Zeitschrift Berufsorientierung BAUSTEIN A OiB an der Hauptschule
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| Erfahrungen mit Berufsorientierung Nach über zwanzig Jahren Orientierung in Berufsfeldern machen Hauptschullehrerinnen und Hauptschullehrer zu Beginn und nach Abschluss des Berufswahlunterrichts immer wieder dieselben Erfahrungen. Viele Jugendliche der Hauptschule jagen einem Traumberuf nach oder wollen einen Ausbildungsplatz in einem Modeberuf ergattern. Sie sind auf diese Berufsvorauswahl oft so stark fixiert, dass sie sich auch nach über einem Jahr Berufsorientierung wenig flexibel zeigen und sogar ein Scheitern ihrer Bemühungen um einen Ausbildungsplatz in Kauf nehmen.
Die Konsequenz aus diesen Antworten lautet:
Mit dem vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport aufgelegten Programmen "Guter Start in die Hauptschule" für die Klassen fünf und sechs und "Erfolg in der Hauptschule" für die Klassen sieben bis neun (beziehungsweise zehn) eröffnen sich Hauptschulen auch neue Perspektiven in der Berufsorientierung. Eine Möglichkeit, Wissensvermittlung mit praxisorientierten Vorhaben zu verknüpfen, wird im folgenden Baustein für die Hauptschule vorgestellt. Unterrichtspraktische Hinweise Die Unterrichtseinheit gliedert sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil der Berufsorientierung. Da die Teile zahnradartig ineinander greifen, werden sie nicht getrennt voneinander dargestellt, sondern in der chronologischen Reihenfolge des Projektganges. Selbstverständlich ist es möglich, die Teile zu entkoppeln und die Theorie und Praxis in getrennten Einheiten durchzuführen. Irgendwie wird das schon klappen, dachte ich. Als ich in der Schule nach Berufen gefragt wurde, die ich gerne ausüben möchte, fielen mir sofort einige ein. Testfahrer stand ganz an erster Stelle, dann Kraftfahrzeugmechaniker und dann noch Schreiner, weil ich gerne mit Holz arbeite und vielleicht einmal einen eigenen Betrieb haben könnte". (A 1)
"Wir waren alle sehr gespannt auf diese Berufsinformationsschriften. Anstatt aber die erhoffte Klarheit über das weitere Vorgehen zu bekommen, begannen die Gedanken in meinem Kopf zu rotieren." (A 2) Der Weg zum Ziel Dennis benötigte Hilfe, um sich in der Informationsfülle zurecht zu finden. Er brauchte ein System für seine weiteren Überlegungen und sein Vorgehen. "Gott sei Dank hat mir mein Lehrer aus dieser schwierigen Lage herausgeholfen. Mit seiner Unterstützung habe ich bald herausgefunden, dass in fast allen Broschüren ein ähnliches Vorgehen vorgeschlagen wurde, um zum richtigen Beruf zu kommen. (A 3) Zuerst sollte ich herausfinden, wofür ich mich besonders interessiere. Die Antwort war für mich nicht schwer. In erster Linie interessiere ich mich für Autos. Mir gefällt auch, zum Beispiel mein Zimmer neu zu gestalten und ich bin ganz stolz, wenn die Sache gelungen ist." Dennis ist zwar in der Lage, sofort zwei seiner Neigungen zu benennen, aber weitere fallen ihm trotz längeren Nachdenkens nicht ein. Da er nicht der Einzige in der Klasse ist, dem es so ergeht, wird "Als ich nach meinen Fähigkeiten gefragt wurde, ging es mir so ähnlich wie bei den Interessen. Ich konnte nur drei aufzählen: Ich bin handwerklich geschickt, ich habe ganz gute Ideen und ich kann zupacken. Hier hat mit das Heft "Meinen Fähigkeiten auf der Spur" aus dem Ordner des Arbeitsamts doch etwas weitergeholfen. Zusätzlich habe ich mich an Fragebogenaktionen beteiligt (A 4), weil dort versprochen wurde, bei der Auswertung gleich die zu meinen Interessen und Fähigkeiten passenden Berufe herauszusuchen. Als wir mit der Klasse im BIZ (Berufsinformationszentrum) des Arbeitsamtes waren, konnten wir mithilfe des Computers auch Berufe finden, die zu unseren Neigungen und Fähigkeiten passten." Trotz seiner Aktivitäten und dem inzwischen stark erweiterten Wissen war Dennis sich immer noch nicht sicher, auf dem richtigen Wege zu sein. Bei einer Berufsinformationsmesse an einer benachbarten Hauptschule konnte Dennis zum ersten Mal in seine Berufe hineinschnuppern (A 5). Ein Handwerksprojekt an der eigenen Schule gab ihm die Möglichkeit, seine Neigungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten eine Woche lang praktisch zu testen (A 6 bis A 8). Handwerk zum Ausprobieren "Die Arbeit mit den Malern in der Schule hat mir Spaß gemacht. Ich habe gar nicht gewusst, dass der Beruf des Malers so vielseitig