Landwirtschaftlich nutzbare Flächen bilden die unabdingbare Basis für die Ernährung der
Weltbevölkerung. Dabei müssen eine Reihe von limitierenden Faktoren zur Kenntnis
genommen werden:
- Rund 80 Prozent der Erdoberfläche sind für eine landwirtschaftliche Nutzung
ungeeignet, sei es aufgrund eines zu steilen Reliefs, zu niedriger oder zu hoher
Temperatur oder wegen mangeln dem Wasser,
- Von den verbleibenden 20 Prozent - das sind absolut etwa 3,2 Milliarden Hektar - werden
et was mehr als 1,2 Milliarden Hektar ackerbaulich genutzt.
- In die landwirtschaftliche Nutzung einbezogene Flächen können durch Versatzung,
Kontamination, Vernässung oder aufgrund anderer Schädigungen, etwa unsachgemäßer
Bearbeitung, verloren gehen. Empfindliche Verluste von Ackerland können auch durch
Naturkatastrophen verursacht werden.
- Zudem reduzieren die Ausdehnung der bestehen den Siedlungsflächen ebenso wie der
stetig an wachsende Flächenbedarf für die Realisierung von Infrastrukturprojekten aller
Art permanent die verfügbaren potentiellen Anbauflächen.
- Die Ausweitung der bestehenden landwirtschaftlichen Nutzflächen ist in der Regel sehr
kostenintensiv und in vielen Fällen ökologisch riskant.
Die Tatsache, daß landwirtschaftlich nutzbarer Boden eine endliche Ressource ist, die
nicht beliebig ausgedehnt werden kann, führt zusammen mit der anwachsenden
Weltbevölkerung dazu, daß die jedem Menschen rein rechnerisch zur Verfügung stehende
Hektarzahl landwirtschaftlicher Nutzfläche stark abnimmt. Allein seit 1960 hat sich
dieser Wert halbiert und wird nach den jüngsten Angaben des World Resources Institute und
des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) für 1994 auf 0,22 Hektar pro Person
beziffert (WRI & UNEP: World Resources 1998-99. New York. 1998. S. 286). Prognosen der
Welthungerhilfe sagen voraus, daß bis 2025 dieser Wert auf 0,2 Hektar pro Person ab
nehmen wird. Bei gleichbleibendem Ertrag je Hektar ist folglich auch die Erntemenge pro
Kopf rückläufig. Während 1980 noch 380 kg pro Weltbewohner er zeugt wurden, wird dieser
Betrag in nur 35 Jahren bis 2015 auf 266 kg pro Kopf abgesunken sein.
Die Befriedigung des Bedarfs der Menschheit nach Nahrungsmitteln kann deshalb nur in der
Intensivierung bereits erschlossener Flächen liegen und diese kann wiederum nur mit der
Verbesserung agrartechnischer Methoden einhergehen. Nach Jahrhunderten relativer Statik
in der landwirtschaftlichen Produktion sind vor allem seit der Karolingerzeit immer
wieder neue Agrartechniken eingeführt worden. Das hat dazu geführt, daß aus einer
ursprünglich rein subsistenzorientierten landwirtschaftlichen Produktion heute in
Deutschland eine Landwirtschaft entstanden ist, in der ein Landwirt allein über einhundert Personen ernähren kann. Während zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch sechs Landwirte
erforderlich waren, um einen Nichtlandwirt zu ernähren, türmen sich heute trotz
Stillegungssubventionen und Produktionskontingenten in den Lagern der EU Fleisch- und
Butterberge, entstehen Milch- und Weinseen und werden zur künstlichen Stabilisierung von
Marktpreisen sogar Nahrungsmittel vernichtet.
