Baustein B

Unterrichtspraktische Hinweise


1. Reden vor Publikum (B 1 bis B 3)

Als Einstieg in den Problemkreis sind die Photos (B 1) gedacht. Es sollen verschiedene Redesituationen vorgestellt werden, die Identifizierung von Redner, Zuhörer, Ort oder Zeit ist hier ohne Belang, wobei unterschiedliche Perspektiven - nämlich die des Auditoriums einerseits und die des Redners andererseits - besprochen werden können, um die Schüler auf das Thema einzustimmen. Eine genaue Bildbeschreibung fördert vielfältige Gesichtspunkte einer Redesituation zu Tage, die hier nur stichpunktartig erwähnt werden. Auf der Seite des Auditoriums gibt es aufmerksame und unaufmerksame Zuhörer, nicht alle Zuhörer können den Redner, seine Gestik und Mimik, erblicken, und die Zuhörer können ohne Mikrophon allenfalls durch Zwischenrufe auf sich aufmerksam machen (falls diese Form der "Einbahnstraßen-Kommunikation" so etwas erlaubt). Betrachtet man andererseits die Redner genauer, so fallen z. B. ausdrucksstarke Gesten auf. Der Redner steht erhöht gegenüber den Zuhörern (Aspekt der Macht oder der Akustik). Für diese vermeintlichen Banalitäten müssen Jugendliche sensibilisiert werden, wenn sie als kritische Bürger ein Gespür dafür entwickeln sollen, welche Person mit welchem Anspruch (Autorität) in welcher Form zu welchen Zuhörern (Gleichberechtigte oder Untergebene) spricht. Das Beispiel B 2, die Rede eines Jugendlichen auf einem Jugendforum, und B 3, die Erwiderungsrede eines älteren Repräsentanten, sind kurze und eindrucksvolle Muster, anhand derer erste Ruffälligkeiten als Vorstufe der Analyse gesammelt werden können. Dabei sollte insbesondere die Wirkung auf die Zuhörerschaft je nach Altersstufe beleuchtet werden, so daß Jugendliche erkennen, daß ein zentrales Problem für Redner in der unterschiedlichen Erwartungshaltung und Herkunft des Publikums liegt (Heterogenität der Adressaten). Aufgrund dessen bemühen sich Politiker um sogenannte Mehrfachadressierung, das heißt, sie wollen möglichst viele gesellschaftliche Gruppierungen durch ihre Aussagen ansprechen. (Vgl. Kühn, Peter: Adressaten und Adressatenkarussell in der öffentlich politischen Auseinandersetzung. In: Rhetorik 11. Jahrgang 1992, S. 51-66.)

 

2. Verfassen und Vortragen einer Rede (B4bisB9)

Mit Hilfe von fünf Grundregeln der Rhetorik (B 4) können die Schülerinnen und Schüler nicht nur Reden untersuchen, sondern auch Tips für das eigene Reden erhalten. Dabei ist es ratsam, nicht alle Regeln als allgemein gültige darzustellen, sondern den Jugendlichen die Problematik einer Redeanleitung dahingehend zu verdeutlichen, daß sie beispielsweise Ratschläge wie "Orientiere dich am Stil der gepflegten gesprochenen Sprache" zu relativieren lernen. Für den jugendlichen Redner in B 2 ist diese Maxime mit Vorsicht zu genießen. An diesem Beispiel kann man den kritischen Umgang und die auf die jeweilige Situation angemessene Umsetzung solcher Anleitungsversuche erklären. Dennoch stellen die einfachen und gut nachvollziehbaren Regeln eine erste Hilfestellung beim Verfassen eigener Reden dar.

