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Globalisierung

Aspekte einer Welt ohne Grenzen

Globalisierung: 
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Kulturelle Globalisierung 

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Die Globalisierung der Wirtschaft

Globalisierung in der Kritik: 
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Heft 4/2003 
Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis

BAUSTEIN B

Kulturelle Globalisierung


Was bedeutet kulturelle Globalisierung?

Kultureller Austausch gehört zum Wesensmerkmal der menschlichen Entwicklung und hat - wenn auch mit unterschiedlicher Intensität - in allen Epochen stattgefunden. Erinnert sei hier nur an die seit der Aufklärung geförderte Vision einer "Weltliteratur", die sich auch auf andere Kunstformen wie Musik und bildende Kunst ausdehnte. Die Grundlage des in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschleunigten Prozesses war die Weiterentwicklung von elektronischen Speichermedien, die die Voraussetzung für einen weltumfassenden Kulturbetrieb schuf.

Heute reicht der Begriff der kulturellen Globalisierung weit darüber hinaus in den Bereich der populären und Alltagskultur hinein. Mit ungeheuerer Geschwindigkeit und gesteigerter Intensität stehen Kulturen im Austausch, verbinden sich und bringen neue hervor. Die Herausbildung einer Weltgesellschaft basiert auf der ökonomischen Globalisierung, den weltweiten Migrationsprozessen und der Mediententwicklung. Annähernd 95 Prozent der Kinder haben Zugang zu einem Fernsehgerät, und selbst in Afrika können achtzig Prozent der Kinder wenigstens gelegentlich TV sehen. Ähnlich sieht es beim derzeitigen Übergang zum Computer als Leitmedium aus, auch wenn hier das Gefälle (noch) beträchtlich ist (vgl. Baustein D). Die gegenwärtige Form der kulturellen Globalisierung ist vor allem von zwei Aspekten geprägt:

 

McWorld und Cocacolization?

Das auffälligste und von Kritikern meist dominant wahrgenommene Kennzeichen ist die weltweite Angleichung der Lebenskulturen durch universelle Bilderwelten, Modeformen und Konsumgüter, die in allen Gegenden der Welt "erreichbar" sind. Ob weltweit ausgestrahlte "Seifenopern" oder global vermarktete Barbiepuppen, die das Schönheits- und Lebensideal des Westens propagieren, ob McDonald's in Shanghai, IKEA in Peking oder Sushi in Stuttgart - (fast) niemand versetzt dies mehr in Erstaunen. Diese kulturelle Nivellierung betrifft vor allem die Unterhaltungskultur und Lifestyle-Symbole wie Essen und Mode. Fraglich ist allerdings der daraus gezogene Schluss, dieser kulturelle "Einheitsbrei" ersetze lokale Kulturen. Erstens schließt diese Folgerung vom Konsum auf das Bewusstsein, zweitens übersieht sie die Fähigkeit von Kulturen, "fremde" Kulturprodukte in oft eigenwilliger Art und Weise aufzunehmen und zu adaptieren. Selbst der in gewisser Hinsicht sicherlich berechtigte Kritikpunkt der "Amerikanisierung" der Welt unterstellt eine Homogenität, die es so auch in den USA nicht gibt. Auch in dieser Hinsicht erscheint es problematisch, von den Produktions- und Vermarktungszusammenhängen direkt und eindimensional auf die Rezeption der Produkte und Ideen zu schließen.

 

"Glokalisierung"

Zweitens geht die zunehmende Ausbreitung westlicher Konsumgüter oft mit einer Rückbesinnung auf lokale Traditionen einher. Kulturelle Identitätssuche und Selbstvergewisserung spielen in ihrer ganzen möglichen Bandbreite eine wichtige Rolle und zwingen bisweilen auch die globalen "Kulturproduzenten" dazu, ihre Produkte anzupassen. Innerhalb dieser Bandbreite sei hier nur daran erinnert, dass der Musiksender MTV inzwischen 28 regionale Varianten weltweit ausstrahlt. Auch die Gegenwehr Frankreichs gegenüber dem überwältigenden Kultureinfluss der USA kann hier angeführt werden. Auf der anderen und extremen Seite zeigen die Konflikte und Kriege in vielen Teilen der Welt, dass Identitätsstabilisierung durch den verstärkten Rückbezug auf regionale Kulturen auch zur ideologischen Legitimation von Unterdrückung, Krieg und Terrorismus führen kann.

 

Differenzierung der Problematik

Eine Differenzierung nach unterschiedlichen Ausprägungen der kulturellen Globalisierung tut also Not. In der industrialisierten Welt wird der wachsende kulturelle Austausch eher als Bereicherung empfunden. Die Vielfalt der kulturellen Impulse trägt zum postmodernen Flair der westlichen Gesellschaften bei. Die erfolgreichen "cross-overs" in jeglicher Beziehung - beim Essen, in der Mode oder in der Musik - belegen dies. Und offensichtlich lassen sich diese Impulse von den industrialisierten Gesellschaften aufnehmen, ohne dass diese in eine Identitätskrise verfallen. Das muss nicht gleichzeitig ausschließen, dass es auch in der industrialisierten Welt (vermeintliche) Gewinner mit positiven Visionen und Verlierer mit diffusen und teilweise wohl auch berechtigten Ängsten gibt.

