Baustein C

Politisches Reden


"Alle großen Revolutionen machte die Stimme!" behauptet Jean Paul. In der wissenschaftlichen Diskussion ist umstritten, ob der Sprache innerhalb der Politik wirklich solch ein Gewicht beizumessen ist. Nicht minder kontrovers wird diese Frage unter Politikern und Publizisten diskutiert. Für die Schule sind beim Thema "Sprache und Politik" folgende Aspekte wichtig:

1. Schülerinnen und Schüler sollen erkennen, daß Reden von Politikern neben bestimmten Überzeugungsabsichten stets auch die Aufforderung zugrundeliegt, im Sinne des Redners politisch zu handeln (vom Verhalten im Alltag bis zur Stimmabgabe). Der Umgang mit Informationen über politische Sachverhalte ist von zentraler Bedeutung, damit der einzelne seine individuellen Interessen überhaupt erst geltend machen kann (Schlagwort "Informationsgesellschaft").

2. Die Jugendlichen lernen wesentliche Eigenschaften von Sprache (z. B. Beeinflussungsmöglichkeiten) kennen, um sich bei der Meinungsbildung auf die Inhalte konzentrieren zu können. Der Unterschied zwischen politischem Inhalt und der sprachlichen Verpackung muß deutlich werden. Deshalb sollten junge Menschen lernen, daß der einzelne die Sache, von der gesprochen wird, nicht objektiv in Worte fassen kann. Vielmehr deutet man schon beim Formulieren ebenso wie beim Verstehen: ob ich ein Glas, das bis zur Hälfte gefüllt ist, mit den Worten "halb voll" oder "halb leer" bezeichne, macht im Alltag nur einen geringen Unterschied. In politischen Zusammenhängen können aber verschiedene Bezeichnungen für ein und dieselbe Sache sehr wohl Indiz für eine bestimmte Geisteshaltung sein: Welche Personengruppen bezeichnen ein Endlager für radioaktive Abfälle als "nuklearen Entsorgungspark", welche als "Atommüll-Deponie"? Diese Unterschiede in der Bezeichnungsart sind für die Konzeption dieses Heftes wichtig, weil sie die relative Beliebigkeit zwischen Ausdruck und Begriffsinhalt, je nach Sprecher und Situation, deutlich werden lassen. Wir verstehen eben nicht genau und eindeutig das, was unser Gegenüber mitzuteilen glaubt. Vielmehr gibt es immer individuelle Unterschiede im Verstehen von Worten und Sätzen, auch wenn wir uns dessen in aller Regel nur bei gestörter Kommunikation bewußt werden. Sprache wird fälschlicherweise häufig als ein Instrument betrachtet, das eindeutig und für alle Kommunikationsteilnehmer unmißverständlich nachvollziehbar sich auf eindeutige Sachverhalte bezieht. Die Relativität des Mediums selbst, also die vielen Auslegungsmöglichkeiten bestimmter Worte und Sätze je nach Erwartungshaltung, Vorwissen und Einstellung des Empfängers, muß in der "Kommunikationsdemokratie" dem mündigen Bürger in stärkerem Maße bewußt sein. Nur wenn dieses Wissen unter den Bürgern weit verbreitet ist, können die Äußerungen von Politikern mit einer der Sache angemessenen Erwartungshaltung rezipiert werden. Die Wagheit zwischen Ausdruck und Inhalt eines Wortes ist nämlich nicht dem Politiker vorzuwerfen, sondern liegt im Medium Sprache begründet und wird bei der TVVermittlung von Politik ("Telekratie") aufgrund der Zeitknappheit noch verschärft. Ein kritischer Bürger muß dies wissen und sollte sich um die Präzisierung der Politikerworte dahingehend bemühen, daß er genauere Informationen über die politischen Ziele und Inhalte von den Verantwortlichen verlangt.

Es gibt keine Objektivität beim Sprechen über Politik. Jedoch formulieren gerade Schüler immer wieder die Erwartung, man müsse über eine Sache eben "objektiv" diskutieren. Daß Demokratie verschiedene Standpunkte und Meinungen verlangt, ist relativ einfach zu vermitteln, daß aber gerade die unterschiedliche Wortwahl beim Diskutieren Bestandteil dieser Auseinandersetzung ist, ist oft gar nicht oder nur mit Mühen zu erklären. Die unterschiedliche Einschätzung des Verhältnisses zwischen Wort und Inhalt je nach politischem Standpunkt auszuhalten, stellt Jugendliche oft vor emotionale Schwierigkeiten und die Lehrenden vor Vermittlungsprobleme. Lernziel soll daher sein, daß junge Staatsbürgerinnen und Staatsbürger den Gebrauch verschiedener Wörter für dieselbe Sache als grundlegenden Bestandteil der politischen Auseinandersetzung verstehen lernen. Für Schüler ist dabei von Bedeutung, daß sie sich der unterschiedlichen Benennungen bewußt sind, um in Diskussionen wortgewandter auftreten zu können.

Wie soll der einzelne Bürger nun aktiv am politischen Geschehen partizipieren, wenn er zum Teil von den Kommunikationsgepflogenheiten im politischen Bereich überfordert ist? Wo aber wird der kommunikationskompetente Bürger erzogen, wenn nicht in der Schule oder in der politischen Erwachsenenbildung? Eine Verantwortung, die wohl viele Lehrende mehr als Last denn als Herausforderung empfinden dürften. So gesehen bedürfen wir in der politischen Bildung nicht nur der Wissensvermittlung, sondern auch des Kommunikationstrainings (vgl. Baustein B). Offensichtlich ist eine eingehende Beschäftigung mit dem Medium Sprache und den gängigen Kommunikationsregeln und -gebräuchen dringend geboten, um die Trennung zwischen Sachverhalt (= Politikinhalt) und ihrer handlungsstrategischen Verpackung (also den Formulierungen) transparent machen zu können.

Im Baustein C sollen sich Schülerinnen und Schüler mit Hilfe von Auszügen aus Reden Analyseraster erarbeiten. Das Material enthält ebenfalls Anleitungsversuche, um von den Schülern Polit-Slogans entwerfen zu lassen, so daß die Herausbildung analytischer Fähigkeiten durch instrumentelle unterstützt wird. Dabei stehen vor allem die zwei gängigen Strategien - "Begriffe besetzen" und "Eigen- und Fremdzuschreibung von Eigenschaften" - im Vordergrund.

Ziele

· Ein Analyseraster entwickeln und die Sprachfähigkeit (Produktion und Rezeption) verbessern; · gängige Strategien im Kampf mit Worten und um Worte kennen und anwenden lernen, so daß der Handlungscharakter von Sprache erfahrbar wird;

· anhand von politischen Reden rhetorische Mittel erkennen und deren Wirkung einschätzen lernen;

· am Ende politisch aufgeklärter sein und die Sprachverwendung im Bereich Politik differenzieren und zum Teil analysieren können.