|
Zeitschrift Regionen in Regionen in Einleitung Heft 1/2001 , Hrsg.: LpB |
![]() |
||
|
Es gibt Themen, deren Veröffentlichung in einer Reihe wie POLITIK & UNTERRICHT keinerlei Rechtfertigung bedarf; ihre Bedeutung ist für jeden offensichtlich. Ein Thema wie die regionale Identität der Bewohner des Landes Baden-Württemberg dagegen ist erklärungsbedürftig - nicht nur für Schülerinnen und Schüler. Regionale Identität ist nichts Dingfestes, nichts Greifbares - und dennoch bestimmt sie nicht unwesentlich Denken und Handeln vieler Menschen. Dies ist das Grundaxiom dieses Heftes. Menschen haben nicht nur einen Geburtsort, einen oder mehrere Wohn- und Arbeitsorte, sondern sie haben zu diesen Orten und den sie umgebenden Räumen einen inneren Bezug. Dieser Bezug ist ihnen die meiste Zeit gar nicht bewusst, wird aber häufig sehr bedeutsam, wenn Umstände plötzlich Mobilität erfordern und sich die Eingebundenheit in lokale und regionale Bezüge sehr deutlich bemerkbar macht. Mentale Landkarten im Kopf Räume werden im Bewusstsein des Individuums gegliedert. Bestimmte Räume werden als nah, andere als ferner empfunden - und zwar eben nicht geordnet nach messbaren Entfernungen. Zwei Beispiele dazu: Vielen Bewohnern des Alb-Donau-Kreises ist Ulm ein natürlicher Bezugspunkt, während der gleich im benachbarten Bayern gelegene "Ulmer Winkel" als eine Terra incognita gilt. Ganz anders stehen die Bewohner von Mannheim und Ludwigshafen zur Landesgrenze. Hiwwe un driwwe wird hier als Einheit empfunden.1 Die damit skizzierten mentalen Landkarten bestimmen in einem recht hohen Ausmaß das tägliche Verhalten. In den vergangenen Jahren hat nicht nur die explizite Auseinandersetzung mit Identitätsfragen stark zugenommen, sondern auch die spezielle Beschäftigung mit regionaler Identität. Region als Kategorie der bewussten Wahrnehmung und Lebenserfahrung ist seit einigen Jahren nicht nur wissenschaftlich intensiv erforscht worden, sondern spielt in der Publizistik, in den Massenmedien, in der Politik, in der Werbung und insbesondere im Tourismus eine nicht mehr wegzudenkende Rolle. Das "Europa der Regionen" ist inzwischen zu einer allseits anerkannten Philosophie der europäischen Integration geworden. Ein Thema für den Unterricht? Die didaktische Bedeutung des Themas liegt darin, im Alltag oft nicht wahrgenommene mentale Grenzziehungen bewusst zu machen. Die Wichtigkeit "raumbezogener Identitäten" (Bausinger)2 im Allgemeinen und regionaler Identitäten im Besonderen ist aber umstritten. Während Uwe Uffelmann und Bernd Mütter gemäß der oben skizzierten Ausgangslage den Schluss ziehen, dass Regionalidentität Gegenstand des Geschichtsunterrichts werden sollte, lehnt Bernd Schönemann ein solches Ansinnen ab. Noch pointierter schreibt Klaus Bergmann: "Ist der Raum tatsächlich identitätsstiftender Faktor und tatsächlich für alle Menschen gültig? Kann man es nicht auch so sehen, dass die Beziehungen, die ich dort zu anderen Menschen eingehe, wo ich aus verschiedenen Gründen meinen Wohnsitz habe, mein Leben beeinflussen? Und sind nicht die Beziehungen, die ich eingehe, zurückzuführen auf freie Entscheidungen, die ich treffe? Was hat das mit dem Raum zu tun, in dem ich lebe? In anderen Regionen würde ich aus freien Stücken Beziehungen zu anderen, mir liebenswerten Menschen eingehen - inwiefern stiftet dabei der Raum Identität? Habe ich einen Defekt, wenn ich keine regionale Identität habe und die angebliche Gültigkeit für mich nicht gilt?" Bergmann hält die Diskussion um Regionalidentität für "einen stark normativ geprägten Schreibtisch- und Eliten-Diskurs". Deshalb warnt Bergmann auch entschieden vor einer Behandlung des Themas im Unterricht: "Muss ein türkischer Schüler bekennender Oldenburger oder Bremer, Ostwestfale oder Badenser [!] werden, will er als voller Mensch und Demokrat gelten?"3 Aber auch türkische Jugendliche haben, wenn sie seit Jahren in Deutschland leben, eine Identität, die sich fundamental von der ihrer in der Türkei lebenden Altersgenossen unterscheidet. Neben Elementen des Fremdseins gehören dazu auch regionale Identitätsmerkmale. Der türkische Jugendliche, der in Stuttgart aufwächst, wird mit der Landschaft, mit dem Talkessel zwischen Wald und Reben, mit markanten Bauwerken, mit dem schwäbischen Dialekt oder mit dem VfB Stuttgart etwas verbinden. Die Konzeption des Heftes Die Autoren dieses Heftes gehen nicht nur davon aus, dass es eine regionale Identität gibt, sondern sie sehen in ihr ein mehr oder minder stark prägendes Moment. Die Schule kann solche Inhalte natürlich ignorieren, aber sie überließe dann anderen dieses wichtige Feld. Aufgabe des Unterrichts ist es deshalb, dem Schüler diesen inneren Bezug bewusst zu machen. Lehrern wie Schülern soll die Bedeutsamkeit dieser nur halb bewussten und meist unreflektierten Bewusstseinslandschaft klarer werden. Im Vordergrund steht der Wunsch, die verschiedenen Dimensionen