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Zeitschrift
Menschenrechte Rechte für dich - Rechte für alle!
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2/2005, |
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Mädchen werden in vielen Ländern der Welt in allen Lebensbereichen diskriminiert. Deshalb sterben sie auch häufiger als Jungen bereits im Kindesalter. Mädchen bekommen weniger zu essen als ihre Brüder und werden seltener zum Arzt gebracht. Sie müssen auf Schulbildung verzichten, schon früh Schwerstarbeit leisten und werden schon als Kind verheiratet. Allein in Südasien sterben jedes Jahr etwa eine Million Kinder nur weil sie Mädchen sind. In vielen Ländern Südasiens wird die Geburt eines Mädchens als Belastung angesehen. In Indien wird bei ihrer Heirat eine hohe Geldsumme als Mitgift fällig. Jedes Jahr werden 15.000 jung verheiratete Frauen schwer verletzt oder getötet, weil ihre Familie nach Ansicht der Schwiegereltern zu wenig Mitgift gezahlt hat. 65 Millionen Mädchen weltweit gehen nicht zur Schule. Von den 875 Millionen Analphabeten weltweit sind zwei Drittel Frauen. Sie wissen nicht, wie sie Krankheiten vermeiden oder sich vor Ausbeutung schützen können. In Afrika tragen die Diskriminierung von Frauen und der Mangel an Informationen entscheidend dazu bei, dass sich Mädchen und Frauen viel häufiger mit HIV infizieren. In den Ländern südlich der Sahara sind heute rund 5,7 Millionen Mädchen und Frauen zwischen 15 und 24 Jahren HIV positiv – gegenüber 2,8 Millionen Männern aus dieser Altersgruppe. In Kriegen werden Vergewaltigungen gezielt als Waffe eingesetzt. In Ruanda wurden während des Völkermordes von 1994 ungefähr eine halbe Million Frauen vergewaltigt. Auch im seit Jahren in der Demokratischen Republik Kongo und im Sudan wütenden Bürgerkrieg wurden bereits Tausende Frauen Opfer sexueller Gewalt. Durch Verbote wird man all die diskriminierenden Traditionen und Vorgehen nicht überwinden. Entscheidend sind Bildung und Aufklärung. Zusammengefasst aus UNICEF-Dokumenten aus dem Bereich Grundsatz und Information.
»Wir taten es, weil wir unsere Töchter lieben. Es war unsere Tradition, wir haben nichts Schlechtes darin gesehen.« Ourèye Sall ist eine stolze afrikanische Frau. Sie ist Mutter und Großmutter. Und bis vor wenigen Jahren war sie die Beschneiderin des Dorfes Nguerigne Bambara im Senegal. 18 Jahre lang übte sie die Tradition der Beschneidung aus: Mit einer Rasierklinge, die nur mit Parfüm oder Alkohol sterilisiert wurde, entfernte Ourèye Sall jungen Mädchen in einer äußerst schmerzhaften Prozedur die Klitoris und die inneren Schamlippen. Alle Mädchen, ob zwei Monate oder zehn Jahre alt, wurden zu ihr gebracht. »Ich habe das getan, weil schon meine Mutter Beschneiderin war. Ich tat es nicht, um jemandem weh zu tun, sondern für einen guten Zweck«, sagt Ourèye Sall. Denn unbeschnittene Frauen galten in ihrem und vielen anderen Dörfern des Senegal als Außenseiterinnen, als unrein. »Niemand wollte einer solchen Frau nahekommen. Und niemals wäre sie verheiratet worden.« Heute sagt die 56-Jährige: »Die Tradition war schlecht. Aber wir wussten es nicht. Wir müssen unseren Leuten klarmachen, dass wir nicht gegen unsere Traditionen kämpfen, sondern für bessere Gesundheit.« Zusammengefasst aus UNICEF-Berichten aus dem Jahr 2004.
Mehr als 65 Millionen Mädchen weltweit lernen nie lesen, schreiben oder mit Zahlen umzugehen. Ohne Schule und Beruf aber ist ihnen der Weg in eine unabhängige Zukunft verbaut ... Von Mädchen werde in den meisten Entwicklungsländern ... erwartet, dass sie ihre Bücher zuklappen, um die Pflege eines kranken Elternteils oder von Geschwistern zu übernehmen. Dabei bestimmt gerade die Schulbildung von Mädchen das Los der künftigen Generationen und die Entwicklung ganzer Länder, warnt das UN-Kinderhilfswerk UNICEF in seinem ... Bericht zur »Lage der Kinder in aller Welt 2004«. ... Awatif Morsy aus dem ägyptischen Beni Shara’an war acht Jahre alt, als ein Geschäftsmann im Dorf einen einzigen Klassenraum bereitstellte. Awatifs Stiefvater war gegen den Schulbesuch, wurde aber wie andere überredet. »Mir ist jetzt klar, dass die Ausbildung eines Mädchens noch wichtiger ist als die eines Jungen«, zitiert ihn der UNICEF-Bericht. ... »Ein Mann ist in der Lage, auch aus dem Nichts etwas auf die Beine zu stellen. Eine Frau kann das nicht. Ohne Bildung bewerkstelligt sie nichts in ihrem Leben«, glaubt der Schulgründer von Beni Shara’an. UNICEF gibt ihm Recht: Die Bildung von Mädchen hat »Spiralwirkung«. Mütter, die selbst die Schulbank drücken durften, sorgen auch dafür, dass ihre eigenen Kinder das Einmaleins lernen können. Ihre Kinder sind außerdem besser ernährt und seltener krank. Statistiken zeigen, dass die Sterblichkeit von Säuglingen und Kindern unter fünf Jahren mit jedem Jahr, das ihre Mutter zur Schule ging, zwischen fünf und zehn Prozent sinkt. Auswirkungen gebe es auch auf die Volkswirtschaft. Regionen wie Südostasien, die die Schul- und Ausbildung ihrer Töchter langfristig förderten, sind laut UNICEF heute weiter entwickelt. ... Deutsche Presse Agentur (dpa) vom 11. Dezember 2003.
