
Politisches Reden
C 7 - C12 Analyse von Reden und Sprachkritik
C 7 Vorsicht: Demagogie!
Es heißt, Worte seien das stärkste Rauschgift, das die Menschen besäßen. Dieser Ausspruch Kiplings zielt auf die Demagogie, die Kunst der Volksverführung durch mitreißende, oft genug verderbliche Reden. Ihre psychologischen Grundlagen finden sich in Le Bons berühmtem Buch "Die Psychologie der Massen". Dort heißt es z. B.: "Die Redner müssen, da die Massen nur durch übermäßige Empfindungen stark erregt werden, starke Ausdrücke gebrauchen, Schreien, Beteuern, Wiederholen".
Hitler hat sich diese Lehren zu eigen gemacht. In seinem Buch "Mein Kampf" setzt er sie in demagogische Grundforderungen um: "Wer die breite Masse gewinnen will, muß den Schlüssel kennen, der das Tor zu ihrem Herzen öffnet. Er heißt nicht Objektivität, also Schwäche, sondern Wille und Kraft ... Die Masse ist nicht in der Lage, nun zu unterscheiden, wo das fremde Unrecht endet und das eigene beginnt ... Das Volk ist in seiner überwisgenden Mehrheit so feminin veranlagt und eingestellt, daß weniger nüchterne Überlegung, vielmehr gefühlsmäßige Empfindung sein Denken und Handeln bestimmt ... Es ist falsch, der Propaganda etwa die Vielseitigkeit des wissenschaftlichen Unterrichts geben zu wollen. Die Aufnahmefähigkeit der großen Masse ist nur sehr beschränkt, das Verständnis klein, dafür jedoch die Vergeßlichkeit groß. Aus diesen Tatsachen heraus hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur sehr wenige Punkte zu beschränken und diese schlagwortartig so lange zu verwerten, bis bestimmt auch der Letzte unter einem solchen Wort das Gewollte sich vorzustellen vermag ...
Der Demagoge wendet sich nicht an den Verstand, sondern nur an die Emotionen der Hörer, die in der Masse besonders leicht erregbar sind. Schmeichelei und Versprechen spielen eine große Rolle; der Gegner wird beschimpft, bedroht, lächerlich gemacht. Immer wieder wird die Gemeinsamkeit betont, bis der einzelne ein Wir-Gefühl erlebt, das ihm suggeriert, Teil einer machtvollen Gruppe zu sein, ein Ziel und einen Lebensinhalt zu haben; er fühlt sich geborgen, sieht seine persönliche Bedeutung erhöht und ist auf dem besten Wege, ein entschlossener, zuletzt fanatisierter Gefolgsmann zu werden, der sich bedingungslos seinen Führern - besser Verführern - anvertraut.
Kurs Rhetorik. Kiel: Eckert Verlag, z. Aufl. 1995, S. 32
C 8 "Ich frage euch"
Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 (Auszug)
Nach der militärischen Niederlage der deutschen Armee in Stalingrad am 31. Januar 1943 proklamiert Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 in seiner Rede im Berliner Sportpalast den "totalen Krieg". Sie gilt als Paradebeispiel einer propagandistischen und demagogischen Rede, da der Propagandaminister Goebbels sich vorgenommen hat, nach der sich abzeichnenden Niederlage die deutsche Bevölkerung (Tausende von Zuhörern im Sportpalast und Millionen von Hörern, die am Volksempfänger die Rede verfolgen) aus dem Stimmungstief herauszureißen und sie wieder fest an die NS-Führung zu binden.
"Ihr also, meine Zuhörer, repräsentiert in diesem Augenblick die
Nation. Und an euch möchte ich zehn Fragen richten, die ihr mir mit dem deutschen Volke
vor der ganzen Welt, insbesondere aber vor unseren Feinden, die uns auch an ihrem Rundfunk
zuhören, beantworten sollt."