Fortschritte in der Landwirtschaft
Möglich wurde diese gewaltige Produktivitätssteigerung durch eine Vielzahl
agrartechnologischer Verbesserungen, von denen einzelne in ganz besonderem Maße Wirkung
zeigten. So etwa der Wechsel von der Zwei- zur Dreifelderwirtschaft seit der Karolingerzeit sowie die Verbesserung letzterer durch die Einführung neuer Feldfrüchte wie
Luzerne, Klee oder Kartoffeln, welche die Nutzung der vormals eingehaltenen Brachezeit
durch ausgeklügelte Fruchtfolgen von stickstoffmehrenden und -benötigenden
Kulturpflanzen ermöglichten. Als Meilenstein in dem viel zitierten "Wettlauf
zwischen Pflug und Storch" erwiesen sich jedoch die Erkenntnisse des Gießener
Professors Justus von Liebig (1803-1873), die er 1840 in seinem grundlegenden Werk
"Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf die Agrikulturchemie und
Physiologie" festhielt. Angetrieben von der Erkenntnis, daß die maximale
Leistungsfähigkeit der Dreifelderwirtschaft trotz noch so ausgeklügelter Fruchtfolgen
erreicht war, die Bevölkerung aber weiter zunahm, widmete er sich aufbauend auf
Erfahrungen mit verschiedenen Düngetechniken (Kalkmergel, Salpeter, Guano) der
Erforschung des pflanzlichen Nährstoffbedarfs. Liebigs große Bedeutung für die
Landwirtschaft besteht in der Zusammenführung, Systematisierung und Fortführung der
Forschungen im agrarwissenschaftlichen Bereich zur Düngerlehre, in der ein aus gewogenes
Verhältnis von Stickstoff-, Phosphor und Kaliumsalzen als die entscheidenden Verbindungen pflanzlichen Wachstums erkannt wurden. Mit der Ausbreitung der neuen Technik, der
Entdeckung und industriellen Ausbeutung der Kalisalzlagerstätte von Staßfurt bei
Magdeburg und der da mit einhergehenden industriellen Produktion von Dünger konnten die
Ertragszahlen gesteigert und die Nahrungsversorgung verbessert werden. Allein zwischen
1875 und 1925 wurde - allerdings nur durch Verfünffachung der Düngerzugaben -
eine Verdopplung der landwirtschaftlichen Produktion er reicht. Züchtungen und der
zunehmende Einsatz von Landmaschinen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert trugen
ihrerseits zur weiteren Ertragssteigerung bei.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stellen die "Grüne Revolution" und die
Gentechnik die wichtigsten, zugleich aber auch sehr umstrittene Wegmarken in der
Fortentwicklung und Steigerung der globalen Nahrungsproduktion dar. Mit dem erklärten
Ziel, die globale Nahrungsproduktion zu steigern und dem Hunger auf der Welt den Kampf
anzusagen, setzten unter massiver finanzieller Förderung der Rockefeller- und der
Ford-Stiftung bald nach dem Zweiten Weltkrieg Forschungen zur Züchtung von
Hochertragssorten bei Weizen, Reis und Mais ein. Erste Erfolge wurden zunächst bei
Weizen, bald aber auch bei Reis erzielt. Ausgehend von der Überlegung, daß die
Nahrungsmittelproduktion primär in den bedürftigen Regionen, also in Asien und Afrika,
gesteigert werden sollte, kam es seit den frühen sechziger Jahren zum Einsatz von
Hochertragssorten in Asien, insbesondere im indischen Punjab, aber auch in Pakistan,
Indonesien, Thailand und anderen Staaten des bevölkerungsreichsten Kontinents. Norman E.
Borlaug erhielt für seine erfolg reichen Züchtungen im Rahmen der Grünen Revolution den
Friedensnobelpreis. Dies belegt ein drucksvoll, welches Konfliktpotential man im Nobelkomitee dem Problemkreis Ernährungssicherung seinerzeit zurechnete.
