Baustein C

Aspekte der Ernährung - Ein Projektbericht
(Gertrud Waag)


Mit dem Projekt "Ernährung" in einer 10. Klasse des Gymnasiums sollten durch neue Unterrichtsformen Erziehungsziele wie Erziehung zur Selbständigkeit, zur Teamarbeit und zur Verantwortung verfolgt wer den. Um die Schülerinnen und Schüler zum selbständigen Arbeiten zu motivieren, wurde mit "Ernährung" ein Oberthema gewählt, das zum einen alle persönlich betrifft und das zum andern so viele verschiedene Aspekte aufweist, daß alle ein sie interessierendes Thema fanden. Die Schülerinnen und Schüler spürten, daß die investierte Zeit und Energie ihnen persönlich nützt, sie lernten im Wortsinn für ihr Leben.

Intentionen

Das Projekt war fächerverbindend angelegt: Die Schülerinnen und Schüler erarbeiteten in Biologie die Grundlagen der Ernährung; in Gemeinschaftskunde überprüften sie, ob und wie sie sich in unserer heutigen Gesellschaft "gesund und umweltverträglich" ernähren können. Für den Aspekt "gesund" mußte nicht besonders geworben werden, da aus den Medien schon viel über problematische Zutaten bekannt war und viele auf ihre Figur und ihr Wohl befinden achten.

Den Aspekt der Umweltverträglichkeit direkt mit der Gesundheit zu verbinden, war nicht so selbstverständlich. Die durch das Thema bedingte Ich-Zentrierung läßt leicht den Aspekt der Umwelt als nachrangig erscheinen. Nicht alle Gruppen berücksichtigten den Umweltaspekt ausreichend, z. B. könnte bei Fast food der Umweltaspekt über die Müllfrage (Geschirr) hinausgreifen auf die Methoden der Fleischerzeugung, auf die Transportwege usw. Die Gruppe "Gemüse und Obst" konnte aber nach ihrem Besuch beim Biobauern die anderen überzeugen, daß "gesund und umweltverträglich" zusammengehören.

Organisation

Die Klasse arbeitete in Gruppen, die sich frei bilde ten. Bei der Gruppenwahl galt es, zwischen dem Interesse am Thema und der Zu- oder Abneigung gegenüber den anderen Beteiligten abzuwägen. Bei der ersten Erprobung konnten die Gruppen völlig frei ihr Thema definieren, beim zweiten Mal wählten sie aus einer Themenliste (siehe Schaubild 9) aus. Die Zahl der Themen sollte die Zahl der Gruppen übersteigen, damit sie eine Wahlmöglichkeit hatten. Falls zwei Gruppen das gleiche Thema wählten, mußten sich diese Gruppen ohne Intervention der Lehrerin einigen. Von ihr erhielten sie lediglich eine Liste mit Adressen von Organisationen, bei denen sie Informationsmaterial bestellen konnten.

Schaubild 9: Angebotene Themenbereiche

· Brot

· Fleisch, Wurstwaren

· Gemüse und Obst

· Vegetarisch essen

· Süßigkeiten

· Getränke

· Sportlernahrung

· Ernährungsbedingte Krankheiten · Fast food

· Überfluß / Mangel an Nahrungsmitteln · Preisbildung

· Lebensmittelkontrolle


Planung

Die Gruppen organisierten ihre Arbeit selbst. Dazu legten sie einen Arbeitsplan vor, aus dem die Aufgabenstellung für die ganze Gruppe und die Aufgaben der einzelnen Gruppenmitglieder ersichtlich waren. Hierbei lief ein Lernprozeß ab, der beim traditionellen fragend-entwickelnden Unterricht nicht möglich ist: gemeinsam zu entscheiden, wie das Thema genau einzugrenzen ist (die Schüler tendierten eher dazu, sich in der Flut zu verlieren - was auch als hohe Motivation und Interesse zu interpretieren ist). Zu entscheiden war auch, wie die erforderlichen Informationen zu beschaffen sind: wer geht wohin?

Gruppenarbeit

Zunächst war das Vorgehen zu klären: Interview, Fragebögen, vorher Informationen sammeln (aus Broschüren, z. B. von der AOK, von Umweltverbänden, von Bio-Organisationen). Aber auch die spätere Präsentation der Ergebnisse mußte von vorn herein bedacht sein: Videofilm, Fotoserie, Dias, Plakate, Geschmackstests oder Vortrag?