eines räumlichen Bewusstseins plausibel und evident darzustellen, sie als Alltagserfahrung zu erkennen. Dazu dient insbesondere der Baustein A. Der Baustein B liefert ein Beispiel für eine realistische, von Schülern selbst entwickelte kleinregionale Identität, was zur Reflexion über die eigene Region einladen soll. Im Baustein C wird dann die Baden-Württemberg prägende regionale Gliederung in Großregionen vorgestellt, die den weiteren Rahmen für die Kleinregion bildet und dem sich vermutlich die Schülerinnen und Schüler ebenfalls - wenn auch in abgeschwächter Weise - zugehörig fühlen. Regionale Identität im Alltag Es soll hier keine Theorie der regionalen Identität im Detail entfaltet werden, eine Skizze soll jedoch die diesem Heft zugrunde liegenden Vorstellungen vom regionalen Identitätslernen des Individuums verdeutlichen.
Diese Skizze will - in Abgrenzung zu Bergmann - zeigen, dass für die meisten Menschen der Raum, in dem sie leben, keine abstrakte und austauschbare Größe darstellt. Das Landschaftsbild oder bestimmte Bauwerke sind Merkmale und Objekte, die zur Auseinandersetzung anregen und das Individuum prägen. Die unterschiedlichen räumlichen Gegebenheiten sind für die Bewohner bedeutsam. So ist etwa das günstige Klima Südbadens auch ein mentalitätsbildendes Element. Schließlich haben die Bewohner ein regional gefärbtes historisches Bewusstsein, das sie nicht einfach austauschbar macht. All dies wirkt vielfach vermittelt auf das Individuum ein, das dann die Chance hat, sich aus den vielfältigen Quellen ein eigenes Bild der Region zu entwickeln und sich auf dieser Grundlage mit der Region zu identifizieren oder sich von ihr oder Teilen von ihr auch zu distanzieren. Die öffentliche Diskussion über die Regionen und ihre Aspekte, wie sie in Vereinen, Medien oder auf anderen gesellschaftlichen Ebenen formell und informell geführt wird, bildet verschiedene Identifikationsmodelle aus. Sie unterscheiden sich in ihrer inhaltlichen Akzentuierung, sind einmal mehr wirtschaftlich oder kulturell, einmal mehr politisch geprägt. Gerade die politische Färbung kann recht unterschiedlich sein. Auch der Anteil historischer Elemente an der regionalen Identität variiert stark und ist abhängig von historischen Interessen und Kenntnissen. Aus diesem Angebot wählt sich das Individuum das ihm gemäße aus oder bildet aus mehreren Elementen ein neu strukturiertes Modell. Entscheidend ist, dass das Individuum prinzipiell zwischen diesen Angeboten wählen kann, Neues formt und selbst über den Ausprägungsgrad der Identität bestimmt - bis hin zur Ablehnung oder gar bewussten Verweigerung von Regionalidentität. Das Individuum formt auswählend und bewertend sein Bild, wenn es bestimmte objektive Größen zur Kenntnis nimmt. Variabel ist dabei auch der Realitätsgehalt des eigenen Bildes. Zugleich wirkt dieses individuelle Bild der Region wie beim hermeneutischen Zirkel auf die Region selbst zurück, soweit sich das Individuum an der Gestaltung der Region beteiligt. In der Lebensgeschichte des Individuums können Regionalidentitäten aber auch an Gewicht verlieren oder sich sonst verändern. Identitätsbildung von unten - Identitätsstiftung von oben Neben der regionalen Identität ist die Landesidentität ein weiteres Thema dieses Heftes. Dabei soll einerseits ihr Stellenwert neben den regionalen Identitäten skizziert werden; zum anderen ist hier das Moment der Identitätsstiftung ein neuer Aspekt. Während regionale Identität frohwüchsig fast von selbst entsteht, ist Landesidentität nicht nur in Baden-Württemberg ein Gewächs, das des Düngers bedarf. Um solchen Dünger haben sich alle Landesregierungen und die sie tragenden Landtagsmehrheiten seit Gebhard Müller bemüht.4 Natürlich hat auch hier inzwischen professionelles Marketing Einzug gehalten. Deshalb bildet die Darstellung der Werbekampagne "Wir können alles. Außer Hochdeutsch." den logischen Abschluss dieses Heftes. Bei den Regionalidentitäten wurde Wert darauf gelegt, das Faktum einer gleichsam naturwüchsigen Regionalidentität und einige ihrer wichtigen Kristallisationskerne zu schildern; auf die Beschreibung der Inhalte wurde jedoch weitgehend verzichtet. Es bestand die Gefahr des Abgleitens ins allzu Klischeehafte. Anders bei der Landesidentität. Hier werden auch die Inhalte präsentiert und sie sollen kritisch erörtert werden. Nicht die Stiftung von Landesidentität als solche ist dabei aus der Sicht der Autoren in Frage zu stellen, sondern ausschließlich ihr Inhalt. Denn lebendiger Föderalismus kann nur dann Bestand haben, wenn die Bürgerinnen und Bürger eines Bundeslandes ihr Land nicht nur als eine rein administrative Hülle begreifen. Eine kritische Sicht kann sowohl die grundsätzliche Notwendigkeit als auch die praktischen Schwierigkeiten einer solchen Identitätsstiftung reflektieren. Grundlinien der didaktischen Konzeption Die folgenden Grundlinien bestimmen die Anlage dieses Heftes.
