Zeitschrift 

Die siebziger Jahre

Facetten eines Jahrzehnts

Neue soziale Bewegungen -
zwei Beispiele

Die neue Ostpolitik

Die Ära Honecker

Terrorismus
 

Heft 2/2003 
Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis

Baustein D

Die Ära Honecker


Während die übrigen Bausteine in diesem Heft vor allem die Gesellschaft und die Politik der siebziger Jahre in der "alten" Bundesrepublik darstellen, ist diese Unterrichtseinheit, der Baustein D, der Situation in der DDR während dieses Zeitraums vorbehalten. Das hat vor allem drei Gründe:

  1. In den siebziger Jahren kam es dort mit dem neuen Programm "Einheit von Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik" und seinen Begleiterscheinungen zu einem Wandel, der das Bild der ehemaligen DDR bei vielen Ost- (aber auch bei West-)Deutschen weitgehend bestimmt und oftmals sogar allzu positiv verklärt hat. Die Anfangsjahre der Honecker-Ära gehörten zweifellos nicht nur aus der SED-Perspektive zu den erfolgreichsten, sondern auch aus der Sicht der Bevölkerung. Auch in der DDR gab es einen bescheidenen Zuwachs an Wohlstand. (Siehe Kasten: Die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik.) Parallel dazu wurden jedoch der Überwachungsstaat rigoros ausgebaut und der Primat der Partei mit vielfältigen Mitteln gesichert. "Das Mehr an sozialer Sicherheit war mit einem Mehr an Überwachung und Polizeistaat verbunden. Diese Janusköpfigkeit ist das Charakteristikum der DDR."6 (Siehe Strukturskizze 3: Die Doppelstrategie der SED in der Ära Honecker.)

  2. Die "Wende" in der DDR 1989 ist ohne die Kenntnis der politischen Weichenstellungen durch die SED-Führung in den siebziger Jahren nicht zu verstehen. Die Ursachen für den Zusammenbruch des SED-Regimes sind zu einem nicht geringen Teil in der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik der Ära Honecker - insbesondere während der siebziger Jahre - zu suchen. Der Erosionsprozess der DDR begann schon damals. (Vergleiche D 8, D 9, D 10.)

  3. Als Konsequenz der Entspannungspolitik vollzog die SED in den siebziger Jahren eine grundsätzliche Wende in ihrer Interpretation der deutschen Frage. An die Stelle des "deutschen Arbeiter- und Bauernstaates" trat nach der Verfassungsänderung von 1974 durch einen Volkskammerbeschluss "der sozialistische Staat der DDR". Das Ziel der Wiedervereinigung wurde aufgegeben, und jeder Gedanke an eine gemeinsame deutsche Nation wurde gewaltsam unterdrückt (D 14, D 15). Gleichzeitig vollzog die DDR ihre stärkere Einbindung in den Ostblock und den forcierten Ausbau der Freundschaft zu Breschnews Sowjetunion.

 

Die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik

Während Ulbricht mit seinem wirtschafts- und sozialpolitischen Kurs noch entschlossen war, der DDR-Bevölkerung Opfer abzuverlangen ... und Gegenwartsforderungen und Hoffnungen in die Zukunft zu verlagern, deutete sich mit dem Wechsel zu Honecker und dem VIII. Parteitag ein Perspektivenwechsel an. Honecker kritisierte auf dem Parteitag nicht nur die Mängel der vergangenen Jahre ..., sondern die Disproportionen zwischen Wirtschaft und sozialer Entwicklung insgesamt. Er machte vielmehr deutlich, dass die Wirtschaft Mittel zum Zweck sei ... In seiner Sicht sollten Produktionsfortschritte nun schneller als früher den Werktätigen zugute kommen ... Konkret sollte es um die Steigerung der Konsumgüterproduktion mit dem Ziel einer stabilen Versorgung und ... einer leistungsgerechten Einkommensentwicklung gehen ... Von besonderer Bedeutung war die Ankündigung über den Wohnungsbau mit der konkreten Zahlenangabe von 500 000 zu schaffenden Wohnungen ...

