Zeitschrift

Weltbevölkerung und Welternährung



BAUSTEIN A
Entwicklung der Weltbevölkerung


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INHALT


Entscheidend für die drastische Senkung der Sterberate und den damit verbundenen Anstieg der Bevölkerung in Europa waren eine Reihe von sozioökonomischen Faktoren, die im Verlauf der Ge schichte, insbesondere im 19. Jahrhundert wirksam wurden. Dazu zählte die Zurückdrängung von Krankheiten durch Quarantänemaßnahmen, die Fortschritte der Medizin sowie die Verbreitung von Stein- gegenüber den früheren Holzhäusern, die verbesserte Hygiene durch den Gebrauch von Seife sowie durch die Einführung von waschbarer Baumwollkleidung. Ferner sind die entscheidenden Innovationen in der Landwirtschaft zu nennen, die so wohl quantitativ als auch qualitativ eine deutliche Verbesserung der agrarischen Erträge und damit der Ernährungsgrundlage bewirkten. Auch das verbesserte Transportwesen und der damit ebenso leichtere wie schnellere Nahrungsmitteltransport bei regional begrenzten Mißernten trug zur Überlebenssicherung und damit zum Bevölkerungswachstum bei. Schließlich ist die Verbesserung bei der Trinkwasserqualität und die damit einhergehende Eindämmung von Infektionskrankheiten zu nennen (nach J. Bähr, 1984, S. 546). All diese Faktoren, die zeitversetzt auch in anderen Weltregionen wirksam wurden, schufen die Voraussetzungen für das An wachsen der Weltbevölkerung auf heute fast sechs Milliarden Menschen.

Neben der rein quantitativen Zunahme der Menschheit sind einige Teilentwicklungen und deren Folgewirkungen näher zu beleuchten. Zum einen ist dies die sich verschärfende regional äußerst unter schiedliche Entwicklung: die nahezu stagnierende, in einzelnen Staaten gar rückläufige Bevölkerung auf Seiten der Industrienationen und eine weiterhin stark anwachsende Bevölkerung in den Staaten des Südens. Während 1950 noch 32 Prozent der Menschheit in den Industrienationen des Nordens lebten, waren dies 1990 nur noch 25 Prozent. Und bis 2025 wird dieser Anteil gar auf 15 Prozent abgenommen haben. Ursache dafür, daß diese ungleiche Entwicklung bis heute anhält und sich weiter verstärkt, ist u. a. das zeitversetzte und auf wesentlich höherem absoluten Bevölkerungsniveau einsetzende Eintreten der Staaten des Südens in den so genannten "demographischen Übergang". Dieser kennzeichnet die demographischen Auswirkungen einer vorindustriellen Gesellschaft mit hohen Geburten- und Sterbeziffern hin zu einer Industriegesellschaft mit geringen Geburten- und Sterbeziffern. Da im Verlauf des demographischen Übergangs die Sterbeziffern zwar rasch fallen, die Geburtenziffern jedoch - etwa aufgrund mangelnder staatlicher Sozialversicherungssysteme - noch einige Zeit hoch bleiben, kommt es zwangsläufig zu einer starken Bevölkerungszunahme, ehe sich Sterbe- und Geburtenziffer auf einem niedrigeren Niveau erneut einpendeln. Das Zusammenwirken dieser regional spezifischen demographischen Entwicklung mit der extrem ungleichen Verteilung des Wohlstandes zwischen den beiden Hemisphären wird die seit drei Jahrzehnten bereits massiv zunehmenden globalen Wanderungsbewegungen von Arbeitsmigranten und Umweltflüchtlingen vom Süden in den Norden auch in Zukunft weiter anwachsen lassen.

Ferner ist zu beobachten, daß die Weltbevölkerung eine immer höhere Lebenserwartung verzeichnet. Dies trägt nicht nur zum weiteren absoluten An wachsen bei, sondern zieht weitreichende soziale und ökonomische Folgen nach sich, wie etwa die Kostenentwicklung im Gesundheitssektor oder die Diskussion über die Lebensarbeitszeit. Während 1955 nur 32 Prozent der damaligen (kleineren) Weltbevölkerung eine Lebenserwartung von mehr als 60 Jahren hatten, ist dieser Prozentsatz bis heute auf 86 Prozent angestiegen und soll bis 2025 auf 96 Prozent zulegen. Bis 2025 soll nach Angaben des jüngsten Weltgesundheitsberichts der Vereinten Nationen die Lebenserwartung weltweit bei 73 Jahren liegen. Damit hat jeder heute lebende Mensch statistisch eine um 25 Jahre längere Lebenserwartung als 1955. Entsprechend wird die Zahl der über 100jährigen ansteigen. Zwar werden die Staaten des Nordens die Rangliste der höchsten Lebenserwartung anführen, den größten Zuwachs an alten Menschen aber werden mit bis zu 300 Prozent in einzelnen Staaten die Länder des Südens verzeichnen. Angesichts dieser Entwicklung ist insbesondere dort mit gravierenden Problemen im Bereich der Alters- und Gesundheitsversorgung zu rechnen. Trotz dieses globalen Trends des ansteigenden Lebensalters leben heute noch rund 50 Millionen Menschen in Staaten, deren statistische Lebenserwartung bei maximal 45 Jahren liegt (Guinea, Guinea-Bissau, Malawi, Sambia, Uganda, Afghanistan), wobei Krieg und Aids maßgeblichen Anteil an dieser Bilanz haben.