Da der Einsatz der Hochertragssorten nicht alleine, sondern nur im Verbund mit einer Reihe
begleiten der Maßnahmen, wie ausreichender Bewässerung, dem Einsatz von Herbiziden,
Fungiziden und Düngemitteln sowie des bevorzugten Einsatzes von Maschinen möglich war
und nach wie vor ist, und es sich zudem zeigte, daß die den Feldern zu verabreichenden
Düngegaben im Laufe der Jahre immer umfangreicher ausfallen mußten, verlor die Grüne
Revolution unter kritischen Sozialwissenschaftlern ihren von anderer Seite vielfach
beschworenen Mythos. Unbestritten konnte die Erntemenge in den ersten Jahren eindrucksvoll
gesteigert werden, konnte die jeder Person rein rechnerisch verfügbare tägliche
Kalorienzufuhr allein in Asien seit den sechziger Jahren bis Ende der achtziger Jahre von
1.700/2.000 Kalorien auf 2.200/2.400 gesteigert werden, doch dieser makroökonomische,
statistische Erfolg ging mit der Verschärfung der sozialen Disparitäten in den
betroffenen Gebieten einher. Dies liegt vor allem an den Investitionen, die für
Pflanzenschutzmittel und Dünger, aber auch für die zunehmende Ökonomisierung der einst
ubiquitär unentgeltlich verfügbaren Ressource Wasser erforderlich wurden und die sich
viele Kleinbauern und Pächter schlicht nicht leisten konnten. Somit kam die Grüne
Revolution in erster Linie den finanziell potenten und in den Augen internationaler Finanzexperten kreditwürdigen Großbauern zugute, während die Abhängigkeit der ländlichen
Unter schichten von den Grundbesitzern, denen auch die Investition in eine
dieselmotorbetriebene Pumpe zur Förderung des immer weiter absinkenden Grundwasserpegels
möglich war, weiter zunahm.
Gentechnik
Der Beitrag der Gentechnik zur Ernährungssicherung ist weniger in Form der direkten
Ertragssteigerung zu sehen, als vielmehr indirekt wirksam, und zwar durch die erhöhte
Resistenz von Kulturpflanzen gegenüber Krankheiten oder Schädlingsbefall und die damit
einhergehende Vermeidung von Ernteausfällen. Als Nebeneffekt einer erfolgreichen
Resistenzsteigerung werden weniger Pflanzen schutzmittel erforderlich und in der Folge
Böden und Grundwasser weniger belastet. So wird etwa der gelungene Einbau des
Schneeglöckchen-Gens, das die Pflanze vor einer Schädigung durch Läuse schützt, in
Reispflanzen, die in besonderem Maße von dieser Schädigung betroffen sind, als einer der
jüngsten Erfolge der Gentechnologie gefeiert. Künftig sollen Schritte zur
Qualitätsverbesserung der produzierten Nahrungsmittel ergänzt werden, die wiederum
positive Rückwirkungen auf die Welternährungssituation haben sollen. Der Schwerpunkt
gentechnologischer Veränderung von Kulturpflanzen liegt zu 99 Prozent in der Erhöhung
der Widerstandsfähigkeit gegen Insektenbefall und Krankheiten und nur zu einem Prozent
in der Verbesserung des Nährstoffgehalts oder der Haltbarkeit. Befürworter der
Gentechnologie vertreten die Ansicht, daß die herkömmlichen Methoden der modernen,
industriell betriebenen Agrarwirtschaft nicht mehr ausreichen, um die wachsende
Weltbevölkerung auch in Zukunft versorgen zu können und sehen im verbreiteten Einsatz
der Gentechnologie den einzig gangbaren Weg.
Deren Gegner warnen vor allem vor den unkalkulierbaren Risiken und den nicht bekannten
möglichen Folgewirkungen der Gentechnologie. Sowohl der Nachweis, daß künstlich in
Kulturpflanzen eingefügte Gene auf andere Kulturpflanzen überspringen können als auch
die jüngsten Irritationen über Wachstumsstörungen und Schädigungen des Immunsystems
bei Ratten, die gezielt mit genmanipulierten toxischen Kartoffeln gefüttert wurden, wird
die Position der gegen den "Gensmog" Kämpfenden stärken.
In den USA ist der Anbau genveränderter Kultur pflanzen auf mehr als acht Millionen
Hektar bereits Wirklichkeit. Lediglich China, Argentinien, Kanada, Australien und Mexiko
sind bislang diesem Beispiel gefolgt. In Europa hat die Europäische Kommission im April
1998 gegen die Bedenken des EU-Parlaments nach 1996 erneut die Vermarktung von gen
verändertem Mais in der Union zugelassen, worauf jedoch Luxemburg und Österreich mit
nationalen Regelungen reagierten und den Import von gen manipuliertem Mais verbaten. Diese
Reaktion sowie die ablehnende Haltung des Umweltausschusses des Europäischen Parlamentes
gegenüber des Beschlusses der EU-Kommission zeigt, wie sehr die Ansichten über den
Einsatz von Gentechnologie in
der Produktion von Nahrungsmitteln auseinander gehen.
