Baustein C

Unterrichtspraktische Hinweise


1. Rede-Beispiele aus der Politik (C 1 bis C 6)

Eine "typische" Redesituation zeigt das Foto (C 1) aus dem Bundestag. Es soll dazu anregen, daß die Schülerinnen und Schüler ihr Vorwissen und ihre Einschätzungen über Bundestagsreden mitteilen. "Kritischen" Stimmen (klischeehaft in der Phrase zusammengefaßt: "Die reden viel und machen wenig") kann entgegengehalten werden, daß jeder einzelne die Wahl zwischen verschiedenen Rednern und damit politischen Richtungen hat und gegebenenfalls sich selber zu Wort melden kann. Dafür ist allerdings eine genauere Betrachtung der Redestrategien vonnöten.

Die folgenden Texte bringen Ausschnitte aus Reden von Oskar Lafontaine (C 2) auf dem Mannheimer SPD-Parteitag im November 1995, Helmut Kohls Regierungserklärung zum sogenannten Sparpaket im April 1996 (C 3) und Roman Herzogs Beitrag zur Debatte über unser Bildungssystem im November 1997 (C 6). Die Jugendlichen können zunächst einmal intuitiv an die Reden herangehen und Thema, Sinnabschnitte, Schlüsselwörter und Wirkung auf die Zuhörer benennen. Dabei sollen die Schüler ihre ersten Gefühle (gewisse Ohnmacht oder Überforderung) zum Ausdruck bringen, genau so wie sie Politik auch zu Hause vor dem Fernseher oder bei einem flüchtigen Blick in die Tageszeitung wahrnehmen.

Ein grundsätzliches Problem bei einem solchen Vorgehen im Unterricht besteht in der lückenhaften Durchleuchtung des Rede-Zusammenhangs. Die ganze Rede ist für Schüler nicht zu bewältigen, die

Rahmenbedingungen des Rede-Vortrags müssen von der Lehrerin oder dem Lehrer so gut es geht vermittelt werden. Bei der Auswahl der aktuelleren Reden der 1990er Jahre wurde deshalb darauf geachtet, recht eindrückliche Rede-Beispiele mit großer Öffentlichkeitswirksamkeit zusammenzustellen, deren politische Einordnung nicht zu schwierig sein dürfte. Zum Hintergrund der Reden:

· Oskar Lafontaine wird auf dem SPD-Parteitag in Mannheim im November 1995 - für viele überraschend und wesentlich durch diese Rede initiiert - zum Vorsitzenden der SPD gewählt, nachdem der bisherige Vorsitzende Rudolf Scharping viele Parteimitglieder nicht davon überzeugen konnte, die zu dieser Zeit "angeschlagene" SPD aus der Talsohle herausführen zu können.

· Bundeskanzler Helmut Kohl muß in seiner Regierungserklärung Konzepte zur Sicherung der deutschen Wirtschaftskraft entwerfen und begründen. Dieses Thema ist auch heute nicht minder aktuell und wird den Bundestagswahlkampf im Jahre 1998 wesentlich prägen.

· Bundespräsident Roman Herzog hat schon im April 1997 eine viel beachtete Rede mit dem Titel "Aufbruch ins 21. Jahrhundert" im Hotel Adlon in Berlin gehalten, in der er programmatisch seine Vorstellungen vom Wirtschaftsstandort Deutschland entwarf. Im November 1997 stieß er erneut eine politische Debatte an, dieses Mal zum Thema Bildungspolitik. Diese Rede ist für Jugendliche deshalb besonders interessant, weil sich der Bundespräsident hier auch mit dem Schulsystem und seinen Bildungsabsichten auseinandersetzt.

Das prägnanteste Ereignis in der jüngeren deutschen Geschichte ist mit Sicherheit der Herbst 1989. Aus der Vielzahl der Reden "ergiebige" auszuwählen, ist nicht leicht und sollte sowohl die Ostund West-Sichtweise berücksichtigen. Der Autor hat sich zum einen für die viel beachtete Rede von Christa Wolf (C 4) entschieden, die sie am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz gehalten hat. Bei dieser Großdemonstration sprachen außer Christa Wolf auch Stefan Heym und Markus Wolf.

Unterstellt man Christa Wolfs Rede, daß sie - wie von vielen Medien bescheinigt - die Stimmung in der DDR-Bevölkerung zu dieser Zeit treffend erfaßt und beschrieben hat (unabhängig von ihrer Wertung), so soll mit dem Auszug aus Willy Brandts Rede (C 5) vor dem Schöneberger Rathaus am 10. November 1989 eine Stimme der ehemaligen Bundesrepublik zu Wort kommen.