Neun afrikanische Länder haben Gesetze gegen die Genitalverstümmelung von Mädchen verabschiedet. Jordanien erlaubt die Strafverfolgung von Mördern »aus Ehre«. Von Ägypten bis China, von Nepal bis zur Slowakei sollen Gesetze helfen, Frauen vor Gewalt in der Ehe zu schützen und die Täter zu bestrafen; diese Gesetze sind neu und ein Ergebnis der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking von 1995. Nun ziehen die UN in New York Bilanz ... Obwohl die Regierungen seither eifrig bestrebt sind, ihre Leistungen und Erfolge in den Vordergrund zu stellen, ist die Bilanz insgesamt höchst widersprüchlich. Die europäischen Gleichstellungsministerinnen brachten das Fazit gerade auf die lapidare Formel: Fortschritte wurden erreicht, aber Ungleichheiten bestehen weiter. Die größten Gleichstellungsfortschritte sind im Bildungsbereich zu verzeichnen. ... Aber bessere Qualifikationsabschlüsse junger Frauen zahlen sich nicht in gleichen Beschäftigungs- und Einkommenschancen aus. Eine der großen Hoffnungen der Weltfrauenkonferenz ..., dass die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien Chancen zur Gleichstellung der Frauen eröffnen würden, hat sich nicht erfüllt: In fast allen Ländern ist eine »digitale Geschlechtertrennung« zu beobachten. Weiterhin auf dem Vormarsch sind Frauen auf den Erwerbsmärkten. ... Doch von Gleichheit kann ... noch lange nicht die Rede sein: In keiner Region konnten die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen merklich verringert werden. Die Mehrzahl der Frauen bleibt in flexibler, prekärer, schlecht bezahlter und Teilzeitbeschäftigung hängen. Nicht einmal drei Prozent der Spitzenpositionen in den großen Konzernen besetzen Frauen. Dagegen sind 60 Prozent der »working poor« weiblich. In der Politik ist der Vormarsch von Frauen noch zäher als in der Erwerbsarbeit. Im vergangenen Jahrzehnt stieg der Prozentsatz von Frauen in Parlamenten von 11,4 auf 15,2 Prozent. In vielen Ländern wurde dieser Fortschritt durch Quoten erreicht, so zum Beispiel in Ruanda, das jetzt mit 48,8 Prozent die Weltliste vor Schweden anführt. Diese Partizipationsfortschritte bedeuten jedoch nicht, dass mehr Frauen in die Kernbereiche der Macht, in die Regierungsspitze und die »harten« Ressorts, vorgedrungen sind. ... Wie bei allen UN-Verhandlungen der vergangenen Jahre werden neokonservative und fundamentalistische Kräfte versuchen, Frauenrechte zu verwässern. Die »unheilige Allianz« von USA, Vatikan, Sudan und Iran stellen die sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen in Frage. Alleinerziehenden und homosexuellen Paaren mit Kindern soll die Anerkennung als Familie verweigert werden, sexuelle Abstinenz und eheliche Treue werden als alleinige Methoden der HIV- und Aids-Bekämpfung propagiert. So wird es in New York auch darum gehen, die Pekinger Beschlüsse gegen dieses Rollback zu verteidigen und die damals formulierten Rechte zu bekräftigen, statt sie aufzuweichen. Stuttgarter Zeitung vom 26. Februar 2005 (Christa Wichterich).
Frauen in Führungspositionen sind in Deutschland nach wie vor unterrepräsentiert. So waren im März 2004 von allen abhängig Beschäftigten 47 Prozent Frauen, an den Führungskräften stellten sie aber nur einen Anteil von 33 Prozent. ... Dass Frauen in den Chefetagen eher selten sind, zeigt sich bei den »Top-Führungskräften« noch stärker. Im März 2004 stuften sich hochgerechnet 819.000 Personen als Erwerbstätige in Positionen mit umfassenden Führungsaufgaben ein. Dazu zählen z.B. Direktorinnen und Direktoren, Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer. An dieser Gruppe hatten Frauen einen Anteil von nur 21 Prozent. Entscheidungsträger in Unternehmen und Behörden in Deutschland sind immer noch überwiegend männlich. ... Die Chance, Leitungsfunktionen zu übernehmen, hängt für Frauen stark von der Branche ab: Am höchsten ist sie im Dienstleistungsbereich und in der öffentlichen Verwaltung, wo 53 bzw. 39 Prozent der Führungskräfte Frauen sind. Im Baugewerbe sind nur 14 Prozent aller Führungskräfte weiblich. Statistisches Bundesamt Wiesbaden, Pressemitteilung vom 22. März 2005 ( www.destatis.de/presse/deutsch/pm2005/p1370024.htm ).
Thomas Plaßmann
Arbeitsaufträge zu B8–B12
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