Wie sage ich, was ich meine ?
B 4 - B 9 Verfassen und Vortragen einer Rede


 

B 4 Fünf Grundregeln der Rhetorik

1. Sprich nur so sachorientiert wie nötig. Bereite dich inhaltlich und argumentativ gut vor. Sprich zielgerichtet und mit klarer Gliederung. Bringe die Sache auf den für den Zuhörer wichtigen Punkt.

2. Sprich verständlich. Vereinfache komplizierte Sachverhalte. Überprüfe Fremdwörter, Fachbegriffe, Zahlenmaterial. Orientiere dich am Stil der gepflegten gesprochenen Sprache. Sprich deutlich und nicht zu schnell. Mache Sprechpausen (= MitdenkPausen).

3. Sprich möglichst frei. Lies auf keinen Fall stur vom Blatt ab. Wähle eine Spickzettelmethode, die es dir erlaubt, so frei wie möglich und so sicher wie nötig zu sprechen. Halte Blickkontakt, und achte auf das Feedback der Zuhörer.

4. Bedenke, daß auch dein Körper spricht. Laß Mimik und Gestik sich natürlich entfalten. Sei glaubwürdig in Ausdruck und Auftreten. Öffne dich den Zuhörern, gehe auf sie zu.

5. Sprich möglichst du-orientiert. Gehe von den Voraussetzungen und Erwartungen des Zuhörers aus. Vermeide es, ihn zu (unter- oder) überfordern. Sprich nicht länger, als der Zuhörer dir zu folgen vermag. Wecke sein Interesse, und führe ihn zum Thema hin.

 

Stephan Gora: Grundkurs Rhetorik. Eine Hinführung zum freien Sprechen. Stuttgart: Klett Verlag 1992, S. 14

 

B 5 Verschiedene Redegliederungen

 

I. Grundriß einer Meinungsrede

Die bekannte Dreiteilung - Einleitung - Hauptteil Schluß - bewährt sich auch als Grundriß einer Rede.

1. Einleitung: Warum spreche ich? Worin besteht der Anlaß?

2. Hauptteil:

a) Wie sind die Zustände (Was war, was ist?)

b) Was müßte statt dessen sein?

c) Wie können die herrschenden Zustände geändert werden?

3. Der Schluß enthält die Aufforderung zur Tat, den vom Redner gewiesenen Weg zu gehen und so die Zustände zu ändern: Was können, was müssen wir tun?

Heinz Lemmermann: Lehrbuch der Rhetorik. © Günter Olzog Verlag 1962, Landsberg am Lech

 

II. Die Fünf-Punkte-Gliederung

1. Interesse wecken!

2. Kerngedanken nennen!

3. Vorschläge begründen!

4. Vorurteile aufzeigen!

5. Zum Handeln auffordern

 

III. Standpunktformel

1. Adressierung: "Das geht Euch an!"

2. Anknüpfung: "Alle, die ihr in diese Bürgerversammlung gekommen seid, um gegen die neue Autobahntrasse zu protestieren ..."

3. Behauptung: "Eine Autobahn ist der Tod für diese Gegend!"

4. Beweis: "Man rechnet mit einem Verkehrsaufkommen von xy Autos in der Stunde. Das bedeutet ..."

5. Appell: "Das dürfen wir nicht zulassen! Deshalb ..."

 

IV Redegliederung aus der Antike

1. Wohlwollen der Zuhörer gewinnen

2. Gegenwärtige Situation darlegen (Wie ist der Zustand?)

3. Neue Möglichkeiten aufzeigen (Was könnte statt dessen sein?)

4. Vorschläge begründen

5. Mögliche Einwände vorwegnehmen 6. Tatsachen zusammenfassen

7. Zuhörer begeistern

8. Zur Tat aufrufen

 

B 6 Eine ausführliche Gliederung

1. Einleitung

Thema

Warum ist dieses Thema für die Zuhörer interessant, aktuell und wichtig?

Aufmerksamkeit

Womit gewinne ich die Aufmerksamkeit der Zuhörer?

Sympathie

Wie gewinne ich das Vertrauen der Zuhörer?

 

2. Hauptteil

Kerngedanke
Was ist der Grund, der Zweck, das Ziel meiner Rede?

Situationsanalyse
Wie war die Situation in der Vergangenheit? - Wie ist die Situation heute? Welche Tendenzen zeichnen sich für die Zukunft ab?

Beweis
Durch welche Zahlen, Tatsachen, Beispiele, Vergleiche kann ich diese Situationsanalyse beweisen?

Folgen
Welche positiven Folgen ergeben sich aus der Situationsanalyse: Hoffnungen, Chancen, Möglichkeiten, Gewinne ...

Welche negativen Folgen ergeben sich: Gefahren, Bedrohungen, Probleme, Sorgen, Verluste ...

Gefühlsansprache
Wie lassen sich diese positiven und negativen Folgen in möglichst bildhaften und gefühlsbetonten Worten "darstellen"?

