Baustein B

Das Soziale Netz einer Stadt
(Martin Raisch)


"Not in my backyard" ist eine in Amerika geläufige Redewendung, die in Zusammenhang mit Armut benutzt wird. Gemeint ist: "Armut interessiert mich nicht, solange sie sich nicht in meinem Hinterhof oder vor meiner Haustür abspielt." Wir reden und wissen viel über die Armut in anderen Ländern, aber wie es in Deutschland aussieht, nehmen wir oft nicht wahr oder verdrängen es.

Armut bei uns ist anders geartet. In Deutschland verhungern Menschen nicht auf der Straße, Armut spielt sich hier eher versteckt ab, aber es gibt sie in vielfältiger Weise. Einsamkeit, materielle Armut, Benachteiligung oder Ausgrenzung jeglicher Art gibt es auch vor unserer Haustür. Nahezu in jeder größeren Stadt gibt es Wohnsitzlose, unter denen sich auch Jugendliche unter 20 Jahren befinden (B 1, B 3). Dazu kommen Menschen mit Alkoholproblemen, Frauen in Schwangerschaftskonflikten, mißhandelte Frauen in Frauenhäusern und viele vereinsamte alte Menschen.

Mit der Armut in der eigenen Stadt beschäftigte sich die Sozial-AG einer Esslinger Realschule. Bei dem Projekt, das hier dokumentiert wird, untersuchten Schülerinnen folgende Fragen: Welche Erscheinungsformen sozialer Not nehmen wir wahr, wenn wir aufmerksam sind? Welche Strukturen, welches "soziale Netz", gibt es in einer Stadt, um diese Not aufzufangen oder zumindest zu mildern? Wie wird den Menschen geholfen? Welche Möglichkeiten für ehrenamtliches Engagement gibt es?

Ziele

Die Sozial-AG sollte soziales Lernen der Schülerinnen fördern und zu einer Bewußtseinsänderung führen. Konkret heißt das, daß sich die Einstellungen der Schülerinnen gegenüber Randgruppen unserer Gesellschaft ändern sollten. Zunächst ging es darum, die anderen überhaupt wahrzunehmen und ihnen Respekt und Achtung entgegenzubringen. Es ist schon viel gewonnen, wenn Jugendliche künftig diesen Menschen freundlicher begegnen. Aus einem solchen Projekt kann aber auch die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung erwachsen. Vorrangige Ziele sollten sein, Kontakte zu Betroffenen herzustellen und Begegnungen mit Randgruppen unserer Gesellschaft zu suchen. Das Projekt bot die Chance, Menschen kennenzulernen, die - offiziell oder ehrenamtlich - den Benachteiligten helfen oder sich auf geeigneten Wegen für sie einsetzen. Soziales Lernen kann so in soziales Handeln münden.

Diese Erfahrungen sind für junge Menschen deshalb besonders wichtig, weil in ihrem Leben und Fühlen oft das eigene Ich im Vordergrund steht. Zunehmend geht es heute um das Handeln zum eigenen Vorteil und um die Erwartungshaltung: "Was wird mir geboten?" Besonders Jugendlichen, die Auto rität zu hinterfragen beginnen, und die dabei sind, neue Rollen auszuprobieren und ihrer eigene Identität zu finden, soll die Sozial-AG einen Orientierungsrahmen geben, der ihr Denken und Handeln verändern kann. Es geht darum, Kooperationsfähigkeit und Solidarität zu fördern, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und wegzukommen von dem Denken: "Hauptsache, mir geht's gut!"

Projektbeschreibung

Das Projekt wurde mit Schülerinnen an der Schiller Realschule Esslingen durchgeführt. Die AG fand alle zwei Wochen nachmittags statt. Die Schülerinnen besuchten die sozialen Einrichtungen der Stadt oder luden Betroffene oder Mitarbeiter ein. Bei jedem Be such wurde ein Protokoll erstellt, und es wurden (falls erlaubt) Fotos gemacht. Das gesammelte Material wurde der Öffentlichkeit im Rahmen einer Ausstellung präsentiert. Im Mittelpunkt stand die Problematik der Obdachlosigkeit. Es entstand zu diesem Thema ein Theaterstück, in dem der Weg in die Obdachlosigkeit, das Leben als Obdachloser und der Weg aus der Obdachlosigkeit heraus aufgezeigt wurde. Wünschenswert ist es, eine Sozial-AG dauerhaft an einer Schule anzubieten. Dabei ist es möglich und sinnvoll, die Schülerinnen und Schüler mit in die Planung und Verantwortung einzubeziehen.