In den Entwicklungsgesellschaften der Welt ist die Lage in aller Regel eine ganz andere. Der kulturelle Außeneinfluss wird hier oft als Verdrängungswettbewerb mit oder als Angriff auf die eigene Identität wahrgenommen. Zumindest aber zergliedert er die Gesellschaften in Gruppierungen mit unterschiedlicher mentaler und kultureller Orientierung, die Dieter Senghaas umrissen hat: in Anhänger einer westlichen Kultur, gekennzeichnet von Pluralität, Individualismus, Gleichstellung der Geschlechter usf., in "Halbmodernisten", die technologischen Fortschritt bei gleichzeitiger Stabilisierung der eigenen regionalen Kultur wollen und in Fundamentalisten, die mit Abschottung und im Grenzfall sogar mit lokal und international ausgerichtetem Terrorismus reagieren.

Die derzeitigen soziokulturellen Veränderungen in den Entwicklungsländern sind dem europäischen Beobachter nicht völlig fremd: Wie einst in Europa, so ist heute weltweit eine dramatische Entbäuerlichung bzw. Verstädterung mit den kulturellen Begleiterscheinungen zu erkennen sowie eine breitenwirksame Alphabetisierung, als deren Ergebnis die Politisierbarkeit von größeren Bevölkerungsgruppen steht. Die Folgen sind in der Regel gesellschaftspolitische Konflikte und "Kulturkämpfe" innerhalb der jeweiligen Gesellschaften als auch innerhalb der Weltgesellschaft, nicht aber in erster Linie der viel zitierte "Kampf der Kulturen" (Samuel Huntington) zwischen kulturell definierten Großregionen.

 

Soziokulturelle Veränderungen

Die Texte B 1 und B 2 führen in den sensiblen und konfliktträchtigen Prozess der kulturellen Globalisierung ein. Die Materialien B 3 und B 4 thematisieren das "Jahrtausend der Städte" (Kofi Annan), anhand derer über die soziokulturellen Veränderungen nicht nur in den Entwicklungsländern diskutiert werden kann.

 

Eine globale Weltkultur als "Einheitsbrei"?

Die Materialien B 5 - B 9 setzen sich mit der weltweiten Verbreitung der westlichen Symbole und Produkte eines modernen und konsumorientierten Lebensstils auseinander. Die Fotos B 5 und B 6 zeigen auf den ersten Blick paradoxe Situationen für den westlichen Betrachter. Vor allem B 6 erstaunt mit der Werbung für ein französisches Produkt in englischer Sprache, mit asiatischer Übersetzung und einem deutschen Model als Werbeträgerin. B 7 thematisiert anhand einer Benetton-Werbung die Globalisierung der Mode, während B 8 mit dem Beispiel Nike die westlichen Konsumartikelhersteller und ihre Praktiken kritisch beleuchtet. B 9 hingegen problematisiert anhand der Beschreibung chinesischer Jugendlicher und ihres "modernen" Lebensstils die Globalisierung westlicher Werte und Ideale.

 

Verlust kultureller Vielfalt und Identität?

Die Sprache des globalen Lebensgefühls ist - wie auch in der globalisierten Wirtschaft - unzweifelhaft Englisch. In der rasanten Ausbreitung der englischen Sprache im letzten Jahrzehnt seit dem Ende des Kalten Krieges lässt sich dies eindruckvoll beobachten. B 10 regt zur kritischen Diskussion über Anglizismen in der deutschen Sprache an und zeigt in Ausschnitten, wie viele englische Begriffe in unseren Wortschatz integriert sind. B 11 stellt dagegen die Frage, ob dieses "Denglisch" vom Großteil der Bevölkerung überhaupt verstanden wird. In B 12 wird das Bemühen des französischen Nachbarn beschrieben, rechtlich gegen das "Franglais", der französischen Version des "Denglisch", vorzugehen. Das Foto B 13 thematisiert die Adaption eines US-amerikanischen Kultursymbols in der islamischen Kultur, während B 14 das Beispiel einer regionalistischen Gegenbewegung zum kulturellen Globalisierungsprozess zeigt.

Ist die Globalisierung der Kultur eine ausschließlich einseitige kulturelle Durchdringung der Welt durch amerikanische Werte und Konsummuster? Die Schülerinnen und Schüler sollen in diesem Baustein erkannt haben, dass Kultur identitätsstiftende Funktion hat, regional- und zeitspezifisch ist und dass jede Kultur zu jedem Zeitpunkt unterschiedlich starken äußeren Einflüssen ausgesetzt ist. Im Anschluss daran kann aus eigenen Erfahrungsbereichen heraus diskutiert werden, dass auch unsere eigene Alltagskultur von "fremden" Einflüssen bestimmt und durchaus bereichert wird. Aus zahlreichen Beispielen sei nur an die kulinarische Vielfalt zwischen Pizza, Döner Kebab und chinesischer Frühlingsrolle erinnert!


 


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