Zeitschrift 

Kinder in Deutschland
Familie - Freizeit - Konsum

Kinder und Familie

Kinder in der Freizeit- und Erlebnisgesellschaft

Kinder und Konsum

 

Heft 3/2004, 
Hrsg.: LpB

 



 

Inhaltsverzeichnis

A22 - A26

Wird unsere Gesellschaft als kinder- und familienfreundlich erlebt?


A 22  Mehr tun bei der Kinderbetreuung

Renate Schmidt (SPD), Ministerin für Familie, Frauen, Senioren und Jugend, will bundesweit für bessere Betreuungsangebote für Kinder sorgen und so die Familien entlasten. "Hier sind wir das Schlusslicht in Europa".

Frage: Die rot-grüne Koalition ist mit dem Versprechen angetreten, Deutschland kinder- und familienfreundlicher zu machen. Tatsächlich aber haben viele Eltern heute das Gefühl, dass der Staat ihnen mehr oder weniger dreist in die Tasche greift.

Schmidt: In der letzten Legislaturperiode haben wir materiell für die Familien eine Menge getan. Ingesamt wurden auf den unterschiedlichsten Wegen, über Steuererleichterungen, höheres Kindergeld, Wohngeld, Bafög und die höheren Einkommensgrenzen beim Erziehungsgeld 13 Milliarden Euro zusätzlich für die Familien ausgegeben. Wir sind in der Zwischenzeit nach Luxemburg das Land mit dem zweithöchsten Kindergeld, auf der anderen Seite sind wir bei der Kinderbetreuung das Schlusslicht in Europa und zwar in allen Altersgruppen.

Das macht es Frauen nicht nur schwer, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, sondern wirkt sich auch negativ auf die Bildungschancen unserer Kinder aus.

Deshalb werden wir in dieser Legislaturperiode vier Milliarden Euro in den Ausbau der Ganztagsschulen investieren und ab Ende 2004 werden (...) rund 1,5 Milliarden Euro jährlich für die Betreuung der unter Dreijährigen zur Verfügung stehen, sei es für Kinderkrippen, neue Tagesmutter-Modelle oder andere Angebote. Natürlich ist es nach wie vor notwendig, Familien auch materiell zu entlasten. 75 Prozent der Kosten, die durch ein Kind entstehen, werden noch immer von den Eltern getragen. Aber der Schwerpunkt in den nächsten vier Jahren liegt bei der Betreuung, weil wir da die größten Defizite haben. (...)

Heilbronner Stimme vom 8. November 2002


 

A 23  Kernfamilie verliert

Die Lebensverhältnisse der Familien verändern sich mit rasantem Tempo: Die klassische "Kernfamilie", also Eltern mit Kindern, ist in Baden-Württemberg erstmals gegenüber den kinderlosen Ehepaaren und den allein Erziehenden ins Hintertreffen geraten. In der Kernfamilie gehen immer öfter sowohl Vater wie Mutter arbeiten.

(...) Bei nahezu zwei Drittel aller Ehepaare mit minderjährigen Kindern gingen 2003 beide Elternteile arbeiten. Der Rückblick auf 1990 verdeutlicht die Veränderung. In diesen 13 Jahren stieg der Anteil von 51 auf exakt 64 Prozent. Bei den Paaren, wo ein Elternteil aus familiären Gründen zu Hause bleibt, stimmt das traditionelle Rollenbild noch. Zu 95 Prozent sind es Frauen, die nicht arbeiten. Nur in jedem zwanzigsten Fall ist der Mann für Kinder und Küche zuständig.

Der klassische Familientyp der "Kernfamilie" trifft nur noch auf 47 Prozent zu - eine deutliche Reduzierung gegenüber den 58 Prozent von 1990. Der Anteil der Paare ohne Kinder ist in diesem Zeitraum von 22 auf 40 Prozent gestiegen. Stark gestiegen ist der Anteil der allein Erziehenden von neun auf 13 Prozent. (...) Dabei steigt der Anteil der betroffenen Männer, die allein erziehen, nur langsam: 15 Prozent waren es 1990 und 2003 nur 21 Prozent.

Erhebliche Unterschiede zeigt die Auswertung bei der finanziellen Lage. 53 Prozent der Ehepaare mit Kindern hatten im Jahr 2003 ein Nettoeinkommen von mindestens 2.600 Euro. Bei den allein Erziehenden gehören nur 8,3 Prozent zu den Gutverdienern.