Bei ihren Erkundungen machten die Gruppen selbst Erfahrungen, die im Unterricht sonst nur referierend vermittelt werden können. So lehnten es die Filialen einer Fast-food-Kette ab, über die Herkunft ihrer Waren Auskunft zu geben; Bäckerei-Filialen einer Kette versprachen wiederholt Termine, ließen sie dann aber platzen. Der Bäcker im Familienbetrieb gab bereitwillig Auskunft.

Die Schüler konnten aus solchem Verhalten selbst ihre Schlüsse ziehen. Es kam vor, daß sie sich scheuten, zu einer Institution hinzugehen. Beim Wirtschaftskontrolldienst hakten sie nicht kritisch nach, wann z. B. eine Bäckerei oder ein Gemüseladen geschlossen wird. Selbstbewußtsein und Selbstsicherheit müssen erst wachsen, können sich aber bei solchen Projekten entwickeln.

Schon während der Erarbeitung, besonders aber bei der Präsentation realisierte die Gruppe das Prinzip .,Schüler lehren Schüler". Durch die Arbeit der Gemüse-Gruppe erfuhr die Fast-food-Gruppe, daß der Begriff "biologisch angebaut" noch nichts garantiert, daß es aber Organisationen gibt, die den Anbau nach festgelegten Kriterien kontrollieren. Ein vegetarisches Selbstbedienungs-Restaurant bezog seine Produkte aus "kontrolliertem Anbau", dessen Regeln es selbst festlegte. Im Weltladen wiederum wurde einer Gruppe gesagt, daß die Dritte-Welt-Organisationen Wert auf unabhängige Kontrollen bei den Erzeugern legen, damit sich keine Korruption einschleichen könne.

Bild: Rothe


Zwei Argumente werden häufig gegen eine bekannte Fast food-Kette vorgebracht: zum einen sei das Essen ungesund, zum anderen produzierten die Betriebe Müll im Überfluß. Auf Drängen der Stadt (im Bild Oberbürgermeisterin Beate Weber) sind die Heidelberger McDonald's-Filialen jetzt in einem Punkt vorbildlich geworden. Seit März 1998 haben sie auf Mehrweggeschirr umgestellt und ersparen sich so fast 900 Kubikmeter Restmüll im Jahr. Bild: Rothe

 

Dieses Lernen voneinander entlastet auch die Lehrerin. Die Diskussionen innerhalb und zwischen den Gruppen werden zunehmend sachbezogener, die Gruppenmitglieder nahmen Stellung, bezogen Position, die sie voreinander und nicht gegenüber der Lehrerin zu vertreten hatten. Gerade bei dem Thema "Ernährung" konnte sich die Lehrerin so den pädagogischen Zeigefinger sparen.

Die weitverbreitete Vorstellung, Bio-Produkte schmeckten fade, wurde durch Geschmackstests widerlegt. Die Brot-Gruppe ließ dieselbe Brotsorte aus einer Brotfabrik, aus einer Bäckereikette und aus einer Biobäckerei vergleichen, ebenso die Gemüse-Gruppe Karotten und Saft - und das Urteil fiel eindeutig zugunsten der Bio-Produkte aus.

Bei der Erarbeitung der Fragebögen war bei der Fragestellung auch zu berücksichtigen, wie die Antworten ausgewertet werden sollten. Die Gruppe "Ernährungsbedingte Krankheiten" befragte z. B. eine 5., eine 10. und eine 12. Klasse über ihr Eßverhalten und ihre Erfahrungen mit Krankheiten. Dabei ließ sie offene Antworten zu. Das war dann schwierig auszuwerten, aber es kam dabei heraus, daß die Jungen wesentlich kürzer antworteten als die Mädchen.

Die Gruppe fand dafür auch eine Erklärung: Mädchen sind körperbewußter, sie beobachten sich genauer und achten auf Signale des Körpers; Jun gen dagegen überspielen das oft.

Begleitung im Unterricht

Als Einstieg in das Thema dienten die Zeitungsartikel C 1 und C 2. Danach befragten sich die Schüler in einem "Doppelkreis"-Spiel (siehe Fragebogen C 3) gegenseitig über Eßverhalten und Kenntnisse über Ernährung. Erstaunlich war die offene Art, wie das geschah.

