Zeitschrift 

Die siebziger Jahre

Facetten eines Jahrzehnts

Neue soziale Bewegungen -
zwei Beispiele

Die neue Ostpolitik

Die Ära Honecker

Terrorismus
 

Heft 2/2003 
Hrsg.: LpB



 

Inhaltsverzeichnis

A2 bis A8  Das war neu, das war spitze!


A 2 In den Siebzigern ...
  • nannten Kindergartenkinder jeden Langhaarigen einen Beatle,

  • schienen die frühen 60er und erst recht die 50er Jahre so weit weg zu sein wie die Steinzeit,

  • durfte den Lehrern auch noch die Hand ausrutschen, ohne dass es einen Skandal gab,

  • waren die Verwandten unserer Eltern sehr enttäuscht, wenn Vierjährige bei der Begrüßung keinen "Diener" machten,

  • gab es selbst in der Grundschule nur wenige Kinder, die einen ausländischen Elternteil hatten,

  • gab es im Gymnasium öfters mal Kundgebungen mit roten Fahnen und Megaphonen,

  • wurde im Fernsehen "Schweinchen Dick" abgesetzt, weil es für Kinder zu brutal sei,

  • galten Prügelstrafe und Hausarrest noch als völlig normales Erziehungsmittel,

  • glaubten die Erwachsenen, dass Comic-Lesen die Phantasie verderbe, weshalb "Fix und Foxi" in vielen Familien vor den Eltern verborgen werden musste,

  • waren ausländische Fußballer noch exotische Ausnahmen in der Bundesliga,

  • hatten die Autos noch keine Sicherheitsgurte,

  • rief man zum ersten Mal "geil", wenn man etwas bewundernswert fand,

  • kostete ein Brötchen 20 bis 30 Pfennige und der Eintritt in das städtische Freibad für Kinder 40 Pfennige,

  • gab es Sunkist im Tetra-Pack,

  • hatte Michael Jackson noch eine dunkle Hautfarbe,

  • hingen in den Postämtern Fahndungsplakate mit Bildern der RAF-Terroristen,

  • trug man Nato-Jacken und Wildleder-Boots mit Fransen dran,

  • träumten Achtundsechziger davon, alles noch viel besser und revolutionärer zu machen,

  • wurden Schülerzeitungen beschlagnahmt, weil in ihnen über die Pille geschrieben wurde,

  • regelte ein Haarnetzerlass bei der Bundeswehr das Problem der langhaarigen Rekruten.

Nach Christian Ankowitsch (Hrsg.): Alles Bonanza! Ein Album aus den 70er Jahren, Wien u.a. (Böhlau Verlag) 2000, S. 13-21

 

A 3 Das war "spitze"

Es gab eine Zeit ohne Homecomputer, ohne Windows, ohne Mouse-Doppelklick. Es gab eine Zeit vor dem ersten Game-Boy, ... vor dem ersten Frühstücksfernsehen und vor dem Sendebeginn von RTL-Plus. Und das ist im Grunde genommen noch gar nicht so lange her.

Es gab auch richtig gute und tolle Dinge, die unverwechselbar dazugehörten. Nichts vermittelte sie so gut wie das Fernsehen. Es gab richtige Rituale. Viele saßen samstagabends vor dem Fernseher und hörten: "Aus dem Studio 4 des Hessischen Rundfunks überträgt nun das deutsche Fernsehen die öffentliche Ziehung der Gewinnzahlen im Deutschen Lottoblock. Der Aufsichtsbeamte hat sich vor dieser Sendung vom ordnungsgemäßen Zustand des Ziehungsgerätes und der 49 Kugeln überzeugt." Und dann schnarrte die Lottomaschine los, zu einem gemütlichen Schlagerliedchen.

