|
Zeitschrift Wirtschaft im Wandel New Economy – Neue Ökonomie B 1 bis B 3 Technischer Fortschritt |
![]() |
|
B 2 Synthese
B 3 Neue Ökonomie New Economy – in keinem Artikel über konjunkturelle Entwicklungen, Wirtschaftswachstum oder abnehmende Inflationsgefahren darf dieses Schlagwort fehlen. In allen Berichten über (neue) Technologien oder die Börsensegmente für junge Unternehmen ist es zu finden. Doch was ist eigentlich neu an der Neuen Ökonomie, gibt es sie tatsächlich, und welche Auswirkungen ergeben sich für die Wirtschaftspolitik? ... Etwa seit 1994 wird in den USA ein „neues Paradigma" diskutiert, das seit zwei Jahren in leicht abgewandelter Form unter dem Begriff der New Economy – oder nun in Deutsch: Neue Ökonomie – erörtert wird, wobei die inflationäre Verwendung dieses Begriffes einer sachlichen Diskussion eher abträglich ist. Der Sinngehalt wurde derart aufgeweicht, dass heute alles, was mit Software, Computern, mobiler Kommunikation und Datentransfer in Verbindung steht, mit dem Begriff der New Economy belegt wird. Gleichzeitig wurden einige Termini geprägt, die in engem Zusammenhang mit der New Economy stehen: digital economy, network economy, virtual economy, weightless economy, knowledge economy oder information society. Sie decken trotz ihrer Vielzahl jedoch nicht den gesamten Begriffsinhalt ab, sondern stellen eine Verengung des Blickwinkels auf Teilaspekte dar. Ausgeblendet werden die ursprünglich diskutierten gesamtwirtschaftlichen Effekte. Die New Economy verspricht nahezu paradiesische Zustände: Hohes Wachstum, geringe Arbeitslosigkeit, niedrige Inflationsraten – und dies auf Dauer. Ausgelöst werden diese Entwicklungen durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, die zu Produktivitätsfortschritten führen. Das Durchlaufen eines gesamten Konjunkturzyklus vom Aufschwung über den Boom und Abschwung bis hin zur Rezession innerhalb weniger Jahre wird es dagegen in Zukunft nicht mehr geben – so die These der New Economy. Michael Stierle: Neue Ökonomie: Charakteristika, Existenz und Herausforderungen für die Wirtschaftspolitik. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B 9/2001, S. 15
B 4 Virtualisierung Das Telefonnetz ist zum Nervensystem der Wirtschaftswelt geworden. Kommunikative Macht lässt Unternehmen wachsen oder sterben, Produkte entstehen oder vergehen. Denn das Telefon überträgt den wichtigsten Bestandteil für den Wertschöpfungsprozess schlechthin: Informationen, Wissen, Know-how. Das Wissen, wie Produkte zu verbessern sind, wie neue Märkte aufgetan werden können und wo es sich zu investieren lohnt, hat sich längst als der bedeutendste Produktionsfaktor schlechthin herausgestellt – neben den „klassischen" Faktoren Boden, Arbeit, Kapital.
Know-how aber ist immateriell. Es gehört zum Reich der Software, die nicht nur im Sektor der EDV die Welt der Hardware bestimmen wird – die Welt der Gegenstände, des Stahls, der harten Arbeit, die man im Schweiße seines Angesichts vollbringt. „Bits statt Atome!" lautet das Schlagwort; „Entstofflichung" nennen es vornehmer die Wissenschaftler, weil ein immer kleinerer Teil in der Wertschöpfungskette der eigentlichen Produktion gewidmet wird. Schon heute ist die Mikroelektronik in einem Auto wertvoller als die Karosserie, ist der Wissensanteil am Computerchip um zigtausendfach wertvoller als der Quarzsand, aus dem er gefertigt ist. Selbst Werkzeugmaschinen oder Konsumgüter sind oft nur noch in dem Sinne „stofflich", als sie physisch vorhanden sind. Gemessen an den Komponenten ihrer Wertschöpfung sind sie längst zum Großteil virtuell erzeugt. Dynamit für die Arbeitswelt Dieses Wissen ist nicht neu. Neu ist nur die Relation: Nicht mehr die Mehrheit der amerikanischen Erwerbstätigen hat noch etwas mit Produktion und Herstellung zu tun wie noch vor dreißig Jahren, sondern nur ein gutes Sechstel. Ähnlich die deutsche Entwicklung. Alle anderen verwalten, erfinden, verarbeiten Informationen, bieten Dienstleistungen aller Art an ... Das Internet als gewaltige Bibliothek, die Großrechner als Regale, die Personalcomputer als Bücherborde – alles erschließt sich dem Privatnutzer vom heimischen PC aus. Immer mehr Güter lassen sich von ihrem atomaren Zustand in den digitalen überführen: Bücher, Musik, Blaupausen, Dienstleistungen, Informationen schlechthin, also genau jener Teil in der Wertschöpfungskette, der sich auch als ihr wichtigster entpuppt hat. Das macht es den Nationalstaaten fast unmöglich, alte Ordnungsstrukturen aufrechtzuerhalten. Wenn immer größere Teile der Wirtschaft in den Cyberspace abtauchen, werden die alten Instrumente der Politik stumpf. Betriebe, welche sich über mehrere Länder, ja Kontinente erstrecken, überspringen nicht nur Zeitzonen, sondern erst recht nationale Rechtsgrundlagen. Welches Sozialrecht etwa gilt in internationalen Datennetzen? Welche Arbeitsschutzbestimmungen hat der virtuelle Raum? Ladenschlusszeiten sind im Internet ohnehin passé. Homepages haben 24 Stunden lang geöffnet – ob in den USA, Schweden oder Deutschland ... Aber der Fiskus kann sich trösten: Die Mehrwertsteuer wird künftig eine größere Rolle spielen. Irgendwann nämlich werden die meisten Bits wieder zu Atomen, wenn die – nicht digitalisierbaren – Güter über den Postweg oder den Supermarkt zum Kunden gelangen. Dann gibt es eine Zwei-Klassen-Steuergesellschaft. Was sich in Atomen kondensiert, was physische Präsenz von Unternehmen, Personen oder Gütern erfordert, dessen wird der Gesetzgeber habhaft. Alles andere entzieht sich seinem Zugriff. Eine neue Gerechtigkeitsdebatte dürfte auf uns warten. Stephan Lorz: Virtualisierung. Der digitale Kapitalismus. Rheinischer Merkur Nr. 8 vom 25.2.2000, S. 15
|
|
|
|
Copyright © 2001 LpB Baden-Württemberg HOME |
Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de |