ist. Es war interessant, mit den Meistern und Auszubildenden ins Gespräch zu kommen und so einiges über die tägliche Arbeit im Malerberuf zu erfahren. Gefreut habe ich mich über das Lob eines Meisters, der gemeint hat, dass ich die Sache sehr gut mache. Nach Feierabend war ich manchmal ganz schön geschafft. Ich glaube, alle die mitgemacht haben, waren nach der Arbeitswoche mächtig stolz auf ihre Arbeit." Eine weitere Möglichkeit, sich in der Praxis zu prüfen, hatte Dennis im Praktikum innerhalb der OiB. Eine Woche lang arbeitete er in einer Kraftfahrzeug-Niederlassung eines bekannten Automobilherstellers. Die zweite Woche absolvierte er als Schauwerbegestalter in einem großen Kaufhaus. Dennis suchte sich diesen Beruf aus, weil er keinen Praktikumsplatz in einer Schreinerei erhalten hatte und weil er gut mit seinen Neigungen und Fähigkeiten zu kombinieren war. Vor dem Praktikum sollte Dennis mithilfe eines Fragebogens seine Fähigkeiten selbst einschätzen (A 9). Seine Selbsteinschätzung sollte verglichen werden mit der Fremdeinschätzung des Ausbilders, um so eine realistischere Sichtweise der eigenen Fähigkeiten zu erhalten. "Das Praktikum in der Werkstatt hat mir ganz gut gefallen. Ich konnte bei vielen Arbeiten mithelfen und ich habe interessante Dinge rund ums Auto erfahren. Neu war für mich, dass man bei der Prüfung des Motors und der Elektronik komplizierte Messgeräte einsetzt und defekte Teile oft gar nicht mehr repariert, sondern einfach austauscht. Die Woche im Kaufhaus war nicht so meine Sache. Ich musste viele Tätigkeiten ausführen, die mir nicht so lagen. Ich glaube, dieser Beruf ist nichts für mich." In der Zeit nach den Praktika beschäftigten sich Dennis und seine Mitschülerinnen und Mitschüler mit der Ausbildungsplatzsituation im Allgemeinen und mit der vor Ort (A 10 bis A 13). Berufsberatung "Im Klassenzimmer stand eine große Anschlagtafel, auf der wir Zeitungsausschnitte zur Ausbildungsplatzsituation und Stellenanzeigen sammelten. Mit der Berufsberaterin, die ein paar Mal zu uns in die Klasse kam, besprachen wir die Ausbildungsplatzlage bei uns am Ort und in der näheren Umgebung (A 14, A 15). Wir wurden darüber informiert, in welchen Berufen die Chancen auf einen Ausbildungsplatz gut und in welchen sie weniger gut sind. So erfuhr ich auch, dass der Beruf des Kraftfahrzeugmechanikers bei uns total überlaufen ist und die Chancen auf einen Ausbildungsplatz gering sind." Damit wurde Dennis einer weiteren Illusion beraubt, nämlich problemlos seinen Wunschberuf realisieren zu können. Sollte er aufgeben und wieder ganz von vorne beginnen? Oder gab es nicht noch eine Alternative? Die Entscheidung "Ich war schon etwas deprimiert, als ich von diesen Schwierigkeiten erfuhr. Aber aufgeben wollte ich nicht. Da war noch der Malerberuf. Er hatte mir im Schulprojekt doch ganz gut gefallen und die Leute waren auch sehr nett." Dennis überlegte sich, ob der Maler- und Lackierer- Beruf nicht eine Alternative sein könnte. Die Berufsberaterin und sein Klassenlehrer bestärkten ihn und weckten in ihm neuen Mut. Über die Schulleitung wurde für Dennis ein Kontakt zu dem ihm bekannten Meister hergestellt und ein Termin vereinbart, um über seine Überlegungen reden zu können. "Herr Sch. war sehr freundlich zu mir und wollte wissen, wie es zu meinen geänderten Überlegungen gekommen sei. Am Ende des Gesprächs bot er mir an, in den Ferien in seinem Betrieb ein Praktikum zu absolvieren. Ich sagte sofort zu. Über meine Zusage war ich selbst erstaunt, da ich eigentlich ein paar Tage ausspannen wollte. Das Ferienpraktikum war aber ganz prima. Ich durfte mit zu Kunden gehen, auf einem Neubau mithelfen, ich war sogar einmal in der Berufsschule und lernte die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Firma kennen. Über den Maler- und Lackiererberuf erfuhr ich in dieser Woche noch viel mehr als bei der Schulaktion. Der Meister nahm sich sogar die Zeit und erzählte mir von seinem beruflichen Werdegang (A 16). Von einem Azubi, der mich die ganze Zeit betreute, erfuhr ich viel über die Ausbildung und die Berufsschule. Ganz stolz war ich über mein Zeugnis, das mir Herr Sch. am Ende meines Praktikums überreichte." (A 17) Nach der Berufsinformationsphase hat sich Dennis sowohl auf einen Ausbildungsplatz als Kraftfahrzeugmechaniker als auch auf den eines Malers und Lackierers beworben. |
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