Baustein A

Kommunikation im Alltag


"Mit Worten läßt sich trefflich streiten"

Mephistopheles:

Im ganzen - haltet Euch an Worte!
Dann geht Ihr durch die sichre Pforte
Zum Tempel der Gewißheit ein.

Schüler: Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein.

Mephistopheles:

Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen;
Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte läßt sich trefflich glauben,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.

J. W. Goethe: Faust I

Ohne Kommunikation ist unser Alltag nicht zu bewältigen. In aller Regel sind wir uns dessen nicht bewußt; es sei denn, daß wir

- gerade mit eigenen Worten eine uns unbekannte Farbe beschreiben wollen,

- die Antwort eines Ortsansässigen auf die Frage nach dem Weg wegen allgemein sprachlicher, mundartlicher oder artikulatorischer Schwierigkeiten nicht verstehen, oder

- uns gar in die Lage des Fahrradprofis Jan Ullrich versetzen, der während der Tour de France 1997 von Reportern staccatoartig und permanent mit der immer selben Frage über seine Gefühle wenige Meter vor und hinter der Ziellinie bombardiert wurde.

Nicht minder faszinierend ist die Eloquenz eines HiFi-Fachhändlers, der uns mit blumigen Worten den Klang seiner besten Lautsprecher vermittelt. Uns fehlen in solchen Situationen oft die Worte, da "verschlägt es uns die Sprache".

Betrachten wir zunächst einige Aspekte sprachlicher Kommunikation( In Anlehnung an Lenke / Lutz / Sprenger (1995), S. 15.). "Kommunikation ist Verständigung durch Informationsvermittlung", lautet eine gängige Definition. Im Alltag ist sprachliche Kommunikation aber auch mehr, nämlich wichtiger Bestandteil unserer sozialen Beziehungen, ohne den wir kaum berufliche oder freundschaftliche Beziehungen aufrechterhalten könnten. Darüber hinaus bedeutet Kommunikation auch Identität, etwa wenn wir uns durch bestimmte Sprechweisen, z. B. Dialekt, spezifischen Gruppen zugehörig fühlen. Außerdem heißt Kommunikation auch Handlungsbeeinflussung, wenn beispielsweise "überaktive" Schülerinnen und Schüler zur Ruhe veranlaßt werden sollen. Gerade dieses Beispiel verdeutlicht, wie situationsabhängig Kommunikation ist: wird nicht der "richtige Ton" getroffen, können aus kleinen Störungen folgenreiche Schwierigkeiten entstehen. Schließlich bedeutet Kommunikation auch Kultur, denn unsere technischen und kulturellen Errungenschaften wären ohne Sprache nicht möglich. Kommunikationsprozesse im Alltag erscheinen uns meist trivial, so daß uns deren Komplexität erst bewußt wird, wenn Verständigungsprobleme auftauchen. Um solche gerade für Jugendliche lösbarer zu machen, ist es notwendig, sich über die Elemente und Faktoren von Kommunikation klarzuwerden. Und dies geschieht meist mit Modellen, die Kompliziertes vereinfachen und sich auf wesentliche Aspekte beschränken. In der Folge wird ein Kommunikationsmodell vorgestellt, das so oder in vereinfachter Form als Tafelbild im Unterricht eingesetzt werden kann.

Miteinander-Reden stellt aus Sicht vieler Schüler keine Schwierigkeiten dar, vorausgesetzt man drückt sich nicht "geschwollen" aus und benützt nicht viele Fremdwörter. Diese vereinfachte Sichtweise kann am besten mit Hilfe von Beispielen revidiert werden. Verständigungsschwierigkeiten und Mißgeschicke möglichst anekdotenhaft. und wirklichkeitsnah aufzuzeigen, diese Absicht liegt den ausgewählten Materialien des Bausteins A zugrunde.

Hier geht es um den Alltagsaspekt der Kommunikation. Die zwischenmenschliche Kommunikation vollzieht sich in der Lebenspraxis im Rahmen von sozialen Situationen. Verschiedene kommunikative Rahmenbedingungen verlangen unterschiedliche Sprech- und Handlungsweisen. Aufgrund dessen findet der Zusammenhang zwischen - einerseits Sprachverhalten in spezifischen Situationen und - andererseits - den die Sprechsituation kennzeichnenden Merkmalen immer mehr Beachtung; d. h. Verhaltensregeln für die Kommunikation gewinnen an Bedeutung. Wer demnach die zur jeweiligen Situation passenden Sprach-Verhaltensregeln (oder vom Gegenüber als passend eingeschätzte) kennt und zu handhaben versteht, der kann auch in politischen Kommunikationssituationen bewußt eingehaltene oder aus taktischen Gründen verletzte Regeln benennen, während für ungeschulte Zuhörer die Kriterien der Situationsangemessenheit weder "greifbar" noch explizierbar sind und lediglich ein diffuses Unbehagen zurückbleibt.

Die verschiedenen Sprech- und Verhaltensmuster innerhalb der Verständigung über Angelegenheiten des Alltags sind mit Hilfe der Materialien nicht nur kognitiv erfaßbar, sondern können im Unterricht auch produktiv und handlungsorientiert "nachgestellt" werden, damit die Grundlagen kommunikativer Prozesse für Schülerinnen und Schüler erlebbar werden. Je besser Muster der Alltagskommunikation verinnerlicht werden, desto leichter fällt der Transfer in den politischen Bereich aus (Bausteine B und C). In diesem Zusammenhang müssen auch interkulturelle Kommunikationsprobleme angesprochen werden. Diese können als präventive Maßnahme gegen Fremdenfeindlichkeit eingesetzt werden, so daß Schülern und Schülerinnen deutlich wird, daß aufgrund unzureichender Vorkenntnisse große Mißverständnisse entstehen können. Implizit lernen und erfahren junge Staatsbürger die Relativität der Wertmaßstäbe (siehe das Beispiel "Küssen verboten?").

           

Ziele 

 

Tafelbild 1: Ein sprachliches Kommunikationsmodell

kommodel.gif (4270 Byte)

Heinrich Löffler: Linguistische Grundlagen. Eine Einführung. Aarau, FrankfurtlMain: Sauerländer 1991, S. 9.