Heft 3/98 Kein Ich ohne Wir
Baustein C: Die Schule und die Freunde
C 20 - C22 Problematische Subkulturen
C 20 Krawallmädchen
In den USA und in England existiert eine Bewegung von Mädchen, die sich ,riot grrrls`
nennen - Krawallmädchen ... Der Begriff ,grrrl` - aggressiv abgewandelt von girl -
steht dabei für Mädchen, die wütende Knurrgeräusche von sich geben. Sie haben kurzgeschorene Haare, tätowieren sich und treten in Springerstiefeln auf. Sie setzen dem
gängigen weiblichen Schönheitsideal ä la Marilyn Monroe gezielt Häßlichkeit und ein
Schminktabu entgegen. Sie reprä sentieren ein neues, aggressives Mädchenbewußt sein und
wollen Raum schaffen für eine neue Mädchenidentität, die sich abwendet von zugeschriebener weiblicher Schwäche und Machtlosigkeit. Ein Netzwerk solcher Mädchengruppen
will weibliche Freiräume schaffen, ohne sich mit der männlichen Kultur auseinandersetzen
zu müssen. Sie definieren sich nicht über ihre Probleme, sondern wollen ihre
Bedürfnisse ausleben "und dazu brauchen wir zu allererst einmal viel Zeit für uns
sel ber". Ihr Verhältnis zur Gewalt ist eindeutig: "Ich bin gegen Gewalt";
sagt eine der jungen Frauen, "aber ich habe keine Angst, sie anzuwenden ..."
Anita Heiliger: Weibliche Lebensentwürfe: Vielfalt und Blockierungen. Starke Vorbilder, enge Grenzen, S, 81. In: Benno Hafeneger, Mechthild M. Japsen, Christiana Klose (Hrsg.): "Mit fünfzehn hat es noch Träume ... " Lebensgefühl und Lebenswelten in der Adoleszenz. Opladen 1998: Leske und Budrich
C 21 Hooligans

Bild: dpa
C 22 Ohne Gewalt?
Sie treffen sich jetzt lieber bei Marcel zu Hause, "da können wir wenigstens unsere
Musik hören." Im Hintergrund läuft sie. Die CDs heißen: "Heim ins
Reich", "Wir bleiben Kameraden", "Landser" und "Im Namen des
Volkes".
Können sie sich vorstellen, ihre Angelegenheiten anders zu regeln als mit Gewalt? Udo: "Über den normalen Weg kann man gegen niemanden was unternehmen. Das einzige, was du machen kannst, du haust ihm immer eins auf die Schnauze." Andererseits: Vor Schlägereien hätten sie eher Angst, wegen der Bewährungsstrafe und auch sonst. "Man kann zwar abends rausgehen, aber es ist halt gefährlich. Gerade jetzt mit dem Asylantenwohnheim in der Nähe."
Mit einer Partei haben sie nichts zu tun, "die ,Nationaldemokraten` ... das ist für mich keine Partei." Die Politiker? "Früher haben sie geschwindelt und jetzt schwindeln sie auch." - Da könne man nichts tun, "wir als kleine Scheißer sowieso nicht!" Meinungsfreiheit? Die anderen, die Punker, dürften einen schlechtmachen. "Und daß da die Meinung so schlecht gemacht wird, daß uns dann keiner mehr was glaubt, das ist dann ganz normal."
Urlaub machen sie am liebsten unter sich, beim Camping. "Bevor ich sinnlos Geld im Ausland aus gebe", sagt Udo, "gehe ich lieber zelten. Wir haben dort auf jeden Fall mehr Spaß, als wenn ich jetzt vielleicht in der Türkei oder sonstwo rumrenne." Als Freizeitbeschäftigung ist Biertrinken angesagt, in der Disco haben sie Hausverbot, man trifft sich unter seinesgleichen bei Konzert mit Musik rechts gerichteter Bands.
Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): PZ Nr 92, Dezember 1997, S. 12. Schlechte Zeiten - gute Zeiten. Innenansichten einer Jugend