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Zeitschrift Die siebziger Jahre Facetten eines Jahrzehnts Heft 2/2003 |
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Die Machthaber gaben sich moderner, lockerer, bürgernäher, als man dies von ihnen gewohnt war, doch gleichzeitig trieben sie den Ausbau des schrankenlosen Überwachungsstaates voran ... Um die überall vermuteten "feindlichen" Einflüsse durch Westkontakte von DDR-Bürgern zu neutralisieren, wurde ihre geheime Überwachung ausgebaut und mit verfeinerten Methoden betrieben ... Unter Honecker verdoppelte sich der Personalbestand des hauptamtlichen Apparates des Staatssicherheitsdienstes auf 91 000 Mitglieder, die über Dienstwaffe und militärischen Rang verfügten. Jürgen Weber: Deutsche Geschichte 1945-1990, München (Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit) 2001, S. 194-198
Nach mehr als zehn Jahren Auftrittsverbot hatte der Liedermacher Wolf Biermann im November 1976 die Erlaubnis zu einer Konzertreise in die Bundesrepublik erhalten. Nach seinem Auftritt in Köln meldete das "Neue Deutschland" seine Ausbürgerung. Mit diesem vermeintlichen Befreiungsschlag versuchte das SED-Regime sich eines kritischen Gegners zu entledigen. In seinen Liedern und Texten hatte Biermann wie wenige andere Künstler die alltägliche Realität des DDR-Sozialismus beschrieben und sie der kommunistischen Utopie entgegengestellt. Damit forderte er die politische Führung heraus. Als Ermahnungen, sich mit der Kritik zurückzuhalten, keinen Erfolg zeigten, folgten Publikations- und Auftrittsverbot. Mit Wohnungskonzerten und in zahleichen Abschriften fanden seine Texte dennoch Verbreitung ... Die Ausbürgerung des Liedermachers verfehlte ihr Ziel: Statt "Ruhe und Ordnung" zu erreichen, wuchs die Empörung. Zahlreiche Künstler wandten sich gegen diesen Akt staatlicher Willkür ... Ihrem Protest schlossen sich Menschen aller Altersgruppen und Berufsgruppen an. Allein in den ersten drei Wochen nach der Ausbürgerung registrierte die Staatssicherheit mehr als 450 "feindlich-negative Vorkommnisse" in der gesamten DDR. Besonders hart ging die SED gegen Solidaritätsaktionen junger und oft unbekannter Menschen vor. Sie ließ 101 Personen verhaften und 50 Ermittlungsverfahren wegen "staatsfeindlicher Hetze" und "Staatsverleumdung" einleiten. Zeitgeschichtliches Forum Leipzig (Hrsg.): Einsichten, Leipzig 2001, S. 169f.
Im Sommer 1973 fanden in Ostberlin die "X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten" statt, die Zehntausende junger Menschen aus allen Ländern in Ost und West, auch aus der Bundesrepublik Deutschland, in der Hauptstadt der DDR zusammenführten. Die DDR-Oberen gaben sich großzügig und tolerant, ließen die Jugendlichen musizieren, tanzen und diskutieren, wie sie wollten. Was der internationalen Öffentlichkeit und den Teilnehmern wie eine Demonstration des Reformwillens des SED-Regimes erschien, war in Wirklichkeit inszeniert und bis ins Letzte kontrolliert. Monatelang hatte die Staatsicherheit alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen, um Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten. Fast 20 000 Volkspolizisten, mehrere tausend Geheimdienstmitarbeiter in blauen FDJ-Blusen, zahllose Funktionäre der FDJ und anderer Massenorganisationen befanden sich im Dauereinsatz, um Ost-Bürger vom "Klassenfeind" fernzuhalten. Alles klappte dann auch vorzüglich. Die Doppelstrategie von Offenheit und verdeckter Repression hatte sich bewährt ... Nach Jürgen Weber: Deutsche Geschichte 1945-1990, München (Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit) 2001, S. 1976f.
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