Zeitschrift

Berufsorientierung


Ein Projektbericht zur BORS


Heft 1/2000 , Hrsg.: LpB


Inhaltsverzeichnis


 

Seit vielen Jahren wird die Berufsorientierung in
Baden-Württemberg unter der Abkürzung BORS als Gemeinschaftskunde-Lehrplaneinheit 1 in der Klasse 9 durchgeführt. Verbunden ist damit eine große Anzahl von fächerverbindenden Aktivitäten und Inhalten im Rahmen von Gemeinschaftskunde, Deutsch, NuT (Natur und Technik), MUM (Mensch und Umwelt), ITG (Informationstechnische Grundbildung), Religion und anderen Fächern (B 1). Ebenso wichtig ist die Kooperation mit Institutionen und Betrieben, in denen die Schüler und Schülerinnen ihre fünftägige Arbeitsplatz- und Berufserkundung ("Schnupperpraktikum") durchführen können. Hinzu treten in jedem Fall das Berufsinformationszentrum des Arbeitsamts (BIZ) und die Berufsberater, die im Idealfall engen Kontakt zu den Schülern der Klassen 9 und 10 halten. BORS gehört substanziell zum Bildungs- und Erziehungsauftrag der Realschule und prägt dadurch auch das Profil dieser Schulart entscheidend mit.

Da Ausbildungsstrukturen und Berufsprofile sich in den vergangenen Jahren stetig verändert haben und weiterhin verändern werden (Rationalisierung, neue Medien, Modernisierung), muss sich auch die Be-rufsorientierung an der Realschule immer wieder fragen lassen, ob sie den aktuellen Anforderungen genügt und die Schulabgänger so gut wie möglich auf ihre schulische und berufliche Zukunft vorbereitet. Dies kann sie nur leisten, wenn sie alle Ressourcen nutzt, die ihr in ihrem regionalen Umfeld zur Verfügung stehen.

Die Übersicht auf Seite 9 gibt einen Einblick in die zukünftig noch stärker auszubauenden Handlungsfelder von BORS.

Der vorliegende Beitrag kann sich nur mit zwei dieser Ansätze beschäftigen und beschränkt sich daher auf Möglichkeiten der Kooperation zwischen Realschulen und Betrieben einerseits und die Planung, Vorbereitung und Durchführung eines Berufsinformationstages an einer Realschule andererseits.

Kooperation zwischen Realschulen und Betrieben



Die Schülerebene


1. Engere Zusammenarbeit und Absprache zur BORS-Woche. Ziel dieser gemeinsamen Arbeit soll eine umfassende Reflexion der Schüler über die Praxiswoche sein, in der sie sich ausführliche Gedanken über die beobachteten oder durchgeführten Tätigkeiten, den erkundeten Betrieb und das ausgewählte Berufsbild machen. Zur Verbesserung der Ergebnisse sind vor allem Erfahrungen der Schüler und der Betriebe der vorangegangenen Jahre auszuwerten. Daher muss ein Austausch der Erfahrungen und Eindrücke, der Berichte und der entstandenen Kritik stattfinden. Einige Betriebe bieten zur BORS-Woche eigene Betreuungskonzepte an. Diese können in das Konzept der Berufsorientierung eingearbeitet werden.

2. Ergänzende Schüler-Praktika. Eine größere Anzahl von Schülerinnen und Schülern äußern jedes Jahr den Wunsch, ein zweites Praktikum in den Ferien durchzuführen. Dabei würde die Schule zwar nicht einen Bericht und eine eigene Betreuung anbieten, das Praktikum wäre aber dennoch über die Gesetzliche Unfallversicherung für Schüler abgesichert und könnte problemlos für drei, vier oder gar fünf Tage angeboten werden. Es wäre wünschenswert, wenn für solche erfreulichen Praktikumswünsche eine Anlaufstelle in kooperierenden Unternehmen geschaffen werden könnte.

3. Praxisnachmittage mit Schülern der Klassen 9 und 10. In einigen Betrieben ist es möglich, dass Schülerinnen und Schüler, die sich für ein Berufsbild interessieren, einen Praxisnachmittag durchführen können. Die interessierten Schülerinnen und Schüler können jeweils an vier, fünf oder sechs Nachmittagen den Betriebsablauf eines Berufsbildes erleben und einen Arbeitsplatz kennen lernen.