Mit B 5 (Verschiedene Redegliederungen) kann ein erster Annäherungsversuch an das Phänomen "Ich spreche alleine vor vielen anderen" unternommen werden. Hier gibt es Bezüge zu Schülererfahrungen, so z. B. dem Bericht des Klassensprechers über SMV-Sitzungen, Schulveranstaltungen oder das Absprechen in der Klasse über den Stand der Vorbereitungen eines Klassenfestes oder einer Klassenfahrt. Auch bei diesen "kleinen Reden" lassen sich folgende Aspekte herausfiltern (vgl. Tafelbild 3, S 10).

Auf der Grundlage der "fünf Grundregeln" der Rhetorik (B 4) und der Redegliederungen (B 5) können sich die Jugendlichen nun selber an einer ersten Rede versuchen. Das Verfassen einer Rede bietet sich wohl als Gruppenarbeit an, da dort Hemmungen am ehesten überwunden werden können. Außerdem kann es ausreichen, wenn alle zusammen

Tafelbild 3: Kleine Reden

Sprechanlaß:

"Ich muß berichten/ mit euch klären ..."

Zustand:

"Bisher haben wir schon ..."

"Es ist nun so, daß wir ... ."

Handlungsaufforderung:

"Jetzt müssen wir

noch ..."

"Wer übernimmt ..."

eine kleine Rede verfassen und nur der oder die "Mutigste" die Rede vor der gesamten Klasse hält. Als Thema mit schulischem Bezug könnte beispielsweise eine Rede für eine Schuljahresabschlußfeier entworfen werden.

Arbeitsauftrag: Sammeln Sie zunächst, welche Themen Ihrem Jahrgang besonders wichtig sind; setzen Sie sich kritisch mit Mitschülern, Lehrern und Eltern auseinander. Bevor Sie die Festrede halten, sollten Sie ein Manuskript erstellen, welches Ihnen den Redevortrag erleichtert. Üben Sie die Rede zunächst vor Ihren Gruppenmitgliedern ein und beachten Sie dabei die oben aufgeführten fünf Grundregeln der Rhetorik.

Zur Bündelung der ersten Eindrücke und Erfahrungen mit selbst verfaßten und gehaltenen Reden können im Anschluß die Redegattungen der Antike Gerichtsrede, Beratungsrede, Lobrede - dahingehend überprüft werden, ob diese Dreiteilung heute immer noch die Vielfalt der verschiedenen Reden widerspiegelt. So lassen sich beispielsweise die Beratungs- und Gerichtsrede als Überzeugungsreden zusammenfassen, mit denen man andere von seiner Meinung, seiner Sicht der Dinge, seinen Zielen überzeugen will. Fordert man die Jugendlichen auf, Beispiele aus dem Alltag zu finden, so kann von Redebeiträgen auf SMV-Sitzungen bis zur Predigt oder dem "Wort zum Sonntag" eine breite Spanne aufgezählt werden. Die dritte Art der Rede kommt heute bei ganz unterschiedlichen Anlässen vor. Man könnte sie Festrede nennen, so wie sie auf Taufen, Hochzeiten, auch Trauerfeiern oder bei Dienstjubiläen gehalten wird. Die sogenannten Informationsreden - also Vortrag oder Referat - gab es in der Antike nicht.

 

Tafelbild 4: Redegattungen heute

1. Sach- und Fachvortrag

2. Rede zu einem bestimmten Anlaß (z. B. Fest, Jubiläum, Trauer)

3. Überzeugungsrede

 

Nach der Art der Präsentation kann man zwischen Stegreifrede, Stichpunktrede, vorbereiteter und abgelesener Rede unterscheiden. Nun können die Jugendlichen aufgefordert werden, ihre Erfahrungen als Zuhörer von Reden zusammenzutragen (z. B. die Rede des Rektors zur Begrüßung der Fünftkläßler in der neuen Schule). Anhand von Beispielen berichten sie über Redner/Rednerin, Redeanlaß, Thema der Rede und die allgemeine Situation, in der die Rede gehalten wurde. Zusätzlich können sie zu einer vorläufigen Einschätzung animiert werden, welche der Reden ihrer Vermutung nach wohl die schwierigste Form für den Redner und die Rednerin darstellt. Die unterschiedlichen Meinungen fördern diverse Aspekte der Rhetorik zutage: vom Vorbereiten einer Rede (Informationsbeschaffung etc.) bis zum Halten einer Rede vor Publikum (Artikulation, Nervosität). Die ausführliche Gliederung einer Rede (B 6) stellt umfangreich und differenziert dar, worauf beim Verfassen einer Rede zu achten ist.