Die ertragssteigernden Wirkungen von Grüner Revolution und Gentechnologie sind
zweifelsohne Fortschritte, die dazu beitragen, daß der "Wettlauf zwischen Pflug und
Storch" in den Industrienationen sowie im globalen Rahmen noch immer - wenn auch mit
stetig knapper werdendem Vorsprung vom Pflug gewonnen wird. Der für diesen Sieg zu
zahlende soziale und vor allem ökologische Preis wird jedoch sowohl mit Blick auf die
Grüne Revolution als auch auf die Gentechnologie konträr be ziffert und diskutiert.
Inwieweit das Meer - heute bereits Hauptnahrungslieferant für eine Milliarde meist armer
Menschen eine in Zukunft stärker zu nutzende Quelle der Versorgung der Weltbevölkerung
darstellen könnte, ist umstritten. Zum einen werden zwar beständig neue Nahrungsmittel
aus dieser Sphäre rekrutiert, zum anderen aber kam eine amerikanische Studie jüngst zu
dem Ergebnis, daß elf der zwölf bedeutendsten Fischereigewässer als übernutzt
einzustufen sind, mehr als die Hälfte der Hauptfischarten vom Aus sterben bedroht oder
bereits ausgestorben sind und der abnehmende Fischbestand der Weltmeere ein schneidende
Folgen für die Ernährungssituation vieler Küstenregionen haben wird.
Als Fazit bleibt die Feststellung, daß der Anstieg der Agrarproduktion weltweit zu einer
verbesserten Nahrungsversorgung geführt hat. Doch dieses positive statistische
Durchschnittsergebnis ist nicht gleichzusetzen mit der Zugänglichkeit dieser Nahrungsmittel für jeden. Bereits auf nationalstaatlicher Ebene zeigt sich, daß in Afrika
in 31 und in 19 asiatischen Staaten die Nahrungsmittelproduktion hinter dem
Bevölkerungswachstum zurückgeblieben ist. Neben regionalen kommt es vor allem zu
sozialen Ungleichheiten bei der Verteilung. Besonders betroffen von Benachteiligungen
sind: ländliche und städtische Armutsgruppen in Entwicklungsländern, Flüchtlinge und
Vertriebene, Menschen in Transformationsländern, Bevölkerungsgruppen mit niedrigen
Einkommen in Industrienationen (FAO: Food Security and Nutrition. World Food Summit.
Technical Background Document 5. Rom. 1996).
Hunger
Trotz aller Bemühungen der Entwicklungshilfe sowie politischer, kirchlich-karitativer und
humanitärer Hilfsorganisationen in den vergangenen Jahrzehnten konnte die Menschheit die
Geißel Hunger nicht aus der Welt verbannen. Das hehre Ziel der Welternährungskonferenz
der Vereinten Nationen von 1974, binnen eines Jahrzehnts den Hunger aus der Welt
vertrieben zu haben, ist damit ebenso gescheitert, wie das im Rahmen der Weltwasserdekade
zu Beginn der achtziger Jahre analog formulierte Ziel der sauberen Trinkwasserversorgung
für alle Menschen bis 1990. Nach wie vor sterben täglich Zehn tausende von Menschen -
darunter viele Kinder - in den Ländern des Südens aufgrund unzureichender quantitativer
und qualitativer Ernährung. Schlimmer noch: Man geht heute davon aus, daß Hunger nicht
nur weiterhin fester Bestandteil der Wirklichkeit sein, sondern voraussichtlich gar
zunehmen wird.
Dabei ist bereits seit längerem bekannt, daß es eine Reihe von Zusammenhängen von
Hunger auf der einen und anderer gesellschaftlicher Problemfelder auf der anderen Seite
gibt. So geht Hunger etwa mit Armut, Umweltzerstörung und gesellschaftlicher
Diskriminierung - etwa von Kindern oder Frauen einher. Zudem wurde festgestellt, daß
Hunger ins besondere in den Staaten verbreitet ist, in denen Kriege oder Bürgerkriege
geführt werden oder deren Staatshaushalt weit überproportional durch Militär ausgaben
belastet ist. Schließlich ist auf die Zusammenhänge von Hunger und den im Rahmen von
Entwicklungsprojekten der Weltbank und des Inter nationalen Währungsfonds erzwungenen
Strukturanpassungen hinzuweisen, die oft die Streichung von Subventionen im
Gesundheitsbereich oder auf Grundnahrungsmittel bewirkt (nach Hans-Georg Bohle:
Hungerkrisen und Ernährungssicherung. In: Geographische Rundschau, 44. Jg., Heft 2, 1992,