Heilbronner Stimme vom 16. April 2004


 

A 24 Viele Unternehmen unterstützen Eltern

In deutschen Unternehmen ist es in den vergangenen Jahren offenbar etwas leichter geworden, Familie und Beruf zu verbinden. (...) In einer Befragung (...) gaben 76,8 Prozent von 878 Unternehmen an, sie böten Eltern flexible Tages- und Wochenarbeitszeiten, Teilzeit oder Telearbeit an. Rund 42 Prozent der Firmen erklärten, sie unterstützten Eltern bei der Kinderbetreuung.

Die Familienministerin Renate Schmidt (SPD) betonte, dass der Anteil von Betriebskindergärten in den vergangenen Jahren von 0,8 auf 1,9 Prozent gestiegen sei. 1,8 Prozent der befragten Firmen haben eine Kinderkrippe; 1,4 Prozent haben Belegplätze in öffentlichen Kindergärten; ein Prozent bietet einen Tagesmütterservice.

Bei den übrigen Unternehmen besteht die Hilfe darin, die zum Teil gesetzlich vorgeschriebene Freistellung zur Kinderbetreuung im Krankheitsfall sicherzustellen oder darüber hinaus zu gegen. Vor allem sehr kleine Firmen zeigten sich hier häufig sehr großzügig, sagte Schmidt. Sie wünscht sich betriebliche Kinderbetreuung in fünf bis zehn Prozent der Unternehmen.

Allerdings zeigte die Befragung auch, dass 70,1 Prozent der Personalleiter die Bedeutung der Familienfreundlichkeit als gering einschätzen.

Heilbronner Stimme vom 15. Dezember 2003


 

A 25  Frankreich lässt Familien nicht im Stich

Glückliches Frankreich: Selten schimpft ein Erwachsener, wenn Kinder lärmend vor der Haustür spielen. Zufrieden lächeln Passanten, wenn der berühmte Pariser Stadtpark Jardin du Luxembourg Karussells für die Kleinen aufbaut. Die Großfamilie hat in Frankreich Zukunft.

Im Durchschnitt hat die Französin 1,9 Kinder. Die Mitte-Rechts-Regierung beabsichtigt, zusätzlich 20.000 Kinderkrippen und eine Geburtsprämie von 800 Euro einzurichten. Vorbildliches Kinderparadies Frankreich? Es sieht ganz danach aus.

Ein dichtes Netz von Beihilfen und Zuschüssen durchzieht das Sozialsystem. Familienpolitik hat Priorität bei jeder Familie. Der Staat fühlt sich gegenüber der arbeitenden Französin "verpflichtet": 72,3 Prozent mit zwei Kindern und 51 Prozent der Mütter mit drei Kindern sind schließlich berufstätig. Kinderreichtum ist kein Makel.

(...) In den letzten fünfzig Jahren wuchs die französische Gesamtbevölkerung um 44 Prozent. Natürlich auch durch zugewanderte Familien aus Algerien, Marokko, Portugal und Spanien. (...) Möglich wurde das Wachstum vor allem durch die beispiellose materielle Hilfe für berufstätige Frauen. (...) Zum Beispiel durch das Kindergeld für Millionen Haushalte. Es war schon immer umfangreicher als im europäischen Ausland. (...) Einkommensschwache Frauen erhalten drei Jahre lang 500 Euro Erziehungshilfe. Hinzu kommen Wohngeld, familiäre Zuwendungen und Zuschüsse für allein Erziehende.

Der Kindersegen ist möglich, weil Frankreich die Kindertagesstätten ausgebaut hat. Da die Mehrheit der Frauen berufstätig ist, funktioniert das Ganztagsschulsystem recht gut. Dreijährige kommen in die "Ecole Maternelle" (Kindergarten). Sie und die Schüler werden von morgens 8.30 Uhr bis 17 Uhr versorgt. Die meisten Etablissements betreuen die Kinder berufstätiger Familien über 17 Uhr hinaus. (...)

Heilbronner Stimme vom 16. September 2003 (Lutz Hermann)


 

A 26  Stuttgarts Ziel heißt kinderfreundlichste Großstadt

Wenn "kinderfreundlich" bedeutet, dass gerade junge Familien in die Landeshauptstadt ziehen oder dort bleiben, dann könnte Stuttgart noch zulegen. Denn die Statistik zeigt, dass die Landeshauptstadt diese Klientel bisher nicht gerade anlockt wie der Honig die Ameisen. Stattdessen überaltern immer mehr Stadtteile, junge Familien ziehen weg, aufs Land, wo Wohnen grüner und billiger ist. Selbst die Neubaugebiete können diesen gesamtstädtischen Trend nicht ausgleichen. Die allgemeine demografische Entwicklung verstärkt ihn noch. Und: statt 2,1 Kinder produzieren Stuttgarter Familien im Schnitt nur 1,3 Kinder - zu wenig. (...)

