Als im Zuge der "neolithischen Revolution" der Mensch vor etwa 10 000 Jahren
seine Lebens- und Wirtschaftsweise vom nomadisierenden Jäger und Sammler hin zum
seßhaften Ackerbauern und Viehzüchter änderte, ging damit nicht nur eine effektivere
und ergiebigere Nahrungsmittelproduktion ein her, sondern mit der verbesserten
Lebensgrundlage wuchs auch die Weltbevölkerung in einem vorher nicht gekannten Ausmaß.
Diese hatte sich nach Expertenmeinung zu Beginn der Jungsteinzeit lediglich auf fünf bis
zehn Millionen Menschen belaufen, war jedoch bis Christi Geburt bereits auf 200 bis 400
Millionen Menschen angewachsen. Heute nehmen die Demographen an, daß die Weltbevölkerung
des ersten nachchristlichen Jahrtausends sich - ohne größere Abweichungen - stets auf
diesem quantitativen Niveau bewegte.
Die "Bevölkerungsexplosion"
Die erste Hälfte des zweiten Jahrtausends war von einem Anwachsen der Bevölkerungszahlen
gekennzeichnet. Hungerkatastrophen, Epidemien, Kriege und die im 14. Jahrhundert in
Mitteleuropa grassierende Pest hielten aber den Zuwachs in Grenzen. Auch die sogenannte
"Kleine Eiszeit" vom späten Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts
hemmte die Agrarproduktion und beschränkte die Bevölkerungszuwächse. Es wird
geschätzt, daß die Weltbevölkerung erst Mitte des 17. Jahrhunderts die
500-Millionen-Marke erreichte. Von da an dauerte es lediglich 150 Jahre, ehe zu Beginn des
19. Jahrhunderts - nach statistischen Berechnungen im Jahre 1804 - die erste Milliarde
Menschen auf der Erde lebte. Die erneute Verdopplung der Weltbevölkerung auf zwei
Milliarden Menschen ließ bis 1927 auf sich warten. Seither kam jede weitere Milliarde
Menschen in immer kürzeren Zeitabständen hinzu. Nach 33 Jahren war 1960 die dritte, nach
weiteren 14 Jahren 1974 die vierte und nach nur 13 Jahren 1987 die fünfte Milliarde
erreicht. Zur Jahresmitte 1999 wird die Weltbevölkerung auf sechs Milliarden Menschen
angewachsen sein. Dabei zeichnet sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts eine Zweiteilung
der Welt ab - in einen übervölkerten Süden und eine stagnierende Bevölkerung in den
Industrienationen.
Diese Entwicklung, die seit den fünfziger Jahren plakativ als
"Bevölkerungsexplosion" umschrieben wird, kann nicht isoliert betrachtet und
bewertet werden, sondern muß zusammen mit den lokalen, regionalen und globalen
Auswirkungen des starken Anwachsens der Weltbevölkerung gesehen werden. Das Wachstum der
Weltbevölkerung zieht viele, meist problematische Folgen nach sich, die sich in folgenden
Punkten benennen lassen:
· verstärkter Druck auf die natürlichen Ressourcen wie Boden und Wasser
· Übernutzung nicht erneuerbarer wie auch erneuerbarer Ressourcen (etwa fossile
Energieträger oder Wasser)
· Probleme bei der Nahrungsmittelerzeugung bis zu akuter Unterversorgung
· wachsende Abhängigkeit von Nahrungsmitteleinfuhren in manchen Ländern, insbesondere
in einzelnen Regionen Afrikas, aber auch in Südasien
· Verarmung der Bevölkerung
· Landflucht und Städtewachstum bis hin zu Megastädten
· Migrationsbewegungen im lokalen, nationalen und globalen Maßstab, meist als
internationale Wanderung von Arbeitskräften.
Zwar weisen Optimisten darauf hin, daß die positiven Folgen des Bevölkerungsanstiegs
überwiegen, doch ein Blick auf die Welt des ausgehenden 20. Jahrhunderts läßt Zweifel
an dieser Einstellung auf kommen. Zu den elementaren Folgeproblemen der Vervielfachung der
Menschheit zählt die Frage ihrer Versorgung mit lebensnotwendigen Nahrungsmitteln und mit
Wasser. 800 Millionen hungernde und zwei Milliarden unterernährte Menschen weltweit
verdeutlichen den Ernst der Situation. Auch bei der Wasserversorgung bietet sich ein
dramatisches Bild. Während sich die Weltbevölkerung im Verlauf des 20. Jahrhunderts
vervierfacht hat, hat der Weltwasserverbrauch wegen des gestiegenen individuellen
Verbrauchs im gleichen Zeitraum um das Siebenfache zugenommen. Beim Kampf um das knapper
werdende Wasser sind selbst kriegerische Konflikte nicht mehr auszuschließen.
