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Zeitschrift Kinder in
Deutschland Kinder
und Familie
Heft
3/2004,
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Wie verbringen Kinder ihre Freizeit? Was Kinder in ihrer Freizeit tun, ist sehr vielfältig und vielschichtig. Nach Abzug der Zeiten für Schulunterricht, Lernen, Hausaufgaben, häusliche Pflichten und Wege sowie Routinetätigkeiten wie Essen und Körperpflege verfügen Kinder je nach Alter, Geschlecht und Schulart über ein unterschiedliches Maß an "freier" Zeit. Persönliche Interessen und Neigungen, Lebensumstände und die bestehenden Angebote bestimmen das Spektrum und den zeitlichen Umfang der Freizeitaktivitäten. Bis zu einem gewissen Grad werden sie aber auch von den Erwartungen und Ansprüchen der Eltern an eine "sinnvolle" Freizeitgestaltung geprägt. Schwerpunktmäßig wird die "Freizeit" mit unterschiedlicher Gewichtung für folgende Bereiche verwendet:
Jüngere Kinder verbringen häufiger ihre Freizeit mit kreativen Tätigkeiten, mit Sport und mit der Familie. Mehrere Umfragen haben ergeben, dass sich Kinder vor allem "richtig Zeit mit ihren Eltern im Alltag, um gemeinsam etwas Schönes zu machen" wünschen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (2003) widmen sich Männer knapp 75 Minuten und Frauen 165 Minuten pro Tag ausschließlich ihren Kindern! Die 13- bis 16-Jährigen haben kein Interesse mehr an von Eltern organisierter Freizeit. Vielen fehlt jedoch die notwendige Kompetenz und Fähigkeit, ihre freie Zeit für eine selbst bestimmte, aktive Gestaltung des Lebens zu nutzen; Fernsehen, Video, Computer und Telefon übernehmen die Animation. Etwa ab zehn Jahren wird der Freundeskreis immer wichtiger, bei den 12- bis 19-Jährigen steht "sich mit Freunden bzw. anderen Leuten treffen" an erster Stelle. Die Gruppe der Gleichaltrigen spielt neben Familie und Schule eine wichtige Rolle im Sozialisationsprozess der Jugendlichen. Mit zunehmendem Alter und in manchen Bereichen macht die Clique oder Peergroup der Familie den Rang streitig oder dominiert sogar. Heranwachsende orientieren sich in ihren Einstellungen und in ihrer Selbsteinschätzung an ihr und versuchen sich gegenüber der Erwachsenenwelt abzugrenzen, was sich sowohl im Verhalten als auch in der Sprache äußert. Zusammengehörigkeitsgefühl und Erfolg werden durch gemeinsames Handeln in der Gruppe erlebt. In dieser Zeit nehmen auch viele Jugendliche am Vereinsleben teil, indem sie entweder in Jugendverbänden oder in den Jugendabteilungen der Vereine aktiv sind oder sich selbst ehrenamtlich in der Jugendarbeit engagieren. Besonders groß ist das Interesse der Jugendlichen an den Sportvereinen; 70 Prozent treiben mehrmals pro Woche Sport. Wenn Jugendliche sich engagieren und sich für etwas einsetzen, dann wollen sie etwas bewegen und Ergebnisse sehen. Damit begründet Klaus Hurrelmann die besondere Anziehungskraft von Non-Profit-Organisationen wie etwa Greenpeace oder amnesty international. Möglichkeiten zur Partizipation werden in der Schule (Schülermitverantwortung) oder in der Gemeinde (Jugendgemeinderäte) wahrgenommen. Hier können Jugendliche Chancen, Probleme und den Erfolg des politischen Engagements selbst erleben (vgl. Internetadressen). Sonstiges politisches Engagement zeigt nur eine kleine Minderheit.