Ein Vergleich der beiden Reden ergibt interessante inhaltliche Unterschiede. Christa Wolf als DDRSchriftstellerin beleuchtet in erster Linie die zwischenmenschlichen Beziehungen in der DDRGesellschaft und macht ihre Beobachtungen und Feststellungen an sprachlichen Ruffälligkeiten fest (z. B. Befreiung der Sprache bewirkt freieres Denken, Anmerkungen zu "Wende", "Dialog", "Wendehälse" und weiteren Losungen auf Transparenten). Sie selber rechtfertigt den Gebrauch von Worten wie "revolutionär", die im offiziellen DDRSprachgebrauc,h über Jahrzehnte Bestandteil der Institutionensprache der Machthaber waren. Damit kann der "Kampf mit Wörtern und um Worte" (vgl. C 11) beispielhaft verdeutlicht werden. Einleitungsund Schlußsatz belegen unter anderem den Handlungscharakter einer solchen Rede und betonen die Wirkung von vermeintlich schlichten Slogans wie "Wir sind das Volk", die als Integrationslosung Millionen von Menschen ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu einer Bewegung vermitteln konnte.

Willy Brandt als Politiker der alten Bundesrepublik rückt neben zwischenmenschlichen Beziehungen noch andere Aspekte (historische Zusammenhänge und Ereignisse, zwischenstaatliche Beziehungen) in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Auf der Grundlage dieses Anschauungsmaterials können den Jugendlichen die unterschiedlichen Facetten des schillernden Politikbegriffs nahegebracht werden. Darüber hinaus ruft Willy Brandt ins Gedächtnis, wie schwierig das Aufrechterhalten von Beziehungen zwischen Bürgern der beiden Staaten nach dem Mauerbau war - ein Thema, das von Christa Wolf nicht thematisiert wird.

 

2. Zur Analyse von Reden (C 7 bis C 12)

Der Text "Vorsicht Demagogie" (C 7) soll die Schülerinnen und Schüler mit den Möglichkeiten der Manipulation vertraut machen. Zunächst kann man in Form von Brain-Storming Jugendliche mit der Frage konfrontieren, ob sie sich selber für beeinflußbar halten. In aller Regel weisen junge Menschen dies von sich, es kann aber an Beispielen der Gruppenbildung und Identitätsstiftung verständlich gemacht werden, daß Jugendliche sich von solchen Zwängen wohl nicht immer frei machen können, so wie dies bei Erwachsenen ebenfalls der Fall sein kann. Als Lernziel sollte dabei im Mittelpunkt stehen, daß Beeinflussung per se nichts Negatives ist, sofern sie sich als bewußte Übernahme einer Meinung nach gründlicher Prüfung des Sachverhalts vollzieht. Zu verwerfen ist hingegen die unbewußte Beeinflussung, sprich Manipulation oder Indoktrination. Klassisches und oft zitiertes Beispiel dafür ist die Rede von Joseph Goebbels (C 8) im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943.

Die "Anregungen zur systematischen Analyse einer Rede" (vgl. rechte Spalte) helfen den Jugendlichen, durch diese Analysekriterien eine für sie unüberschaubare Rede besser zu erfassen. Diese Hilfestellung kann dazu genutzt werden, die Reden in kleinen Expertengruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten (Inhalt, Redner, Zuhörer und Gegner, Kontext der Rede und sprachliche und rhetorische Analyse) untersuchen zu lassen. Das Analyseraster kann je nach Wissenstand und Altersstufe gekürzt werden.

Im öffentlichen Bewußtsein werden im allgemeinen Schlagwörter in der Politik als wichtig eingeschätzt.

 

Anregungen zur systematischen Analyse einer Rede

A Inhalt

1. Thema der Rede

2. Zentrale These(n)

3. Die wichtigsten Argumente (und Gegenargumente) wird dialektisch argumentiert?

4. Schlüsselbegriffe, Schlagwörter, Kurzformeln

5. Entspricht die Argumentation der Wahrheit, der Logik?

 

B Der Redner

1. Welche Absicht verfolgt der Redner mit seiner Rede?

2. In welcher Funktion und vor welchem ideologischen Hintergrund argumentiert er?

3. Welche Sprachakte (z. B. kritisieren, rechtfertigen) vollzieht er?

4. Was offenbart er - bewußt oder unbewußt - über sich?

5. Wirkt er - auch in seinem Auftreten - glaubwürdig?

 

C Zuhörer und Gegner

1. Wer sind die Zuhörer? Bilden sie eine homogene Gruppe? Sind sie Anhänger oder Gegner des Redners oder indifferent?

2. Welchen ideologischen Hintergrund haben sie vermutlich?

3. Welche Beziehung besteht/wird hergestellt zu den Zuhörern? Werden sie direkt angesprochen?

4. Wird psychologisch geschickt argumentiert? Wird manipuliert? Wie wird der (an- und abwesende) Gegner behandelt?

5. Wie reagieren Zuhörer bzw. Gegner auf die Rede? Wie könnten/sollten sie reagieren?

 

D Kontext der Rede

1. In welcher Situation (Institution, Ort, Zeitpunkt, politische Lage) wird die Rede gehalten? Was ist vorausgegangen, was folgt der Rede?