Als nächsten Schritt, um die Spannweite "gesund und umweltverträglich" auszuleuchten, nahm die Klasse unter Anleitung der Lehrerin eine Produktlinienanalyse von Joghurt (Matrix C 5) vor. Unter verschiedenen Joghurtsorten und -typen (Biolandjoghurt, No-narre-Joghurt, Früchtejoghurt mit verschiedenen Früchten) sollten sie auswählen. Die Schüler erkannten, daß die Dimensionen Umweltverträglichkeit (lange Transportwege), Gesundheit (Zucker- und Fettgehalt), Wirtschaft (Kosten, Arbeit) und Gesellschaft (Arbeitsbedingungen) berücksichtigt werden sollten, wenn eine begründete Kaufentscheidung gefällt werden soll. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernten, daß sie entscheiden und Prioritäten setzen müssen, dies aber nur unter Kenntnis vieler Perspektiven verantwortlich tun können.

Die Gruppe Brot übernahm diese Kriterien bei der Bewertung der Brote, indem sie darauf hinwies, daß ein Biobrot aus dem Bioladen für den Verbraucher zwar gesund sein könne, es durch den weiten Transport von einem Biobäcker auf dem Lande in die Stadt aber umweltbelastend ist.

In Biologie wurde zeitgleich Ernährung, Muskelaufbau und Verdauung behandelt, so daß die Klasse den "Ernährungskreis" (C 8) kannte und wußte, was zu einer ausgewogenen Ernährung gehört. Möglich ist auch ein Besuch im Dialysezentrum, um die Folgen von Zuckerkrankheit kennenzulernen.

Präsentation der Ergebnisse

Im Anschluß an die Erkundungen vor Ort präsentier ten die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse auf verschiedene Arten.

Die Gemüse-Gruppe hatte einen Bio-Bauernhof besucht und dokumentierte ihre Exkursion in einer Fotoreportage (Beispiele C 6, C 7). Ein Mitglied er stellte einen schriftlichen Bericht (C 9, C 10). Mit dieser Methode übten sich die Gruppenmitglieder in Verantwortung und Zuverlässigkeit. Bei der Präsentation gelang es der Gruppe, abwechslungsreich vorzugehen, jedes Gruppenmitglied einzubeziehen und die gegenseitige Information innerhalb des Teams zu gewährleisten.

Für eine weitergehende Analyse der in der Erkundung gewonnenen Erfahrungen bietet es sich an, weitere Informationen einzuholen und diese auszuwerten. Einschlägige Fundstellen sind die Veröffentlichungen der entsprechenden Verbände oder Ministerien (C 12, C 16), Schaubilder oder Berichte in Zeitungen (vergleiche C 11, C 13 und C 14), aber auch weitere Marktuntersuchungen (C 15).

Die Fast-food-Gruppe befragte McDonald's-Kun den vor einem Stuttgarter Restaurant über ihre Einstellungen zu Fast food. Dabei entstand ein Video-Film. Beim Schneiden mußte das Team ent scheiden, welche Interviews als exemplarisch vor gestellt werden sollten. Für die Drucklegung in "Politik und Unterricht" wurden die wichtigsten Ergebnisse schriftlich zusammengefaßt (C 17 bis C 19). In ähnlich knapper Form werden hier die Be suche beim Weltladen (C 20) und in einer Bäckerei (C 21) dokumentiert. Eine andere Arbeitsgruppe befaßte sich mit dem Aspekt der Lebensmittelkontrolle (C 23).

Im Biologieunterricht wurden parallel dazu Grundsätze für eine gesunde Ernährung erörtert (C 24). Die Jugendlichen sollten dabei jeweils für sich zehn persönliche Ernährungsregeln formulieren (Beispiel C 25).

Projektbewertung Zum Abschluß fand ein Test (C 26) statt, der Fragen aus allen Arbeitsgruppen enthielt. Im Vergleich zu herkömmlichen Klassenarbeiten blieb wesentlich mehr hängen, und es war offensichtlich besser verarbeitet.

Bei der Einschätzung des Projekts wurde besonders die Selbständigkeit, die Arbeit in Gruppen, das außerschulische Lernen und das Interesse am Thema genannt. Das eigene Gestalten und Suchen regte stärker an als vorgegebener Stoff. Aus der Fülle des Materials auszuwählen und zu überlegen, was der Klasse wie vorzustellen sei, war eine größere Herausforderung als die reine Informationsverarbeitung. Die Reaktion der Klasse auf die Präsentation spornte an.

Entscheidend für das Gelingen dieses Projekts war auch das Thema. Die Schülerinnen und Schüler spürten, daß diese Arbeit ihnen persönlich Gewinn bringt. Mit einer Klasse konnten wir zum Abschluß ein gemeinsames Kochen in der AOK-Küche veranstalten. Die Schülerinnen erhielten Rezepte für eine ausgewogene Ernährung und praktische Tips für ihre privaten Parties.