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Lokale Agenda 21

Aspekte einer nachhaltigen Entwicklung

Baustein B
Welthandel - gerechter Handel?


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Inhaltsverzeichnis

 

Im Handel zwischen den Staaten der Erde sind Bodenschätze, Industrieprodukte und landwirtschaftliche Erzeugnisse die wichtigsten Handelsgüter. Während die westlichen Industrieländer 75 Prozent des Welthandels vor allem mit ihren Exporten an Industrieprodukten leisten, stammen nur 25 Prozent der Waren aus Entwicklungsländern. Diese Waren sind hauptsächlich Rohstoffe und landwirtschaftliche Erzeugnisse. Sie werden exportiert, um Devisen vor allem für den Kauf von Industriegütern aus dem Ausland zu erhalten. Manche Entwicklungsländer, vor allem die Länder Schwarzafrikas, sind dabei von einem einzigen Rohstoff abhängig.

In den letzten Jahrzehnten sind die Rohstoffpreise tendenziell immer mehr gefallen. Gleichzeitig haben sich die Preise für Industriegüter ständig erhöht. Dies hat zur Folge, dass die Kluft zwischen den reichen Industriestaaten und den armen Entwicklungsländern immer größer wird. Dieser Trend schien Mitte der achtziger Jahre mit der Industrialisierung und dem Wirtschaftsboom in Asien gestoppt zu sein. Allein die vier "Tigerstaaten" Malaysia, Thailand, Korea und Indonesien sowie die Volksrepublik China produzieren heute 40 Prozent aller Fertigwarenexporte der Dritten Welt. Dadurch ist bei ihnen sowie einigen lateinamerikanischen Ländern wie Brasilien und Mexiko der Rohstoffanteil am Export auf unter 30 Prozent gesunken. Doch in vielen, vor allem afrikanischen Ländern, beträgt die Abhängigkeit vom Rohstoffexport auch heute noch teilweise über 80 Prozent.

Kaffee ist nach dem Erdöl einer der wichtigsten Export-Rohstoffe auf dem Weltmarkt. Zwischen 90 und 100 Millionen Sack zu je 60 kg Kaffee werden jährlich erzeugt. Etwa drei Viertel davon werden exportiert, der Rest dient in den Anbauländern dem Inlandsbedarf. Am Beispiel des Rohstoffes Kaffee lässt sich für Schüler beispielhaft die Abhängigkeit der produzierenden Länder vom Weltmarkt und den Abnehmerländern deutlich machen. Schüler können dabei die Situation der Kleinbauern erfahren und anhand des Beispiels von TransFair Bestrebungen um einen fairen und gerechteren Welthandel erkennen. Sie erfahren dabei auch, dass dieser faire Handel nicht kostenneutral für die Verbraucher ist und dass es einer eigenen Entscheidung bedarf, um durch bewussteres Konsumverhalten einen kleinen Beitrag zu einem gerechten Welthandel zu leisten.

1. Rohstoffe aus Entwicklungsländern

(B 1 bis B 3)

Entscheidend für die schwache Rolle, die die Entwicklungsländer auf dem Weltmarkt spielen, ist die Tatsache, dass diese Länder kaum Industrie haben und ihr Bruttosozialprodukt vom Export von Rohstoffen weitgehend abhängt.

Die Abbildung B 1 zeigt, dass Entwicklungsländer Rohstofflieferanten sind. Vor allem im Bereich pflanzlicher Rohstoffe (Kopra, Kaffee, Kakao und Bananen) kommen fast 99 Prozent dieser Rohstoffe aus Entwicklungsländern. Die Tabelle belegt, wie sehr viele Länder vom Export eines Rohstoffes abhängen. Vor allem am Beispiel von Uganda, Burundi oder auch Äthiopien können die Schüler überlegen, welcher finanziellen Gefahr sich diese Länder aussetzen, da sie fast nur vom Export eines einzigen Rohstoffes (Kaffee) abhängig sind.

In vielen dieser vom Export von Rohstoffen abhängigen Ländern ist Kaffee das Hauptexportgut. Deshalb soll am Beispiel des Kaffeeanbaus und -exports weiter nachgeforscht werden, welche Probleme Entwicklungsländer mit dem Export ihrer Rohstoffe haben.

