Zeitschrift 

Die siebziger Jahre

Facetten eines Jahrzehnts

Neue soziale Bewegungen -
zwei Beispiele

Die neue Ostpolitik

Die Ära Honecker

Terrorismus
 

Heft 2/2003 
Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis

B 5 bis B 7

Die Anti-AKW-Bewegung am Beispiel Wyhl


B 5 Der AKW-Konflikt am Kaiserstuhl

Aus dem Rückblick eines Journalisten

Die baden-württembergische Landesregierung, damals unter Ministerpräsident Filbinger, plante das Atomkraftwerk Wyhl als Ausgangspunkt für eine ober-rheinische Industrieschiene, die von Basel bis Karlsruhe reichen sollte. Das gigantische Projekt ist am Widerstand der Bevölkerung des Kaiserstuhls gescheitert. [In Wyhl] handelte es sich um eine ganz autonome Widerstandsbewegung. Ihren Kern bildeten die Bauern und Winzer des Kaiserstuhls. Von dem geplanten Kernkraftwerk ... fühlten sie sich in ihrer Existenz bedroht. Die ersten Bürgerinitiativen entstanden. Immer wieder wiesen sie auf die Umweltschäden hin, die sie befürchteten - vergebens. Mit unglaublicher Arroganz setzte sich die Landesregierung über alle Petitionen und gerichtliche Klagen hinweg. Die Betreiber des Kraftwerks und Regierungschef Filbinger (im Aufsichtsrat der Badenwerke) drohten mit Strafverfolgung und Schadenersatzforderungen.

Obwohl das Verwaltungsgericht Freiburg noch nicht entschieden hatte, begannen im Februar 1975 die Bauarbeiten im Wyhler Wald. Aus einer improvisierten Pressekonferenz auf dem Bauplatz entwickelte sich spontan die erste Besetzung. Dann ging es Schlag auf Schlag: Der Besetzung folgte die Räumung durch vier Polizeihundertschaften mit Wasserwerfern und Hundestaffeln - über fünfzig Personen wurden festgenommen. Nur wenige Tage später war mit List und Gewalt der Platz zurückerobert und die Polizei vom Gelände vertrieben ...

Schon im Herbst 1974 tauchten ... Emissäre [der organisierten revolutionären Linken] in den Dörfern um Wyhl herum auf. Sie wurden als Nichteinheimische mit großem Misstrauen betrachtet. Sofort ergriff Filbingers Staatskanzlei die Chance, die Anti-KKW-Bewegung als von Kommunisten unterwandert zu diskreditieren. Das ist ihr [der revolutionären Linken] nicht gelungen, weil sie das praktische Denken der Kaiserstühler Bevölkerung unterschätzte: Beim Aufbau eines Informations- und Alarmdienstes, vor allem aber als Verstärkung bei den Nachtwachen des besetzten Platzes waren die angereisten linksradikalen Helfer willkommen. In politischen und taktischen Entscheidungen dagegen hatten sie nichts mitzureden.

Am Ende waren die Kaiserstühler mit dem Erfolg, das KKW verhindert zu haben, hoch zufrieden.

Dietrich Kreidt: W wie Wyhl; in: Stuttgarter Zeitung vom 5. März 2001, S. 12

 

B 6  Die Anhörung im Juli 1973

Ein Stimmungsbericht

Am 9. und 10. Juli 1973 fand in der Wyhler Festhalle der öffentliche Erörterungstermin in Sachen KKW statt; 
d. h. die Genehmigungsbehörde ... ruft ein letztes Mal zu allen strittigen Fragen die Einsprecher auf, hört ihre Einwände an, erteilt der Gegenseite das Wort zur Widerlegung und bildet sich dann ein Urteil.

Das Publikum, etwa tausend Leute aus der Region, die sich zum Teil extra zwei Tage frei genommen hatten, erlebte ein lehrreiches Schauspiel ... Auf der Bühne, oben, saßen an einem langen Tisch die Regierungsbeamten. Unter der Bühne saßen nebeneinander aufgereiht die Gutachter für meteorologische, hydrologische, radiologische Fragen usw. ... Komisch nur, dass sie alle unter dem Schwall wissenschaftlicher Terminologie unisono den gleichen Refrain sangen: Das KKW ist nicht schädlich, im Gegenteil, es wird in jeder Hinsicht segensreich sein ... Vorne links im Saal saßen die Vertreter der Betreiber Kernkraftwerk Süd GmbH (Badenwerkstochter) und der Hersteller, Kraftwerksunion (AEG und Siemens), ... die dann und wann belästigt ans Saalmikrofon traten, um den harthörigen Bauern mal wieder die Zweifel auszutreiben ...

Die Einheitlichkeit dieser KKW-Front machte das Publikum so aggressiv, dass jeder aus dem uneinheitlichen Haufen der Kern-Kraft-Gegner beklatscht wurde, weil er wenigstens "zu uns" gehört. Vorne rechts im Saal saßen die Einsprecher, Umweltschützer, Bürgermeister, Bürgerinitiativen. Sie hatten in kurzer Zeit 90 000 Unterschriften für Einsprüche gesammelt und lange wissenschaftliche und juristische Einsprüche verfasst. Die Sprecher der Bürgerinitiativen aus den verschiedenen Dörfern vertraten am deutlichsten die Meinung des Publikums. Alarmiert durch die Warnungen der Umweltschützer und die Welle von Umweltskandalen ..., vertraten sie zunächst ökonomische Interessen. Sie fürchteten mit gutem Grund für die Landwirtschaft, die Mais- und Getreidefelder, Obst- und Tabakplantagen, Fischerei, fürs Grundwasser, die Wälder.

Die stärkste geschlossene Gruppe sind die Winzer. Jahrelang durch Subventionen, Rebumlegungen, Einführung moderner Methoden und sehr viel Familienarbeit hochgezüchtet, soll jetzt der Kaiserstuhlweinbau den Interessen der Privatindustrie geopfert werden. Das sieht kein Mensch ein ...

Das Publikum hat sich in den zwei Tagen Erörterungstermin nicht aufs Zuhören beschränkt. Es revoltierte mit Sprechchören, Zwischenrufen, Pfiffen. Zum ersten Mal riefen die Leute den lapidaren Sprechchor: "Das KKW wird nicht gebaut!" Und als die Bürgerinitiativen am Nachmittag des 10. Juli zum Auszug aufriefen, blieben praktisch Regierung, Industrie, Polizei und Presse im Saal - eine sinnfällige Allianz.

Walter Massmann: Die Bevölkerung ist hellwach!; in: Kursbuch Nr. 39, 1975, S. 129 ff.; zitiert nach: Christoph Kleßmann / Georg Wagner (Hrsg.): Das gespaltene Land, München (Beck Verlag) 1993, S. 260-262

 

B 7  Protestfahrt gegen das KKW Wyhl

Text des Plakats: Der Wyhler Wald warnt euch alle, KKW ist eine Todesfalle 

Bild: Elefanten Press

 



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