S. 78-87.).
Daß die Ursachen von Hungerkrisen nicht aus schließlich Mißernten infolge von Dürren,
Überschwemmungen, Heuschreckenplagen, Pflanzenkrankheiten oder Kälteeinbrüchen sind,
sondern in vielen Fällen aufgrund politischer Fehlentscheidungen oder kriegerischer
Auseinandersetzungen verursacht wurden, zeigen auch die beiden verheeren den Hungersnöte
der Jahre 1997 und 1998 in Nordkorea und im Süden des Sudan. Es ist dabei keineswegs eine
spezifische Entwicklung des aus gehenden 20. Jahrhunderts, daß es selbst in Regionen
oder Staaten, die Überschußernten verzeichnen und Nahrungsmittel exportieren können,
immer wie der zeitgleich zu Hungersnöten in der Bevölkerung kommt. Amartya Sen, der
Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 1998, verwies beispielhaft
auf dieses immer wiederkehrende Phänomen in seinen Studien über die Hungersnöte im
indischen Bengalen Mitte des 19. Jahrhunderts wie auch in der Sahelzone Ende des 20.
Jahrhunderts.
Hunger ist jedoch nicht nur die Folge vieler aus rationaler Sicht meist vermeidbarer
Ursachen, sondern zugleich Ursache eines nachfolgenden Prozesses, der über die Symptome
erhöhte Infektionsgefahr, Krankheit, geringes Leistungsvermögen und Produktionsvolumen
sowie Arbeits- und Einkommensausfälle die Problematik verschärft, solange dieser
Kreislauf nicht durchbrochen werden kann.
Didaktisch-methodische Überlegungen
Zur Einführung in die Problematik der zentralen Frage, wie die wachsende Menschheit
zukünftig zu ernähren ist, eignen sich die Karikaturen C 1 und C z. Dabei kann den
Schülern die Aufgabe gestellt werden, die Karikatur nicht nur zu beschreiben und die
damit verbundenen Probleme zu benennen, sondern sie können einen Zeitungsartikel zu der
Thematik verfassen. In diesen können auch Fakten oder Beispiele einfließen, die der
Karikatur nicht unmittelbar zu entnehmen sind, sondern die ihren eigenen Kenntnissen
entstammen und die Grundlage einer nachfolgenden Diskussion in der Klasse bilden. Nachdem
unter Zuhilfenahme weiterer Materialien, etwa der Informationen über die Ernährungssituation in den Staaten der Erde oder der Veränderungen im Verhältnis
Weltbevöikerungswachstum zu Nahrungsmittelproduktion im Zeitverlauf (C 7) eine solide
Datengrundlage geschaffen wurde, können in Arbeitsgruppen Lösungsansätze erarbeitet,
dem Plenum vorgestellt und gemeinsam diskutiert wer den. Dabei sollten auch Fragen nach
der Aussage kraft von nationalen Durchschnittswerten, wie sie in C 6 gegeben sind,
reflektiert werden. Die Schüler sollen die begrenzte Aussagekraft solcher Darstellungen
nachvollziehen können, die keine Informationen über soziale und regionale Disparitäten
geben und keine Entscheidungsgrundlage für etwaige Entwicklungsprojekte oder
Hilfsaktionen bieten. Dafür bedarf es sehr viel detaillierterer Angaben, Kenntnissen
über die klimatischen, topographischen, edaphischen (den Erdboden betreffenden),
ethnologischen, kulturellen, historischen, politischen, infrastrukturellen und sozialen
Verhältnisse, die gegebenenfalls anhand eines ausgewählten aktuellen Beispieles
erarbeitet werden könnten.
In jedem Fall sollten die Schüler eine Vorstellung von der Ambivalenz der
Welternährungssituation sowie deren räumlicher Zuordnung in Mangel- und Überflußgebiete vermittelt bekommen, was mit Hilfe von C 6, C 7 und C 9 erreicht werden kann.
