Zeitschrift 

Globalisierung

Aspekte einer Welt ohne Grenzen

Globalisierung: 
Aspekte und Dimensionen 

Kulturelle Globalisierung 

Weltweites Regieren: 
Institutionen und Akteure 

Die Globalisierung der Wirtschaft

Globalisierung in der Kritik: 
Konzepte und Perspektiven 

 

Heft 4/2003 
Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis

BAUSTEIN E

Globalisierung in der Kritik: Konzepte und Perspektiven


Typen der Globalisierungskritik Die Globalisierung ist in der Kritik - und die Kritik ist so vielfältig wie das Phänomen selbst. Claus Leggewie (Die Globalisierung und ihre Gegner. München 2003) unterscheidet fünf Arten der Kritik:

  • Erstens eine Insider-Kritik prominenter Akteure im internationalen Finanzgeschäft aus den Reihen der Weltbank, der WTO und des IWF. Diese Gegenelite will als Gruppe aufgeklärter und alarmierter Insider dem Globalisierungsprozess Reformen abverlangen. Zu ihnen zählt z.B. der durch milliardenschwere Währungsspekulationen Anfang der 1990er-Jahre bekannt gewordene George Soros, der inzwischen beträchtliche Mittel seines Privatvermögens für die Unterstützung der Demokratieentwicklung in den postkommunistischen Staaten Mittel- und Osteuropas einsetzt. Soros mahnt vor allem die mangelnde Sicherung globaler Kollektivgüter (Umwelt, Gesundheit, Bildung) und das Nord-Süd-Gefälle als Defekte der Globalisierung an. Fast bekannter noch wurde der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, ehemaliger Vizepräsident der Weltbank, mit seiner Kritik am IWF und den multinationalen Konzernen. Er vertritt z.B. die Meinung, zahlreiche Entwicklungsländer hätten sich aus eigener Kraft stabilisieren können, wenn sie sich der Schocktherapie des IWF (z.B. radikale Öffnung der Märkte, Privatisierung der Staatsbetriebe) verweigert hätten. Stiglitz ist ein vehementer Vertreter der Global Governance-Strategie unter dem Vorbehalt der Rechenschaftspflichtigkeit von IWF, Weltbank und WTO. Als dritter ist hier noch der amerikanische Volkswirtschaftler und Nobelpreisträger James Tobin zu nennen, der mit seiner Forderung nach einer weltweit einheitlichen Steuer auf spekulative internationale Devisentransaktionen ("Tobin-Steuer") bekannt wurde.
     

  • Zweitens die Kritik der Straße mit Massendemonstrationen einer global agierenden Protestbewegung. Diese breite gesellschaftliche Bewegung - politisch eher links verortet - kritisiert an der Globalisierung vor allem fünf Gesichtspunkte: ihre angebliche soziale Exklusivität, das Fehlen ökologischer Nachhaltigkeit, die Gefährdung kultureller Vielfalt, die Missachtung der Menschenrechte und den Mangel an demokratischer Partizipation. Unter dem Motto "Eine andere Welt ist möglich!" erinnert diese Bewegung in vielerlei Hinsicht an die Protestkultur der außerparlamentarischen Opposition der 1970er- und 1980er-Jahre. Ein Unterschied ist allerdings offensichtlich: Während die "alten" sozialen Bewegungen der Umweltschützer, Eine-Welt-Gruppen, Frauenrechtlerinnen, Rüstungsgegner und Pazifisten früher meist im nationalstaatlichen Orientierungsrahmen agierten, arbeiten die globalisierungskritischen Gruppen heute transnational. In diesem Spektrum der Globalisierungskritiker sind auch gewaltbereite Gruppierungen zu finden, die jedoch quantitativ bislang eher eine marginale Rolle spielen.
     

  • Drittens die Renaissance einer linksintellektuellen und bisweilen auch anti-amerikanischen Gegenströmung, die die nach dem Untergang der Sowjetunion überwunden geglaubte ideologische Konfrontation gegen die vermeintliche "kulturelle Hegemonie des Neoliberalismus" erneuert. Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler, der (verstorbene) französische Soziologe Pierre Bourdieu oder der amerikanische Linguist Noam Chomsky sind die linksintellektuellen Führungsfiguren eines vor allem in den romanischen Ländern engen Netzes von Organisationen und Verlagen. Aus diesem Umfeld wurde 1998 auch Attac gegründet, das heutige "Vorzeigekind der Globalisierungskritik" (Claus Leggewie, 2003, S. 66).
     

  • Viertens eine Politik der Re-Nationalisierung und regionalen Blockbildung, welche die ökonomische Globalisierung gewissermaßen "unterwandert". Zu dieser Richtung zählt ein Nationalprotektionismus, der Grenzen wieder hochziehen und Zölle einführen will. Zu diesem Wirtschaftsprotektionismus tritt vielfach ein Kulturprotektionismus sowie das Anwachsen ethnischer und religiöser Vorurteile hinzu. Die Bandbreite dieser Kritik reicht bis hin zu Verschwörungstheorien und nationalpopulistischen Strömungen.
     

  • Fünftens ist eine religiöse, teils aus sozialreformerischer Tradition stammende und pazifistisch gesinnte Strömung zu nennen, die im konsequenten Gegensatz zum so genannten Kasino-Kapitalismus steht und über Gemeinden und Kirchentage ins bürgerliche Milieu hineinreicht.