4. Betriebsbesichtigungen mit Schülerinnen und Schülern der Klassen 8 und 9. Schulen suchen immer wieder nach Betrieben, die Betriebsbesichtigungen ermöglichen. Dabei sind Betriebe mit einem Schwerpunkt im kaufmännischen Bereich besonders interessant für Realschulen. Gerade Besichtigungen können Schüler für einen Beruf oder einen Berufszweig begeistern.

5. Durchführung von Tests und Auswahlverfahren für Schüler. Denkbar ist auch eine Zusammenarbeit in der Entwicklung und Erprobung von Tests und Auswahlverfahren. Es wäre möglich, unsere Schüler in Rollenspielen an einem betrieblichen Auswahlverfahren teilnehmen zu lassen. Dabei könnten Schülerinnen und Schüler wichtige Erfahrungen für ihre eigenen Bewerbungen und die Berufswahlreife sammeln und diese wiederum in ihre realen Bewerbungen einbringen.

6. Schüler besuchen Auszubildende am Arbeitsplatz. Dieser authentische Informations- und Erfahrungsaustausch zwischen Schülern und Auszubildenden hat sich als überaus hilfreich und ergiebig erwiesen. Ziel dieser Begegnungsform ist es, Realschüler mit jungen Menschen im Arbeitsleben zusammenzuführen und ins Gespräch kommen zu lassen, um den Übergang von der Schule in den Betrieb zu thematisieren. Dabei werden Probleme und Vorteile des Ausbildungsberufes deutlich.

Erfahrungsaustausch mit Lehrenden

7. Pädagogische Tage der Schule mit Betriebsangehörigen. Die Zusammenarbeit eines Betriebes mit dem Kollegium einer Schule birgt eine große Anzahl von positiven Anknüpfungspunkten für beide Seiten. Die Kollegen erfahren durch den Austausch mit einem Betrieb, was die Ausbilder der Industrie von den Realschulabgängern erwarten und welche Ausbildungsmethoden gegenwärtig eingesetzt werden. Darüber hinaus können durch solche thematischen Treffen Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut werden.

8. Erfahrungsaustausch zwischen Lehrern und Ausbildern in Konferenzen. Diese Möglichkeit, Erwartungen und Erfahrungen auszutauschen, kommt der methodischen Form des pädagogischen Tages nahe. Der Vorteil dieser Form der Zusammenarbeit besteht darin, dass solche Treffen in größeren Abständen (jedes Schulhalbjahr), aber dennoch regelmäßig durchgeführt werden können.

9. Besuche von Ausbildern und Betriebsangehörigen in der Schule. Eine Möglichkeit, mehr voneinander zu erfahren ist auch, dass Betriebsangehörige, speziell Ausbilder, Besuche in der Schule abstatten, Schüler in ihrem normalen Arbeitsalltag kennen lernen und im Unterricht hospitieren. Verbunden werden können solche Hospitationen mit Gemeinschaftskundethemen, in denen die Ausbilder zugleich als Experten gehört und befragt werden.

10. Besuche der Lehrerinnen und Lehrer im Betrieb. Die Durchführung von Betriebsbesichtigungen für Lehrer bietet eine Fülle von Anknüpfungspunkten für die Arbeit in der Schule. Aktualisierungen von Kenntnissen über Produktions- und Dienstleistungsbetriebe, Zusammenhänge zwischen Anspruch der Ausbildung und betrieblicher Wirklichkeit, Vergleich zwischen schulischer Realität und Ausbildungsansprüchen und vieles mehr können hierbei zur Sprache kommen. Im Mittelpunkt jeder Betriebsführung sollten die Vermittlung der Ausbildungssituation und der Ausbildungsmethoden sowie exemplarische Ausbildungsinhalte stehen.