Die Tabelle B 2 zeigt, welche Länder Kaffee anbauen und exportieren. Weiter ist erkennbar, welche Länder in diesem Bereich die Marktführer sind. Um zu erarbeiten, in welcher Klimazone Kaffee angebaut wird, können Schüler anhand einer Weltkarte im Atlas die geographische Lage der Erzeugerländer bestimmen und den Anbau von Kaffee erkennen. Schwierig ist es, Schüler die Herkunft des Kaffees ermitteln zu lassen, der zuhause getrunken wird, da der in Deutschland verkaufte Kaffee meist ein Mischkaffee aus den Kaffeebohnen verschiedener Länder ist. Vereinzelt nur machen große Kaffeefirmen Werbung mit dem Anbauland, von dem eine der Kaffeemarken kommt.

Am Rohstoff Kaffee ist das Auf- und Ab des Weltmarktpreises anschaulich zu demonstrieren. Der Weltmarktpreis für Kaffee wird in US-Cents pro 450 Gramm angegeben (450 Gramm = ein englisches Pfund). Der höchste Preis wurde 1977 mit etwa 240 Cents pro engl. Pfund erzielt, der niederste 1992 mit etwa 60 Cents pro engl. Pfund. Es lässt sich sehr leicht mit Schülern darüber diskutieren, welche Auswirkungen auf das Familienleben es hat, wenn das Einkommen sich nicht gleichmäßig über die Jahre verteilt, sondern starken Schwankungen ausgesetzt ist. Bei den Kaffeebauern treffen diese Schwankungen nicht nur die Familien, sondern auch den Unterhalt ihrer Plantagen und neue Investitionen (neue Pflanzen, Dünger, landwirtschaftliche Geräte, usw.).

Ursachen für die starken Schwankungen des Weltmarktpreises für Kaffee nennt die Zeitungsnachricht vom 29. Juni 1994 (B 3). An ihr können als wichtige Ursachen der Schwankungen des Kaffeepreises erarbeitet werden:

- Die Höhe des weltweiten Angebots,

- Spekulationen der Kaffeekäufer.

Die Reaktion der brasilianischen Regierung weist auf einen weiteren Einflussfaktor hin. Da Kaffeeexport eine der wichtigsten Deviseneinnahme ist, nehmen die Regierungen der Länder Einfluss auf den Export in ihrem Lande. Dazu gehören auch Absprachen und Abkommen der exportierenden Länder mit den Importeuren der Industrieländer, in denen bestimmte Quoten pro Land festgelegt und Preisabsprachen vorgenommen werden. Diese Abkommen dauern meist nur wenige Jahre, bis durch Wettereinbrüche in einem oder mehreren Ländern das Angebot reduziert wird und die Preise steigen. Länder, die nicht am Abkommen beteiligt sind, können durch Ausweitung ihrer Anbaugebiete große Mengen Kaffee auf den Weltmarkt werfen und so den Preis (nach unten) beeinflussen.

2. Terms of Trade (B 4, B 5)

Mit dem Begriff "Terms of Trade" werden die Austauschverhältnisse zwischen den Entwicklungsländern und den Industriestaaten bezeichnet. Gemeint ist damit der Gegenwert, den ein Entwicklungsland für eine bestimmte Menge eines exportierten Rohstoffes von einem Industrieland erhalten kann. Dieses Verhältnis hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. (B 4). Vernachlässigt man die Schwankungen des Rohkaffeepreises, so ist er in den letzten 20 Jahren (mit Ausnahme des Preishochs 1997) um etwa ein Drittel gesunken, während in der gleichen Zeit z.B. der Preis eines Lastwagens als Beispiel eines notwendigen Importgutes für die Kaffeepflanzer sich kontinuierlich erhöht hat.

Der reale Wert des Kaffees ist also noch wesentlich stärker gesunken als der nominale. Anhand der Tabelle können die Schüler berechnen, wie sehr sich dieser Unterschied erhöht hat.

Für die Industrieländer und ihre Verbraucher ist diese Entwicklung natürlich sehr günstig. Musste im Jahre 1969 ein Industriearbeiter in Deutschland für den Ladenpreis von einem Pfund Röstkaffee etwa zwei Stunden arbeiten, brauchte er 1985 dafür eine Stunde und heute etwa 20 Minuten.

