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Zeitschrift Wirtschaft im Wandel New Economy – Neue Ökonomie B 23 bis B 26 Ökonomisierung |
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B 24 Die zwei Leben des Kunden Zwei Hauptrollen spielt der Mensch in der ökonomisierten Welt. Zum einen die des Konsumenten. Versehen mit Einkommen und Vorlieben, ist er stets auf der Suche nach den billigsten und besten Gütern. ... Um in dieser Rolle glänzen zu können, führt der Konsument ein Doppelleben. Denn zum anderen ist er selbst Produkt. Auf dem Markt für Kenntnisse und Fähigkeiten bietet der Mensch sich feil. ... Das Doppelleben im Dienste des Marktes ist für sich genommen nicht neu. Was sich verändert hat, ist das Ausmaß. Ökonomisierung heißt Radikalisierung, Imperialismus der Marktgesetze. Betrachtet man zunächst die Konsumseite: Täglich keimen und reifen neue Märkte, die den Konsumenten im Menschen herausfordern. Dieser Trend hat vor allem drei Ursachen:
Das Internet perfektioniert den Konsum. Nicht nur flimmert ein weltweites Warenangebot in Sekundenschnelle über den Bildschirm, auch der Kauf selbst vollzieht sich, für Ökonomen zumindest, denkbar optimal: per Auktion. Von der Marssonde bis zum Gebrauchtwagen – alles Wünschenswerte steht im Netz zur Versteigerung. Angebot und Nachfrage regeln den Preis unter sich. Da lacht das Ökonomenherz. Dem Konsumenten dagegen vergeht die Freude. Ihm droht durch die stetig wachsende Zahl von Märkten die Überforderung. Auch eine immer größere Auswahl auf den bereits existierenden macht König Kunde das Leben nicht leichter. Beim Bäcker quält die Wahl zwischen Fitness-, Kürbiskern- und Sovitalbrot, und jedes Supermarktregal fordert der Entscheidungsfreudigkeit Höchstleistungen ab. Versprachen früher drei Programme einen entspannten Fernsehabend, so plagt den Zuschauer heute angesichts der Kanaldichte die Angst des Verpassens ... Wer den Entscheidungskampf meidet, zählt im Zweifel zu den Verlierern. Muss sich der Mensch in der Konsumentenrolle mit Veränderungen anfreunden, so muss er es nicht weniger als Anbieter seiner selbst. Die Ökonomen sprachen schon immer vom Arbeits-„Markt", auf dem Arbeit angeboten und nachgefragt wird. Die Realität dieser Verhältnisse offenbart sich aber erst in jüngerer Zeit bis in ihre letzten Konsequenzen: Auf dem Humankapitalmarkt ist der Einzelne das Produkt, das an die Frau und den Mann gebracht werden will. Hier ist Initiative gefragt und Kreativität. Zeugnisse sammeln, Bewerbungen schreiben, Selbstbewusstsein demonstrieren und vor allem: Kontakte, Kontakte, Kontakte. Das Ziel: Mitbewerber ausstechen, der Beste sein. Kontinuierliche Fortbildung, Fitnessclub, Liften, Typberatung – den eigenen Marktwert gilt es zu optimieren. Immer im Hinterkopf: Wie macht sich's im Lebenslauf?... Für Berufstätige sieht die ökonomisierte Welt nicht entspannter aus. Der Einzelne muss sich immer mehr abstrampeln, Schlappmachen wird bestraft. Sich auf einmal erworbenen Fähigkeiten auszuruhen ist gefährlich, denn die Konkurrenz ist groß, und Wissen kann in wenigen Wochen veraltet sein. Der Trend geht zur Selbstständigkeit – auch innerhalb von Unternehmen: Mehr Verantwortung für den einzelnen Mitarbeiter, mehr Anreize und mehr Risiken. Wer der Unternehmensverschlankung zum Opfer fällt, dem bleibt der Weg in die Scheinselbstständigkeit. Der Markt verlangt die Bereitschaft zu Leistung und Risiko. Sie macht die Effizienz des marktwirtschaftlichen Systems aus. Muriel Büsser: Ökonomisierung. Was kostet die Welt? Rheinischer Merkur Nr. 6 vom 11.2.2000, S. 15
B 25 Versagensangst geht um Rosige Zeiten für den qualifizierten, engagierten, selbstbewussten Arbeitnehmer? Mag sein. Aber gibt es den überhaupt? Zu beobachten ist vielmehr eine weit verbreitete Angst, nicht den ständig wachsenden Ansprüchen der Wirtschaft genügen zu können. Die Sorge um die mangelnde Markttauglichkeit beginnt früh: 45 Prozent aller 12- bis 24-Jährigen nannten in der letzten Shell-Jugendstudie die Unsicherheit darüber, ob und wann sie einen Beruf finden werden, ihr größtes Problem. Von den 22- bis 24-Jährigen waren es gar 64 Prozent. Die Liebesleiden des jungen Werther scheinen dagegen Kinkerlitzchen. Was folgt aus der Ökonomisierung der Arbeitswelt? Ist Leistung alles und Solidarität oder Miteinander nichts? Was passiert mit denen, die nicht fähig oder bereit sind, sich zu vermarkten oder vermarkten zu lassen? Haben die Arbeitslosen, Alten und Kranken von vorneherein verloren? Fest steht, dass sich niemand ausruhen kann. Denn wer heute gefragt ist, muss das nicht morgen auch noch sein. Und wer auf dem einen Markt erfolgreich ist, der gehört vielleicht auf einem anderen zu den Verlierern ... Möglicherweise entpuppen sich die unangenehmen Folgen der Ökonomisierung nur als Übergangserscheinungen. Die gesellschaftlichen Veränderungen sind enorm. Den Menschen, besonders den älteren, fehlt noch die Routine, damit umzugehen. Viele junge Menschen haben sich schließlich bereits bes-tens mit der neuen Lage angefreundet. Denn die Konsumentenrolle verleiht auch Macht. Im Zeitalter des allgegenwärtigen Marketings brauchen Unternehmen Daten, um gezielt werben zu können. Informationen über die eigene Person werden daher zur handelbaren Währung. Muriel Büsser: Ökonomisierung. Was kostet die Welt? Rheinischer Merkur Nr. 6 vom 11.2.2000, S. 15
B 26 Entmachtung der Politik Wo bleibt der Staat in der ökonomisierten Welt? Die Staatsbürgerrolle des Menschen tritt angesichts der Anforderungen auf Konsum- und Arbeitsmarkt in den Hintergrund ... Droht die Entmachtung der Politik? Kann sie sich gegen den immer mächtig werdenden Markt behaupten, diesem gar Einhalt gebieten? Auf viele Veränderungen muss der Staat reagieren – er ist nicht mehr der Spielmacher, sondern bloß noch Schiedsrichter. Beispiel wiederum Gesundheitswesen: Ärzte können heute Leben verlängern. Das aber hat seinen Preis. Krankenkassen, Mediziner und die Öffentlichkeit müssen sich die Frage stellen: Ab welchem Alter eines Patienten „lohnt" sich eine lebensverlängernde Maßnahme noch? Wie viel ist eine Woche glückliches Familienleben, wie viel ein weiterer Monat in einem Krankenhausbett wert?Hier muss der Staat der Ökonomisierung Grenzen setzen. Wo Menschenrechte auf dem Spiel stehen, hat das Kosten-Nutzen-Kalkül nichts zu suchen. Muriel Büsser: Ökonomisierung. Was kostet die Welt? Rheinischer Merkur Nr. 6 vom 11.2.2000, S. 15
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