Eine weitere Facette der Weltbevölkerungsentwicklung verdeutlicht die jüngst vom amerikanischen Guttmacher-Institut vorgelegte Studie "Zur Sexualität und reproduktiven Gesundheit von jungen Frauen weltweit". Danach bringen jährlich 14 Millionen Teenager zwischen 15 und 19 Jahren Kinder zur Welt, wobei gut 90 Prozent dieser Geburten auf die Entwicklungsländer und nur 1,3 Millionen auf die Industrienationen entfallen. Die große Zahl jugendlicher Mütter trägt zum stärkeren Anwachsen der Weltbevölkerung bei.
Seit Ende 1981 in den USA erstmals die Krankheit Aids identifiziert wurde, hat diese sich vor allem auf dem afrikanischen Kontinent rapide verbreitet und erreicht beispielsweise in Kenia, Tansania, Malawi,
Simbabwe oder Botswana Infektionsraten von über 30 Prozent der jeweiligen Bevölkerung. Entgegen der landläufigen Meinung, Aids wirke dem Bevölkerungswachstum massiv entgegen, hat die Krankheit jedoch selbst bei massiver Ausbreitung von 30 Prozent lediglich eine das Bevölkerungswachstum ab schwächende Wirkung, nicht aber den Effekt, daß die betroffene Bevölkerung schrumpft, wie der am Aids-Zentrum des Berliner Robert-Koch-Instituts forschende Dr. U. Marcus im Vorfeld der Kairoer Weltbevölkerungskonferenz vorrechnete. Bei der 12. Welt-Aids-Konferenz Ende Juni 1998 wurden in Genf jüngste Daten über die weitere Ausbreitung von Aids in Afrika und dem neuen Infektionsschwer punkt Süd- und Südostasien vorgelegt (21 bzw. 6 Millionen Infizierte Ende 1997). Weltweit werden jährlich 600 000 Babys von ihren Müttern infiziert. Deshalb sind Berechnungen wie die von U. Marcus ständig zu aktualisieren und die daraus abzuleiten den Aussagen zu relativieren. So ergab die im November 1998 von den Vereinten Nationen vorgelegte jüngste Weltbevölkerungsstudie, daß wegen Aids die Lebenserwartung in etlichen südafrikanischen Staaten massiv abnimmt.

Abbildung : Die Menschheit wächst weiter
Obwohl sich die Geburtenrate im weltweiten Durchschnitt in den letzten Jahren verringert hat, wächst die Zahl der Menschen weiter an. Im kommenden Jahr wird nach Berechnungen des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) die Sechs-Milliarden-Marke überschritten sein, und für das Jahr 2025 prognostizieren die Experten rund acht Milliarden Erdenbürger. Ein Hauptproblem, so die Vereinten Nationen, ist dabei, die vielen heranwachsenden jungen Menschen mit Ausbildung und Arbeit zu versorgen. Vor allem in der Dritten Welt, beispielsweise in afrikanischen Ländern, wächst die Bevölkerung überproportional; für Europa rechnet man da gegen mit einem leichten Bevölkerungsrückgang. Globus


Zum künftigen Wachstum der Weltbevölkerung
liegen von internationalen Organisationen errechnete Prognosen vor. Selbst für den Fall, daß die niedrigst anzunehmende Variante die künftige Wirklichkeit vorzeichnen sollte, ist von dem weiteren Anwachsen der Weltbevölkerung auf knapp acht Milliarden Menschen binnen einer Generation, d. h. bis 2025 auszugehen. Sollte sich die mittlere Vari ante bewahrheiten, so wird die Erde bis Ende des 21. Jahrhunderts elf Milliarden, also nahezu doppelt so viele Menschen wie heute beherbergen. Dagegen wird bei der hohen Variante die Zahl der auf der Erde lebenden Menschen bereits im Jahr 2050 die Zwölf Milliarden-Marke hinter sich gelassen haben und bis zum Ende des 21. Jahrhunderts auf für uns aus heutiger Sicht unvorstellbare 19 Milliarden Menschen angewachsen sein.