Andere Aktivitäten

11. Unterstützung von Schüler-Projekten. Im Bildungsplan ist eine große Anzahl von Projekten zu finden, bei denen eine Kooperation mit Betrieben aus dem Umfeld der Schule sehr hilfreich sein kann. Dabei bieten sich zunächst Projekte im Fach Gemeinschaftskunde an. Themen aus dem Wirtschaftsleben, der Werbung und der Marktforschung, aber auch der Aufbau eines Betriebs oder die betriebliche Mitbestimmung lassen sich sicher besser an einem praktischen Beispiel in einem Betrieb erlernen, als dies in der bloßen Theorie möglich wäre. Weitere Projektthemen ergeben sich aus den Fächern Natur und Technik oder Mensch und Umwelt sowie den fächerverbindenden Themen der einzelnen Jahrgänge.

12. Sponsoring von Festen und Zeitungen. Die Gewinnung von Betrieben aus dem lokalen Umfeld der Schule für Feste und Schülerzeitschriften gehört zu den klassischen Feldern der Kooperation von Schulen und Betrieben. Dies ist ein Grund, das Sponsoring hier ausdrücklich zu nennen, auch wenn damit nur eingeschränkt eine Berufsorientierung verbunden ist.

13. Sponsoring von Schulpreisen. Eine neue Form des Sponsoring erfreut sich wachsender Beliebtheit. Betriebe unterstützen Schulen bei der Vergabe von Leistungs-, Engagement- und Sozialpreisen. Die damit verbundene Motivation für die Schüler, sich im Unterricht und der Schule zu engagieren, ist enorm. Dabei werden Schlüsselqualifikationen und verschiedenste Kompetenzen gefördert und eingeübt, die berufsvorbereitend wirken.

Ein Tag mit Berufsinformationen

Im Folgenden wird am Beispiel der Anne-Frank-Realschule in Stuttgart-Möhringen die Planung, Vorbereitung und Durchführung eines Berufsinformationstages dokumentiert. Im Oberschulamtsbezirk Stuttgart gibt es vergleichbare Projekte unter anderem an der Fritz-Leonhardt-Realschule in Stuttgart-Degerloch (Berufsbörse mit Eltern als Experten), an der Zollberg-Realschule in Esslingen (Infotag mit Ausbildungsexperten) sowie an der Realschule Schenkensee in Schwäbisch Hall (Berufsinformationswoche).

Der Berufsinformationstag sollte die etwa 150 Schülerinnen und Schüler der achten, neunten und zehnten Klassen über eine Reihe von Berufen umfassend informieren. Das Besondere: 19 Schüler aus diesen Klassen nahmen die Planung und Gestaltung des Tages als themenorientiertes Projekt selbst in die Hand. Das Projekt wurde im Schuljahr 1998/99 in Form von wöchentlich stattfindenden AG-Stunden in folgenden vier Schritten durchgeführt:
1. Entwicklung der Idee eines Berufsinformationstages (Grobplanung)
2. Planung und Vorbereitung des Tages (Feinplanung)
3. Durchführung des Informationstages (Umsetzung)
4. Reflexion und Kritik (Nachbetrachtung)

Grobplanung (B 1, B 2)

Die Schülerinnen und Schüler unserer Schule wünschten sich im vergangenen Schuljahr einen direkteren und intensiveren Kontakt zu Betrieben und Ausbildungsverantwortlichen. Sie versprachen sich davon eine detaillierte Einführung in ihre Wunschberufe. Zudem war allen am Projekt Interessierten der Austausch mit Auszubildenden besonders wichtig. Deren Erfahrungen auf dem Weg von der Schule in die Arbeitswelt sollten in den Informationstag eingebracht werden. Es wurde eine AG an der Schule gegründet, die die Vorstellungen der Schüler in einem Projekt umsetzen sollte.

Zu Beginn wollten die Schüler Konzepte anderer Schulen, die ähnliche Informationstage durchgeführt hatten, prüfen. Danach wurde ein eigenes Konzept entwickelt, in dem Ausbilder und Lehrlinge als Informations- und Erfahrungsquelle genutzt werden sollten. Um den Bedarf an Experten und die Auswahl der gewünschten Berufe einschätzen zu können, wurde schon früh ein Schülerfragebogen erarbeitet, dessen Auswertung die weitere Arbeit bestimmte (B 2). Erst dadurch wurde den Schülern deutlich, welche Berufswünsche ihre Mitschüler hegten und worüber sie informiert werden wollten.