Neben dem zentralen Thema Kinderbetreuung wolle, nein müsse man auch die Generationen besser miteinander vernetzen. "Es muss sich ein kinderfreundliches Klima entwickeln, und zwar in den Köpfen aller Bürger", so Roswitha Wenzel von der Stadt Stuttgart. Auch wenn dies auf Grund gegenläufiger Interessenblöcke eine Gratwanderung sei. (...) Studien darüber, was einen kinderfreundlichen Wohnort ausmacht, hat der Freiburger Soziologe Baldo Blinkert erstellt. Er behauptet: "Kinderfreundlichkeit ist sichtbar." Doch an der Betreuungsfrage allein könne man die Kinderfreundlichkeit einer Stadt nicht festmachen. "Man sieht es daran, wie der öffentliche Raum der Stadt von Kindern genutzt werden kann und genutzt wird", sagt Blinkert. Konkret: wie der Verkehr geregelt ist, wie der Straßenraum von Kindern genutzt werden kann, auch daran, ob die Aufenthaltsfunktion des öffentlichen Raums der Verkehrsfunktion untergeordnet werde. (...)

In den Wohnquartieren wäre es, so Blinkert, "wichtig, dass es Spielstraßen gibt". Und dass das Parken reglementiert werde, etwa über Anliegerparkzonen - damit der Parksuchverkehr in den Wohnvierteln verringert wird. Auch die Einrichtung so genannter Quartiersgaragen hält der Soziologe für sinnvoll: "Da müssten die Leute ein bisschen laufen - aber dafür wäre das Wohnquartier frei." Spielplatz sei nicht gleich Spielplatz. "Kinder wollen kein Wackeltier, sondern Holz, Steine, interessante Oberflächen, Matsch, Wasser, Pflanzen, die man abreißen darf: Holunder, Weiden." (...)

Nicht nur die Gestaltung von Spielplätzen, auch die ganzer Wohnviertel entscheide darüber, ob sich Kinder dort wohl fühlten - mal vorausgesetzt, ihre Eltern können die vier Wände dort überhaupt bezahlen. So sei eine Mischnutzung mit Bistros, kleinen Händlern und Gewerbebetrieben auch für die kleinen Bewohner interessanter als ein reines Wohngebiet. Auch eine soziale Mischung wäre wichtig, findet Blinkert. Wie dies in Stuttgart mit seinen krassen Unterschieden zwischen exklusiven Halbhöhenlagen und verarmten Vorstadtghettos und Talachsen verwirklicht werden könnte, weiß der Freiburger Soziologe freilich nicht. (...)

Hinzu kommt: nicht alles, was eine kinderfreundliche Stadt ausmacht, kann eine Kommune planen. Ein kinderfreundliches Bewusstsein etwa. Dies sei kein einfaches Ziel für eine Stadt wie Stuttgart, in der gerade einmal 18,9 Prozent der Haushalte mit Kindern leben - nicht mal jeder fünfte Haushalt. (...) "Eine Stadt, die Kinderfreundlichkeit zu ihrer Politik macht, wird mit Konflikten leben müssen", sagt Blinkert. Ruhebedürfnis contra Kindergeschrei könnte einer heißen. Oder Autoverkehr contra Spielflächen. Ungeklärt ist: Wie laut sollen Kinder im öffentlichen Raum überhaupt vernehmbar sein? (...)

Stuttgarter Zeitung vom 30. Oktober 2003 (Inge Jacobs)

 

 

Fragen zu A 22-A 26:

zu A 22: Welche Rahmenbedingungen können die Entscheidung für Kinder fördern? Was kann deiner Meinung nach seitens der Politik getan werden?

zu A 23: Beschreibe die Lebensverhältnisse der Familien und veranschauliche dies mit einer grafischen Darstellung!

zu A 24: Wodurch können Arbeitgeber die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern?

zu A 25: Was unternimmt die französische Regierung, um die Geburtenrate zu erhöhen?

zu A 26: Stuttgarts Ziel heißt kinderfreundliche Großstadt. Was macht deine Stadt zur kinderfreundlichen Stadt - was nicht?

 

 

 


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