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Zeitschrift Kinder in
Deutschland Kinder
und Familie
Heft
3/2004,
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Wie wichtig sind diese Personen zurzeit für dein Leben?
Was bedeuten dir deine Familie und deine Eltern?
Verändert nach: Deutsche Shell (Hrsg.): Jugend 2000.
Manchmal frage ich mich, ob wir nicht ein bisschen kompliziert sind, meine Eltern und ich. Komplizierter als Wengers zum Beispiel. Wengers sind unsere Nachbarn. Bruno Wenger geht mit mir zur Schule. Er ist mein Freund. Wenn Bruno fragt, warum die Katzen ihre Haare verlieren und die Mäuse nicht, sagt sein Vater: Das ist einfach so. Damit meint er, dass er im Moment keine Zeit hat. Die Wengers sind anders als wir. Ich meine nicht, dass sie anders heißen oder anders aussehen oder einfach andere Möbel haben, andere Bücher, andere Pflanzen. Eher ist es der Geruch in ihrem Korridor oder die Art, wie Frau Wenger mit der Post hereinkommt und sie ablegt um die Jacke auszuziehen, oder wie sie nach dem Abwaschen ihre Hände mit Creme einschmiert. Eigentlich weiß ich nicht, was es ist. Das heißt, ich weiß es schon, aber ich kann es nicht sagen. Es ist, als hätten sich die Wengers auf etwas verabredet, das sie keinem verraten. Manchmal bin ich mitten unter ihnen ziemlich verloren. Wie in einem Aquarium unter Südseefischen. Für andere Leute sind auch wir andere Leute. Wir haben uns ein Leben angewöhnt, unser eigenes, das nur uns normal vorkommt. Bei uns riecht es vermutlich auch irgendwie anders als anderswo. Es ist schwer sich das vorzustellen. Mutter legt das Buch, in dem sie zwischendurch immer liest, mit den offenen Seiten nach unten auf den Tisch oder den Fenstersims oder die Gartenmauer, und sie wird wütend, wenn Anna es anrührt. Aber sie legt das Buch weiterhin irgendwo ab und Anna nimmt es weiterhin irgendwo weg, trägt es herum, blättert darin und tut so, als lese sie. Bei Wengers passiert das nicht. Das ist nur ein Beispiel und vielleicht ein schlechtes. Beim Nachtessen haben wir darüber geredet, über das Anderssein. Über die Art, wie Vater die Nase putzt, wie Mutter einen lästigen Gedanken mit der Hand verscheucht, wie ich rascher zu reden anfange, wenn niemand mir zuhört, wie Anna dreinschaut, wenn sie klebrige Finger hat. Wir wissen nur sehr wenig über unser eigenes Leben. Es ist leichter über den Dampfkochtopf oder über die Wengers zu reden als über uns selber. Wir können unsere eigene Nase eben nicht riechen, hat Vater gesagt. Wie wir sind, wenn wir anders sind, müssten andere eigentlich wissen, zum Beispiel gerade die Wengers... Jürg Schubiger: Mutter, Vater, ich und sie, Weinheim (Beltz & Gelberg) 1997, S. 74f.
Einmal im Monat kommt Marcels Vater und holt ihn für einen ganzen Tag zu sich. Marcel ist immer noch Vatis Junge, auch jetzt noch, wo die Eltern geschieden sind. Marcel hat ihn sehr lieb. Er hat ihn jetzt sogar lieber als früher. (...) Marcel und Mama haben zusammen eine dicke Freundschaft. Marcel braucht Frieden und Freundschaft, damit er in Ruhe spielen, lesen, malen und lernen kann. Er zieht sich gern zurück und beschäftigt sich mit Oskar, dem Meerschweinchen, und mit all seinen Spielsachen und Büchern über Flugzeuge. Marcels Vater ist technischer Zeichner. Er hat Marcel gezeigt, wie man ein Flugzeug zeichnen muss. Marcel möchte auch gern technischer Zeichner werden, in einer Fabrik, wo Flugzeuge gebaut werden. Heute ist Samstag, schon zehn Uhr vorbei. Marcel ist um zehn Uhr mit seinem Vater verabredet. (...) "Was jetzt?", fragt Marcels Vater, als sie draußen auf der Straße stehen. "Mein Herr Sohn, wohin soll die Fahrt gehen?" "Hast du dir schon was überlegt?", will Marcel wissen. "Ich mach dir einen Vorschlag: Wir fahren (...) zum Flughafen und gucken uns alles an, was es zu sehen gibt." "Wau", seufzt Marcel. Er ist begeistert. Auf so eine Idee kann nur sein Vater kommen. "Los, fahr ab!" Otti Pfeiffer: Papa nur für mich, Bindlach (Loewe) 1992, S. 30-33.
