Heft 3/98 Kein Ich ohne Wir
Baustein C: Die Schule und die Freunde
C 23 - C24 Jugend und Politik
C 23 Politisches Engagement
Politische Beteiligung in verschiedenen Bereichen (Angaben in Prozent) Befragt wurden Jugendliche zwischen 12 und 24 Jahren
Beteiligung in Prozent:
42 Wählen gehen
17 Sich an Unterschriftenaktionen beteiligen
27 Ältere Menschen regelmäßig betreuen
16 Beim Roten Kreuz oder in ähnlichen Organisationen mitarbeiten
38 An einer genehmigten Demonstration teilnehmen
38 Zu öffentlichen Diskussionen/ Veranstaltungen gehen
29 In Mitbestimmungsorganen wie Schüler mitverwaltung/Studenten- oder anderen Jugendvertretungen mitarbeiten
17 In Briefen an die Medien (Rundfunk-/ Leserzuschriften die eigene Meinung sagen
8 In einer Bürgerinitiative mitarbeiten
Daten aus: Jugend '97: Zukunftsperspekti ven, Gesellschaftliches Engagement, Politische
Orientierungen. Jugendwerk der Deutschen Shell (Hrsg.) - Opladen: Leske und
Budrich, 1997, S. 334. Grafik: Heike Schmid
Während die Jugendlichen zwar in allen ge nannten Bereichen ein politisches Engagement befürworten, fällt die tatsächliche Beteiligung, zumindest in einigen Bereichen, recht gering aus.
* Die 12- bis 17jährigen waren noch nicht wahlberechtigt.
C 24 Wenn Jugend Politik macht
Stimmen aus Bad Wimpfen, Friedrichshall und Künzelsau
Der Bad Wimpfener Jugendgemeinderat hatte eine schwere Geburt. Was ist falsch gelaufen?
Julia: Es waren halt voll wenig, die gewählt haben. Alle sagten hinterher: Das kann ja nichts werden, das wird bestimmt ein Flop. Wenn jetzt Jugendgemeinderat ist, kommen meine Schulkameraden schon mit einem breiten Grinsen an, und meinen: Na dürft ihr heute wieder da hingehen? Wir werden eben nicht ernst genommen. Es kommt so gut wie kein Feedback.
Nadine: Wir wollen aus den schlechten Erfahrungen in Wimpfen lernen. Deshalb haben wir in Bad Friedrichshall nicht gewählt, sondern eine Jungbürgerversammlung eingerichtet, die sich ein paar Mal im Jahr trifft, und die von einem Sprecherrat vorbereitet wird. Da kann kommen, wer will. Das Prinzip ist Freiwilligkeit. Aber auch bei uns hat sich ein harter Kern an Engagierten herausgebildet.
Warum nehmen Eure Wähler Euch nicht ernst?
Julia: Ich weiß es nicht genau. Manche finden es lächerlich, sowas
zu machen. Manche sind auch einfach nicht informiert. Andere meinen immer so ganz global:
Wimpfen ist doch ein Scheißkaff. Guckt
mal, daß da was läuft. Dann wollen sie 'ne Disco, oder eine gescheite Kneipe. Aber da
können wir nichts machen, weil halt Wimpfen eine Kurstadt, eine Kaiserpfalz und weiß der
Kuckuck was alles ist. Wenn die uns so kommen, das finde ich blöd. Rafaela: Also bei uns
in Künzelsau, wo ich Jugendgemeinderätin bin, da ist bis jetzt noch kein einziger von
den Jugendlichen gekommen, und hat mich mal angesprochen, was wir da so machen. Das Desinteresse ist groß.
Seid Ihr dann eine Art Clique, ein Eliteclub, ohne Kontakt zur Basis?
Eginhard: Bei uns gibt es fast nur Schüler. Und zwar fast nur Gymnasiasten. Das finde ich einen ganz großen Makel. Wir haben so gut wie keine Azubis. Das kam so: Bei der Wahlversammlung in Künzels au, wo der Jugendgemeinderat gewählt wurde, waren eben die Schüler in der Überzahl. Die haben ihre Kandidaten dann halt durchgedrückt.
Durften Ausländer mitwählen?
Eginhard: Nein, unser Bürgermeister in Künzelsau ist da streng nach Gemeindeordnung vorgegangen. Julia: Bei uns in Wimpfen sitzt ein Türke mit im Gemeinderat. Ich hab mich richtig gewundert, daß der im richtigen Gemeinderat nicht sitzen durfte.
Sabine Müller, Helmut Buchholz: "Wer nicht will, hat schon gehabt". Wenn Jugend Politik macht. Heilbronner Stimme, 9.6.1994