|
Zeitschrift Die siebziger Jahre Facetten eines Jahrzehnts Heft 2/2003 |
![]() |
||||||
B 2 bis B 4 Neue soziale Bewegungen
Die siebziger Jahre sind die hohe Zeit der so genannten "neuen sozialen Bewegungen". Diese verfolgen nicht mehr große klassenkämpferische Ziele, ihr Markenzeichen ist vielmehr die dauerhafte Einmischung in die Alltagspolitik. Sie fordern Veränderungen, aber sie vertreten keine grundsätzlichen Gegenpositionen zur bestehenden Ordnung. Die Anhänger dieser Bewegungen sind der Meinung, dass sich ihre Anliegen im Rahmen der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland verwirklichen lassen. Sie engagieren sich in überschaubaren Projekten und sind meist auf der lokalen oder regionalen Ebene angesiedelt. Die gesamtgesellschaftlichen utopischen Modelle des vorangegangenen Jahrzehnts sind dagegen verblasst. Obwohl die neuen sozialen Bewegungen in der Aufbruchstimmung der Studentenbewegung der späten sechziger Jahre ihre Wurzeln haben, stehen sie deren Fortschrittsglauben eher skeptisch gegenüber und orientieren sich an den Grenzen des Machbaren. Das Prinzip der Selbstbestimmung, der Selbstorganisation "Betroffener" und der unmittelbaren Vertretung von Interessen Benachteiligter besitzt für diese Bewegungen einen zentralen Stellenwert. Hierarchische Strukturen innerhalb der einzelnen Gruppen werden energisch bekämpft. Vor allem auf kommunaler Ebene gelingt es ihnen, ihre Anliegen zu artikulieren und durchzusetzen: Gesprächsrunden zur Stadtentwicklung, Frauenhäuser, Beratungsstellen für Senioren und Ausländer würde es ohne die Aktionen der neuen sozialen Bewegungen wohl nicht geben. Nach Karl-Werner Brand: Kontinuität und Diskontinuität in den neuen sozialen Bewegungen; in: Roland Roth / Dieter Rucht (Hrsg.): Neue soziale Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn (Bundeszentrale für politische Bildung) 1991, S. 43-46 und Klein, Ansgar u.a. (Hrsg.): Neue soziale Bewegungen, Opladen/Wiesbaden (Westdeutscher Verlag) 1999, S. 51-55
Bürgerinitiativen artikulieren .... private und soziale Interessen, die weder durch den etablierten Verbandspluralismus, noch durch die Verwaltung, noch durch die Parteien hinreichend zur Geltung gebracht werden ... Die Aktivitäten der Bürgerinitiativen sind ... in ihrer überwiegenden Mehrheit gemeinwohlorientiert ..., nur einem verschwindend kleinen Teil der Bürgerinitiativen geht es um die Verteidigung ihrer privaten Idylle ... Die Gefahr, dass Bürgerinitiativen durch radikale Gruppen instrumentalisiert werden, ist ... äußerst gering. Die soziale Zusammensetzung der Bürgerinitiativen spricht ebenso dagegen wie ihre meist sehr begrenzte Zielsetzung ... Bürgerinitiativen [dienen] ... als Frühwarnsysteme für politische und soziale Defizite und Fehlentwicklungen ... [Sie] können aufgrund ihrer besonderen Arbeitsbedingungen ... den Beteiligten das Gefühl der Ohnmacht nehmen und öffentlich nachweisen, dass im demokratischen Staat der Einsatz und die Initiative Einzelner durchaus Problemlösungen zu erreichen vermögen ... Die Glaubwürdigkeit der Bürgerinitiativen beruht ... darauf, dass sie unter oft großen persönlichen Opfern und ohne Aussicht auf materiellen Gewinn für das eintreten, was sie in ihrem sowie im Interesse des Gemeinwesens für richtig und notwendig halten. Horst Zilleßen: Energiepolitik - Dialog mit dem Bürger; in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 27/77 vom 9. Juli 1977, S. 16 f.
Mitte der siebziger Jahre bestanden in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 15 000 und 20 000 Bürgerinitiativen, von denen sich etwa drei- bis viertausend Umweltproblemen widmeten. Die Zahl der Mitglieder der Bürgerinitiativen übertraf die aller bundesdeutschen Parteien zusammen. Roland Roth / Dieter Rucht (Hrsg.): Neue soziale Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn (Bundeszentrale für politische Bildung) 1991, S. 379
|
|||||||
|
|
|
Copyright © 2003 LpB Baden-Württemberg HOME |
|
Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de |