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Zeitschrift Medien Texte und Materialien C 1 - C 12 Das Fernsehen C 6 - C 8
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Nach Christian Hörburger: Krieg im Fernsehen. Didaktische Materialien und Analysen für die Medienerziehung. Tübingen 1996 (Verein für Friedenspädagogik e.V.), S. 47 (verändert: P&U)
Kameras suchen im Gerichtssaal das wirkliche Leben - und verändern es durch ihre bloße Anwesenheit Seifenopern langweilen mittlerweile das Publikum, Reality-TV ist als Inszenierung der Wirklichkeit enttarnt worden, und auch die Trashsendungen aus dem Container werden bald auf dem Müll landen. Etwas wirklich Spannendes muss her, Sendungen aus dem wirklichen Leben gewissermaßen, in denen das Ende offen ist. Als ... der deutsche Nachrichtenkanal N 24 vier Stunden live aus dem Miami Dade Court das Match Boris Becker gegen Babs Becker übertrug, hockten die Zuschauer vor dem Bildschirm und waren fasziniert. Was für Typen. Der Anwalt von Babs etwa, der dickliche Samuel Burstyn trieb den Tennisstar in die Ecke, und seine Fragen knallten auf wie Asse: "Ist es nicht so, dass Sie nicht über Ihre finanziellen Verhältnisse sprechen wollen, weil Sie sich in einer kriminellen Auseinandersetzung mit den deutschen Steuerbehörden befinden?", fragte Burstyn böse. Becker erbleichte und wirkte hilflos ... Der gelangweilte Richter, der ein Pokerface aufsetzte, der dickliche Saaldiener im Hintergrund und die fein gekleideten, etwas unglücklich agierenden Becker-Anwälte, das waren Figuren, die in jedes Drehbuch gepasst hätten. Eine Fortsetzung der Scheidungsschlacht "Rosenkrieg live aus Miami" hätte hohe Quoten garantiert. Über die Jahre gesehen ... hat das deutsche Fernsehen, wenngleich mit einiger Zeitverzögerung, die meisten amerikanischen Entwicklungen übernommen ... Der Streit vor Gericht kann bald im Programm sein. Mit Gerichtsshows wie bei SAT 1 hat es begonnen - bald soll es wirklich live und echt zugehen ... [Dabei ist es] beispielsweise nicht ohne Bedeutung, ob ein Angeklagter bis zum Urteil noch als unschuldig zu gelten hat, was durch TV-Bilder in Frage gestellt werden könnte. Und von Interesse dürfte auch sein, ob die Justiz Teil der Unterhaltungsindustrie werden soll. Im Januar 1981 entschied das höchste amerikanische Gericht ..., Fernsehsendungen aus dem Gerichtssaal seien grundsätzlich zulässig. Die Welt der Bilder zog in die Gerichtssäle ein und in mehr als 40 Bundesstaaten darf mittlerweile live aus der Hauptverhandlung gesendet werden. Das Urteil wurde damals als Sieg der Pressefreiheit gefeiert, und die Begründung des US-Gerichts vor zwanzig Jahren war nicht viel anders als die Argumentation ... heute: "Authentische Eindrücke vom Geschehen und Aussagen vor Gericht erlauben der Bevölkerung ein eigenes Urteil", erklärte der Bündnisgrüne [Christian Ströbele] ... Seit 1991 gibt es [in den USA] den Kanal Court TV, der aus den Gerichtssälen sendet, und manche Prozesse gingen in einer Flut von Bildern unter ... Es gibt eine Macht der Bilder, die ... weit größer ist als die Macht der Worte. In Amerika scheuen vergewaltigte Frauen mittlerweile den Gang vor Gericht, weil sie sich vor laufender Kamera keinem Kreuzverhör unterziehen wollen. Bei Sendungen aus dem Gerichtssaal, hat der legendäre Gerichtsreporter Gerhard Mauz ... geschrieben, sei der Zuschauer "auf eine Weise dabei, die einen von dem, was tatsächlich geschieht, perfekt ablenkt. Man kann sich kein Bild machen, es wird einem ein Bild gemacht. Der Irrtum, ein Bild oder gar das bewegte Bild gebe die Wirklichkeit wieder, wird gekrönt." Dem Zuschauer werden subjektive Kompositionen der Regie geboten, die durch ein Objektiv aufgenommen werden, und er glaubt, es sei die Realität. Wenn aber eine Kamera im Raum ist, verändert sich die Wirklichkeit. Noch gilt in Deutschland der Paragraph 169 des Gerichtsverfassungsgesetzes, dass die "Verhandlungen vor dem erkennenden Gericht einschließlich der Verkündung der Urteile und Beschlüsse" zwar öffentlich sei, "Ton- und Filmaufnahmen zum Zwecke der öffentlichen Vorführung oder Veröffentlichung ihres Inhaltes" allerdings "unzulässig" seien. Der Übergang ist fließend. [Manche Juristen] fordern seit Jahren, dass das Fernsehen in Gerichtssälen zugelassen werden müsse. "Nicht nur die Berufsbesucher der öffentlichen Verhandlungen müssen unsere Justiz bei der Arbeit sehen können, sondern wir alle." Hans Leyendecker: Du sollst dir kein Bild machen lassen. Süddeutsche Zeitung, 9. Januar 2001 (gekürzt)