Motivansprache
Welche Motive werden bei den Zuhörern durch diese Folgen berührt? Wie kann ich sie ansprechen? Vorschläge

Was sollte anders sein? Was kann man in der Zukunft dafür tun? Wie können wir unser Ziel erreichen? Welche Möglichkeiten gibt es?

Einwände
Welche Vor- und Nachteile sind von diesen Vorschlägen zu erwarten? Welches Risiko ist damit verbunden? Wie groß ist die Chance der Verwirklichung?

 

3. Schluß

Aktion
Wie gehen wir vor? Was ist zu tun? Wer soll was wann wie tun?

Appell
Zusammenfassung der PRO-Argumente. Aufforderung zum Handeln!

,, Zusammengestellt von Ernst-Beinhard Beck; nach Gerhard Halberstadt: Das freie Wort. Sprachtechnik - Redetechnik, Bonn: Verlag Neue Gesellschaft 1978, S. 43 f. (B 5), S. 46 (8 6)

 

B7 Beurteilungskriterien

 

Redner(in):

Thema:

Vermittlungsmethode:

Redeziel:

Redezeit:  __  zulang  __angemessen   __ zu kurz

 

    sehr
gut
gut     kann
verbes-
sert
werden
muß
verbes-
sert
werden
 
Blickkontakt Jeder fühlt sich
angesprochen,
Rede möglichst frei
        fehlt, unsicher,
einseitig;
stur vom Blatt
abgelesen
Mimik mit natürlichem
Ausdruck, entspannt
freundlich
        gekünstelt, ange-
spannt, unfreund-
lich, ohne Aus-
druck
Gestik/
Haltung
unterstreicht die Aus-
sage, öffnet sich den
Zuhörern
        blockiert, ver-
schlossen, abge-
wandt, steif;
übertrieben
Sprache verständlich in Artiku-
lation, Wortwahl, Satz-
bau und Tempo
        unverständlich,
unangemessen,
weder Pausen
noch Varianten
Gliederung klar erkennbar;
zielgerichtet; Ohröffner
und Schlußsatz
        nicht nachvoll-
ziehbar, unge-
schickt,
assoziativ
Argumentation vernünftig, treffend,
überzeugend
        unlogisch, Thesen
oder Argumente
nicht annehmbar
Sachwissen fundiertes Wissen,
gute Fragestellung
und Schwerpunkt-
setzung
        falsch, ungenau
irrelevant;schlecht
vorbereitet
Interesse geweckt; anregend,
spannend, du-orientiert
        Zuhörer gelang-
weilt,kein Bezug
Über-/unterfordert
Glaubwürdigkeit Redner steht hinter
seiner Sache, über-
zeugt Zuhörer
        persönl. Distanz
zwischen Redner
und Zuhörer
Redeziel (s.o.) den eigenen Standpkt
klargemacht, Zuhörer
überzeugt
        Redeziel verfehlt,
Meinung des
Redners unklar

Besondere Stärke(n):

Verbesserungsvorschlag für die nächste Rede:

Stephan Gora: Grundkurs Rhetorik: Eine Einführung zum freien Sprechen. Lehrerheft. Stuttgart: Klett Verlag 1992, S. 52

 

B 8 Marotten

Marotten sind situationsunabhängige, häufig wiederkehrende Körperbewegungen, die (meist) unbewußt ausgeführt und selber nicht mehr wahrgenommen werden.

Beispiele:

- Brille zurückschieben

- Ohr oder Nase reiben

- spielen mit Kugelschreiber

- auf die Lippen beißen

- Zungenspitze zeigen

Marotten sind unnötig und irritieren den Gesprächspartner. Versuchen Sie, eigene Marotten festzustellen und sie sich abzugewöhnen. Bitten Sie Ihren Partner oder einen Freund, Sie einige Zeit zu beobachten und Ihnen festgestellte Marotten mitzuteilen. Oder noch besser: Halten Sie eine mindestens fünf Minuten dauernde Rede, und nehmen Sie sich dabei mit dem Video auf.

 

B 9 Körpersprache

Studieren Sie Ihre Mimik oder Gestik nicht vor dem Spiegel ein: In aller Regel wirken solche »künstlichen Gesten« im Ernstfall unglaubwürdig. Gehen Sie lieber so vor: Beobachten Sie sich selbst in einer zwanglosen Unterhaltung; achten Sie auf Ihr Körperverhalten. Nach einigem Üben werden Sie auch während des Sprechens Ihren Körper bewußter wahrnehmen - und ihn so mehr und mehr als Ausdrucksmittel einsetzen.

Eine weitere Möglichkeit: Beobachten Sie das Körperverhalten anderer Leute. Nehmen Sie z. B. eine Diskussionsrunde am Fernsehen mit Video auf und schalten Sie beim Abspielen den Ton ab; lassen Sie nur die Bilder auf sich wirken. Durch solches Bewußtmachen körperlicher Abläufe wird sich Ihr Repertoire an körperlichen Ausdrucksformen wie von selbst erweitern.

 

B 8 und B 9 aus: Marcel Riesen, Jürg Studer: Rhetorik - erfolgreich reden. Ein Leitfaden für den Praktiker. 8ern: Cosmos Verlag, z. Aufl. 1991, S. 45 f.