Zeitschrift

Die sechziger Jahre

in der Bundesrepublik Deutschland

 

Baustein B

Die Berliner Mauer


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Inhaltsverzeichnis


Eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte

Die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 war ein Ereignis mit weltpolitischen Folgen; die Errichtung dieser Mauer seit dem 13. August 1961 signalisierte einen weltpolitischen Wandel.

Die Mauer zerschnitt Berlin auf unnatürliche Weise (B 3, B 4), sie zerstörte die politischen, wirtschaftlichen und familiären Verbindungen, die - freilich nur noch in beschränktem Maße - bis zum 13. August 1961 Berlin zusammengehalten hatten; sie legte aber auch den menschenverachtenden Charakter des SED-Systems und den Zynismus seiner Machthaber offen. Viele Menschen verloren beim Versuch, die Mauer zu überwinden, ihr Leben, andere mussten unter dem Vorwurf der "Republikflucht" langjährige Gefängnisstrafen erleiden.1

Auf der anderen Seite stabilisierte der Bau der Mauer das bis dahin unsichere Verhältnis zwischen den beiden Blöcken und ermöglichte eine neue Konzeption des Neben- und Miteinander: "Der Mauerbau war die ungefährlichste Entschärfung des Konfliktpotentials" (Birgit Frech, 1992, S. 17). Die Supermächte grenzten ihre Einflusssphären ab und akzeptierten wechselseitig die seit 1945 gezogenen Grenzen. Die USA gingen von der Strategie der "massive retaliation" (massiven Vergeltung) zur Konzeption der "flexible response" (angemessenen Erwiderung) über. Die Sowjetunion erklärte sich zu Rüstungskontroll- und Abrüstungsverhandlungen bereit:

"Es war zu erkennen, dass sich die Weltmächte bei aller weiterwirkenden Rivalität auf neue Weise miteinander arrangieren würden. Das Suchen nach diesem Miteinander war schon vor der Krise von Kuba erkennbar, und es hat den langwierigen Konflikt von Vietnam überlebt; es ist ... durch die tschechoslowakische Krise des Jahres 1968 kaum beeinträchtigt worden; es wurde unbeschadet des Nahostkonflikts fortgesetzt, es führte über die Teststopp- und Nichtverbreitungsabkommen zu den Verträgen über die Begrenzung der strategischen Nuklearwaffen".2

Voraussetzung für diesen Politikwandel war die politische und wirtschaftliche Konsolidierung der DDR, die nur durch eine Schließung des letzten Fluchtweges nach Westdeutschland möglich erschien, selbst wenn die DDR-Führung und die kommunistische Welt dafür eine schwere politisch-psychologische Niederlage eingestehen mussten. Voraussetzung war aber auch die Tatsache, dass die USA und die übrigen Alliierten der Bundesrepublik Deutschland die Abschottung Westberlins hinnahmen - eine Haltung, die in Deutschland, wo die Mauer als unmittelbare Bedrohung und Provokation empfunden wurde, auf Unverständnis und heftige Kritik stieß. (vgl. B 7 und B 8).

Schließlich sicherte die Mauer auch die Existenz Westberlins und seiner Bindungen an Westdeutschland. Die Drohungen der Sowjetunion mit einer Umwandlung Westberlins in eine Freie Stadt oder gar mit der Einbeziehung in die DDR waren seit dem Mauerbau vom Tisch. Diese Folgen des Mauerbaus wird man auch im Unterricht herausarbeiten müssen.

Die Mauer deckte die Schwäche der DDR-Regierung auf, die ihre Bürgerinnen und Bürger nur mit massiver Gewalt am Verlassen ihres Landes hindern konnte. Andererseits bewies die Realität der Mauer auch das Scheitern der "Politik der Stärke", die von der bundesrepublikanischen Regierung bis dahin vertreten worden war.