Wissenschaftliche Kontroversen
Bei der Frage, wie die wachsende Weltbevölkerung zu versorgen sei, gingen bereits im
18. Jahrhundert die Meinungen stark auseinander. Thomas Robert Malthus
(1766-1834) veröffentlichte 1798 sein Hauptwerk "An essay
on the principle of Population". Malthus erklärte sein "Bevölkerungsgesetz"
dahingehend, daß
1. die vom Menschen erzeugte Nahrungsmittel menge linear, d. h. in gleichen Zeitabständen
um den gleichen Betrag wachse und damit ein ab nehmender prozentualer Zuwachs im
Zeitverlauf festzustellen sei,
2. die Bevölkerung im Gegensatz zur Nahrungsmittelproduktion geometrisch wachse, d, h.
in gleichen Zeitabständen um einen gleichbleibenden prozentualen Satz, also um
ansteigende absolute Werte,
3. die Unterschichten der Gesellschaften meist auf eine materielle Verbesserung ihrer
Lebenssituation mit einer vergrößerten Nachkommenschaft reagiere, d. h. mehr Kinder in
die Welt setze.
Aus diesen drei grundlegenden Annahmen folgerte Malthus, daß das schnellere Wachstum der
Weltbevölkerung einen Versorgungsengpaß bei den Nahrungsmitteln nach sich ziehen müsse
(so Birg in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4.3.1998). Andere Wissenschaftler
haben das Gedankengebäude von Malthus längst empirisch widerlegt. Späte Anhänger von
Malthus sehen seine Annahmen jedoch durch Beobachtungen bestätigt, wonach seit 1978 in
fünfzig Entwicklungsländern die Bevölkerung schneller wachse als die jeweilige
nationale Agrarproduktion (Rainer
Münz, Ralf Ulrich: Bevölkerungswachstum, ein globales Problem. In: Peter J. Opitz
(Hrsg.): Weltprobleme. Bonn 1995, S. 55). Zur PDF-Version.
Sie lassen dabei außer Acht, daß die Nahrungsmittelproduktion global schneller
gesteigert werden konnte, als die Bevölkerung zunahm.
Der Soziologe Werner
Sombart bezeichnete zu Beginn unseres Jahrhunderts das Bevölkerungsgesetz als das
"dümmste Buch der Weltliteratur". Er und andere verwiesen auf die bereits im
19. Jahrhundert feststellbare deutliche Ertragssteigerung in der mitteleuropäischen
landwirtschaftlichen Produktion in der Folge von Justus von Liebigs Konzept der
künstlichen Düngung des Bodens sowie auf die seit Jahrhunderten steigende Zahl an
Menschen, die ein Landwirt durch seine Produktion pflanzlicher und tierischer Produkte
ernähren kann. In Deutschland stieg diese Zahl allein im Zeitraum 1950 bis 1998 von zehn
auf 108 Personen. Weltweit trugen vor allem die im Rahmen der sogenannten "Grünen Revolution" eingeführten Hochertragssorten sowie Einzelerfolge der Gentechnologie zu
deutlichen Ertragssteigerungen bei, so daß Malthus' Befürchtungen als widerlegt gelten
dürfen. Doch eine rein statistisch ausreichende Menge produzierter Nahrungsmittel bietet
noch nicht die Gewähr einer ge rechten Verteilung derselben - weder in allen Regionen
der Erde, noch unter den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen.
Wie viele Menschen erträgt die Erde?
Bis in die wissenschaftliche und politische Diskussion unserer Tage stellt sich die
zentrale Frage, wie viele Menschen die Erde ertragen und ernähren kann. In den fünfziger
und sechziger, vereinzelt noch in den siebziger Jahren vertraten Geographen und Agronomen
immer wieder die Ansicht, daß die Tragfähigkeit der Erde bis zu einer Zahl von 30, ja
annähernd 40 Milliarden Menschen reiche. Solchen aus heutiger Sicht irrealen Auffassungen
lag noch die Annahme zugrunde, daß insbesondere die üppige Vegetation der
innertropischen Regenwälder Ausdruck einer angemessenen Fruchtbarkeit dieser
geographischen Breiten sei und die Rodung weiter Areale tropischen Regenwaldes
entsprechend große und fruchtbare Ackerflächen zur Verfügung stellte, welche die
Versorgung einer so großen Weltbevölkerung sicherstellen könnte. Doch spätestens mit
Siolis Forschungen und Weischets Nachweis der "Ökologischen Benachteiligung der
Tropen" (1977) und deren unfruchtbaren Böden mußten die Zahlen einer auf der Erde
realistischerweise zu ernährenden Weltbevölkerung drastisch nach unten korrigiert
werden. Heute rechnen Wissenschaftler damit, daß die Erde etwa zwölf Milliarden Menschen
ernähren kann.