Es ist ein Morgen wie jeder andere, Viertel nach sieben. Vincent, dreieinhalb Jahre alt, sitzt am Frühstückstisch, fuchtelt mit einem Messer in der Luft herum und blitzt mich unternehmungslustig an. "Leg das sofort hin!" ermahne ich meinen jüngsten Sohn. Er grinst verschmitzt, dann senkt er das Besteck. Doch schon leuchtet in seinem Gesicht eine neue Idee auf. "Säge, säge, säge", singt er und rasselt dabei mit dem Messer an der Tischkante. Ich springe auf, um ihm das Werkzeug zu entreißen. Darauf hat er nur gewartet, hüpft mit einem Juchzer vom Stuhl und rennt davon. An der Tür erwische ich ihn, entwinde ihm das Messer und bin froh, dass er sich dabei nicht schneidet. Inzwischen ist Jo, mit zehn Jahren unser Ältester, zum Frühstück erschienen - schlaftrunken und mit ungekämmten Haaren. "Guten Morgen!" begrüßt ihn Bärbel, meine Frau. Statt einer Antwort grapscht er nach einer Scheibe Brot und beschmiert sie mit Margarine. "Milch!" kommandiert er. "Wie heißt das?" fragt seine Mutter. "Gib mir die Milch - BITTE!" "Das war nicht der richtige Tonfall", sagt sie und rührt keinen Finger. Genervt erhebt er sich und holt die Milch selber. Dann ertönt ein Verzweiflungsschrei aus der oberen Etage: "Wo ist meine Hose?" ruft Ingmar, der Achtjährige. Jetzt wühlt er wieder in der Schublade: Die eine Buxe ist zu groß, die andere zu klein, die dritte zu kratzig und die vierte zu doof. Gleich wird er die Wand anstarren, warten, bis wir nach ihm rufen, und dann klagen: "Aber ich hab' keine Hose!" Bis er schließlich doch eines der ungeliebten Kleidungsstücke übergestreift hat, ist es nach halb acht, und wir müssen die Kinder antreiben, damit sie noch rechtzeitig zur Schule kommen. Ein ganz normaler Morgen in einer ganz normalen Familie: drei Söhne, drei Methoden, ein harmonisches Familienfrühstück zu verhindern. Quelle: Henning Engeln: Spiel ohne Grenzen, in: GEO Wissen: Kindheit und Jugend. Nachdruck 23/1995, Hamburg (Gruner + Jahr), S. 58-61.
Für den achtjährigen Leon (...) ist der Großvater ein wichtiger Mann. "Mein Opa kommt gleich nach Mama und Papa", sagt der Kleine. Der Großvater hat Leon gezeigt, wie man ein Bauernfrühstück zubereitet und lehrte ihn, mit einem Schnitzmesser umzugehen. Bei ihm kann sich Leon auch mal aussprechen, wenn daheim nicht alles zum Besten steht. (...) Besonders wichtig sei der Großvater als Geschichtenerzähler. Er mache Geschichte über seine Person anfassbar und stelle einen Zusammenhang zum Heute her. Nicht nur Enkel, auch viele Großväter wissen diesen Austausch zu schätzen. (...) Heilbronner Stimme vom 1. September 2003 (Monika Hope)
Foto: VISUM
Zeichnung: Pit Grove
Fotos: Nomi Baumgartl
Aus: Steve Biddulph: Das Geheimnis glücklicher Kinder, 11. Aufl., München (Heyne) 2001, S. 71ff.
(...) Stark ist nicht, wer seine Muskeln fleißig trainiert und effektvoll einzusetzen weiß. Starke Schülerinnen und Schüler sind: selbstbewusst und rücksichtsvoll. Sie wissen, mit ihren Gefühlen umzugehen. Sie können Konflikte bewältigen. Sie müssen nicht rauchen, weil das in ihrem Alter gerade "hipp" ist. Und sie denken nicht immer zuerst an sich. Sie wissen, was es heißt, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Solche starken Schüler gibt es (...). Das Robert- Mayer-Gymnasium Heilbronn integriert die Persönlichkeitsentwicklung jedes einzelnen Kindes in den Stundenplan: als Arbeitsgemeinschaft oder Workshop, auch eingeflochten in den "gewöhnlichen" Lehrplan. In der 5. Klasse fängt es an. Eine Verfügungsstunde ist jede Woche fest im Stundenplan verankert. Da machen die Kinder Bekanntschaft mit ALF, sie lernen allgemeine Lebenskompetenzen und Fertigkeiten. Was ist das? Ein Beispiel: Jedes Kind erkundet seine eigenen Stärken und wird dadurch seiner selbst bewusster. Nicht nur die soziale Kompetenz der jüngsten Gymnasiasten wird aufgebaut, sie lernen auch Arbeitstechniken, die ihnen den neuen Schulalltag erleichtern. In der Klasse 6 gibt es "stups", ein Selbstbehauptungstraining für Kinder, ein freiwilliges Angebot. Pflicht ist die Teilnahme am Kurs "Herausforderung Gewalt" der Polizei. Be smart don't start - die Verpflichtung nicht zu rauchen, ist auch in Klasse 6 verankert. Sucht- und Drogenprävention prägt das Projekt in Klasse 7. Die Achtklässler besuchen Schulteamseminare, die Drogenkonsum verhindern sollen. "Flugzeuge im Bauch" kommt mit Pro Familia in die Schule und macht die Pubertät in allen Schattierungen zum Thema. In der 9. Klasse ist ein Aktionstag im Hochseilgarten oder das Projekt "freiraum" Highlight der Selbsterfahrung. Ein Streitschlichterprogramm wird für die 10.-Klässler aufgelegt. (...) Heilbronner Stimme vom 19.November 2003 (Gertrud Schubert)
Gutes Benehmen und Umgangsformen - was gehört für dich dazu?