Der Weltmarktpreis für den Rohkaffee sagt noch wenig über den Preis, den der Kaffeebauer erhält. Nach dem Pflücken der Kaffeekirschen auf der Plantage beginnt eine lange Handelskette, an der viele verdienen. An dieser Übersicht (B 5) lässt sich zum einen erarbeiten, wer die Hauptverdiener am Kaffeehandel sind, wobei für die Schüler sicher erstaunlich ist, wie hoch der Prozentsatz der Steuer bei Kaffee ist. Zum andern lassen sich erste Überlegungen anstellen, wie diese Handelskette verkürzt werden könnte. Das Beispiel steht für ein Land, in dem es große Kaffeeplantagen gibt und in dem über Zwischenhändler und Exporteure der Kaffee an den Börsen in New York und Hamburg verkauft wird.

3. Ein Schritt zum fairen Welthandel? (B 6 bis B 13)

Mit der Werbung (B 6) können die Schüler auf TransFair neugierig gemacht werden. Die Schlagzeile "Wie Sie beim Frühstück die Welt ein wenig fairändern können" wirft die Frage auf, wie so etwas möglich ist. Der Text unter der Kaffeetasse weist zwar darauf hin, dass mit dem Kaffee ein Kleinbauer in der "Dritten Welt" etwas verdient, doch gibt er mit dem Hinweis auf den "direkten Handel" nur eine unvollkommene und vage Anwort darauf, was fair und gerecht hier bedeutet. Auch der Hinweis auf das TransFair-Siegel wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet.

Aufschlussreich dürfte bei dieser ersten Begegnung mit TransFair sein, wie viele Schüler dieses Siegel kennen. Da es die Organisation TransFair seit 1992 gibt, ist die Kenntnis der Schüler über das Siegel ein erstes Indiz, wie sehr Eltern diesen Kaffee kaufen oder mit ihren Kindern darüber gesprochen haben.

Auf die Frage nach der Organisation TransFair gibt B 7 eine Antwort. Dass die Träger kirchliche Hilfsorganisationen sind, die seit Jahrzehnten in der Entwicklungshilfe tätig sind, kann für die Schüler ein Beleg sein, dass ethische Kriterien der Fairness und Gerechtigkeit bestimmende Faktoren dieser Aktion sind.

Die Gründung von Trans-Fair im Jahre 1992 wurde wesentlich beeinflusst durch das Beispiel des Max-Havelaar-Gütesiegels, das seit 1988 in den Niederlanden verliehen wird. Beide Siegelorganisationen arbeiten nach den gleichen Richtlinien und zeichnen inzwischen in vielen europäischen Ländern Kaffee und weitere Produkte wie Kakao, Banane, Honig, Tee und seit 1999 auch Orangensaft mit ihrem Siegel aus. Im Januar 1999 hat sich TransFair mit Rugmark zusammengeschlossen, einer Siegelinitiative gegen illegale Kinderarbeit in der Teppichindustrie.

Das Symbol kann von den Schülern interpretiert werden: z.B. als Waage, die dann im Gleichgewicht ist, wenn beide Schalen gleich gefüllt sind. Oder als Abwandlung der Justitia, bei der Gerechtigkeit auch durch das Gleichgewicht der Waagschalen angezeigt wird.

Die Erfüllung der Richtlinien für den fairen Handel (B 8) ist sowohl für Produzenten als auch für Importeure, Röstereien und den Einzelhandel zwingend vorgeschrieben und wird auch laufend kontrolliert. Zentrales Element ist die Garantie eines Mindestpreises. Damit wird die Abhängigkeit der Produzenten vom Auf und Ab des Weltmarktes wesentlich verringert. Der Ausschluss von Zwischenhändlern durch den Direktverkauf ab dem Hafen des Herstellungslandes (free on board) sowie der damit verbundene Wegfall der Transportkosten zum Börsenplatz führen dazu, dass der Mindestpreis im Gegensatz zum traditionellen Handel den Genossenschaften und damit auch den Kleinbauern in voller Höhe bezahlt wird.