Aktuelle Problemanalyse
Nicht nur beim regionalspezifischen Wachstum der Bevölkerung, sondern auch bei der
Ernährungssituation bestehen weltweit ausgeprägte Gegensätze. Wieder stehen sich zwei
regionale Blöcke diametral gegenüber: auf der einen Seite die mit dem Problem der
agrarischen Überproduktion kämpfenden Industrienationen (etwa Westeuropa), auf der
anderen Seite viele unter zum Teil chronischem Nahrungsmittelmangel leidende Staaten des
Südens. Die Ernährung der Menschheit ist weltweit weder quantitativ noch qualitativ
gesichert. Hungersnot als extremste Form des Mangels ist eine weit verbreitete und in
allen Zeiten auftretende Folge. Dabei zeigt ein analytischer Blick auf die Hungersnöte
der Vergangenheit zweierlei: Meist ist nicht der pure Mangel an Nahrungsmitteln, sondern
fehlende Kaufkraft ausschlaggebend dafür, daß Menschen hungern. Folglich sind in erster
Linie die städtischen wie ländlichen Armutsschichten als Opfer von Hungersnöten zu
beklagen und nicht die gesamte Bevölkerung in Notstandsgebieten.
Wie einzelne Staaten und Gesellschaften oder die internationale Staatengemeinschaft auf
die Probleme der Bevölkerungszunahme und der Welternährung reagieren, ist eine der
zentralen Fragen unserer Zeit. Dabei verfolgen Staaten, politische Ideologien, Religionen
und gesellschaftliche Gruppen ganz unterschiedliche Konzepte und Lösungsansätze. Diese
reichen - etwa beim Bevölkerungswachstum - von einer die Menschenwürde verletzenden
Geburtenkontrolle durch Zwangssterilisation über verschiedene Formen der Familienplanung
bis hin zur völligen Ablehnung familienplanerischer Schritte und Eingriffe.
Die aktuelle Brisanz des Weltbevölkerungsproblems besteht darin, daß nach Einschätzung
der Fachwissenschaftler die nächsten zwei Jahrzehnte darüber entscheiden werden, ob das
Wachstum der Menschheit selbstzerstörerische Dimensionen an nimmt, oder ob sich auch in
den Ländern des Südens ein moderateres demographisches Wachstum abzeichnet. Heute steht
die größte Generation in der Geschichte der Menschheit vor dem Eintritt ins
Fortpflanzungsalter. Das sind 800 Millionen Menschen - ein Siebtel der Weltbevölkerung.
Von ihrem Fortpflanzungsverhalten wird es abhängen, ob die Weltbevölkerung sich im
Verlauf des kommenden Jahrhunderts der 20-Milliarden-Marke nähern wird. Nach
UN-Prognosen ist es auch möglich, daß die Zahlen bei etwa zehn bis elf Milliarden
stabil bleiben oder nach einem vorübergehenden Ansteigen auf acht bis neun Milliarden
wieder ab nehmen werden. Die Entwicklung der Weltbevölkerung in den nächsten beiden
Generationen wird da bei stets in Wechselwirkung mit den sozialen, ökonomischen und
ökologischen Bedingungen und Entwicklungen stehen.
Die Gliederung des Heftes
Auf der Grundlage dieser Problemanalyse bietet sich eine Gliederung des Themas in vier
Bausteine an. Während Baustein A die Entwicklung der Weltbevölkerung inklusive ihrer
regionalen Unterschiede sowie deren Ursachen aufarbeitet, befaßt sich Baustein B mit den
Folgen des globalen Bevölkerungswachstums. Der Baustein C behandelt die Welternährungssituation. Einer Bestandsaufnahme folgt der Blick auf die Leistungsfähigkeit
der Landwirtschaft, ehe die Problemfelder Hunger und Wasserverknappung thematisiert
werden.