Lehrerinnen und Lehrern, die eine Sozial-AG an ihrer Schule planen, soll mit dieser Dokumentation ein Leitfaden an die Hand gegeben werden, der ihnen das Verwirklichen eines solchen Vorhabens erleichtert. Die Darstellung kann Hilfen zum Einstieg und weitere Orientierung geben, darf aber nicht als fertiges Konzept angesehen werden. Es ist nicht nur er wünscht, sondern wegen der individuellen und örtlichen Gegebenheiten auch erforderlich, eigene Kreativität zu entfalten und das Konzept entsprechend zu verändern. Die Arbeitsgemeinschaft (So zial-AG) sollte ab Klasse 7 angeboten werden, da Schülerinnen und Schüler in diesem Alter gesellschaftliche Zusammenhänge erkennen können und beginnen, neue Orientierungen zu suchen.

Vorbereitung

Zunächst gilt es, das Interesse für die Sozial-AG zu wecken. Dabei sollten geplante Aktivitäten erläutert werden, wie zum Beispiel der Besuch bei einer Einrichtung für Obdachlose. Auch Projektziele wie das Erarbeiten einer Ausstellung oder eines Theaterstückes können attraktiv sein. Wichtig ist es, die AG persönlich in den Klassen vorzustellen und Interessierte persönlich anzusprechen. Darüber hinaus kann man Informationszettel über die Klassenlehrer ausgeben oder Werbeplakate im Schulhaus aus hängen (Beispiel: B 4).

Alle Interessierten werden zu einem unverbindlichen Vortreffen eingeladen. Bei diesem Termin soll ten geplante Aktivitäten und Besuche dargestellt werden, aber auch der Sinn der Sozial-AG bewußt gemacht werden.

Hat sich eine Gruppe gefunden, so gilt das erste Treffen dem gegenseitigen Kennenlernen (kurze Vor stellungsrunde: Name, Klasse, die Beweggründe der Entscheidung für diese AG und besondere Inter essen). Das Programm wird nun im Detail erläutert. Gemeinsam sammelt man Unterlagen über die sozialen Einrichtungen der Stadt. Wertvolle Informationen über sie erhält man über die Pfarrämter oder über die Regionalzeitung (B 2), in der Verbände, Selbsthilfegruppen und andere soziale Einrichtungen ihre Dienste anbieten.

Projektbericht

Im hier vorgestellten Projekt lernten die Schülerinnen folgende soziale Einrichtungen kennen: Hilfen für Obdachlose (Berberdorf, Erfrierungsschutz, Fachberatungsstelle, Wohnheim, Wärmstube, Verein Heimstatt, Klamottenkiste), Psychologische Beratungsstelle (Schwangerschaftskonfliktberatung), Aidsberatung, Jugendbüro, Schuldnerberatung, Ex-Alkoholiker, Verein Jugendhilfe, Freundes kreis Asyl, Frauenhaus und Geriatrische Klinik. (Vergleiche Bilder B 5 bis B 9). Die genannten sozialen Einrichtungen umfassen größtenteils Bereiche, die die Schülerinnen gar nicht oder nur aus der Ferne kannten, an denen sie aber sehr interessiert waren.

Zunächst erörterten wir die besonderen Schwierigkeiten der Gesprächsführung mit den Interviewpartnern. Manches, was die Schülerinnen interessiere, hätte eventuell als sehr taktlos empfunden werden können. In den Gesprächen zeigte sich, daß die Schülerinnen einerseits rücksichtsvoll genug waren, sich aber auch zu fragen getrauten, wenn die Gesprächssituation das zuließ. Auch die inhaltliche Vorbereitung auf das Gespräch war wichtig: Was möchte ich eigentlich erfahren? Welche Daten und Fakten sind für eine Dokumentation wichtig? Ein Fragebogen wurde erstellt, der Anhaltspunkte für die Gespräche enthielt. Fragebeispiele für die Gespräche mit "Betroffenen" und mit Mitarbeitern der sozialen Einrichtungen sind hier wiedergegeben (B 10). Der Verlauf des Gesprächs hängt auch sehr vom Verhalten des Gesprächsteilnehmers ab. Bei den Schülerinnen begehrte Themen waren: Obdachlosigkeit, Aids, Alkohol, Asylbewerber und Schwangerschaftskonflikte. Jeweils eine Schülerin protokollierte den Besuch und das Gespräch. Die Ergebnisse sollten schließlich in einer Ausstellung präsentiert werden. Eine aus der Gruppe übernahm das Fotografieren. Andere erhielten den Auftrag, weitere Themen bei sozialen Einrichtungen zu vereinbaren.