In Vergleich mit B 5 lässt sich mit den Schülern erarbeiten, wie sich die Handelskette von den Kaffeepflanzern in der Dritten Welt bis zum Verbraucher in Europa ändert. Dass eine solche Initiative bei den großen Kaffeefirmen mit kritischen Augen betrachtet wird, kann anhand einer Passage aus der Homepage des Deutschen Kaffeeverbands erarbeitet werden (B 9). Zum einen wird Skepsis angeführt, ob ein entwicklungspolitischer Effekt überhaupt erreicht wird. Zum andern wird die gesamte Aktion als eine Art "Nischenfüller" bezeichnet, mit der sich kleinere Röstereien einen Markt verschaffen. Anhand des Pro und Kontra können Schüler in einer Diskussion versuchen, eigene Einschätzungen zu geben.

Die Abbildung mit dem Weltmarktpreis und dem TransFair-Preis in der zeitlichen Entwicklung (B 10) stellt eine Möglichkeit für die Schüler dar, die unterschiedlichen Einkommen der Kaffeepflanzer in den dargestellten Jahren zu berechnen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass ein Kaffeepflanzer vom Weltmarktpreis beim traditionellen Handel etwa 60 Prozent erhält, 40 Prozent der Zwischenhändler und Exporteur. Die Schüler erkennen bei diesen Berechnungen, dass in Zeiten stark fallender Weltmarktpreise das Einkommen beim fairen Handel sehr viel größer ist. Selbst bei einem Weltmarktpreis, der höher als 126 Cents pro 450 g Rohkaffee ist, erhalten durch den Entwicklungsaufschlag von 6 Cents pro 450 g Rohkaffee die Kaffeepflanzer auf Dauer mehr als im traditionellen Handel.

Der Bericht einer Genossenschaft aus Honduras kann den Schülern über ihre Berechnungen hinaus einen Eindruck geben, welche Bedeutung der faire Handel für diese Produzenten hat (B 11). Er bestätigt als subjektiver Bericht die Bedeutung eines Mindestpreises für die Produzenten vor allem bei starken Schwankungen des Kaffeepreises nach unten.

Für den Verbraucher schlagen sich die höheren Verdienste der Kaffeepflanzer in einem etwas höheren Endpreis nieder. Zum andern könnten die am fairen Handel beteiligten Kaffeefirmen bei den Preiskämpfen der großen Kaffeeanbieter in Deutschland nur schwer mithalten. Daher zeigt sich im Handel, dass der fair gehandelte Kaffee durchschnittlich etwa 2 DM/Pfund teurer ist als die Angebote großer Kaffeefirmen. Das sind etwa 3 Pfennige pro Tasse Kaffee mehr. Ein Anlass, um mit den Schülern zu diskutieren, ob ihnen der faire Handel diesen Zuschlag wert ist. Da die Schüler wissen, ob und in welchem Ausmaß ihre Eltern Kaffee trinken, fragen sie danach, ob sie TransFair-Kaffee kennen sowie von der Bedeutung des Siegels wissen, ob ihnen die Preisunterschiede zu anderen Kaffeemarken bekannt sind und ob sie regelmäßig oder ab und zu TransFair-Kaffee kaufen. Bei der Auswertung können die Daten mit der Umfrage von 1998 verglichen werden (B 13).

Literaturhinweise

Baum, H.; Offenhäußer, D.: Kaffee. Armut - Macht - Märkte. Unkel: Horlemann 1994

Deutscher Kaffee-Verband (Hrsg.): Kaffee-Digest: Daten und Hintergründe. Hamburg 1994

Deutscher Kaffee-Verband (Hrsg.): Kaffee-Bericht. Hamburg 1995, 1997, 1998

Entwicklungsländer. Informationen zur Politischen Bildung 252. 3. Quartal 1996

Gemeinsam für die eine Welt. Die Entwicklungspolitik der Bundesregierung. Bonn o.Jg.

TransFair: Jahresbericht. Köln 1994, 1997, 1998

TransFair e.V. (Hrsg.):

TransFair Kaffee. Materialien für Bildungsarbeit und Aktionen

Weitere Broschüren erhältlich bei Misereor, Mozartstr. 9, 52064 Aachen, oder: Brot für die Welt, Zentraler Vertrieb, Postfach 101142, 70010 Stuttgart


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