"In der Bundesrepublik brachte der Übergang von der Konfrontation zur Entspannungspolitik große innen- und außenpolitische Probleme mit sich. Denn die bisherige Auffassung, dass die Entspannung in Europa nur durch Schritte zur Wiedervereinigung Deutschlands erreichbar sei, war nun geradezu umgekehrt worden: Entspannung in Europa wurde zur Voraussetzung für eine Verbesserung der Situation in Deutschland." 3 An der Mauer, welche die Realität des Ost-West-Verhältnisses symbolisierte, prallten alle westdeutschen Deklarationen für eine Politik der Wiedervereinigung ab. Für die Einstellungen und das Bewusstsein in der Bundesrepublik Deutschland sind freilich auch diese Deklarationen von großer Bedeutung. An die Stelle der von Adenauer geprägten politischen Linie trat seit Anfang der sechziger Jahre eine behutsame Abwendung von der Hallstein-Dokrin sowie die (vorläufige) Akzeptanz der Existenz zweier deutscher Staaten. Während dieser Neuansatz in der CDU/CSU eher zögerlich vor sich ging, setzte die SPD nach anfänglichen Irritationen bei der Einschätzung der Folgen des Mauerbaus rasch auf die im Westen verfolgte Entspannungspolitik und kreierte mit Egon Bahrs Formel vom "Wandel durch Annäherung" einen neuen Modus des Verhältnisses zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Diese außenpolitische Wende war von großer Bedeutung für die Bildung der sozialliberalen Koalition im Jahre 1969 und für deren Wahlerfolg 1972 (vgl. Schaubild 2).

1 "Die Unmenschlichkeit der Situation wurde besonders drastisch am 17. August 1962 sichtbar: Als der 18 Jahre alte Ost-Berliner Bauarbeiter Peter Fechter in der Nähe der Friedrichstraße über die Mauer zu fliehen versuchte, wurde er von Grenzposten der Nationalen Volksarmee angeschossen. Er fiel auf Ost-Berliner Gebiet zurück und verblutete langsam, da von östlicher Seite keine Hilfe geleistet wurde und vom Westen her der Zugang nicht möglich war." (Helmut Kistler, 1965, S. 186)

2 Willy Brandt: Begegnungen und Einsichten. Die Jahre 1960-1975, Hamburg (Hoffmann und Campe) 1976, S. 222.

3 Peter Borowsky (1983), S. 10; vgl. Schaubild 2

Schaubild 2

Außenpolitische Grundentscheidungen in Westdeutschland 1949-1980

ERSTE PHASE: 1949 BIS 1959

International: "Kalter Krieg"

CDU/CSU (Regierung)

Westintegration der Bundesrepublik Deutschland

"Keine Experimente"

"Politik der Stärke"

SPD (Opposition)

Betonung der nationalen Interessen: Vorrang der Wiedervereinigung, Ablehnung der Westintegration

SPD isoliert


ZWEITE PHASE: 1959 BIS 1963

International: "Kalter Krieg"

CDU/CSU (Regierung)

Fortsetzung der "Politik der Stärke"

SPD (Opposition)

Umorientierung: Anerkennung der Westintegration und der Wiederbewaffnung

Fundamentale Maximen beider Parteien:

- Westintegration

- Atlantische Partnerschaft

- Wiedervereinigung

- Alleinvertretungsanspruch ("Hallstein-Doktrin")


DRITTE PHASE 1963 BIS 1980

International: Entspannungspolitik

CDU/CSU (Regierung bis 1969)

Vorbehalte gegen die Vertragspolitik

Ablehnung der Anerkennung der DDR

Vorrang der Wiedervereinigung

CDU isoliert

SPD (Mitregierung ab 1966, Regierung ab 1969)

Umorientierung der Außenpolitik: "Wandel durch Annäherung"

"Neue Ostpolitik": Verträge mit Moskau, Warschau und Prag

Grundlagenvertrag mit der DDR

 

Unterrichtspraktische Hinweise

Es liegt nahe, als Einstieg in die Thematik des Bausteins B eine Filmsequenz über die Öffnung der Mauer auszuwählen. Ein Unterrichtsgespräch über die Bedeutung des 9. November 1989 führt zu der Frage, weshalb die DDR-Führung 1961 die Mauer errichten ließ und welche Konsequenzen sich aus der Existenz der Mauer ergaben.

