
Einleitung
Kommunikation über Politik beginnt im Alltag! Die Phänomene Politik(er)verdrossenheit, "Political Correctness" (PC) oder die Forderung nach mehr Bürgernähe oder Plebisziten machen deutlich, daß sich der einzelne Bürger immer weniger mit der passiven Rezeption dessen zufriedengibt, was die Politiker "da oben" sagen und beschließen. Vielmehr ist in den letzten Jahrzehnten die Kritikbereitschaft der Bürger immer größer geworden. In Extremfällen kam es jedoch zu einer Abkehr vom politischen Leben, festzustellen z. B. an geringerer Wahlbeteiligung, Unmutsbekundungen bei Umfragen oder Talk-Shows.
Diese Entwicklung ist wohl teilweise auch durch das Schwinden von Feindbildern (z. B. mit der Beendigung des "kalten Krieges") bedingt, die zuvor eine Identifikation mit der eigenen Staatsform in stärkerem Maße ermöglicht haben. Subjektiv sind für den einzelnen Menschen die Probleme gerade in den letzten Jahren immer größer und bedrohlicher geworden - unabhängig davon, ob der einzelne persönlich davon betroffen war oder nicht. Diese Ängste (z. B. vor Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Einschnitten ins soziale Netz) sind unter anderem auch Ursache für enorme Erwartungen gegenüber der Politik und ihren Entscheidungsträgern, die in dieser Form nicht erfüllt werden können und infolgedessen Verunsicherung oder auch Unzufriedenheit nach sich ziehen.
Der so entstandene Unmut über Politik im allgemeinen wird oft unpräzise und recht diffus geäußert. Unklar bleibt oft, welche politischen Ebenen und Institutionen gemeint sind, da diese für den Laien wegen ihrer Komplexität schwer durchschaubar sind. Vielfach fühlt sich der einzelne Bürger überfordert, weil enorme Daten- und Informationsmengen auf ihn einprasseln.
Der Ruf nach Hilfestellungen wird laut; gefordert wird von der politischen Bildung nicht nur die Erziehung zu politischem Bewußtsein, sondern vor allem auch die Förderung der Bereitschaft und Fertigkeit, sich politisch zu betätigen und im politischen Handeln Verantwortung zu übernehmen. Bewußtseinskomponente und Handlungskomponente treffen zusammen: somit rückt das Medium der Auseinandersetzung und des politischen Handelns in den Mittelpunkt, und das ist vor allem die Sprache.
Für die Praxis der politischen Bildung bedeutet dies: der mündige Bürger kann nicht ausschließlich theoretisch auf der kognitiven Ebene "herangebildet" werden, sondern muß Gelegenheit haben, möglichst realitätsnah Kommunikationssituationen einzuüben. Deshalb werden im Rahmen dieses Heftes Materialien angeboten, die ein handlungs- und produktionsorientiertes' Unterrichtsgeschehen oder - besser noch - Projekte über mehrere Tage ermöglichen.
Das pädagogische Ziel dieses Heftes besteht darin, Schülerinnen und Schüler zur Auseinandersetzung mit alltäglichen und politischen Kommunikationsformen zu motivieren. Anhand der unterschiedlichen Textmaterialien kann beispielhaft das schwierige Verhältnis verdeutlicht werden, das zwischen der Wortwahl, dem damit verbundenen (subjektiven) Begriffsinhalt und dem (gesellschaftspolitischen) Sachverhalt, auf den mit Hilfe der Worte verwiesen wird, besteht. Junge Menschen lernen somit die Vielschichtigkeit sprachlicher Äußerungen sowohl in alltäglichen als auch in politischen Kontexten zu erkennen und zu reflektieren. Dabei gilt es den jeweiligen Situationszusammenhang, in dem eine Äußerung vorgenommen wird (sprachlicher und nicht sprachlicher Kontext), ebenso wie die Sprecherabsichten im Vergleich zu den Hörererwartungen zu berücksichtigen. Die vorgestellten Untersuchungsmethoden dienen in erster Linie dazu, sprachliche Kompetenzen junger Staatsbürger zu trainieren, so daß sie an politischen und gesellschaftlichen Kommunikationsprozessen sicherer und selbstbewußter teilnehmen können. Ein wünschenswertes Ergebnis besteht auch darin, daß Jugendliche sich der Beeinflussungsfaktoren im Rahmen ihrer Meinungsbildung bewußt werden und damit gegenüber Indoktrinationsversuchen ein Stück weit sensibilisiert sind.
Ekkehard Felder
1 Termini der Deutschdidaktik für das Verfassen eigener Texte, Textteile oder -varianten nach vorgegebenen Mustern oder Anleitungen; vgl. Haas, G. / Menzel, W. / Spinner K.: Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht. In: Praxis Deutsch, 123/94, S. 17-25.