtlingen und Arbeitsmigranten. Nach UN-Schätzungen sind derzeit mehr als 150 Millionen Menschen Migranten. 1975 waren es noch weniger als die Hälfte. Und nur fünf Prozent dieser Migration betreffen Europa. Auch diese in der Regel erzwungenen Migrationsbewegungen gehören zu den Schattenseiten der Globalisierung.

D 19 und D 20 thematisieren anhand von Texten die Tatsache des Nord-Süd-Gefälles sowie die Diskrepanz der Forderung nach der Liberalisierung des Welthandels durch die industrialisierten Staaten einerseits sowie der gleichzeitigen Abschottung ihrer nationalen Märkte durch Handelshemmnisse andererseits.

Die weltweiten Migrationsströme in der Darstellung D 21 unterstreichen die Tatsache einer globalen Migrationsbewegung in bislang nicht gekanntem Ausmaß. D 22 eröffnet die Diskussion über das Gefälle zwischen Nord und Süd. Mit der Grafik, die in der Zeit vom 18. September 2003 mit der Überschrift "Der Abstand wächst" versehen war, lassen sich die kontrovers diskutierbaren Entwicklungen beispielhaft aufzeigen. Wächst der Abstand wirklich oder ist es nicht doch ein weit gehend parallel verlaufender Prozess, der allen Beteiligten zugute kommt? Die Foto- und Textstory D 23 zeigt mit dem Entstehungsprozess einer Jeans die negativen Auswirkungen der Globalisierung am Beispiel der Baumwollproduzenten in Tansania. D 24 und D 25 belegen grafisch das Nord-Süd-Gefälle und die Tatsache, dass der Globalisierungsprozess vor allem ohne Schwarzafrika voranschreitet.


 


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