Das Schaubild "Ein guter Rat" (Seite 11) und die Materialien B 7 (Beurteilungskriterien) und B 8 (Marotten?, dienen als Anleitung und zur Besprechung und Oberprüfung gehaltener Reden: Zu diesem Zwecke könnte anhand von Videoaufzeichnungen überprüft werden, ob auch berühmte und im Reden erfahrene Persönlichkeiten zu solchen "Schwächen" neigen, bevor sich im nächsten Schritt die Schüler zu einer derartigen Analyse ihrer eigenen, mit Video aufgezeichneten Rede bereit erklären. Das Arbeitsblatt B 7 eignet sich als Ankreuzbogen, um Beobachtungen strukturiert festhalten zu können.

In diesem Zusammenhang kann auch der Versuch unternommen werden, die Jugendlichen sammeln zu lassen, wann sie langweilige Reden (z. B. Predigt, Lehrervortrag, Elternschelte, Erwachsenenbericht) gehört haben. Diese Erfahrungen und vor allem auffallende Merkmale dieser Reden sollen sie unter dem Titel "Ratschläge für einen schlechten Redner" zusammentragen. Selbstverständlich bietet es sich an, den gleichlautenden Originaltext von Kurt Tucholsky anschließend auszugeben und mit den Schülererfahrungen zu vergleichen. ( Kurt Tucholsky: Zwischen Gestern und Morgen. Hamburg: Rowohlt Verlag 1952, S. 103)

 

3. Argumentationstechniken (B 10 bis B 12)

Die Schülerinnen und Schüler sollen zuerst die zentrale Bedeutung der Argumentation in Reden erfassen. Anhand der folgenden Zuordnungsaufgabe kann das Verständnis für Argumente geschärft werden: ordnen Sie die folgenden Aussagen Argumententypen (B 10) zu:

a) Schon der berühmte österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein sagte:

"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen."

[auf Autoritäten basierendes Argument]

b) Die Medien sind voll von Berichten über Diebstähle an deutschen Urlaubern im Ausland; damit ist es doch eindeutig bewiesen: alle Ausländer sind Diebe.

[auf Vorurteile abzielendes Argument mit falscher Schlußfolgerung]

c) Sie sind doch geschieden und haben Kinder: mit welchem Recht betonen Sie hier die Bedeutung der Familienpolitik?

[auf die Integrität eines Menschen abzielendes Argument]

d) Die Emissionen von Treibhausgasen tragen zur Vergrößerung des Ozonloches bei. Je größer das Ozonloch, desto stärker sind die gesundheitsbeeinträchtigenden Wirkungen auf den Menschen. Demnach muß der Schadstoffausstoß reduziert werden.

[aus rein logischen Überlegungen sich ergebendes Argument]

e) Wer von uns muß nicht zugeben, schon einmal gelogen zu haben: demnach ist es doch nicht so schlimm, wenn Politiker die Unwahrheit sprechen.

[auf Erfahrungen basierendes Argument mit fragwürdiger Schlußfolgerung]

 

Die folgenden Materialien zur Argumentationstechnik beginnen mit Fünfsatz-Schemata (B 11), welche auch als Untersuchungsgrundlage für die Reden (siehe Baustein C) herangezogen werden können. Die Übersicht B 12 zeigt anhand von Beispielen häufig (gerade auch in Talk-Shows) vorkommende rhetorische Taktiken, welche exemplarisch anhand einer Fernsehdebatte (z. B. während des Wahlkampfs) konkretisiert werden könnten.

