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Zeitschrift Die siebziger Jahre Facetten eines Jahrzehnts Heft 2/2003 |
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A 21 bis A 25 Der Riss durch die Siebziger
Man kann zwei Phasen ausmachen, deren Trennlinie das Jahr 1974 bildet. Die erste Phase verspricht zu vollenden, was die 60er an kühnen Projekten erdacht hatten. Gleichzeitig erfassen neue Technologien nahezu alle Lebensbereiche und verstärken den Glauben an die greifbare Nähe einer Zukunft, die mehr beinhaltet als nur das Fortschreiben der Gegenwart. Das Pendel schlägt ab 1975 in die andere Richtung aus; die Ölkrise 1973 war der erste Schock gewesen, der deutlich machte, wie verletzlich die westliche Technikgesellschaft war. Die fünfziger und sechziger Jahre hatte vor allem in der Bundesrepublik ein ungebremstes Wirtschaftswachstum geprägt. Der Wirtschaftsaufschwung vollzog sich bei völliger Bewusstlosigkeit für seine Auswirkungen auf die menschlichen Lebensgrundlagen. Erst der Schock der Ölkrise und die täglichen Hiobsbotschaften über Umweltzerstörungen veränderten während der siebziger Jahre die Bewusstseinslage der Nation. War 1972 der Begriff "Reformen" noch ein positiv besetztes Sprachsymbol, so wurden jetzt plötzlich Reformen mit Inflation und wirtschaftlicher Unsicherheit gleichgesetzt. Die Reformbereitschaft wich einer breiten Stabilitätsorientierung. Zwei Dekaden rückten nun in das Rampenlicht: die zwanziger und die fünfziger Jahre. Die siebziger Jahre dagegen gerieten in eine schwere Entscheidungskrise. Zwischen sozialutopischen Hoffnungen und Umweltkrisen hin- und hergerissen, flüchtet man in die Anpassung an das Bestehende.
Die siebziger Jahre begannen mit dem Versprechen politischer Entspannung und wirtschaftlicher Sicherheit und endeten in einer von Grund auf veränderten Weltsituation mit enttäuschten Erwartungen, einer Wirtschaftskrise globalen Ausmaßes und zunehmenden politischen Spannungen, die nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan im Dezember 1979 sogar einen Rückfall in den Kalten Krieg befürchten ließen. Die hoffnungsvollen Perspektiven der Ära der Verhandlungen und umfassender Strukturreformen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft wichen einer desillusionierten Einsicht in die Begrenztheit menschlicher und irdischer Ressourcen, von der auch die Bundesrepublik nicht verschont blieb ... Die internationalen Entwicklungen wurden dabei durch innere Probleme, wie eine beginnende Rezession und die Zunahme des Terrorismus, noch verstärkt. Zusammengenommen bewirkten sie eine "Tendenzwende", bei der der Elan der frühen siebziger Jahre rasch erlahmte. Manfred Görtemaker: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, München (Beck Verlag) 1999, S. 563 f.
Ergebnisse von Umfragen; Angaben in Prozent Frage: "Glauben sie an den Fortschritt, ... dass die Menschheit einer immer besseren Zukunft entgegengeht?"
Nach Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1978-1983. Band VIII, München u.a. (K. G. Saur Verlag) 1983, S. 105
Im Gefolge des Jom-Kippur-Krieges im Oktober 1973 erhöhten zahlreiche erdölexportierende arabische Staaten drastisch ihre Rohölpreise. Sie verhängten einen Lieferungsboykott über die USA und die Niederlande wegen deren israelfreundlicher Haltung, der schließlich in abgestufter Weise auf andere westliche Länder ausgedehnt wurde. Die Ölproduktion wurde um 25 Prozent gedrosselt. Auch die Bundesrepublik war von Lieferkürzungen betroffen ... Zur Sicherstellung der Energieversorgung brachte die Bundesregierung in wenigen Tagen das Energiesicherungsgesetz durch das Parlament. Es trat am 10. November in Kraft ... Die Folgen der Ölkrise für die Bundesrepublik sind kaum zu überschätzen. In allererster Linie verursachte sie einen Kulturschock. Die Abhängigkeiten und Anfälligkeiten der modernen Industriegesellschaft und ihres Wohlstandes und die Begrenztheit der natürlichen Ressourcen wurden deutlich wie nie zuvor ... Die fahrfreien Sonntage (im November und Dezember 1973) wurden zu "Besinnungs-Tagen" ... Die Kostenexplosion in der Mineralölwirtschaft (17 Milliarden DM Mehrausgaben im Jahr 1974 bei um sechs Prozent gesunkenem Verbrauch) wirkte preis-treibend und schlug der Stabilitätspolitik der Regierung voll ins Gesicht. Die Konjunktur fiel ab. Die Zahl der Arbeitslosen stieg. Wolfgang Jaeger; in: Karl-Dietrich Bracher u.a. (Hrsg.): Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart/Mannheim 1986. Band 5/II, S,109f.
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