Zu ergänzen sind diese Kenntnisse um Informationen über die regionalspezifischen
Ernährungsmuster, über in Europa ungebräuchliche Kulturpflanzen wie Maniok, Yams oder
verschiedene Leguminosen und deren jeweilige Qualitätsmerkmale. Gerade dieser Teil einer
Unterrichtseinheit über Fragen der Welternährung ermöglicht es den Schülern, durch
die gemein same Zubereitung der typischen Alltagsnahrung einzelner Regionen Afrikas oder
Asiens eine sinnliche Erfahrung zu sammeln.
Die historische Dimension der agrartechnologischen Entwicklung und
Produktivitätssteigerung muß sich hier auf einige wenige Innovationen konzentrieren.
Dabei bietet sich die Koppelung des Biologie-, Geo graphie- und Geschichtsunterrichts an,
um sich fächerverbindend dem Thema zu nähern. Anknüpfungspunkte bieten etwa die
Entwicklungsstufen der in der Landwirtschaft eingesetzten technischen Gerätschaften, wie
es in einer kleinen Auswahl in C 4 nachgezeichnet ist. Anhand der Abbildungen haben die
Schüler die Möglichkeit, diese Entwicklung holzschnittartig vom Hohen Mittelalter bis
zum 20. Jahrhundert nachzuvollziehen und das Gesehene mit ihren eigenen Kenntnissen über
die heutige Landwirtschaft zu vergleichen. Dies kann in Form eines Unterrichtsgespräches
ebenso wie in Form einer schriftlichen Darstellung erfolgen, wobei erstere Variante den
Vorteil hat, daß die Fülle der zwangsläufig auftretenden Fragen direkt beantwortet wer
den kann. Zur gezielten Vorbereitung des Lehrers sei ausdrücklich auf folgende
Publikation hingewiesen: Klaus Herrmann: Pflügen, Säen, Ernten. Land arbeit und
Landtechnik in der Geschichte. Reinbek: Rowohlt. 1985.
Da die Thematik der Grünen Revolution in aller Regel bereits im Rahmen des
Erdkunde-Unterrichts behandelt worden sein dürfte, kann man sich im Rahmen der hier
vorgeschlagenen Unterrichtseinheit auf die Kritikpunkte an derselben konzentrieren und
den Schwerpunkt auf das Thema Gentechnologie legen. Besonders geeignet für den
fächerübergreifenden Unterricht der Oberstufe scheint die aktuell in der Gesellschaft
geführte Diskussion über die Einführung genmanipulierter Kulturpflanzen zur Lösung des
Welternährungsproblems. Eine solche Diskussion sollte nach Möglichkeit mit ausreichend
Zeit und unter Beteiligung mehrerer Fachlehrer (Gemeinschaftskunde, Ethik, Biologie,
Erdkunde) geführt werden. Zu überlegen ist, ob sich nicht die Möglichkeit zu einer vor-
oder nachbereitenden Exkursion etwa nach Limburgerhof, dem agrartechnologischen
Forschungszentrum der BASF, oder aber die Einladung eines oder mehrerer Fachleute aus der
Praxis (Genforschung, Landwirtschaft, Bürger initiative) realisieren läßt, um die
Diskussion so nah wie möglich an die Realität heranzubringen. Das er klärte Ziel dieses
Schrittes sollte es sein, daß sich auf Seiten der Schüler eine argumentativ gesicherte
individuelle Position bei der Frage nach dem in Zukunft - und das betrifft eben in
besonderem Maße ihr eigenes Leben - anzuwendenden Lösungsweg bei der Sicherung der
Welternährung einzuschlagen ist.
Gerade in jüngster Zeit steht die Problematik der Überfischung der Weltmeere und die
damit verbundenen Konsequenzen für die Ernährungssituation der Weltbevölkerung immer
wieder im öffentlichen Interesse. Um den Schülern im Rahmen dieser Debatte eine
Vorstellung der Entwicklung dieser Problematik und ihrer aktuellen Dimension zu vermitteln, sollen sie aufgefordert werden, die in C 11 zusammengestellten Daten zu
bearbeiten. In einem ersten Schritt bietet sich die Aufgabe an, daß die Schüler die
abgebildete Grafik um die aktuellen statistischen Angaben aus der Tabelle ergänzen, ehe
die das sich ergebende Resultat diskutieren. Dabei sollte vor allem die Korrelation
zwischen dem starken Anstieg der Weltbevölkerung in den fünfziger Jahren und der
Steigerung der Weltfischereierträge im gleichen Zeitraum bewußt werden.