Feinplanung (B 3 bis B 6)

Nach dieser ersten Phase des Projekts entwickelte die AG einen eigenen Projektplan, der einen Zeitraum von neun Monaten umfasste (B 3).
Zunächst mussten Experten aus den Berufen angesprochen werden, die die Schüler im Fragebogen angegeben hatten. Dazu wurden alle vorhandenen Kontakte der Schule mit Betrieben geprüft. Außerdem studierten die Schüler die "Gelben Seiten" des Telefonbuchs, informierten sich in elterlichen Betrieben und fragten Schulen, an denen schulische Berufsausbildungen durchgeführt werden. Von anderen wurden die letzten drei Abgangsjahrgänge unserer Schule angeschrieben.

Nachdem alle Zusagen gesammelt waren, wurde das Schulhaus auf den Tag und die 50 Gäste vorbereitet. Ein Raumplan musste erstellt und entsprechende Türschilder geschrieben werden. Die Aula der Schule wurde geschmückt, Informationsplakate wurden aufgehängt, Hinweispfeile geklebt und kleine Geschenke für die geladenen Gäste mussten eingekauft werden. Um den Tag auch im Stadtbezirk bekannt zu machen, wurde eine Gruppe mit der Erstellung einer Pressemitteilung beauftragt. Die Materialien B 4 bis B 6 dokumentieren diese Phase an ausgewählten Beispielen.

Umsetzung (B 7, B 8)

Der Berufsinformationstag wurde in zwei Teilen durchgeführt. Nach der Begrüßung durch die Rektorin der Schule fanden sich die Schüler zu den Großgruppenberatungen bei den von ihnen gewünschten Ausbildungsexperten ein. Die dafür vorgesehene Zeitstunde war in vielen Fällen zu knapp bemessen, da viele Jugendliche interessierte Fragen stellten, woraus sich weiterführende Diskussionen entwickelten. Die Kleingruppengespräche mit ehemaligen Schülern und externen Auszubildenden schlossen sich an. Dabei stellte sich heraus, dass die emotionale Verbundenheit und die Authentizität der Erfahrungen der Auszubildenden besonders glaubwürdig erschienen. Ähnlich war es in den Kleingruppen, in denen Schüler von weiterführenden Schulen ihre persönlichen Eindrücke vermittelten. Beide Inforunden, die in der Großgruppe (15 Schüler) und die in der Kleingruppe (8 Schüler), wurden ohne Kontrolle oder Moderation der Lehrer durchgeführt. Sehr hilfreich war dabei, dass die AG schon Themenübersichten zusammengestellt und diese den Azubis zugesandt hatte.

Nachbetrachtung (B 9 bis B 11)

Das Kollegium der Schule sowie die Schüler und die AG-Teilnehmer haben angeregt, dass Berufsinformationstage an unserer Schule alle zwei Jahre durchgeführt werden sollten. Besondere Zustimmung bei den Schülern fand die Zweiteilung des Vormittags, weil dadurch Gespräche sowohl mit Ausbildungsleitern als auch mit Auszubildenden ermöglicht wurden. Die Durchführung des Tages in Form einer Arbeitsgemeinschaft wurde allseits begrüßt.

Festzustellen ist, dass die Schüler bei ihrer Arbeit Lernerfolge und Erfahrungen auf verschiedensten Gebieten und einer Reihe von Unterrichtsfächern erzielten. Außerdem wurden unterschiedlichste Kompetenzen eingeübt und erweitert (vgl. Schaubild 5).

Am Ende des Projekts erhielten die Schülerinnen und Schüler ein Testat über die im Projekt erbrachten Leistungen. Das Testat wird als Faltblatt dem Zeugnis beigelegt und kann bei Bewerbungen unter Umständen mehr bewirken als die Ziffern in den Unterrichtsfächern und bei den Kopfnoten.
Aus einigen Kontakten, die sich im Vorfeld des Informationstages gebildet hatten, erwuchs in der Zwischenzeit eine längerfristige Zusammenarbeit zwischen Schule und Betrieben. Die ehemaligen Schülerinnen und Schüler haben ihre erneute Teilnahme an ähnlichen Veranstaltungen angeboten.


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