Nur mit Mühe kann sich der Minister für die nun folgenden Fragen Gehör verschaffen. Die Masse befindet sich in einem Zustand äußerster Hochstimmung. Messerscharf fallen die einzelnen Fragen. Jeder einzelne fühlt sich persönlich angesprochen. Mit letzter Anteilnahme und Begeisterung gibt die Masse auf jede einzelne Frage die Antwort. Der Sportpalast hallt wider von einem einzigen Schrei der Zustimmung.
"Die Engländer behaupten, das deutsche Volk habe den Glauben an den Sieg verloren: Ich frage euch:
Glaubt ihr mit dem Führer und mit uns an den endgültigen totalen Sieg des deutschen Volkes?
Ich frage euch: Seid ihr entschlossen, dem Führer in der Erkämpfung des Sieges durch dick und dünn und unter Aufnahme auch der schwersten persönlichen Belastungen zu folgen?
Zweitens: Die Engländer behaupten, das deutsche Volk ist des Kampfes müde. Ich frage euch: Seid ihr bereit, mit dem Führer als Phalanx der Heimat hinter der kämpfenden Wehrmacht stehend diesen Kampf mit wilder Entschlossenheit und unbeirrt durch alle Schicksalsfügungen fortzusetzen, bis der Sieg in unseren Händen ist?
Drittens: Die Engländer behaupten, das deutsche Volk hat keine Lust mehr, sich der überhand nehmenden Kriegsarbeit, die die Regierung von ihm fordert, zu unterziehen. Ich frage euch: Seid ihr und ist das deutsche Volk entschlossen, wenn der Führer es befiehlt, zehn, zwölf, und wenn nötig, vierzehn und sechzehn Stunden täglich zu arbeiten und das Letzte herzugeben für den Sieg?"
Herrschaft durch Sprache. Arbeitstexte für den Unterricht. Hrsg. von Walter Schafarschik. Stuttgart: Philipp Reclam jr. 1973, S. 65 f.
C 9 "Unwörter" des Jahres
Einmal im Jahr kürt eine sechsköpfige Jury die "Unwörter des Jahres". Von 1991 bis 1993 wurde die Suche nach dem "Unwort des Jahres" im Rahmen der Gesellschaft für deutsche Sprache veranstaltet, seit 1994 machte sich die sechsköpfige Jury selbständig und arbeitet seitdem als "Sprachkritische Aktion: Unwort des Jahres". Im folgenden sind bisher monierte "Unwörter" zusammengestellt.
"Unwort" 1991 ausländerfrei
"Unwort" 1992 ethnische Säuberung (für Vertreibung oder Tötung von Menschen)
"Unwörter" 1993 Überfremdung, kollektiver Freizeitpark (Deutschland), schlanke Produktion(für Entlassungen)
"Unwörter" 1994 Peanuts, Besserverdienende, Dunkeldeutschland(für Ostdeutschland), Buschzulage(für Arbeiten im Osten), Freisetzung (von Arbeitskräften)
"Unwort" 1995 Diätenanpassung
"Unwort" 1996 Rentnerschwemme
"Unwort" 1997 Wohlstandsmüll (für arbeitsunwillige,arbeitsunfähige oder kranke Menschen)
In Anlehnung an: Der Sprachdienst. Hrsg. von der Gesellschaft für deutsche Sprache (Wiesbaden). Heft 1 /94 (JanuarlFebruar) S. 8 ff und 2/96 (MärzlApril), S. 47 ff
C 10 Verschiedene Bezeichnungen für einen Sachverhalt
Zur Bezeichnung ein und desselben Sachverhalts brauchen Mieter/Vermieter, Konsumenten/Produzenten, ArbeitgeberlArbeitnehmer, Industriellel Umweltschützer usw. oft verschiedene Ausdrücke, welche die unterschiedlichen Sichtweisen und Interessenlagen widerspiegeln.
Ordnen Sie den Gebrauch der folgenden Wörter verschiedenen Gruppen zu (mit Begründung).
Kernkraftwerk/Atomkraftwerk
bewährt/konservativ
Preisangleichung/PreissteigerunglPreiserhöhung!