Hanns Rosenthal ließ alle mitgrölen, wenn er rief: "Sie sind der Meinung, das war ... SPITZE!" Und wer vergisst schon den berühmten Disco-Ruf: "Licht aus, Spot an!" oder die unglaubliche Absage der ZDF-Hitparade: "Es ist 20 Uhr 14 und 29 Sekunden, das war die ZDF-Hitparade aus dem Studio I der Berliner Unionfilm." Zu einem Zeitpunkt, da die Fernsehprogramme nur von 16 bis 23 Uhr liefen, war das, zu einem Zeitpunkt, als die Rundfunksendungen morgens um sechs Uhr begannen und um Mitternacht mit der Nationalhymne aufhörten. "Spiel ohne Grenzen", "Musik ist Trumpf" und "Am laufenden Band" oder "Einer wird gewinnen" waren die Sendungen, für die man samstagabends zu Hause blieb.

Nach Jens Bertram http://www.jens-bertrams.de/politik/themen/note7.htm

 

A 4  Die wunderbare Computer-Welt

Und dann kam der Computer! Die Rechenmaschinen dringen langsam aus den Labors in die Firmenetagen vor. 1972 stehen schon 10 000 Computer in deutschen Firmen. Die Anlagen sind riesig und, gemessen an heutigen Rechnern, fast lächerlich langsam. Hoffnungen und Ängste in Bezug auf die Rechner hielten sich die Waage. Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass der Computer allgegenwärtig und sehr viel mehr als eine elektronische Rechen- und Schreibmaschine sein würde. Die ersten Home-Computer kamen als Video-Spiele daher. Die Sendung "Tele-Spiele" war dann die Kombination von TV und Computer. Der Fernsehneuling Thomas Gottschalk führte durch die Show, deren Gäste eines der ersten Computerspiele, ein an Simplizität kaum zu überbietendes Ping-Pong, bedienen mussten. Doch so wurde den Deutschen die Angst vor dem Rechner genommen.

Nach Markus Caspers: 70er. Einmal Zukunft und zurück, Köln (DuMont Verlag) 1997, S. 100f. und S. 104

 

A 5  Die Hippies ziehen voraus, die Älteren folgen nach

In den Augen der Elterngeneration sind sie "Hippies" mit langen Haaren und verfilzten Bärten, sie hören laute Musik, rauchen Haschisch und waschen sich nicht richtig. Diese Bürgerschrecks zieht es Anfang der siebziger Jahre aus Protest gegen die damaligen politischen und kulturellen Zustände in die Ferne, besonders die Länder der "Dritten Welt". In Indien, Nepal, Südamerika oder in Afrika suchen sie sowohl seelische Entspannung als auch körperliche Herausforderung in ursprünglicher Natur und im Zusammenleben mit Menschen der von der europäischen Zivilisation "noch nicht verdorbenen" Kulturen. Es dauert nicht lange, bis sich das Negativimage vom langhaarigen Hippie in das eher positiv besetzte Bild vom experimentierfreudigen und kenntnisreichen Globetrotter oder Alternativtouristen wandelt, der seine Erlebnisse möglichst individuell und abseits der ausgetretenen Tourismuspfade sucht. 1976 erscheinen in Deutschland die ersten "Alternativ-Reiseführer". Sie verbreiten beim Lese- und Reisepublikum so genannte "Geheimtipps", - wenig bekannte und "günstige" Ziele abseits des Massentourismus .... Eine wahre Flut von Reisemagazinen etabliert sich seit Ende der siebziger Jahre auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt.

Wieder daheim, veränderten sich wegen der schönen Reiseerinnerungen die Essgewohnheiten. Noch einmal Souvlaki, noch einmal Sirtaki. Die Kneipen wurden jung, die Vorherrschaft der Butzenscheiben wich, man sitzt nun zwischen Palmen und Farnen. Aus dem Bierhaus wurde das Bistro und aus dem Krug zum Grünen Kranze das Café Fellini. Eine nicht sonderlich ausländerfreundliche Gesellschaft nahm multinationale Esskultur an.

Nach Uwe Koch; in: Klamm, Heimlich & Freunde, Berlin (Elefanten Press Verlag) 1987, S. 13 und Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Endlich Urlaub. Die Deutschen reisen, Köln (DuMont Verlag) 1996, S. 60f.