Foto: picture-alliance/ZB
61 Prozent der Jugendlichen geben als Freizeitbeschäftigung Ausruhen und "einfach gar nichts tun" an. Danach folgen mit Abstand andere Aktivitäten wie Musizieren, Malen und Basteln oder Unternehmungen mit der Familie. Zunehmend relevant werden für ältere Jugendliche abendliche Außer-Haus-Aktivitäten wie der Besuch von Partys oder Discotheken. Auffallend sind beim Freizeitverhalten der Kinder und Jugendlichen zwei gegenläufige Tendenzen. Den einen Pol bilden diejenigen, die mit ihrer frei verfügbaren Zeit nur wenig oder nichts anzufangen wissen. Meist erleben sie im Elternhaus Freizeit als "sinnlose, leere Zeit", gepaart mit übermäßigem Medienkonsum. Mangelnde Freizeitkompetenz und Langeweile können so zu Kriminalität, Aggressivität und Gewalt führen. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die gestresst von Termin zu Termin hetzen, um die von den Eltern oder sich selbst auferlegten Aktivitätspflichten nicht zu verpassen. Ist das Kind Träger unerfüllter Elternträume, Statussymbol und bedient die eigene Profilierung - hauptsächlich in den Bereichen Sport und Musik -, so unterliegt der Wochenablauf einem strengen Zeitplan. Sich spontan einfach nur so zum Spielen zu verabreden, bedarf einiger Telefonate, um die gegenseitigen Verpflichtungen abzuklären.
Zeichnung: Mester Unbestritten ist, dass Kinder und Jugendliche auch Zeit brauchen, in der sie nicht dem strengen Diktat der Uhr oder der ständigen Anleitung Erwachsener unterliegen. Sie brauchen "Leerzeiten" für das freie, selbst bestimmte Spielen oder Tun, um ihre Erlebnisfähigkeit, Kreativität, Fantasie, Ausdauer und Stabilität zu entwickeln. Auch Medienvielfalt, Motorisierung und Verhäuslichung verändern das Freizeitverhalten von Kindern, indem das sich bewegende Spielkind zum Sitzkind wird. Im schlimmsten Fall sind die Folgen körperliche Symptome wie Übergewicht, Herz-Kreislauf- und Haltungsschwächen einerseits und Verhaltensauffälligkeiten im sozial-affektiven Bereich andererseits. Da auch die Bedeutung der Konsum- und Freizeitwelt zugenommen hat, wird Freizeit gerade für Kinder und Jugendliche immer mehr zum organisierten "Event". Mit spektakulären Ereignissen wird das Kind bei Laune gehalten und animiert, immer neue "Abenteuer" werden bereitgestellt, die Freizeit "findet statt". Von klein an gewöhnen sich die Kinder daran, dass alle Anregungen von außen kommen, so dass sie nichts mehr mit sich anfangen können, besonders wenn zwischen den vielen Angeboten keine Zeit mehr gefunden wird, um eigene Möglichkeiten zu entdecken.
Zeichnung: Thomas Plaßmann
Medien und Freizeit Ein Blick auf die modernen Medien zeigt, dass insbesondere Fernsehen, Video und Computer für Kinder zunehmend verfügbar und attraktiv sind. Aktuell verfügt jeder zweite Jugendliche über einen eigenen Computer, ein Viertel kann auf einen eigenen Internet-Zugang zugreifen. Das Fernsehen ist auch heute noch das Medium, das die meisten Jugendlichen unabhängig von Geschlecht, Alter und besuchter Schulart erreicht. 94 Prozent sehen mehrmals die Woche fern. Dicht dahinter folgt die Nutzung von Tonträgern (93 Prozent), den dritten Platz nimmt das Radio mit 86 Prozent ein. Mehr als zwei Drittel nutzen mehrmals wöchentlich den Computer, 56 Prozent spielen täglich oder mehrmals pro Woche Computerspiele, 45 Prozent nutzen ihn als Lernhilfe oder für die Textverarbeitung, wobei bildungsspezifische Unterschiede festzustellen sind.