Schließlich faßt Baustein D die beiden Stränge der Weltbevölkerung sowie der
Welternährungssituation zusammen und erörtert - ausgehend von den Ergebnissen der
Weltbevölkerungskonferenz in Kairo und des Welternährungsgipfels in Rom - mögliche
Lösungsansätze.
Das Thema im Unterricht
Im Fach Erdkunde werden in Klassenstufe 8 die Bevölkerungen der großen Staaten der Erde
- Indien, China, Japan, USA und GUS - untersucht. Der Themenkreis der Entwicklungsländer
wird in der gymnasialen Oberstufe behandelt. Dabei spielen die Weltbevölkerung, ihre
aktuelle und künftige Größe und Verteilung sowie, daraus abgeleitet, die
Migrationsprozesse eine wichtige Rolle. Ferner sieht der Lehrplan hier die Erörterung von
Quantität und Qualität der Ernährung sowie des Problems Hunger vor. Letzteres gilt
insbesondere für die Unterrichtseinheit "Bevölkerungsdynamik und Ernährungsprobleme", die sowohl im Grund- als auch im Leistungskurs der gymnasialen Oberstufe zu
besprechen ist. Auch die im Leistungskurs zu behandelnde Unterrichtseinheit "Die
deutsche Agrarlandschaft" bietet Berührungspunkte zum Thema, indem etwa auf die
Steigerung agrarischer Produktivität im Verlauf der Geschichte eingegangen wird.
Auch für das Fach Gemeinschaftskunde bieten sich in erster Linie die mit der
Entwicklungsproblematik in Verbindung stehenden Unterrichtseinheiten zur Besprechung des
Themas "Weltbevölkerung und Welternährung" an. Die Probleme der Bevölkerungspolitik und deren einzelner Handlungsschritte sind dabei mit ethischen und
Menschenrechts Aspekten in Verbindung zu bringen. Konkret bietet sich vor allem die
Unterrichtseinheit "Probleme der ungleichen Entwicklung" an.
Im Rahmen des Geschichtsunterrichts kann man die Verbreitung der Menschheit über die Erde
unter suchen und die quantitative sowie räumliche Verbreitung der Menschen nachzeichnen.
Deutlich mehr Anknüpfungspunkte bietet die Mathematik. Hier ergeben sich Gelegenheiten,
die Menschheitsentwicklung sowie das vor uns liegende Bevölkerungswachstum als
Beispiele für die Simulation dynamischer Prozesse unter Verwendung des Computers
heranzuziehen und Bevölkerungsprojektionen unterschiedlicher räumlicher Bezugsebenen
(Heimatgemeinde, Landkreis, Bundesland, Bundesrepublik, Europa, Entwicklungsländer,
Welt) zu er rechnen und graphisch aufzubereiten. Ähnliche Auf gaben ließen sich mit
Blick auf die Entwicklung der Aids-Problematik bearbeiten. Beim fächerverbindenden
Unterricht sei auf das Thema 3 der Klasse 10 hingewiesen, in dem die Bevölkerungsentwicklung explizit als ein Beispiel der Erarbeitung von Simulationen dynamischer Vorgänge
vorgesehen ist.
Insbesondere die gesellschaftlich vielschichtig und kontrovers diskutierte Frage der
Familienplanung rücken die Frage der Bevölkerungspolitik auch in den Mittelpunkt des
Faches Ethik. Ferner schlägt der Lehrplan für die Klasse 10 im Rahmen der
Unterrichtseinheit "Liebe, Ehe, Familie" die Behandlung des Themas Aids vor.
Auch die Erörterung der sozialen Gerechtigkeit sowie des Gegensatzes von Arm und Reich
legen die Beschäftigung mit Weltbevölkerung und Welternährung nahe. Ferner eignet sich
für den Ethikunterricht die Frage nach der globalen Verantwortung für die regionalen
Ausprägungen des Hunger- und Ernährungsproblems. Die Zusammenarbeit mit dem
Biologie-Unterricht bietet sich an, wo es um die Aspekte Fortpflanzung, Entwicklung des
Menschen, HIV-Aids oder Gentechnologie geht.
Als Fazit bleibt festzuhalten, daß sich das Thema in ganz besonderem Maße für den
fächerübergreifen den Unterricht eignet. Dieser kann auch Gegen stand einer Projektwoche
sein. Schließlich sei auf die Möglichkeit hingewiesen, die ebenso komplexe wie aktuelle
und realitätsnahe Problematik der Weltbevölkerung und Welternährung zum Thema eines
Seminarkurses der Klassenstufe 12 zu wählen. |