Vielfalt der Kritik und Handlungsalternativen In den bisherigen Schritten konnten die Schülerinnen und Schüler die positiven und negativen Auswirkungen der Globalisierung erarbeiten. In diesem Baustein wird die inhaltliche und soziale Bandbreite der Kritik und ihrer Träger thematisiert. Gleichzeitig werden dabei verschiedene Konzepte zur Steuerung des Globalisierungsprozesses vorgestellt, aber auch Beispiele für eigene Handlungsmöglichkeiten im Alltag der Lernenden vorgestellt. Dabei muss die Auswahl der Kritikansätze und der Handlungsmöglichkeiten notwendigerweise beispielhaft und ausschnittartig bleiben.

Die Texte E 1 und E 2 führen in die Diskussion um die positiven und negativen Auswirkungen der Globalisierung ein. E 3 thematisiert die bereits erwähnte "Tobin-Steuer" und ihre Umsetzungschancen. E 4 bringt mit dem im Jahr 2000 von Kofi Annan initiierten "Global Compact" - einem weltweiten Verhaltenskodex von Unternehmen - ein Beispiel für die politische Beeinflussung und Steuerung des Globalisierungsprozesses.

Mit den Materialien E 5 - E 7 lässt sich die Diskussion um das breite gesellschaftliche Bündnis von Globalisierungskritikern unter dem Dach von "Attac" führen. Die Materialien reichen von einer Selbstdarstellung von Attac (E 5) und den "Reformvorschlägen" von Attac (E 6) bis zu einer kritischen Stimme über das Bündnis (E 7).

Das Foto E 8 visualisiert Globalisierungskritiker und ihre "bunte" soziale Vielfalt. Die Materialien E 9 - E 11 bringen Beispiele für Handlungsmöglichkeiten der Schülerinnen und Schüler im alltäglichen Leben: Sport und fair gehandelte Bälle (E 9) als emotional hoch besetzter Erfahrungsbereich von Jugendlichen bietet hier die Möglichkeit, Beispiele für die Beeinflussung globaler Produktions- und Handelsabläufe durch das eigene Verhalten als Konsument zu erarbeiten. Der Kauf umweltverträglicher Schulhefte (E 10) ist ein weiteres Beispiel. Aber auch der lokale Handlungsrahmen einer "global fairen Kommune" (E 11) wird vorgestellt.

 

Arbeitsvorschläge

Im Anschluss an die Bausteine will das vorliegende Heft drei Arbeitsvorschläge für den Unterricht liefern, die Ideen geben können, wie sich die Lernenden in unterschiedlichen Altersstufen und Schularten dem vielschichtigen Thema Globalisierung nähern können. Gleichzeitig werden Vorschläge zur Ergebnissicherung angeboten. Anhand der Vorschläge können die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Erfahrungen einbringen, aktiv werden und Aspekte der Globalisierung "vor Ort" selber erarbeiten.

 

1. Multinationale Unternehmen aus der Region und ihre Aktivitäten

Die Schülerinnen und Schüler wählen ein international agierendes Unternehmen aus ihrer Region oder aus Baden-Württemberg aus. Anhand der Homepage oder mittels einer Broschüre erarbeiten sie in der Gruppe ein Unternehmensportrait, das sie dann präsentieren und diskutieren können. Inhalte des Portraits könnten sein:

  • Eckdaten des Unternehmens: Name, Sitz, Produkte und Dienstleistungen, Anzahl der Angestellten vor Ort und im Ausland, Jahresumsatz, evtl. wirtschaftliche Situation etc ...

  • andere Länder, in denen das Unternehmen aktiv ist und eventuelle Gründe hierfür • Veränderungen des Unternehmens in den letzten Jahren: z.B. Fusionen und Neuinvestitionen, Verlagerung von Produktionsstätten etc ...

  • Unternehmensziele und Strategien für die Zukunft (z.B. Expansion durch Erschließung neuer Märkte)

  • Besonderheiten der Produkte des Unternehmens und der Zusammenhang mit den erarbeiteten Strategien und Zielen.

 

2. Das Internet als neues Medium

Ebenfalls in Gruppenarbeit können sich die Lernenden mit der Frage auseinander setzen, welche Vor- und Nachteile das Internet aus ganz persönlicher Sicht und Erfahrung, aber auch aus "globaler" und ökonomischer Perspektive mit sich bringt. Eine Zusammenschau, wie die Ergebnissicherung aussehen könnte, bietet unten stehende Grafik.

 

Nach einer Vorgabe von Dr. Werner Gries, in: Deutscher Bundestag (Hrsg.): Schlussbericht der Enquete-Kommission Globalisierung der Weltwirtschaft. Opladen (Leske + Budrich) 2002, S. 270.

 

3. Mindmapping Globalisierung

Das Erstellen einer Mind Map zum Thema Globalisierung kann je nach Alter und Vorwissen der Lernenden zu Beginn als Impuls und zur Strukturierung der kommenden Lerneinheiten eingesetzt werden, oder aber im Anschluss an die Behandlung des Themas als Ergebnissicherung. Die Abbildung kann eine erste Idee davon geben, wie eine solche Mind Map aussehen könnte - aber das Ergebnis in Ihrer Klasse wird sicherlich anders aussehen!

 

 


 


Copyright ©   2003  LpB Baden-Württemberg HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de