Auch beim Phänomen Hunger sind immer wieder viele Zahlen zu nennen, die erst dann einen
Aus sagewert erhalten, wenn sich bei den Schülern die abstrakten Werte und Dimensionen
mit optischen oder emotionalen Erfahrungen verknüpfen. Um in diesem Sinne nachvollziehen
zu können, was "Hunger" in seiner abstrakten Definition von "Nahrungsverfügbarkeit von weniger als 1.700 Kalorien pro Person und Tag" bedeutet,
sollten die Schüler aufgefordert werden, anhand einer Kalorientabelle Tagesrationen mit
maximal 1.700 Kalorien zusammenzustellen und diese mit ihrer eigenen täglich verzehrten
Nahrung zu vergleichen. Um die Vorstellungskraft zu erhöhen, ist es zunächst besser,
wenn die zusammengestellten Speisen den Schülern vertraut sind.
Nachdem die Schüler somit eine zumindest konkretere Vorstellung davon haben, was Hunger
bedeutet, sollten Fragen nach der regionalen Verbreitung und vor allem nach den Ursachen
im Vordergrund stehen. Dazu ist die Karte C 16 für den Einsatz in der Sekundarstufe I
anwendbar, wenngleich die detaillierte Analyse derselben für den Einsatz in der
Sekundarstufe II prädestiniert ist. Ausgehend von dieser Analyse der räumlichen
Verbreitung von Hunger bietet sich die Hinterfragung der Ursachen an. Dabei sollten die
Schüler etwa im Geographie unterricht anhand verschiedener thematischer Kar ten (Klima,
Niederschläge, Temperaturen, Böden, Landwirtschaft, Bevölkerungswachstum) für ausgewählte Länder mögliche Ursachen der mehr oder weniger stark hungernden Bevölkerung
ergründen. Je nach Beispiel kommen die Schüler dabei zu der Erkenntnis, daß Hunger
nicht ausschließlich in den klassischen ariden (trockenen) Hungerzonen des Sahel oder
Südasiens, sondern durchaus auch in naturräumlich günstigen Regionen vorkommt. Auf
dieser Erkenntnis aufbauend läßt sich eventuell die Meldung "Hungersnot trotz
Rekordernte" (C 15) lesen und die gesellschaftlichen Ursachen von Hunger diskutieren.
Abbildungen:
Ursachen von Fehlernährung
Ulrich Oltersdorf u. Lioba Weingärtner: Handbuch der Welternährung. Bonn: Dietz-Verlag.
1996. S. 152.
Folgen von Unter- und Mangelernährung
Ulrich Oltersdorf u. Lioba Weingärtner: Handbuch der Welternährung. Bonn:
Dietz-1/erlag. 1996. S. 182.
Mit der Einsicht, daß Hunger nicht ausschließlich als Naturkatastrophe zu begreifen ist,
sondern in vielen Fällen eine "menschgemachte" Katastrophe ist, geht aber auch
die theoretische Möglichkeit einher, daß die Ursachen zu beseitigen sind. Zur
detaillierten Besprechung der Ursachen wie auch der Folgen bieten sich nebenstehende
Graphiken an, die einerseits die Verkettung und Vielschichtigkeit der Ursachenfaktoren
symbolisieren, die zu einer Hungerkatastrophe führen können, und andererseits die Folgen
von Unter- und Mangelernährung dokumentieren.
Am Ende einer Unterrichtseinheit ist in jedem Fall die Frage zu diskutieren, was zu tun
ist. Die von Schülern geäußerten Vorschläge sollten eingehend besprochen und auf ihre
Erfolgsaussichten hin über prüft werden. Lösungen wie dauerhafte Unterstützung mit
Nahrungsmitteln sollten sehr kritisch hinterfragt werden, wobei auch ethische und politische Fragen, wie solche nach Selbstwertgefühl und Ehre der Nahrungshilfeempfänger,
Selbstbestimmung, Abhängigkeiten nicht ausgeklammert werden sollten. |