 

4. Beispiele für Schülerreden (B 13 bis B 15)

Auf der Grundlage dieser Untersuchungsraster können in der Folge Schülerreden als Muster-Reden analysiert und vorgestellt werden. Die dort behandelten Themen (Wahl von Vertrauenslehrer oder Schulsprecher, Schülerforderungen zur Gestaltung und Veränderung des Schulgebäudes und -lebens, Schulabschlußreden etc.) können als Anregung für Schülerarbeitsaufträge verstanden werden. Sind solche Reden von der Schülerseite verfaßt und gehalten worden, ist im nachhinein ein Vergleich mit den Redebeispielen B 13 bis B 15 sicherlich interessant.

Zu folgenden Thesen können Pro- und Contra-Diskussionen mit Kurzreden (Statements) veranstaltet werden:

· Noten in der Schule abschaffen!

· Wehrpflicht beibehalten!

· Soziales Pflichtjahr für Mädchen!

· Wählen mit 16 Jahren!

· Abitur nach dem 12. Schuljahr!

· Duales Ausbildungssystem verändern!

· Gesamtschulen statt dreigliedrigem Schulsystem!

 

Ein guter Rat

Was man sich merken sollte beim Vortrag einer Rede

Abgang Das Ende ist wichtiger als der Anfang.

Anfang Ein gelungener Start beflügelt, erhöht die Aufmerksamkeit und den Respekt der Zuhörer.

Blickverbindung Augenkontakt ist ein Kontroll- und Kommunikationsinstrument.

Empathie Empathie ist die Fähigkeit, sich auf andere einzustellen. Sie ist ein Auslöser von Sympathie.

Formulierungen Diszipliniertes Sprechen erfordert diszipliniertes Denken.

Gestik Kontrollierte Gesten signalisieren Sicherheit und sind ästhetische Zugaben.

Handhabung der Technik Wer technische Hilfsmittel nicht beherrscht, macht seinen Vortrag kaputt.

Kleidung Sie ist Teil der Persönlichkeit, sie muß zum Image der Person und zum Anlaß der Veranstaltung passen.

Körperhaltung Zum Gesamteindruck gehört auch, was die Augen des Publikums registrieren.

Mimik Mimik fesselt die Zuhörer und unterstreicht die Aussagen.

Pausentechnik Überlegungs-, Spannungs-, Wirkungsund disziplinarische Pausen sind dramaturgische Effekte und gestalten Vorträge interessant und spannend.

Schlagfertigkeit Reaktionen können Zuhörer erfreuen, aber auch erzürnen. Die Situation beeinflußt den Stil.

Souveränität Souveränität kann man nicht simulieren; überzeugende Sicherheit beinhaltet Leistung und Bescheidenheit.

Substanz Reden ohne Substanz dienen lediglich der ~Schallwellenerzeugung~.

Stimme Aussagen beeinflussen den Verstand, Stimmen die Gefühle.

Stimmungsfaktor Man darf Gelassenheit nicht mit Lässigkeit verwechseln.

Verständlichkeit Wer sich unverständlich ausdrückt, verärgert seine Zuhörer, wird beschimpft oder bespöttelt.

Wortschatz Die Wörter sind nicht monopolisiert, sie sind frei verfügbar.

Zeitgefühl Redezeiten werden zum Überzeugen, nicht zum Überziehen vereinbart.

Zielerreichung Ein Redner, der nichts bewirkt, hat etwas falsch gemacht, oder er war ~un-redlich.

 

Wer diese Empfehlungen beherzigt, wird als guter Redner gesucht und geschätzt werden.

 

DUDEN. Reden gut und richtig halten! Ratgeber für wirkungsvolles und modernes Reden. Herausgegeben und bearbeitet von der Dudenredaktion in Zusammenarbeit mit Siegfried A. Huth und Frank Hantje. Mannheim: Dudenverlag 1994, S. 170f.