Auch als sich die DDR im Laufe der siebziger Jahre ... wirtschaftlichen Turbulenzen ausgesetzt sah, hielt die Parteiführung an dem zu Beginn des Jahrzehnts eingeschlagenen Kurs fest ... Die Kosten für die Verwirklichung der sozialpolitischen Ziele waren ebenfalls seit den frühen siebziger Jahren klar, sie mussten zu Lasten der Investitionsquote gehen und würden eine weitere Verschuldung vor allem im Westen bedeuten ... Die Explosion der Preise auf dem Weltmarkt und die Aufnahme von Krediten für Importe von Konsumgütern belasteten ständig die Zahlungsbilanz ... Gleichzeitig machten diese Probleme deutlich, dass die Pläne immer wieder revidiert werden mussten und schließlich zur Fiktion wurden, dass Investitionen zu kürzen waren und es aufgrund der Exportnotwendigkeiten an allen Ecken an Mitteln fehlte, um veraltete Maschinen und industrielle Anlagen zu erneuern ...

Obwohl sich die Kosten zu einer existenzbedrohenden Höhe entwickelten, wurden diesbezügliche Einsichten und Mahnungen zuguns-ten der politischen Prioritäten zurückgestellt ... Die SED-Führung war [auch in den achtziger Jahren] nicht in der Lage, die Probleme von zunehmendem Konsum, abnehmender Investition, aufwändigen Sozialmaßnahmen und Subventionen und insgesamt schwächer werdender wirtschaftlicher Leistungskraft zu bewältigen. Auch die Hoffnung, ... die Sozialpolitik würde die Menschen zu höheren Leistungen stimulieren und dadurch die Arbeitsproduktivität steigern, erfüllte sich nicht.

Beatrix Bouvier: Die DDR - ein Sozialstaat?, Berlin (Dietz Verlag) 2002, S.70, S. 86-88 und S. 333f.

 

Methodische Anregungen

Die Materialien für diesen Baustein sind so ausgewählt, dass die Schülerinnen und Schüler die Doppelbödigkeit der Ära Honecker selbsttätig erarbeiten können. Sie sollen dabei erkennen, dass die Honeckersche Politik einerseits durch eine eindeutige Ausrichtung auf die Konsumgüterindustrie die Akzeptanz des sozialistischen Systems bei der Bevölkerung verbessern sollte (D 5 bis D 8) und dass andererseits in der Ära Honecker die Gängelung und Überwachung der DDR-Bürger besonders ausgeprägt waren und wesentlich subtiler und effizienter erfolgten als zur Zeit des von der Macht vertriebenen Walter Ulbricht (D 11 bis D 13).

Beide Maßnahmen sollen als Mittel des SED-Regimes zur Systemstabilisierung verstanden werden; sie fügen sich zu den untrennbaren beiden Seiten einer Medaille zusammen: "Im Sinne einer Politik von ,Zuckerbrot und Peitsche' war die DDR in der Ära Honecker auch mehr als nur ein ,autoritärer Versorgungsstaat'... Die DDR dieser Zeit war eine ,Versorgungsdiktatur'."7 Das neue Konzept der "Einheit von Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik" überforderte die DDR-Planwirtschaft und führte geradewegs in die Wirtschafts- und Verschuldungskrise. Der gleichzeitige Ausbau des Überwachungsstaates wiederum stärkte die oppositionellen Kräfte in der DDR. Beide Elemente der Politik Honeckers haben also entscheidend zum späteren Zusammenbruch des SED-Regimes beigetragen.

 

Die Doppelstrategie der SED in der Ära Honecker 

Neues Programm "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik"

Ausbau der ideologischen und politischen Grundlagen des real-sozialistischen Systems
  • Konsum- und Wohlstandsorientierung
  • Verbesserung des Lebensstandards der Bevölkerung
  • Verstärkte Anstrengungen im Wohnungsbau
  • Erhöhung der Mindestlöhne und -renten
  • Einführung des "Babyjahres" für Frauen
  • Ausbau der staatlichen Freizeit- und Ferienprogramme
  • Aufwertung des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi)
  • Intensivierung der Überwachung der Bevölkerung
  • Verschärfung der Repressionen gegenüber Andersdenkenden
  • Durchsetzung strenger Parteidisziplin ("demokratischer Zentralismus")
  • Abgrenzung gegenüber der Bundesrepublik Deutschland (Zwei-Nationen-Theorie)
  • Stärkere Hinwendung zur Sowjetunion