 

A 6  Das Auto als Statussymbol

War es während des Wirtschaftswunders und danach erst einmal darum gegangen, sich überhaupt zu motorisieren, so gilt es im Anschluss daran, vom Zweirad aufs Auto und vom Kleinwagen auf die Mittelklasse oder die Sportvariante um- oder aufzusteigen. 1970 haben sich Bruttosozialprodukt und Privatkonsum gegenüber 1960 verdoppelt, das Geld wandert vor allem in neue Autos. Zum ersten Mal bieten alle deutschen Automobilhersteller Sportwagen oder zumindest sportliche Varianten ihrer Grundmodelle an, ein Resultat des gestiegenen Drangs nach Differenzierung ... Technologische Erfindungen wie der Wankelmotor oder der Turbolader werden stromlinienförmig-sportlich verpackt ...

Je mehr Bundesbürger über ein Auto verfügen, umso größer wird der Druck, sich von den Anderen zu unterscheiden ... Die Zuliefer-Industrie wittert das große Geschäft: Spoiler, Zierstreifen, Auspuffanlagen, Kotflügelverbreiterungen, Sportfelgen, Jugend und Sportlichkeit sind Trumpf ... Das Sportliche [beginnt] bereits in der Einsteigerklasse und wird auf Familienkutschen ausgedehnt.

Markus Caspers: 70er. Einmal Zukunft und zurück, Köln (DuMont Verlag) 1997, S, 63f. und S. 70-78

Kleiner Flitzer: VW-Porsche 914

Bild: Auto-Museum Volkswagen

"Capri heißt nicht nur blauer Himmel, sondern auch Brandung und heißes Blut", heißt es in einer Pressemitteilung von Ford.

Bild: Ford

 

A 7  Die stille Revolution

Rund dreißig Jahre ist es her, dass in vielen westlichen Ländern, ganz besonders aber in Westdeutschland, ein tief greifender Wertewandel stattfand und ein neuer Zeitgeist Einzug hielt, der dann die folgenden Jahrzehnte bestimmen sollte .... Binnen weniger Jahre war die Zustimmung dazu, was 250 Jahre lang gepflegt worden war (Erziehungsziele wie Höflichkeit und gutes Benehmen, Sauberkeit, Sparsamkeit, die Arbeit ordentlich und gewissenhaft tun usw.), deutlich abgesunken. Der Abbau hatte sich in allen sozialen Schichten vollzogen und immer am radikalsten bei den Jungen, den unter 30-Jährigen ...

Noch 1967 fanden es nur 24 Prozent der jungen Frauen in Ordnung, mit einem Mann zusammenzuleben, ohne verheiratet zu sein. Nur wenige Jahre später waren es 76 Prozent, die sagten, das sei ganz in Ordnung. Dieser Vorgang ist ... mit gutem Grund als "stille Revolution" bezeichnet worden. Es änderten sich nicht nur einige Werte, sondern der gesamte Zeitgeist. Zum ersten Mal wurden eine bestimmte Art von Bewusstsein und Regeln der Lebensführung in Frage gestellt, die seit den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts unangefochten schienen. Dieser Wertewandel war ... in Westdeutschland stärker ausgeprägt als in jedem anderen Land.

Elisabeth Noelle-Neumann / Thomas Petersen: Zeitenwende; in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 29/2001 vom 13. Juli 2001, S.16

 

A 8  Spielzeug der siebziger Jahre
Ganz aktuell war man 1976 zur Olympiade. Big Jim trug die übliche Badehose von Mark Spitz, dem Schwimmer der siebziger Jahre. Ken war eigentlich immer schon der Weichei-Bruder von Big Jim. Aber wer war eigentlich Skipper: die Tochter von Barbie und Ken oder die kleine Schwester von Barbie? Doch wo waren dann die Eltern?

Nach: www.meine-70er-Jahre.de/Spielkramx.htm, 26.11.2002

 


 


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