In den sozialen Einrichtungen fanden beinahe immer Gespräche mit einem der Mitarbeiter statt. Das Sprechen mit Betroffenen war aus verständlichen Gründen nicht immer möglich. Vor dem Fotografieren fragten wir um Erlaubnis und wiesen darauf hin, daß die Bilder in einer Ausstellung zu sehen sein würden. Es erwies sich als sinnvoll, viele Fotos des Gebäudes oder der Einrichtung, vor allem aber Begegnungsbilder von den Gesprächen zu machen (B 11, B 12). Das war vor allem für die Ausstellung notwendig, da es um Begegnungen im sozialen Netz der Stadt ging. Meistens gab es in den sozialen Einrichtungen Broschüren und anderes Informationsmaterial zu der angesprochenen Problematik. Solche Materialien wurden dem Protokoll beigefügt. Zur Herstellung von Bildern und Vergrößerungen konnte mit einer an der Schule bestehenden Foto AG zusammengearbeitet werden.

Auswertung der Gespräche

Sinnvoll ist es, nach dem Besuch einer sozialen Einrichtung ein Gespräch mit den Schülerinnen über ihre Erfahrungen und Eindrücke zu führen. Die Probleme dieser Menschen und Möglichkeiten der Hilfe sollten im Mittelpunkt des Gesprächs stehen. Um das soziale Lernen der Schülerinnen zu sichern, ist es wünschenswert, dauerhafte Verbindungen zwischen den jungen Menschen und sozialen Einrichtungen aufzubauen. Dies könnte bedeuten, daß die Schülerinnen ehrenamtlich in ihrer Freizeit in sozialen Einrichtungen mitarbeiten. Sie könnten beim Kaffeeausschank in der Obdachlosenhilfe helfen oder ältere Menschen zu einem Spaziergang abholen. Die Sozial-AG hätte dabei die Funktion eines Türöffners, der hilft, die verschiedenen Hemm schwellen zu überwinden, die viele beim Betreten einer sozialen Einrichtung haben. Allerdings gibt es in manchen Institutionen noch keine Möglichkeit der ehrenamtlichen Mitarbeit. Hier kann das Projekt einer Sozial-AG vielleicht einen entsprechenden Anstoß geben. In jedem Falle sollten Hemmnisse aber die Lehrenden nicht davon abhalten, Wege zu suchen, das ehrenamtliche Engagement zu fördern.

Ausstellung

Innerhalb eines Schuljahres sammelten die Schüle rinnen Material über soziale Einrichtungen in der Stadt Esslingen. Ziel war es, diese Dokumente den Eltern und einer größeren Öffentlichkeit zu zeigen. Es war zu überlegen, wie eine Austeilung gestaltet werden konnte. Der Titel der Ausstellung war: "Begegnungen im sozialen Netz der Stadt Esslingen". Die Ausstellung sollte die Begegnungen optisch ins Blickfeld rücken. Die Ausstellungskonzeption ist auf einer Grafik dargestellt (B 13). In der Mitte und kreisförmig im Raum waren die Stellwände mit den Informationstafeln aufgebaut. Über dem Ganzen war ein Netz gezogen, um das "soziale Netz" sichtbar werden zu lassen. Zum leichteren Aufbau wurde ein Seil ringsherum gespannt, an das Wollfäden geknüpft waren. Das Netz wurde zu einem richtigen Spinnennetz ausgebaut. In dieses Netz hinein wurden die Begegnungsbilder geknüpft, die bei den Besuchen entstanden waren. Die Informationswände (Beispiele: B 14) wurden ebenfalls mit Wollfäden in Netzform gestaltet. Als zusätzliche Gestaltungsmöglichkeiten boten sich Ausschnitte aus Broschüren, Fotos von den besuchten sozialen Einrichtungen und Zeitungsausschnitte an. Der Text eines Informationsplakates ergab sich aus dem Protokoll der Schüler. Zu jeder besuchten sozialen Einrichtung wurde ein Plakat gestaltet.

Die Informationsplakate wurden von den Schülerinnen schon vor dem Aufbau der Ausstellung erstellt. Für den Netzaufbau waren viele Helfer nötig. Eltern waren gerne bereit mitzuhelfen. Am leichtesten wäre es gewesen, die Ausstellung im Schulhaus zu zeigen. Um eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen, suchten wir Räumlichkeiten der Stadt oder der Kirche. Die Räume müssen während der Öffnungszeiten überwacht werden. Das Alte Rathaus war als Ausstellungsort ideal.

