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Heft 4/2003 
Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis

D 14 bis
D 18  

Weltweiter Wettbewerb der Standorte


 

D 14

Arbeitskosten im Vergleich

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist hoch, Globalisierung und internationale Konkurrenz nehmen zu. Kein Wunder also, dass die Lohn- und Lohnnebenkosten ins Rampenlicht geraten. Denn mit Arbeitskosten von über 26 EUR pro Arbeitsstunde in der Industrie liegt Westdeutschland hinter Norwegen weltweit auf Platz zwei. Betrachtet man nur die Personalzusatzkosten, dann liegt Westdeutschland gar auf Platz eins. Die Lohnnebenkosten sind damit fast doppelt so hoch wie in den USA. Die ostdeutsche Industrie produziert wesentlich günstiger. Hier kostet die Arbeitsstunde weniger als beispielsweise in Italien. Allerdings sagen die Arbeitskosten allein noch nicht allzu viel über die tatsächliche Wettbewerbssituation einer Volkswirtschaft. Denn auch Faktoren wie Arbeitsqualität und Produktivität sind wichtig, wenn es um den internationalen Wettbewerb geht.

© Globus Infografik GmbH

D 15

Wettbewerb der Standorte

Wenn ein Unternehmen eine neue Fabrik eröffnen will, untersucht es mit beträchtlichem Aufwand mögliche Standorte im In- und Ausland. In die Rechnung fließen einige "harte" Fakten ein: Lohnkosten, Infrastruktur, Energiepreise und Produktivität sowie Steuer- und Abgabenlast. Daneben gibt es "weiche" Faktoren: Wie steht es um die Motivation der Mitarbeiter? Wie ist die Leistungsbereitschaft? Das BERI-Institut in Genf ermittelt auf eine ähnliche Art und Weise die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes als Firmenstandort. Experten bewerten neben den genannten Faktoren die Arbeitsgesetze und Tarifverträge, schätzen das Ausbildungsniveau der Arbeitskräfte ein und verteilen Punkte für Arbeitsmoral und Leistungsbereitschaft. Das Spektrum der geprüften Punkte reicht bis hin zur sozialen und politischen Stabilität.

© Globus Infografik GmbH

D 16

Löhne und Märkte locken

Motive für den Aufbau von Produktionsstätten im Ausland: Das Fraunhofer Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung hat im Jahr 2001 mehr als 500 deutsche Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe nach ihren Motiven für Produktionsverlagerungen ins Ausland befragt.

Grafik: P&U, Quelle: Fraunhofer ISI

 

D 17

Ritter-Sport-Schokoladein Russland

Der im württembergischen Waldenbuch unweit von Stuttgart ansässige Hersteller von Tafelschokolade und der russische Schokoladenwaren-Produzent Odintsovo Confectionary Factory gehen zum Jahreswechsel 2003/04 eine strategische Kooperation ein. Vom regionalen Anbieter der "quadratischen" Tafelschokolade in den 1960er-Jahren entwickelte sich die Alfred Ritter GmbH & Co. KG zu einem führenden deutschen Markenartikelhersteller, der sich nun auch verstärkt international etabliert. Derzeit existiert ausschließlich der Produktionsstandort Waldenbuch mit ca. 770 Mitarbeiter/innen.

P&U führte im September 2003 ein Interview mit dem Firmensprecher Thomas Seeger:

Herr Seeger: Was sind die Motive Ihres Unternehmens, in Russland eine Produktionsstätte zu eröffnen?

Das wichtigste Motiv war für uns die Erschließung zusätzlicher Absatzpotenziale in einem neuen Markt mit einer traditionellen Schokoladenkultur. Der russische Markt weist derzeit (noch) keine derart hohe Durchsetzung auf, wie dies bei entsprechenden westlichen Märkten der Fall ist. Natürlich wäre auch ein fortdauernder Export unserer Schokoladenquadrate von Waldenbuch nach Russland möglich, allerdings eröffnet dies nicht dieselben Möglichkeiten, auf Gegebenheiten bzw. Veränderungen am Markt vor Ort rasch zu reagieren. Aus diesem Grund sowie in Anbetracht des vorhandenen Marktvolumens, an welchem wir teilhaben möchten, erscheint eine Fertigung vor Ort als die geeignetere Lösung.

Gehen dadurch Arbeitsplätze an deutschen Standorten verloren oder werden am russischen Standort neue geschaffen?

Arbeitsplätze am hiesigen Standort Waldenbuch gehen weder verloren noch sind sie gefährdet. Vielmehr werden am russischen Standort ca. 100 neue geschaffen.

