Zeitschrift 

Medien

 

BAUSTEIN A

Massenmedien 



 

Inhaltsverzeichnis

 

Grundsätze der Nachrichtenauswahl

Jeden Tag passieren auf der Welt unendlich viele Dinge. In keiner Zeitung oder Nachrichtensendung kann über alles berichtet werden. Selbst wenn das technisch möglich wäre, so wäre doch niemand in der Lage, so viel zur Kenntnis zu nehmen. Also ist es die Aufgabe der Medien, schon vorher auszuwählen, was überhaupt berichtet werden soll. Welche Ereignisse verdienen es, zur Nachricht zu werden? Journalisten sortieren Informationen nach so genannten Nachrichtenfaktoren. Entscheidend ist das Besondere an einem Ereignis, das es von den vielen anderen Ereignissen, die sonst noch an einem Tag passieren, als etwas Außergewöhnliches hervorhebt. Je nach Medium können die Nachrichtenfaktoren unterschiedlich sein. Das Grundprinzip der Auswahl ist die Frage: Was interessiert die Leser, Hörer oder Zuschauer? Interessant ist immer das, was die Leser, Hörer oder Zuschauer unmittelbar betrifft. Ein gängiges Auswahlschema ist das so genannte

  • "GUN-Prinzip" (siehe Kasten). Weitere Kriterien sind:
  • Nutzwert: Nachrichten, die den Menschen helfen, sich in der Welt zu orientieren, also einen praktischen Nutzen haben (zum Beispiel der Wetterbericht).
  • Ereignisentwicklung: Kürzere und abgeschlossene Ereignisse werden leichter zu einer Nachricht als langfristige Entwicklungen. Beispiel: Über die Verabschiedung der Rentenreform im Bundestag wird eher berichtet als über die vielen Ausschuss-Sitzungen, die diesem Beschluss vorausgingen.
  • Eindeutigkeit: Über Ereignisse, die klar und einfach strukturiert sind, wird eher berichtet als über komplizierte Dinge. "BSE-Erreger in Schweineleberwurst entdeckt" ist eher eine Meldung als ein Bericht über den Forschungsstreit, ob und wie BSE durch Separatorenfleisch übertragen werden kann.
  • Themenkarriere: Ist ein Ereignis erst einmal zur Nachricht geworden, wird darüber gerne kontinuierlich berichtet, beispielsweise über die Trennung von Boris und Barbara Becker oder die Fortsetzungsgeschichte über die Auswahl von Kanzlerkandidaten vor Bundestagswahlen (Schröder versus Lafontaine bis Frühjahr 1998, im Winter 2001/2002: Stoiber oder Merkel).

Das GUN-Prinzip

G = Gesprächswert

Gesprächswert hat ein Ereignis, über das man spricht, diskutiert, sich ärgert oder sich freut. Beispiele für einen hohen Nachrichtenwert sind

- Außergewöhnlichkeit: "Hund beißt Mann" ist keine Nachricht, "Mann beißt Hund" ist eine Nachricht!

- Personenbezug: Über bekannte Personen wird häufiger berichtet. Wenn Joschka Fischer mit dem Jogging anfängt oder aufhört, ist das eine Nachricht; wenn der nur wenigen bekannte Nachbar das Gleiche tut, interessiert das kaum jemand, ist also keine Nachricht.

- Negativität: "Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten." Je schlimmer ein Ereignis ist, desto eher wird darüber berichtet. Unfälle sind alltäglich und nur dann eine Nachricht, wenn es besonders viele, besonders junge Opfer oder im Ausland deutsche Opfer gegeben hat.

- Nähe, vor allem geographische Nähe: Was in der eigenen Stadt passiert, interessiert die meisten mehr als ein Ereignis in Usbekistan.

U = Unterhaltung

Ein Ereignis, das in Verbindung mit der eigenen Lebenswelt steht, das verblüfft oder amüsiert, hat ebenfalls einen hohen Nachrichtenwert. Ausschlaggebend ist die Nähe zur eigenen Lebenssituation, den eigenen Wünschen und Sehnsüchten. So genannte Boulevardthemen, wie Sex and crime, verkaufen sich besonders gut und sind deshalb für Zeitungen wichtig, die in erster Linie am Kiosk verkauft werden.

N = Neuigkeit (oder Überraschung)

Je unerwarteter ein Ereignis eintritt, desto eher wird es zur Nachricht. Der Rücktritt der Gesundheitsministerin hat einen höheren Nachrichtenwert als die wöchentliche Pressekonferenz des Verteidigungsministers.

