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Claus Leggewie im Gespräch mit Esther Dyson Claus Leggewie: Frau Dyson, Sie gelten ... als Vertreterin einer möglichst staatsfreien oder staatsfernen Wissensgesellschaft, in der sich die Individuen frei und möglichst ungestört von administrativer Kontrolle entfalten sollen, und im Wesentlichen die Märkte die gesellschaftliche Entwicklung steuern ... Sie setzen sich vehement für eine Selbstregulierung des Internets ein ... Esther Dyson: ... Freiheit und Verantwortlichkeit sind für mich unmittelbar miteinander verbunden. Also bedarf es einer gewissen Regulierung, wenn man eine zivilisierte Welt schaffen will, wie ich sie mir wünsche. Aber diese entsteht auf der Grundlage lokaler Regelungen, nicht von oben nach unten ... So viel wie möglich muss von unten nach oben geregelt werden ... K.L.: Sie erinnern sich an die Eröffnungsrede des bayrischen Ministerpräsidenten zu unserem Kongress "Internet und Politik" im Februar 1997, in der er die Einrichtung einer Internetpolizei zum Schutz der Bürger gegen Pornographie und Rechtsradikalismus im Netz ankündigte. Was würden Sie ihm und anderen besorgten Vertretern des deutschen Staates raten? E.D.: Die beste Antwort auf solches Zeug im Netz besteht darin, den individuellen Netzbenutzern die Instrumente zu geben, es selbst herauszufiltern. Rechtsradikale Propaganda kann man nur mit der Wahrheit beantworten und nicht, indem man sie unterdrückt. K.L.: ... Die Deutschen haben die Erfahrung gemacht, wie wenig Aufklärung und Wahrheit gegen totalitäre und faschistische Ideologien ausrichten. Ist es da nicht besser, eine oberste Aufsichtsbehörde zu haben, die im Notfall eingreifen kann? E.D.: Die hatten die Deutschen doch! Und sie wurde am Ende von Hitler korrumpiert. Ganz prinzipiell bin ich eher für eine ziemlich bewegliche Umgebung, in der niemand Zugriff auf die Kontrolle aller Kommunikationsinhalte hat. Lasst die Inhalte für sich selber streiten, in einem offenen Markt. Ich habe genug Zutrauen in die Menschen, dass sich am Ende die Wahrheit durchsetzen wird. K.L.: Dem widersprechen die historischen Erfahrungen in Deutschland. E.D.: Ich weiß, denn Menschen sind nicht perfekt, und gerade deshalb vertraue ich mehr offenen Märkten als der Hoffnung, dass jeder Ministerpräsident ein aufrechter Mensch sein wird. K.L.: Wie würden Sie denn das öffentliche Interesse oder das gemeinsame Gut der Internet-Gesellschaft definieren? E.D.: Jedenfalls kann es nicht durch jemanden definiert werden, der uns ein gutes Gesetz macht. Ich vertraue mehr auf die Individuen, auf die moralische Urteilskraft erwachsener Menschen ... Gekürzte Fassung von: Claus Leggewie im Gespräch mit Esther Dyson. In: Claus Leggewie, Christa Maar (Hrsg.): Internet & Politik. Von der Zuschauer- zur Beteiligungsdemokratie. Köln (Bollmann) 1998, S. 111-119
Zeichnung: Thomas Plaßmann, Frankfurter Rundschau, 16.1.2001
Filter gegen Sex und Gewalt blockieren die politischen Gegner oft gleich mit - und werden von Kindern überlistet Die Filter arbeiten nach zwei Methoden: Sie untersuchen den eingehenden Datenstrom auf verbotene Wörter, oder sie blockieren den Zugang zu schlechten Seiten (Site-Blocking). Erstere [Methode] kann nur Leuten einfallen, die nicht wissen, was sie tun - und dann fällt Staatsexamen dem Sex-Filter zum Opfer, die Aufklärungsseite von Pro Familia sowieso. Die zweite [Methode] ist in Grenzen wirkungsvoller, aber auch gefährlicher. Halbwegs aktuelle Listen von Porno-Servern aufzustellen, ist höchst arbeitsintensiv. Die Dateien werden als Betriebsgeheimnis verschlüsselt ... Alle diese Unschärfen und Grauzonen soll das Projekt Pics vermeiden. Die unter Führung der Bertelsmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit AOL, British Telecom, Microsoft, Network Solutions, T-Online, UU-Net und anderen Branchengrößen agierende Internet Content Rating Association (www.ira.org) hat das System entwickelt. Es beruht - darauf legen die Initiatoren Wert - auf einer freiwilligen Selbsteinschätzung der ... Anbieter. Es teilt die Netzwelt in vier Kategorien ein: Gewalt, Sex, Nacktaufnahmen und (ungehörige) Sprache. In jeder Kategorie stehen fünf Stufen zur Verfügung. "Null" erlaubt nichts, "Vier" alles. Pics ist in die Browser von Microsoft und Netscape/AOL eingebaut und kann jederzeit aktiviert werden. Der Versuch lohnt sich: Kaum sind die Filter aktiviert, ist das World Wide Web verschwunden, zumindest das deutsche. Alle Seiten ohne Pics-Rating sind verschwunden ... Damit bleibt Pics reine Theorie: ... Der Gedanke einer "freiwilligen" Selbsteinschätzung ist ein Witz ... Wenn Pics oder ähnliche Systeme auch nur die kleinste Chance haben sollen, wird man das Rating a) obligatorisch machen und b) seine Korrektheit überwachen müssen. Das Internet wäre damit freilich nicht mehr das, was es heute ist. Es gäbe ein offizielles Netz, in dem nur Anbieter agieren, die das Geld und den Willen haben, ihre Inhalte einem vielleicht teuren Rating zu unterwerfen. Nur noch dieses Netz wäre mit den handelsüblichen Browsern zu erreichen, das dann, wie es der Zufall will, den großen E-Commerce-Häusern und der Unterhaltungsindustrie einen idealen Kanal für die Ausstrahlung ihres Angebots bis ins letzte Kinderzimmer bieten würde. Daneben gäbe es eine Art Untergrund-Web, mit speziellen Browsern erreichbar, wenn überhaupt. Schon heute werden von der einschlägigen Industrie Server angeboten, die man so einstellen kann, dass sie nur Inhalte mit Rating-Siegel weitergeben ... [Es gibt] zu denken, mit welcher Dreistigkeit eine Industrielobby sich das Recht zur "Grenzbeschlagnahmung" im Internet anmaßt - und mit welcher Gleichgültigkeit die Öffentlichkeit zusieht, wie das Grundrecht des freien Austausches von Informationen genau dann demontiert wird, [wenn] es zum ersten Mal von allen genutzt werden könnte. Michael Charlier: Alles oder nichts ..., Frankfurter Rundschau, 16.1.2001. Homepage: www.Netgeschichten.de/filter.shtml
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