Didaktische und methodische Anregungen5 Das Thema Regionale Identität ist in den Lehrplänen des Landes nicht ausdrücklich als eigene Unterrichtseinheit verankert. Dennoch taucht es bei verschiedenen Lehrplanthemen auf und kann in vielen Fächern behandelt werden: selbstverständlich in Geografie, Geschichte und Gemeinschaftskunde, aber auch in Deutsch (Dialektliteratur, Sprichwörter, Mundarten), Musik (Heimatlieder, regionale Musikveranstaltungen), Naturwissenschaften (Tüftler, Erfinder) oder im Kunstunterricht. Am sinnvollsten lassen sich Inhalte und Intentionen dieses Heftes im Rahmen eines Projekts umsetzen. Dabei eignet es sich sowohl für ein Schulprojekt, bei dem alle Klassen ein Jahr lang fächerübergreifend an einem Unterrichtsthema arbeiten und ihre Ergebnisse dann, z.B. verbunden mit einem Schulfest, der Öffentlichkeit präsentieren. Denkbar ist auch eine Projektwoche, bei der sich Schüler mit gleichen Interessen zusammenfinden, oder in kleinerem Rahmen eine Gruppenarbeit innerhalb der Klasse. Bei vielen Unterthemen lassen sich eine Menge unterschiedlicher Methoden ausprobieren. Das fördert die Methodenkompetenz der Schüler und trainiert ihre Fähigkeit zum selbstständigen Arbeiten. Mögliche Arbeitsaufträge Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit einer der vorgestellten Regionen oder einer Person daraus (Baustein C). Traditionelle Hilfsmittel sind Regionalkarten, Atlanten, Bildbände, Heimatbücher und Geschichtsblätter, wie sie in Stadtbüchereien zur Verfügung stehen. Viele Städte und Regionen stellen sich auch im Internet vor. Die Verkehrsämter oder Tourismusbüros versenden Prospekte, in denen sie für ihre Region werben. Darin lässt sich untersuchen, was die Ortsverwaltungen, Bürgermeister und Gemeinderäte für bemerkenswert und mitteilungswürdig halten. Die Schülerinnen und Schüler können einen Kriterienkatalog erstellen, mit dem sie die Informationen untersuchen und bewerten:
Wenn Probleme der Region überhaupt nicht zur Sprache kommen, sollte man die örtliche Tageszeitung in die Untersuchung einbeziehen. Auch in Sendungen von SWR 3 werden immer wieder Filme über Wissenswertes und Strittiges aus den Regionen Baden-Württembergs gezeigt. Wenn man die fremden Regionen nur durch die Medien vermittelt kennen lernt, geschieht die Präsentation von Projektergebnissen meist auf Informationstafeln, mit Collagen, Plakaten oder durch eine Computeranimation. Praktische Tipps zu Projekten Spannend, aber auch schwierig kann es sein, in Projekten die eigene Heimatregion zu untersuchen. Bei der Arbeit im Nahbereich sollten zusätzlich zu den bisher genannten weitere Methoden eingesetzt werden.
Mögliche Fragen für ein Interview
1 Rosemarie Wehling: Pfälzer "hiwwe un driwwe". Zur politischen Kultur der Kurpfalz. In: Alexander Schweickert (Hrsg.): Kurpfalz, Stuttgart (LpB, Kohlhammer) 1997, S. 141-164 2 Hermann Bausinger: Kulturelle Raumstruktur und Kommunikation in Baden-Württemberg. Eine Studie zur Identität der Baden-Württemberger, Stuttgart 1996, S. 9 3 Klaus Bergmann; Rezension zu Bernd Mütter /Uwe Uffelmann (Hrsg.): Regionale Identität im vereinten Deutschland. In: Geschichte lernen 2000, Heft 74, S. 4f. 4 Uwe Uffelmann: Identitätsstiftung in Südwestdeutschland. Antworten auf politische Grenzziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg, Idstein 1996, S. 52 ff. 5 Die folgenden Anregungen stammen von Karin Schröer
|
|||
|
|
|
Copyright © 2001 LpB Baden-Württemberg HOME |
|
Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de |