Die Auswertung der Bilder (B 1) und der Daten zur Berliner Mauer (B 3, B 4) sowie des Geheimberichts über Todesschüsse an der Mauer kann so erfolgen, dass man die Schülerinnen und Schüler auffordert, einen Lexikonartikel "Die Berliner Mauer" abzufassen.

Perspektivenwechsel: Zur Ermittlung der jeweiligen Interessenlage der unmittelbar Beteiligten kann man die Klasse in Gruppen aufteilen und mit der Sammlung von Argumenten für einen Konfliktpartner - also: US-Regierung, Sowjetregierung, SED-Führung, Bundesregierung, Bürger der DDR und Ostberlins, Bürger der BR Deutschland und Westberlins - betrauen. Die Ergebnisse können in einem Streitgespräch, einer fiktiven Pressemitteilung oder in einem Thesenpapier präsentiert werden.

Die Folgen des Mauerbaus für die Menschen in der DDR begegnen uns in zahlreichen literarischen Zeugnissen. Das Thema kann durch die Lektüre solcher Texte - gegebenenfalls in einem fächerverbindenden Projekt (Geschichte und Deutsch) - wirkungsvoll vertieft werden.

Das in B 11 wiedergegebene Lied "Die Dreizehn" findet man auf einer für Unterrichtszwecke produzierten CD.

Mögliche Aufgaben

  • Erörtern Sie die Bedeutung des Mauerbaus für die Stadt Berlin und ihre Bewohner (B 1 bis B 5, B 17).
  • Inwiefern hat die SED-Führung mit dem Mauerbau das Scheitern ihrer Politik eingestanden? (B 8 bis B 10).
  • Wählen Sie die Ereignisse aus der Zeittafel aus, die Ihnen besonders wichtig erscheinen, und begründen Sie Ihre Entscheidung (B 6). Ordnen Sie die Geschichte der Stadt Berlin in der Nachkriegszeit dem jeweiligen Verhältnis der Supermächte USA und UdSSR zu.
  • Zeigen Sie die Positionen der Sowjetunion und der USA zur Abriegelung Westberlins auf (B 7, B 8).
  • Warum wurde der 13. August 1961 als der "eigentliche Gründungstag der DDR" bezeichnet? (B 10)
  • Vergleichen Sie die Stellungnahmen zur Berliner Mauer in Ost- und Westdeutschland, und begründen Sie die Unterschiede (B 8 bis B 10).
  • Fassen Sie die einzelnen Äußerungen (B 13 bis B 15) in eigenen Worten zusammen. Erarbeiten Sie die Bedeutung der Berliner Mauer für die deutsche Nachkriegsgeschichte bis 1989. Inwiefern hat der Bau der Berlin Mauer zu einem Wandel der Ost- und Deutschlandpolitik in der Bundesrepublik Deutschland geführt?
  • Warum war sowohl der 13. August 1961 (Beginn des Baus der Berliner Mauer) als auch der 9. November 1989 (Öffnung der Berliner Mauer) ein Ereignis von weltpolitischer Bedeutung?

 

Hinweise auf Museen

Mauermuseum in Berlin
Museum am Checkpoint Charlie,
Friedrichstraße 43/44, 10969 Berlin/Kreuzberg

Gegen das Vergessen - Sammlung zur DDR-Geschichte. Postadresse: Hagenschießstraße 9, 75175 Pforzheim

Informationen bei:
Klaus Knabe, Telefon 07231/62191


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