Zeitschrift

Wirtschaft im Wandel

New Economy – Neue Ökonomie

B 10 bis B 12

Akzeleration und Kapitalisierung

 



 

Inhaltsverzeichnis

 
B 10 Akzeleration

Einen wesentlichen Teil des Zeitgeistes der Internet-Ära macht das Phänomen der Beschleunigung aus. Mit einer nie da gewesenen Geschwindigkeit pulsieren Menschen, Waren, Dienstleistungen, Kapital und Informationen rund um den Globus ...

Der Kapitalismus ist in eine neue Ära vorgedrungen: Fast überall auf der Welt dominiert er das Wirtschaftsleben – nun hat er sein Wachstum vom Raum in die Zeit verlagert. Möglich machen dies die ungeheuren Fortschritte von Wissenschaft und Technik. Jede Generation von Computerchips ist viermal schneller als die vorangegangene. Das Internet befördert Informationen mit Lichtgeschwindigkeit und beschleunigt so Entstehen und Vergehen von Unternehmen, verwandelt immer mehr Waren und Dienstleistungen in Bits und Bytes, lässt Investorenkapital zum vaterlandslosen Gesellen auf der Suche nach der rentierlichsten Anlage werden.

Weil der Wettbewerb immer mehr, immer perfektere und zugleich individuellere Produkte in immer kürzerer Zeit verlangt, wachsen auch Spezialisierung und Arbeitsteilung. Wenn mehr Menschen ihre speziellen Kenntnisse und Fähigkeiten entdecken und entfalten, wird Kapital effizienter genutzt, gelangen Innovationen schneller aus der Wissenschaft in die Wirtschaft ...

Zwar dreht sich das Rad von Handel und Produktion bereits seit der industriellen Revolution deutlich schneller, sodass in den letzten 200 Jahren die Produktion um das 50fache gestiegen ist. Statistisch gesehen versorgt ein Landwirt heute 108 Menschen mit Nahrungsmitteln, um die Jahrhundertwende waren es gerade mal vier Menschen, 1950 immerhin schon zehn. Damals musste ein Facharbeiter noch 154 Minuten für ein Kilo Rindfleisch arbeiten, heute sind es nur noch 58 Minuten. In den USA hat sich das Produktivitätswachstum seit 1996 auf 2,5 Prozent im Jahr beschleunigt, verglichen mit durchschnittlich 1,5 Prozent in den 25 Jahren davor. Mehr als je zuvor spaltet der Markt die Gesellschaft. Wer zur Bildungselite gehört oder die neuen Chancen zu nutzen versteht, gehört dem SPD-Vordenker Peter Glotz zufolge im digitalen Kapitalismus zu den „Symbolanalytikern", dem Bevölkerungsdrittel der Globalisierungsgewinnler.

Während die traditionell Produzierenden das zweite Drittel ausmachen, sammeln sich Arbeitslose, Rentner, schlecht Ausgebildete und andere „Vernetzungsverlierer" im wachsenden dritten Drittel – und verharren dort.

Wirtschaftsprofessor Herbert Giersch: „Beschleunigung bringt Ungleichheit, weil die Mobilen die Chancen schneller nutzen können als die Nachzügler. Die Durchschnittsgeschwindigkeit steigt, weil die Schnellen so viel dürfen, wie sie können." Wer langsamer wird, kann schnell aus dem ersten ins dritte Drittel abrutschen. Real- und Humankapital können flugs wertlos werden – die Risiken steigen; sichere Berufe oder Produktideen gibt es nur für den, der sich ständig den wandelnden Anforderungen anpasst.

Der neue Geschwindigkeitsrausch schützt nicht vor Gefahren. Unter dem ungeheuren Druck des verschärften Wettbewerbs müssen Unternehmen in immer kürzeren Abständen neue Produkte auf den Markt werfen. Wer nicht neue Märkte auftut und sein Geld in Forschung und Innovation steckt, dem drohen die Märkte mit Liebes- und Kapitalentzug. So kann es passieren, dass die Beschleunigung des Alltags, der Entwicklung auf Kosten der Nachhaltigkeit geht.

Carsten Brönstrup: Akzeleration. Wandel im Überschall. Rheinischer Merkur Nr. 18 vom 5.5.2000, S. 15 

 

B 11 Vergleich der Umsätze seit 1987

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Rheinischer Merkur Nr. 15 vom 14.4.2000, S. 15. © RM/ICON

 

B 12 Kapitalisierung

Inzwischen haben die Finanzmärkte längst auch die nationalen Wirtschaften verändert: Das Kapital ist der alles entscheidende Produktionsfaktor geworden. Nicht mehr die Produktmärkte sind der Signalgeber für Entscheidungen, sondern das Auf und Ab an der Börse. Je mehr Geld in die Aktienmärkte fließt, desto größer wird deren Macht. Die Börsen haben die Funktion der Parlamente, der Ordnungspolitik schlechthin übernommen. Und da die Erträge aus dem investierten Kapital schneller steigen als die Leistung der Produktion, von der sie finanziert werden müssen, stellt dieser Prozess eine wachsende Belastung für Wirtschaft und Gesellschaft dar – Schulden, die früher oder später zurückgezahlt, abgeschrieben oder erlassen werden müssen.

Stephan Lorz: Kapitalisierung. Der Zug der Lemminge. Rheinischer Merkur Nr. 15 vom 14.4.2000, S. 15

 


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