Medienmacht in Deutschland

Wenn über die Macht der Medien gesprochen wird, heißt es häufig, Medien seien - neben Gesetzgebung, Regierung und Rechtsprechung - eine Art Vierte Gewalt im Staat. Näher betrachtet kommt die Macht der Medien in folgenden "Gewalten" zur Geltung:

  • Medien haben eine umfassende Berichts- und Informationsgewalt. Sie wird dadurch verstärkt, dass der Staat von sich aus kaum informiert, wenn man absieht von PR-Broschüren oder wenig publikumsfreundlichen Publikationen wie Gesetzes- und Amtsblättern oder der Abhaltung von Pressekonferenzen. 
  • Die Medien haben allgemeine Bewertungs- und Beurteilungsgewalt. Sie wird dadurch verstärkt, dass der Staat sich aus den Privatbereichen der Bürger und dem gesellschaftlichen Leben herauszuhalten hat.
  • Die Medien haben Vermittlungsgewalt, weil sie Meinungen veröffentlichen, Leserbriefe auswählen und Gastkommentare übermitteln; außerdem transportieren sie nicht nur Werbung, sondern sind wirtschaftlich in unterschiedlichem Maß auf Werbeeinnahmen angewiesen.
  • Medien haben dann ein Monopol, wenn die Nutzer, Leser oder Hörer keine nennenswerten anderen Informationsquellen zur Verfügung haben.
  • Zusammengefasst: Medien wirken durch ihre permanente Präsenz in Schrift, Bild und Ton als Bewusstseinsbildner und Bewusstseinsveränderer.

In Anlehnung an Rolf Stober: Medien als Vierte Gewalt. Zur Verantwortung der Massenmedien; in: Gerhard W. Wittkämper (Hrsg.): Medien und Politik. Darmstadt (Wiss. Buchgesellschaft) 1992, S. 28

Zeitungslandschaft und politischer Journalismus

Die nachstehenden Angaben basieren auf einer Veröffentlichung der Bundeszentrale für politische Bildung von 1998 (siehe unten) und haben teilweise ältere Untersuchungen als Grundlage, die in Media Perspektiven (1993 und 1994) abgedruckt waren. Für aktuellere Daten verweisen wir auf die Recherchemöglichkeiten, die das Internet bietet, zum Beispiel: http://db.ard.de/

Tabelle 1
Fest angestellte Journalisten in Deutschland

Medium

absolute Zahl

Prozent

Tages-, Sonntags- und Wochenzeitungen

17 100

47,5

Zeitschriften und Stadtmagazine

6 300

17,5

Öffentlichrechtlicher Rundfunk

6 175

17,0

Anzeigenblätter

2 500

7,0

Privat-kommerzieller Rundfunk

2 325

6,5

Nachrichtenagenturen, Mediendienste

1 600

4,5

Summe

36 000

100,0

Quelle: Forschungsgruppe Journalistik

In der Zeitungslandschaft der Bundesrepublik Deutschland dominieren eindeutig die regionalen und lokalen Zeitungen. Unter den etwa 140 Tageszeitungen gibt es nur fünf eindeutig überregionale: die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Frankfurter Rundschau, die Süddeutsche Zeitung aus München, die Tageszeitung und Die Welt, beide aus Berlin. Von den insgesamt 220 Radiostationen in Deutschland sind die 170 privaten Stationen weitgehend auf lokaler Ebene und dort oft in Kooperation mit Zeitungsverlagen. Die meisten Journalisten sind ressortübergreifend im lokalen Bereich oder in einer Region tätig. Einer von fünf Journalisten arbeitet in einer Lokalredaktion.

Tabelle 2
Journalistinnen und Journalisten nach Ressorts

N = 54 000 fest angestellte und freie Journalisten, Angaben in Prozent

Ressort

Prozent

Ressortübergreifend

22,0

Lokales

18,4

Politik

18,0

Sonstige Ressorts

13,8

Kultur

12,0

Sport

7,0

Wirtschaft

5,7

Unterhaltung

3,1

Summe

100,0

Quelle: Media Perspektiven 1/1993, S. 27

Die politischen Journalisten sind überdurchschnittlich qualifiziert. Gut drei Viertel von ihnen haben einen Hochschulabschluss, während es allgemein nur zwei von dreien sind. Die Gruppe unter den politischen Journalisten, die direkten Kontakt zur politischen Elite hat, ist aber relativ klein; auch von ihnen verarbeiten die meisten Agenturmeldungen. Die Tabellen auf Seite 6 geben Aufschluss über die Anzahl der fest angestellten Journalisten, über die Aufteilung nach Ressorts und über das Selbstverständnis der politischen Journalisten.

Tabelle 3
Selbstverständnis der Journalisten

Nähe der Journalisten zu einer politischen Partei (Selbsteinschätzung, 1994)

Parteinähe

Prozent

Keine Nähe zu einer Partei

27,9

SPD

22,5

Bündnis '90/Grüne

17,4

CDU/CSU

10,6

Keine Angabe

8,4

FDP

8,2

PDS

4,0

Sonstige

1,0

Summe

100,0

Quelle: Media Perspektiven 4/1994, S. 162

Tabellen nach Klaus-Dieter Altmeppen, Martin Löffelholz: Zwischen Verlautbarungsorgan und "Vierter Gewalt". Strukturen, Abhängigkeiten und Perspektiven des politischen Journalismus; in: Ulrich Sarcinelli (Hrsg.): Politikvermittlung und Demokratie in der Mediengesellschaft, Band 352. Bonn (Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Bd. 352) 1998, S. 102 f.

 

 


Copyright ©   2002  LpB Baden-Württemberg HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de