Foto: picture-alliance/dpa
Die steilste Karriere im Bereich der Medien weist das Handy auf, dessen neue Kommunikationsmöglichkeiten ein Stück Kinder- und Jugendkultur geworden sind. Jedes zweite Kind zwischen elf und zwölf Jahren hat ein eigenes Handy, bei den 13- bis 22-Jährigen liegt die Quote bei 84 Prozent. Neben dem Telefonieren hat vor allem das Versenden und Empfangen von SMS eine hohe Attraktivität. Unterschiede von gleichaltrigen Mädchen und Jungen zeigen sich bei der Nutzung der einzelnen Medien. Mädchen nutzen stärker auditive Medien, Jungen liegen bei der Nutzung von Computern mit 77 Prozent gegenüber 62 Prozent vor den Mädchen. Die Nutzung der einzelnen Medien orientiert sich an den Bedürfnissen in bestimmten Situationen. Dem Wunsch Musik zu hören wurde 2002 meist mit der Nutzung von Tonträgern wie CDs und Kassetten (46 Prozent) sowie dem Radio (42 Prozent) entsprochen. Bei Langeweile oder um Sorgen und Probleme des Alltags zu vergessen, sind Fernsehen, Computer, Radio, Bücher und Tonträger sowie das Handy gefragt. Trost bei Traurigkeit spenden in erster Linie die Tonträger (32 Prozent) und das Radio (17 Prozent) sowie Fernsehen und Telefon/Handy (je 14 Prozent). Für die schnelle Suche nach Informationen zu einem bestimmten Thema nutzen drei Viertel der 12- bis 19-Jährigen den Computer. Unterhaltung und Spaß wird von 46 Prozent der Jugendlichen beim Fernsehen gefunden. Die intensive Nutzung von Computer und Internet in der Freizeit führt auch zu einer stärkeren emotionalen Bindung an diese Medien, wie sie seit langem zum Fernsehen besteht. Medien gehören heute zum Leben. Wer sie verbietet, schaltet zwar die Geräte aus, nicht aber ihren Einfluss. Unterstützung durch Erwachsene - seien es klare inhaltliche und zeitliche Regeln oder Gespräche - brauchen Kinder möglichst frühzeitig, um einen kompetenten und eigenverantwortlichen Umgang mit den Medien zu erlernen. Bedenkt man, dass "drei Viertel aller Eltern Augen und Ohren vor den Computerspielen ihrer Kinder verschlossen haben", so wird deutlich, dass Kinder durch besondere, für alle geltende Schutzmaßnahmen vor gefährdenden Inhalten des Internet geschützt werden müssen. Will man "die Computerkids von heute nicht zu den Krankenversicherungsfällen von morgen" (Christoph Zehendner) werden lassen, muss von allen Verantwortlichen einer sehr intensiven Mediennutzung entgegengewirkt werden. Kinder verarmen sonst in ihren sozialen Kompetenzen, der Bewegungsdrang kommt zu kurz und das Verschwimmen der realen und virtuellen Welt bis zur völligen Identifikation kann, insbesondere im Zusammenhang mit schwer zu verarbeitenden Eindrücken und Gewaltdarstellungen, katastrophale Folgen haben. Welche Rolle spielen heute die Printmedien? Für die OECD-Begleitbefragung zur PISA-Studie gaben 42 Prozent der 15-Jährigen an, nicht "zum Vergnügen" zu lesen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Bei den Mädchen sind es 26, bei den Jungen dagegen 52 Prozent. Auch andere Umfragen bestätigen, dass Mädchen am Lesen interessierter sind und mehr Lesekompetenz besitzen. Während jedes zweite Mädchen täglich bis mehrmals pro Woche zu einem Buch greift, nimmt nur jeder vierte Junge ebenso häufig ein Buch in die Hand. Sehr unterschiedlich ausgeprägt ist das Leseverhalten in den einzelnen Altersstufen. Insgesamt lesen 12- bis 13-Jährige im gleichen Zeitraum doppelt so viele Bücher wie Jugendliche im Alter von 18 bis19 Jahren. Tageszeitungen werden von 56 Prozent der Jugendlichen mehrmals die Woche gelesen, es folgen Zeitschriften (43 Prozent) und Bücher (37 Prozent), wobei Gymnasiasten diese stärker nutzen als andere Schülergruppen. Immer stärker werden die Klagen der Eltern und Lehrer, dass Kinder heute kaum mehr lesen und wenn, dann kein "gutes Buch". So werden die Kinder zum Lesen gedrängt. Dabei haben gerade die Eltern die lesefreudigsten Kinder, die die Lektüre nicht zensieren, jedoch selbst gerne und oft zum Buch greifen. Sicherlich kann die Schule mit kindgerechter, kreativer Förderung der Lesefreude und -kompetenz Anregungen geben und einiges bewirken. Zugleich wirkt sich dies dann auch auf den vernünftigen Umgang mit den anderen Medien aus. Neben dem Denken wird die Vorstellungskraft, neben der sprachlichen und geistigen Entwicklung wird die Fähigkeit zur Empathie durch das Lesen besonders gefördert.