Ziele

Stabilisierung des SED-Regimes
 Internationale Anerkennung der DDR

 

Nach Scheitern des Programms: 
wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung
Verschärfung und Perfektionierung des Überwachungsapparates

Strukturskizze 3

 

"Die ,Erfolgsmeldungen' der Wirtschafts- und Sozialpolitik beim hilflosen Kopieren westlichen Konsums, die Stagnation in Partei und Gesellschaft, die Einengung schon als eröffnet geglaubter Horizonte ... - all dies schuf in den siebziger Jahren ganz stark den Eindruck, dass die SED mit ihrer damaligen Führung zur nötigen grundlegenden Neuorientierung nicht mehr in der Lage sei."8

Fallanalyse: Die Ausbürgerung Wolf Biermanns

Der 1936 in Hamburg geborene Liedermacher Wolf Biermann war 1953 in die DDR übergesiedelt. Während einer Konzertreise durch die Bundesrepublik wurde er im November 1976 von der DDR ausgebürgert.

An diesem Vorgang lässt sich der Charakter der SED-Politik exemplarisch aufzeigen - insbesondere die Beschränkung und Zurücknahme der zunächst propagierten Liberalisierung auf dem Feld des kulturellen Lebens. Es ist zu erwarten, dass die Maßnahmen des SED-Politbüros und die mutigen Proteste zahlreicher Intellektueller und vieler einfacher Menschen in der DDR gegen die Ausbürgerung auch heute noch das Interesse der Jugendlichen finden werden (D 12).

Geeignete Darstellungen für eine exemplarische Behandlung

  • Wolf Biermann: Die Ausbürgerung; in: "Der Spiegel" vom 29. Oktober, 5. November und 12. November 2001

  • Klaus Henke u.a. (Hrsg.): Widerstand und Opposition in der DDR, Köln u. a. (Böhlau Verlag) 1999, S. 281-294

  • Martin Jander: Der Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung; in: Klaus Henke u.a. (Hrsg.): Widerstand und Opposition in der DDR, Köln (Böhlau Verlag) 1999, S. 281-294

  • Klaus Michael: Feindbild Literatur. Die Biermann-Affäre; in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 22-23/1993, S. 23-39

  • Fritz Pleitgen (Hrsg.): Wolf Biermann. Die Ausbürgerung, Berlin 2001
    Hermann Weber: Die DDR 1945-1990, München (Oldenbourg Verlag) 2000, S. 93f.

 

Mögliche Aufgaben

  • Nennen Sie die Elemente des SED-Programms "Einheit von Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik".

  • Worin lagen die Gründe für das Scheitern des Programms?

  • Bisweilen wird die "Ära Honecker" als eine "Zeit des Tauwetters in der DDR" bezeichnet. Nehmen Sie zu dieser Auffassung Stellung.

  • Stellen Sie die beiden Seiten der SED-Politik unter Honecker einander gegenüber.

  • Erklären Sie, weshalb die DDR sich nach der Abkehr von der Einheit der Nation (Zwei-Nationen-Theorie) nur noch ideologisch definieren konnte (D 14).

  • Erörtern Sie, weshalb in der Ära Honecker der spätere Zusammenbruch der DDR in der "Wende" 1989 angebahnt wurde.

 


6 Beatrix Bouvier: Die DDR - ein Sozialstaat? Berlin (Dietz Verlag) 2002, S. 337

7 Beatrix Bouvier, a.a.O., S. 337

8 Rainer Land; in Detlef Pollack / Dieter Rink: Zwischen Opposition und Verweigerung. Frankfurt/Main - New York (Campus) 1997, S. 136 f.

Texte und Materialien
BAUSTEIN D Die Ära Honecker

D 1 Die DDR im Spiegel von Sondermarken
D 2 bis D 10 Von Ulbricht zu Honecker
D 11 bis D 13 Der Ausbau des Überwachungsstaats
D 14 und D 15 Zwei Staaten, zwei Nationen?
D 16 DDR-Witze aus den Siebzigern

 


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