Der Geldbedarf liegt je nach Aufwand zwischen 300 und 400 DM. In unserem Fall erhielten wir Geld vom Förderverein der Schule und gegen eine Spendenbescheinigung von Banken und Sparkassen. Sachspenden oder Rabatte bekamen wir von Läden, die uns die benötigten Materialien verkauften (Check Liste: B 15). Wichtig war auch eine breit angelegte Werbekampagne. Selbst hergestellte Werbe-Plakate konnten in Läden, an Informationstafeln in Kirchen oder an der eigenen Garage angebracht werden. Auch die regionale Zeitung war bereit, zusammen mit einem Bericht über die Arbeit der Sozial-AG auf die Ausstellung hinzuweisen (B 16). Gezielte Werbung war auch an anderen Schulen und bei den Eltern der Schüler der eigenen Schule möglich. Die Eröffnungsfeier für die Ausstellung bot ein ansprechendes Rahmenprogramm (B 17). Eingeladen waren Schüler, Eltern, Mitarbeiter und Betroffene, die man in den sozialen Einrichtungen besucht hatte, Vertreter der regionalen Presse und die Spender.

Theaterstück

Ein Ziel der Sozial-AG war es, auf die Probleme der verschiedenen Randgruppen aufmerksam zu machen. Die Schülerinnen zeigten besonderes Inter esse beim Thema Obdachlosigkeit. Mehrere Einrichtungen für Obdachlose wurden besucht. Als Dokumentation der Erfahrungen entstand das Theaterstück "Die Geschichte von Helmut" (B 18). Die Erarbeitung der Ausstellung und die Besuche in den sozialen Einrichtungen erforderten viel Zeit und Engagement, andererseits war das Theaterstück ein zusätzlicher Anreiz, sich für die Sache der Sozial-AG zu engagieren.

Es gibt auch Möglichkeiten, den Zeitaufwand zu reduzieren. Es wäre zum Beispiel möglich, ein Theaterstück zu schreiben, die Aufführung aber dann einer Theater-AG zu überlassen. Wir entschieden uns dafür, in dem Theaterstück Sprecher auftreten zu lassen. Die Schauspieler auf der Bühne erhielten die Impulse für ihre Darstellung durch den vorgelesenen Text. Die Proben für das Theaterstück waren so weniger zeitaufwendig, es genügten drei Proben vor der Aufführung. Für Kulissen und Requisiten bot sich eine Zusammenarbeit mit dem Fach Kunst und Technik an.

Weitere Anregungen

Um spielerisch soziales Lernen zu fördern und die Arbeit der Sozial-AG zu vertiefen, können Schüle rinnen und Schüler selbst Spiele entwickeln. Das Ziel eines Spiels könnte es sein, das soziale Netz einer Stadt oder die Probleme einer Randgruppe in dieser Stadt näher kennenzulernen. Beim Erstellen dieses Spiels vertiefen sich die jungen Menschen nochmals in die sozialen Strukturen der Stadt und die Probleme der Menschen, die in ihr leben.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, mit den Kindern einen Hindernis-Parcours auszutüfteln. Sozia les Lernen könnte dabei mit Kopf, Herz und Hand spielerisch im Klassenzimmer oder Schulhaus statt finden. Mögliche Themen: Welche Probleme haben Asylbewerber bei einer Behörde, ein Formular in deutscher Sprache auszufüllen? Wie schafft es ein Rollstuhlfahrer, Treppen hinauf zu kommen? Es geht darum, die Beteiligten erfahren zu lassen, welche schwierigen Situationen auf Menschen aus Randgruppen zukommen können.

Fazit

Während des Schuljahres standen die Besuche und die damit verknüpften Begegnungen mit Menschen in den sozialen Einrichtungen im Vordergrund. Wichtig war, die vielfältigen Probleme der Betroffenen, aber auch der Mitarbeiter kennenzulernen. Wieweit sich bei den Schülerinnen Einstellungen verändert haben, läßt sich schwer sagen.

Auf jeden Fall hat die Sozial-AG dazu beigetragen, Vorurteile abzubauen und bestimmte Randgruppen mit ihren Problemen in unserer Gesellschaft überhaupt erst einmal ins Blickfeld der Schülerinnen zu rücken. Ob sich aus Interesse und dem sicherlich ehrlich gemeinten Mitgefühl ehrenamtliches Engagement entwickelt, muß sich erst noch zeigen. Eine Sozial-AG während der Schulzeit kann aber wichtige Anstöße geben, um das soziale Lernen zu fördern.