2. Ist die Rede spontan oder vorbereitet? Gehen ihr auch organisatorische Vorbereitungen voraus?

3. Ist sie Teil einer Debatte? Bezieht sie sich auf andere Reden? Besteht die Möglichkeit einer Gegenrede?

4. Inwiefern ist die Rede kontrovers? Welche Gegenpositionen zeichnen sich ab?

5. Wie relevant ist die Rede? Wird der Meinungsbildungsprozeß beeinflußt? Hat sie Auswirkungen auf die politische Lage?

 

E Sprachliche und rhetorische Analyse

1. Welchem Redetyp gehört die Rede an: Gerichts-, Kanzel- oder Parlamentsrede, Wahlrede, Sachvortrag oder Festrede, Rede aus dem Volk oder an das Volk, große öffentliche (evtl. durch Medien verbreitete) Rede oder Rede vor ausgesuchter Zuhörerschaft?

2. Welches Element überwiegt: das belehrende (docere), das aufrüttelnde (movere) oder das schmückende (delectare)?

3. Welche sprachlichen Merkmale hat die Rede?

4. Werden rhetorische Figuren gezielt benutzt? Mit welcher Wirkung?

5. Wie ist die Rede gegliedert? Endet sie mit einem gezielten Schlußsatz?

 

Stephan Gora: Grundkurs Rhetorik. Eine Hinführung zum freien Sprechen. Stuttgart: Klett Verlag 1992, S. 60.

 

Der Text C 11 erklärt deshalb den "Kampf mit und um Wörter". Zur Vertiefung können folgende Übungen durchgeführt werden:

1. Tragen Sie Schlagwörter, Wahlkampfslogans, Plakatparolen etc. zusammen. Befragen Sie auch Ihren Bekanntenkreis, ob einzelne Wähler sich an bestimmte Aussprüche erinnern. Dadurch bekommen Sie gleichzeitig einen Eindruck, wie einprägsam politische Parolen in Ihrem Bekanntenkreis tatsächlich waren.

2. Schreiben Sie in Gruppen einen Slogan mit Schlagwörtern zu einem der unten aufgeführten Themenvorschläge bzw. politischen Ziele. Wenden Sie möglichst die beiden Taktiken - "Begriffe besetzen" und "Eigen- bzw. Fremdzuschreibung von Eigenschaften" an. Stellen Sie sich vor, Ihre Gruppe hätte sich eines der unten aufgeführten Ziele gesetzt und müßte jetzt in der Öffentlichkeit für diese Sache werben und die Politiker in diesem Sinne unter Druck setzen.

Suchen Sie Slogans und Schlagworte zu folgenden Themen:

Für oder gegen Tempolimit auf deutschen Autobahnen

Für oder gegen Benzinpreiserhöhung auf 5 D-Mark pro Liter

Für ein Jugendzentrum (mit kostenlosen Proberäumen z. B. für eine Jugend-Band), das die Stadt aus Kostengründen und wegen eventueller Lärmbelästigung der Nachbarschaft nicht einrichten will.

Auch bei Wahlplakaten lassen sich die Verfahren (Begriffe besetzen und Zuschreibung von Eigenschaften) verdeutlichen. Die für die Reflexion notwendige Distanz zum Analysieren erreicht man besser bei alten Wahlplakaten. Auf dieser Grundlage können die Schülerinnen und Schüler dann auch Plakate und Fernseh-Spots aktueller Wahlkämpfe untersuchen.

 

Was ist und was nützt ein Schlagwort?

Als "politische Schlagwörter" werden Wörter dann bezeichnet, wenn sie in öffentlichen Auseinandersetzungen häufig verwendet werden und wenn sie in verdichteter Form politische Einstellungen ausdrücken oder provozieren. Schlagwörter und Slogans dienen als Instrument der politischen Beeinflussung. Mit ihnen wird versucht, Denken, Gefühle und Verhalten zu steuern. Eine weit verbreitete Auffassung lautet: "Politische Schlagwörter sind leere Worthülsen." Doch so einfach ist es nicht. Dem Schlagwort können drei Funktionen (in Anlehnung an Bühlers Sprachfunktionen) zugeschrieben werden:

1. Es vermittelt einen ungenauen politischen Inhalt.

2. Es bewertet einen politischen Sachverhalt positiv oder negativ.

3. Es will beim Zuhörer oder Leser etwas bewirken (Appell).

Wer Schlagwörter verwendet, legt sich aufgrund der inhaltlichen Vagheit kaum fest. Dennoch weiß der Politiker oder die Politikerin um die positive (beschönigende) oder negative (abwertende) Wirkung seiner Worte. Zusammenfassend kann man sagen: Schlagwörter und Slogans zielen auf öffentliche Wirkung mit der Absicht, möglichst viele Menschen für die eigene Sache zu gewinnen. Doch gilt es zu bedenken: "Je höher die Präzision der politischen Begrifflichkeit, je genauer sie eine politische Vision oder eine gegebene Lage oder eine angestrebte Lösung auf einen Begriff bringt, desto geringer wird ihre Integrationsleistung". Nach Bergsdorf, Wolfgang: Entwicklungslinien der politischen Terminologie in der BRD. In: Goppel, T. l Lojewski,G. von l Eroms, H. (Hrsg.J: Wirkung und Wandlung der Sprache in der Politik. Symposium an der Universität Passau in Zusammenarbeit mit dem Aktionskreis Wirtschaft, Politik, Wissenschaft e. V. München vom 25. und 26. November 1988. Eigendruck der Universität Passau 1988, S. 27.