Allerdings sagen die Demographen voraus, daß die Zeiträume wieder länger werden, bis die jeweils nächste Milliarde erreicht wird. Zumindest der Gipfel bei den Zuwachsraten scheint erreicht zu sein. Das Wachstum der Weltbevölkerung hat sich gegenüber den noch vor wenigen Jahren getroffenen Prognosen offensichtlich verlangsamt. So ergab eine im November 1998 von den Vereinten Nationen veröffentlichte Studie, daß das globale durchschnittliche jährliche Bevölkerungswachstum, das in den Jahren zwischen 1990 und 1995 mit 1,43 Prozent berechnet wurde, für die letzten fünf Jahre des 20. Jahrhunderts auf 1,33 Prozent absinken wird. Daraus darf jedoch nicht der Schluß gezogen werden, daß mit dieser Entwicklung die Problematik ad acta gelegt werden kann, denn das Wachstum der Weltbevölkerung zeigt einen ausgeprägten Trägheitseffekt, der selbst bei deutlich reduzierter Kinderzahl pro Frau noch eine gewisse Zeit lang das Anwachsen der Bevölkerung nach sich zieht. Außerdem hängt die weitere Entwicklung vom generativen Verhalten der rund zwei Milliarden Menschen ab, die heute unter 20 Jahre alt sind. Deren Entscheidung zugunsten einer kleinen Nachkommenschaft zu beeinflussen, ist das erklärte Ziel des Weltbevölkerungsfonds der Vereinten Nationen. Dessen Politik setzt primär bei der Förderung der Frauen an, nachdem erkannt wurde, daß zwischen der Kinderzahl einerseits und dem Bildungsstand, der Selbständigkeit, wirtschaftlichen Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit in Belangen der Familienplanung andererseits eine Korrelation besteht. Der weltweit zu beobachtenden Bevölkerungspolitik mit dem Ziel, die nationalen Bevölkerungszahlen zu begrenzen oder zu senken, steht in einigen Staaten des ehemaligen Ostblocks, etwa in Ungarn, Tschechien oder Rußland, eine moderne Form der "Peuplierungspolitik" entgegen.

Gleich, ob sich im kommenden Jahrhundert die niedrige oder die mittlere Variante der UN-Prognosen bewahrheiten wird, in beiden Fällen wird die Weltbevölkerungspyramide infolge der verminderten Geburtenrate ihr Aussehen hin zu einer Glockenform oder zu einer bereits im Ansatz zu erkennenden Zwiebelform wandeln. Künftig wird die Weltbevölkerungspyramide auch eine stärker asymmetrische Form haben. Nach Einschätzung von Unicef hat sich das Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen so verändert, daß die Weltbevölkerung heute 100 Millionen Frauen weniger als Männer aufweist. Unicef interpretiert diesen Befund als Folge der gezielten Abtreibungen weiblicher Föten - insbesondere auf dem indischen Subkontinent - sowie der schlechteren Ernährungssituation von Mädchen und Frauen in vielen Gesellschaften.

Didaktisch-methodische Überlegungen

Dieser Baustein ist primär von statistischen Daten geprägt. Die Zahlen in diesem Heft sind aktueller als diejenigen in den Schulbüchern. Die Fülle des hier dokumentierten Materials ermöglicht dem Lehrer zudem eine Vielzahl eigener kreativer Aufgabenstellungen. Politische, ideologische, ethische und religiöse Positionen zum Problem "Weltbevölkerung" sollen in diesem Baustein nicht im Vordergrund stehen, lassen sich jedoch anhand von Materialien, welche die Ursachen der rapiden Bevölkerungsentwicklung benennen, herausarbeiten.

Um diesen tendenziell eher trockenen Materialien etwas abzugewinnen, bietet es sich an, die Vermittlung demographischer Erkenntnisse mit Rechenbeispielen, mit vergleichenden Aufgaben oder mit dem Blick in die Zukunft zu verbinden. So läßt sich in der Sekundarstufe I ausgehend von der zunächst abstrakten Information, daß die Weltbevölkerung der zeit um etwa 85 Millionen Menschen pro Jahr wächst, die Aufgabe stellen: Errechne, um wie viele Menschen die Weltbevölkerung pro Monat, pro Woche, pro Tag, pro Stunde, pro Minute und pro Sekunde wächst und versuche, den in jeder Sekunde stattfindenden Menschenzuwachs als Strichmännchen in genau der gleichen Zeit zu zeichnen. Vor dem Hintergrund der Erfahrung, daß es den Schülern nicht gelingt, drei Strichmännchen pro Sekunde zu malen, werden die abstrakten statistischen Daten für sie jedoch erfahrbar.