Unterrichtspraktische Hinweise Das Unterrichtsthema Freizeit soll den Schülern und Schülerinnen helfen, ihr eigenes Freizeitverhalten zu reflektieren, den Umgang mit "freier" Zeit zu lernen und sich im Dschungel der Freizeitangebote zu orientieren. In einem ersten Schritt soll die eigene Freizeitgestaltung erforscht und beleuchtet werden. Zu Beginn kann die Aufgabe lauten: "Wenn ich an Freizeit denke, dann..." Beende den Satz mit den drei für dich wichtigsten Assoziationen! Als Nächstes erstellt jeder einen "Stundenplan" für die Zeit, die nicht in der Schule und mit schulischen Aufgaben verbracht wird. Daraus wird ersichtlich, welche und wie viel Zeit das Freizeitbudget umfasst. Die Fotos in B 1 zeigen, auf welche Art und Weise die Freizeit verbracht werden kann. Sie sollen in ein Raster mit den unterschiedlichen Bereichen eingeteilt werden. Dieses wird ergänzt durch die Freizeitaktivitäten der Schülerinnen und Schüler. Diese Ergebnisse werden in einer Hitliste der Freizeitaktivitäten zusammengefasst und mit B 2 verglichen. Die Frage nach den Motiven und dem persönlichen Gewinn der Freizeitgestaltung wird mit Hilfe des Suchrätsels B 3 angeregt. Für die Diskussion der Motivation und des persönlichen Gewinns im Sport sind die Beispiele B 4 - B 6 gedacht. Da sich der Sport großer Beliebtheit erfreut, sollen anhand der Grafik "Sportliche Jugend" (B 7) die Gründe dafür sowie die geschlechts- und altersbedingten Unterschiede erläutert werden. Das Beispiel Musik (B 8) führt zu der Frage, welche Voraussetzungen und Ziele wichtig sind, damit sich Jugendliche im Verein engagieren. Am Schluss dieser Einheit kann die Erkundung der Freizeitangebote am Schul- bzw. Wohnort stehen. Gemeinsam wird überlegt, wo Informationen eingeholt werden können, die in kleineren Gruppen gesammelt und dann übersichtlich für alle dargestellt werden. Ein weiterer Schwerpunkt bildet die Freizeitgestaltung mit den Medien Fernsehen, Computer und Buch. Die emotionale Bindung an die einzelnen Medien kann mit Hilfe von B 9 diskutiert werden, wobei die Nutzung in bestimmten Situationen und zu bestimmten Zwecken eine Rolle spielt. B 10 regt zur Thematisierung der Probleme beim Fernsehkonsum an. Anschließend wird die Entwicklung der Nutzung des Buches und des Computer gegenübergestellt (B 11). Zur Auseinandersetzung mit dem Internet regt die Befragung über die eigenen Vorstellungen an (B 12). In die Lesewelt wird mit Harry Potter (B 13) eingestiegen, der seine Autorin Joanne K. Rowling reicher als die englische Königin gemacht hat. Trotz des Erfolgs von Harry Potter lesen Jugendliche weniger (B 14). Interessant sind sicherlich das Leseverhalten der Schülerinnen und Schüler und die persönlichen "Bestseller-Listen" der Schülerinnen und Schüler, die zum Vergleich aufgehängt werden. Die kurze Vorstellung eines selbst ausgewählten Buches, evtl. mit "Steckbrief" für die Pinwand, trägt dazu bei, die Freude am Lesen zu verstärken. Auch die Verbindung von Buch und Film erhöht die Motivation (B 15). Zahlreiche weitere Aktivitäten zur Leseförderung wie Autorenlesung, Bibliotheks- oder Verlagsbesuch, literarische Ausflüge zu bestimmten Schauplätzen, Lesenacht, Frederick-Tag, Lesestaffellauf von Ort zu Ort, Lesepatenschaften, Buchausstellungen, Lesewettbewerbe und die Gestaltung eines eigenen Buches bieten sich an. In diesem Zusammenhang wird auf die Veröffentlichungen des Landesinstituts für Erziehung und Unterricht Baden-Württemberg (LEU), der Stiftung Lesen und der ZEIT hingewiesen (vgl. Literaturverzeichnis und Internetadressen.) Auch die Beschäftigung mit der Tageszeitung wird vielerorts von den Zeitungsverlagen durch Projekte (z.B. Zeitung in der Schule), Schulungen und Materialien gefördert und kann in allen Klassenstufen durchgeführt werden.
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