Die beste Freundin bekommt zur Begrüßung eine dicke Umarmung, die Omi ein Küsschen, der Lehrer ein einfaches Hallo und der Arzt einen festen Händedruck. Die Begrüßung - sie gehört zum Alltag dazu. Wer denkt da noch ernsthaft darüber nach, wen er wie begrüßt und vor allem warum? Festgefahren in ihren Ritualen, hat so ziemlich jeder Freundeskreis seine eigene Art der Begrüßung. Bei der Mädchenclique gibt's Küsschen, die 13- bis 14-jährigen Jungs klatschen sich ab und andere geben sich einfach nur die Hand. Weder die Begrüßung der Mädchenclique, noch die der Jungs kommt ihrem ursprünglichen Sinn nach. Das Küsschen steht nur noch selten für wahre Wiedersehensfreude und das Abklatschen wirkt meist nicht wie gewollt cool, sondern eher peinlich. Zerstört wurde die Bedeutung dieser Grüße, indem sie zur Routine wurden und somit von ihrer wertvollen Bedeutung immer mehr verloren haben. Immerhin. Diese Cliquen machen sich noch die Mühe, sich zu begrüßen und diese Begrüßung zumindest freundlich wirken zu lassen. Denn schon beim Gang in den Supermarkt vergessen die meisten Menschen diese Tugend plötzlich. Falls es eine Begrüßung gibt, fällt diese oft mürrisch aus. Ein nettes Lächeln oder ein freundlicher Blick in die Augen ist zu viel verlangt. Die Höflichkeit bleibt auf der Strecke. Genauso ist es bei den zahlreichen Jugendlichen, die, wenn sie ihren Mathelehrer sehen, an plötzlicher Blindheit erkranken, um nicht grüßen zu müssen. Doch nicht nur Jugendlichen ist diese Anstrengung zu groß. Vielen Erwachsenen mangelt es oftmals auch an Respekt und Höflichkeit gegenüber Jugendlichen und vor allem Kindern. Warum sich auch unnötig bemühen wegen eines Grußes? Ehrliche und zugleich freundliche Begrüßungen sind zur Seltenheit geworden. An ihre Stelle sind Unfreundlichkeit, Feigheit, Falschheit und Routine gerückt. Traurig für alle, die ihre Begrüßung ernst meinen. Doch sicher ist eins: Jeder mit ein bisschen Menschenverstand merkt den Unterschied zwischen einem ehrlich gemeinten und aus falscher Freundlichkeit ausgesprochenen Gruß. Heilbronner Stimme vom 5. Februar 2004 (Jana Müller)
Foto: DIAGENTUR
Foto: Nomi Baumgartl
Zeichnung: Pit Grove
Pünktlichkeit, Ausreden lassen, Sauberkeit und Grüßen: Sollen diese Benimmregeln in der Schule unterrichtet werden? Anstand und Benehmen gehören zu einer guten Bildung. Gehören Benimmkurse auf den Lehrplan? Dazu zwei Meinungen: Oliver Haas (24), Sozialversicherungsfachangestellter aus Bretten So etwas dürfte es eigentlich nicht geben. Es müssten die Benimmregeln von Haus aus vorhanden sein. Ich denke aber, heutzutage müssten solche Benimmkurse stattfinden. Der ein oder andere hätte es bestimmt nötig. Gabriele Wilke (51), Hausfrau aus Wüstenrot Ich fände es sehr sinnvoll. Die Jugendlichen grüßen kaum noch ältere Menschen. In der Stadt ist es gar nicht mehr üblich, auf dem Land noch eher. Wenn die Kinder nicht im Elternhaus angehalten werden, sich zum Beispiel bei Tisch zu benehmen oder älteren Menschen zu helfen, sollte dies die Schule, zumindest teilweise, übernehmen. Heilbronner Stimme vom 6. September 2003 (Lina Scheu)
Schlechte Manieren kommen auch bei Kindern untereinander nicht an: Bitte, Danke und Entschuldigung sagen halten 95 Prozent der Schüler zwischen sechs und 13 Jahren für eine ganz wichtige Benimmregel, wie eine Umfrage ergab. Das Gleiche gilt für grüßen und andere ausreden lassen. Jedes sechste Kind kann es partout nicht ausstehen, wenn neben ihm gerülpst wird. Häufig genannt wurden auch schlechte Eigenschaften wie Angeben, Schreien oder Zicken. Heilbronner Stimme vom 19. März 2004
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