Produzieren Sie in Russland ausschließlich für den russischen Markt, oder wird in Russland Schokolade produziert, die dann auf dem deutschen Markt verkauft wird?

Es ist keine Produktion von Schokolade in Russland vorgesehen, die in Deutschland verkauft bzw. vermarktet werden soll, wenngleich die Schokolade in Rezeptur und Qualität absolut identisch sein wird. Bereits hieran wird nochmals nachhaltig erkennbar, dass die Waldenbucher Arbeitsplätze von der Produktionsaufnahme in Moskau nicht berührt werden.

Eine entsprechende Nachfrage vorausgesetzt, können sicher weitere osteuropäische Staaten über die Moskauer Fabrikationsstätte mit unseren Schokoladequadraten versorgt werden. Zunächst gilt es jedoch, auf dem russischen Markt Fuß zu fassen und sich dort zu positionieren. Anschaulich wird die Größe dieses Zieles bei Berücksichtigung des Umstandes, dass allein die größeren Städte Russlands eine Einwohnerzahl aufweisen, wie sie derjenigen von kleineren westeuropäischen Staaten entspricht.

Können Sie bereits abschätzen, um wie viel kostengünstiger die Produktion in Russland ist? Und was sind bei den Produktionskosten die wichtigsten Faktoren?

Beim Produkt Tafelschokolade ist kein bedeutender Kostenvorteil bei einer Fertigung im Ausland auszumachen. Einerseits läuft die Produktion hier wie dort größtenteils maschinell ab, andererseits fällt der Bezug von Rohstoffen bzw. Zutaten aus der ganzen Welt als wichtigste Quelle von Produktionskosten in Moskau gleichermaßen wie in Waldenbuch an. Für unser Haus lag demzufolge in der Kostenstruktur kein Motiv für die Entscheidung.

 

D 18

Mustang: Warum immer mehr Jeans aus China und Pakistan stammen

Den Jeanshersteller Mustang im hohenlohischen Künzelsau zieht es nach Asien. In Osteuropa, wo bislang produziert wurde, soll es keine neuen Werke mehr geben. Der Grund: Die Firma muss Kosten senken. Dem Jeans-Hersteller macht nicht nur das sich immer schneller drehende Modekarussell zu schaffen. Der Fachhandel schwächelt, die Kunden halten ihr Geld zusammen. Die Kosten noch stärker senken, heißt die Konsequenz. In den vergangenen Jahren hatte Mustang die Produktion nach Ungarn, Russland und Polen ausgelagert. Doch inzwischen ist selbst Osteuropa nicht mehr billig genug. Das Mustang-Werk in Polen wurde geschlossen, künftig wird ein Großteil der Jeans in Asien produziert.

Quelle: SWR, "Baden-Württemberg aktuell", 22. September 2003

Heiner Sefranek, Geschäftsführer von Mustang in Künzelsau, gibt eine Antwort auf die Frage nach den Gründen für die Verlagerung der Produktionsstätten ins Ausland:

"Wenn früher ein Lastwagenfahrer eine haltbare Hose wollte, dann hat er sich eine Markenjeans für 100 Mark gekauft", erinnert sich Sefranek an selige Zeiten. "Heute kauft er im Supermarkt zwei im Doppelpack für 19,90 Euro. ..." Das Problem für Sefranek: der Durchschnittspreis einer Mustang liegt bei 75 Euro. Und das Einzige, wofür die Jeans-Kunden noch solche Preise zahlen, ist Mode. ... Und hier treten die Trends plötzlich auf und lassen sich nicht vorhersagen. ... Wird eine Jeans-Variante plötzlich zum "Cool Look", heißt es Tempo. Nur wer als erster auf die plötzlich anschwellende Nachfrage reagiert, macht einen ordentlichen Profit - bevor die nächste Modewelle heranschwappt.

Die Hersteller der Jeans stammen dabei immer mehr aus Asien. Während Mustang in Polen gerade eine Fabrik geschlossen hat, kommen die Flash-Kollektionen von Zulieferern aus China und Pakistan. Die Asiaten arbeiten nicht nur wesentlich billiger, sondern auch mit moderneren Produktionsstrukturen und kürzeren Lieferzeiten. Die zählen. "Das Geschäft ist irrsinnig schnell geworden", sagt Sefranek. "Wir müssen ständig neue Ware in die Läden bringen. Nur so können wir die Leute zum Konsum anregen. Der Kunde muss immer das Gefühl haben: Wenn ich diese Jeans jetzt nicht kaufe, dann kriege ich sie nächste Woche nicht mehr."

Stuttgarter Zeitung, 23. September 2003 (Sönke Iwersen).


 


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