Um die Ungleichzeitigkeit der regionalen Bevölkerungsentwicklung anschaulich zu machen, können die Schüler aufgefordert werden, die in A 3 zusammengefaßten statistischen Daten in Kurven umzuzeichnen und die Ergebnisse vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse zu diskutieren. Dabei sollten Fortschritte in der Hygiene und medizinischen Versorgung ebenso zur Sprache kommen wie die europäischen Auswanderungswellen des 19. Jahrhunderts nach Nordamerika, der Beginn der internationalen Entwicklungshilfe in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts oder der Aspekt, daß eine große Kinderschar in Gesellschaften, die keine staatlichen Sozialversicherungssysteme aufgebaut haben, oftmals die einzige Altersversorgung der Eltern darstellen und daher unverzichtbar sind. Die große Kinderzahl ist damit nicht Ursache, sondern Folge der Armut. Analog dazu nimmt die Kinderzahl mit zunehmender existentieller Sicherheit und Wohl stand nicht etwa zu, sondern ab (A 22).

Bei der Simulation dynamischer Vorgänge in der Klassenstufe 10 läßt sich die bisherige Entwicklung der Weltbevölkerung nachrechnen, vor allem aber können die künftigen Zuwächse prognostiziert werden. Als Einstieg in eine solche Unterrichtseinheit bietet sich der Zeitungsartikel A 13 an, der eindrücklich die Schwierigkeiten langfristiger Prognosen thematisiert. Unter Verwendung der den Welt bank- und UN-Berechnungen zugrunde liegenden Annahmen lassen sich in der konkreten Umsetzung sodann einzelne Variablen ändern und verschiedene Szenarien berechnen und diskutieren. Den UN-Prognosen liegen folgende Annahmen zugrunde:

1. Die Fertilitätsrate wird in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts von 3,1 auf 2,1 lebend geborene Kinder pro Frau abnehmen,
2. die Lebenserwartung wird im gleichen Zeitraum von 64,4 auf 76,8 Jahre ansteigen,
3. die Nettoreproduktionsrate (NRR) wird von 1,41 auf 1,0 sinken. Ist letztere größer als 1, so wächst die Bevölkerung, ist sie kleiner als 1, so schrumpft diese. Eine NRR von 1,0 bedeutet folg lich, daß pro Frau genau ein Mädchen geboren wird und die Bevölkerung exakt gleich groß bleibt (nach H. Birg: Die Weltbevölkerung, S. 97-99).

Ähnliche Prognosen lassen sich auf der Ebene verschiedener Nationalstaaten und mit Blick auf den weiteren Verlauf der Aids-Problematik errechnen. Die Materialien A 9 und A 15 bieten ausreichend Daten für entsprechende Berechnungen an.

Zur Diskussion über die immer älter werdende Weltbevölkerung eignet sich die Projektion des Fotos A 16, das die im vergangenen Jahr im Alter von 122 Jahren verstorbene und lange Zeit älteste Weltbürgerin, die Französin Jeanne Calment, zeigt. Die Schüler sollten nicht nur aufgefordert werden, das Alter der abgebildeten Frau zu schätzen, sondern sich anhand historischer Vergleichsdaten vergegenwärtigen, was Jeanne Calment in ihrem Leben alles erlebt hat. Dieser Aspekt kann unter Verwendung von A 17 weiter vertieft werden, ehe unter Einsatz verschiedener Statistiken (A 18) das Thema auf der abstrakteren Ebene der Alterung der Weltbevölkerung weiter bearbeitet werden kann.

Bei der Erarbeitung von Unterthemen der globalen demographischen Entwicklung, etwa der Tatsache, daß insbesondere in den Entwicklungsländern Millionen Jugendliche Mütter werden, ermöglicht die Gleichaltrigkeit der Schülerinnen und Schüler mit diesen jungen Müttern einen direkten Zugang zur Problematik. Ausgehend von einer entsprechenden kurzen Pressemeldung (A 19) können die Jugendlichen aufgefordert werden, regionale Schwerpunkte der Teenagergeburten über die Berichterstattung in den Medien ausfindig zu machen und auf dieser Grundlage in die Diskussion über Ursachen und Folgen ihres Befundes sowie über die Frage, was getan werden kann, einsteigen. Insbesondere der Vergleich von kulturspezifisch bedingten unterschiedlichen Lebenssituationen und gesellschaftlichen Rollen junger Frauen und Mädchen in Europa im Vergleich zu Ländern des Südens sollte dabei im Mittelpunkt stehen.


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