Preisanhebung
Arbeitsplatzredimensionierung/Entlassungen
Abtreibung/Schwangerschaftsabbruch/Abort/Mord
an ungeborenem Leben
Aufrüstung/Nachrüstung
Entwicklungsländer/unterentwickelte Länder/Drittweltländer
verkehrsbelebte Straßen/lärmige Straßen
GastarbeiterlFremdarbeiter
Verständigung/Kommunikation
Hausangestellte/Dienstmädchen
soziale Gerechtigkeit/Gleichmacherei
ArbeiterlArbeitnehmer
Suchen Sie weitere Beispiele. Wie lassen sich die Begriffe nach ihrer Werthaltung einteilen? Für die Klassifikation stehen folgende Ausdrücke zur Verfügung: wertneutral - positiv - beschönigend (Euphemismus, der bis zur UerschleierunglEntstellung eines Sachverhalts geht) - negativ. Wie weit ist die Beantwortung dieser Fragen von der eigenen Optik abhängig? Gibt es überhaupt Begriffe, die einen »wertneutralen« Klang haben?
Martin Fennerllwar Werfen: Sprache und Politik in der Schweiz. Zürich: Sabe AG 1987, S. 11
C 11 Kampf mit Wörtern und um Wörter
Die beiden folgenden Strategien sind im politischen Kampf um Wählerstimmen besonders häufig anzutreffen und daher besonders wichtig:
Die Strategie: "Begriffe besetzen": Wenn eine Gruppierung oder eine Partei glaubwürdig für ihre politischen Ziele einen positiv besetzten Begriff prägen und beanspruchen kann (z. B. "ökologische Gerechtigkeit"), dann kann diese Gruppierung gegebenenfalls einen Vorteil gegenüber den politischen Gegnern erzielen. Der politische Gegner muß solch ein positives Schlagwort entwenden und damit für sich beanspruchen oder ein neues, noch besseres erfinden.
Die Strategie der Eigen- und Fremdzuschreibung von Eigenschaften: Wenn eine politische Gruppierung oder Partei in überzeugender Form mit Hilfe eines Wahlslogans wie z. B. "Freiheit statt Sozialismus" sich selber positiv bewertete Eigenschaften (hier "Wir stehen für Freiheit") und den politischen Gegnern negativ bewertete Eigenschaften (hier "Die anderen stehen für Unfreiheit") zuzuschreiben in der Lage ist, so kann daraus eventuell politisches Kapital geschlagen werden.
In Anlehnung an Josef Klein: Politische Semantik. Bedeutungsanalytische und sprachkritische Beiträge zur politischen Sprachverwendung. Opladen: Westdeutscher Verlag 1989, S. 3 ff.
C 12 Konkurrierende Bezeichnungen
| Sachverhalt | Positive(re) Bezeichnung | Negative(re)Bezeichnung |
| Wirtschaftsform der Bundes- republik Deutschland | Soziale Markt- wirtschaft | Kapitalismus |
| Verhältnis vonabhängig Beschäftigten und Kapitaleignern | Sozialpartner- schaft |
Klassenkampf |
| Ostpolitik der Regierung Brandt-Scheel | Politik der Versöhnung |
Verzichtspolitik |
| Erweiterung derMitbestimmung | Demokratisierung der Wirtschaft | Funktionärs- herrschaft |
| Rote Armee Fraktion | Baader-Meinhof- Gruppe |
Baader- Meinhof-Bande |
| SPD-FDP- Koalition | Sozial-liberale Koalition |
Links-Koalition |
| CDU-FDP- Koalition |
Koalition der Mitte |
Rechts- Koalition |
| Endlager für radioaktive Abfälle | Nuklearer Ent- sorgungspark |
Atommüll- Deponie |
| Dienst der Bundeswehr | Friedensdienst | Kriegsdienst |
Josef Klein.' Wortschatz, Wortkampf, Wortfelder in der Politik. In: Josef Klein (Hg.): Politische Semantik. Opladen: Westdeutscher Verlag 1989, S. 19