Aus einem Interview mit Jörg Kaiser, Leiter des Büros von Caritas International in Mazedonien, zur Medienberichterstattung während des Kosovokrieges Welche Medienvertreter waren vor Ort? - J. K.: Es gibt drei Gruppen von Medienvertretern, die vor Ort waren. Da sind zuerst die Journalisten, die sich immer in Krisenregionen aufhalten. Dann gibt es die Journalisten, für welche die Krise eine Gelegenheit war, um für zwei, drei Wochen von der Redaktion wegzukommen. Und dann gibt es die Gruppe, die in Anzug und Krawatte auftaucht und meistens mit Regierungsvertretern zusammen anreist. Die warten im Büro, bis die Leute aus dem Feld kommen und ihnen berichten, anstatt sich selbst ein Bild zu machen. Korrespondenten, die ständig vor Ort sind, gibt es nur wenige. Wie gut sind die Journalisten über die Lage vor Ort informiert? - Die Krisenberichterstatter kennen sich in der Regel in Krisenregionen aus und wissen auch relativ viel über die Hintergründe. Die zweite Gruppe, diejenigen die von zu Hause weg wollen, bringen das als Informationen mit, was sie in den Medien zu Hause gehört haben und sind eigentlich nur an wilden Geschichten interessiert. Und die dritte Gruppe, die sind wahrscheinlich am besten informiert, weil sie sich intensiv auf solche Reisen vorbereiten. Aber insgesamt hatte ich den Eindruck, dass alle desinformiert waren. Das liegt daran, dass die Informationen, die es in den einzelnen Ländern über die Situation vor Ort gibt, sehr unterschiedlich sind. Das deutsche Fernsehen stellt die Lage völlig anders dar als das britische oder französische. Das heißt ja zugespitzt: Die Medien sehen nur das, was sie sehen wollen und berichten auch nur darüber. Wie kommt es zu dieser verzerrten Wahrnehmung? - Zum einen sind die Journalisten durch die Wahrnehmung des Konflikts in ihrem Heimatland geprägt. Diese Wahrnehmungsmuster haben oft eine jahrzehntelange Tradition, beispielsweise, dass die Deutschen sich eher den Kroaten verbunden fühlen, während die Franzosen in der Regel eher mit den Serben sympathisieren. Diese Sachen wirken unbewusst weiter. Zum Zweiten spielen strukturelle Faktoren eine Rolle. Journalisten müssen ihre Geschichten auch verkaufen. Verkaufen lassen sich alle Ereignisse mit Nachrichtenwert. Eine Geschichte, in der die Vertreibung aus der Perspektive eines einzelnen Kindes geschildert wird, hat einen höheren Nachrichtenwert als ein Bericht über die jahrhundertealten Konflikte, die hinter der heutigen Krise stecken. Mit dem Kind kann man sich identifizieren, mit Konfliktlinien nicht ... Daneben gibt es gezielte Versuche, die Berichterstattung zu beeinflussen. Zum Dritten liegt diese verzerrte Wahrnehmung auch daran, dass die Militärs vor Ort ein Interesse an einer bestimmten Berichterstattung haben und nur Informationen herausgeben, die dem entsprechen. Wenn nur die Gräueltaten der Serben bekannt werden, heißt das automatisch: Die Albaner sind die Guten, und überprüfen kann man das vor Ort nur schwer ... An welcher Art von Informationen waren die Journalisten interessiert? - Die Journalisten wollten keine Hintergrundberichte ... Hintergrundberichte kann man nicht verkaufen. Was man verkaufen kann, sind: weinende Kinder, fliehende Massen, Sterbende, Frauen in Not ... Schwierig wird es schon, wenn du sagst: da sind Männer, die Not leiden; das kann man schon wieder nicht verkaufen, weil es nicht in die Erwartungen der Zuschauer passt. Für die Hintergrundberichte hat sich allenfalls die dritte Gruppe der Journalisten ansatzweise interessiert. Als ich einmal einige aus dieser Gruppe, alles Journalisten renommierter Blätter, darauf angesprochen habe, warum sie immer wieder die gleichen Lügen schrieben, bekam ich als Antwort: "Die Wahrheit ist zu komplex, um sie den deutschen Lesern zu vermitteln." Welche Rolle haben die Bilder in der Berichterstattung gespielt? - Die Bilder haben ganz entscheidend die Wahrnehmung des Kosovokrieges geprägt. Mein Standardbeispiel dafür ist: Als ich mit meiner Schwester nach Pristina fuhr, schlief sie im Wagen. Bei der Einfahrt wecke ich sie und sage: "Wir sind in Pristina". "Das kann nicht sein", sagt sie. "Ich habe diese Stadt jeden Tag über Monate hinweg im Fernsehen gesehen; Pristina ist völlig zerstört und hier ist ja überhaupt nichts zerstört." Das Bild, das die Medien übermittelt haben, hatte mit der realen Situation nichts zu tun. Im Zentrum von Pristina war nur ein Haus zerstört. Man sucht sich immer nur die Bilder raus, die man verkaufen kann. Mit Bildern kann man besser Emotionen hervorrufen als mit Texten. Das Interview fand am 3. Januar 2001 in Freiburg statt. Die Fragen stellte Inga Squarr.
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