Heft 3/98  Kein Ich ohne Wir


Baustein C: Die Schule und die Freunde


Die Schule

Mit dem Eintritt in die Schule beginnt die sekundäre Sozialisation. Das Kind ist prinzipiell schon handlungsfähig und lernt jetzt neue Rollen mit entsprechenden Handlungsmustern. Die Schule soll im Idealfall die familiäre Sozialisation ergänzen und weiterführen.

Zunächst bekommt das Kind einen grundsätzlichen Unterschied zu spüren. Während es in der Regel in der Familie auch akzeptiert wird, wenn es versagt, beginnt in der Schule, obwohl es sich hier auch um einen Schonraum handelt, mit dem Leistungsprinzip allmählich der "Ernst des Lebens". Dazu kommt die Erfahrung, daß Schule mehr ist als nur Wissensvermittlung: Schule hat viele Funktionen. Helmut Fend spricht in diesem Zusammenhang von den drei Funktionen der Qualifikation (Vermittlung von Schlüsselqualifikationen für das Beschäftigungssystem), der Selektion oder Allokation (das schulische Auslesesystem weist Positionen in der Sozialstruktur zu) und der Integration und Legitimation (durch Vermittlung von Werten und Normen werden die Jugendlichen in das gesellschaftliche System integriert). In den Verfassungen der Bundesländer zählen Bildung und Erziehung gleichermaßen zu den Aufgaben der Schule.

Besonders in der Hauptschule, aber auch in den an deren Schularten, übernehmen Lehrerinnen und Lehrer immer mehr Erziehungsaufgaben, die traditionell von der Familie erbracht wurden. Schule leidet unter der Schwächung der Familie. Auch wenn in der Schule neben der Wissensvermittlung mehr als bisher Erziehungsarbeit geleistet werden muß, ein Ersatz für die Familie kann Schule dennoch nicht sein.

1. Schule als sozialer Erfahrungsraum (C 1 bis C 4)

Einen Einstieg zu den verschiedenen Funktionen der Schule bieten die drei Karikaturen von Liebermann, Gaymann und Wolter (C 1 ). Der Text C 2 (Was ist Schule?) zeigt die Vielfalt des Sozialraums Schule auf; er eignet sich - ebenso wie die Karikaturen dafür, die Schule mit der Familie und den Gleichaltrigen zu vergleichen und ihre Aufgaben von den anderen Sozialisationsinstanzen abzugrenzen. Ein alternativer Beginn wäre ein Erzählimpuls: "Stellt euch vor, Wesen von einem fremden Stern landeten zufällig in unserer Schule. Wie würden sie ihre Ein drücke beschreiben? Sie würden sagen: ..."

Die Karikatur "Drunter und drüber" von Mester (C 3) illustriert anschaulich den Erziehungsauftrag der Schule. Die Umfrage C 4 (Wozu Schule?), kann man in der Klasse durchführen und dann mit den repräsentativ ermittelten Ergebnissen vergleichen (Ergebnisse 1995, Westdeutschland). Es plädieren für mehr

Gemeinsinn und Hilfsbereitschaft 85
Allgemeinbildung 85
Umweltbewußtsein 85
Rücksicht auf Schwache 81
Persönlichkeitsbildung 74
Leistungsbereitschaft 67
Orientierung auf berufliche Praxis 67
Disziplin 59
Fremde Sprachen 61


2. Lust und Frust in der Schule (C 5 bis C 7)

Hier kommt es darauf an, wie Schülerinnen und Schüler ihre Schule erleben und bewerten. In C 5 (Schüler über ihre Schule) haben Schülerinnen der drei Schularten spontan ihre Gedanken zum Thema Schule aufgeschrieben. Die Ergebnisse der repräsentativen Schülerumfrage in Deutschland (C 6) können mit einer entsprechenden Befragung in der eigenen Klasse verglichen werden. Die Karikatur von Reinhold Löffler (C 7) führt die Wünsche der Schüler an ihre Schule in einem Wunschzettel auf. Interes sant ist der Vergleich mit ähnlichen Erhebungen bei Bürgern über 18 Jahren, für die Schule bereits der Vergangenheit angehört (C 7).

 

3. Mobbing unter Schülern (C 8 bis C 13)

Für nicht wenige Kinder und Jugendliche stellen Schule und Schulklasse Risikowelten für ihre Entwicklung dar. Ein Beispiel hierfür ist Mobbing unter Schülern. Diese kurzen Ausführungen können nicht das Studium der Fachliteratur ersetzen. Im Hinblick auf den theoretischen Hintergrund sei u.a. auf das lerntheoretische Modell des norwegischen Sozial psychologen Dan Olweus (in: Haanewinkel/Knaak, S. 4) verwiesen, das sehr anschaulich die Verhaltensabläufe beim Mobbing benennt und einordnet. Ausführlichere Informationen zur Tätermentalität und zu den Opfermerkmalen finden sich in der Dokumentation "Mobbing und Schule". (Vgl. dazu die Literaturhinweise.)

Was ist Mobbing? Das Wort Mobbing (vom englischen "Mob" = Pöbel) steht für Gewalttätigkeit oder die Probleme mit Gewalttätern und -opfern. In der Zeitschrift "Psychologie heute" (1997, Heft 8, S. 22) werden die Merkmale aufgeführt, die für Mobbing charakteristisch sind:

- Häufigkeit: Die Schikanen passieren mindestens einmal pro Woche;

- Dauer: Die Situation zieht sich mindestens über ein halbes Jahr hin;

- Systematik: Die Schikane erfolgt nicht zufällig, sondern geplant;

- ungleiche Machtstrukturen: Das Opfer hat wenig Möglichkeiten, auf das Geschehen Einfluß zu nehmen, es bekommt keine soziale Unterstützung, kann sich daher nur ungenügend wehren;

- Zielgerichtetheit: Während von einem schlechten Betriebsklima und einem rauhen Umgangston alle Mitarbeiter mehr oder weniger betroffen sind, ist Mobbing gezielt auf eine Person gerichtet.

Wenn Mobbing von Vorgesetzten, also zum Beispiel von Lehrern gegenüber Schülern ausgeübt wird, wird es auch als Bullying oder Bossing bezeichnet (bully = Tyrann, Rabauke; Boss = Chef). Mobbing ist ein Gruppenphänomen und wird damit - in Abgrenzung zur Aggression - als ein originär sozialer Akt aufgefaßt.

Mobbing ist heute zu einem Modebegriff für alle möglichen Konfliktsituationen geworden. Wurde der Terminus zuerst vom Verhaltensforscher Konrad Lorenz verwandt, so war die Bezeichnung in der Folge ursprünglich für schulische Phänomene reserviert. Erst durch die Veröffentlichungen des schwedischen Mobbing-Forschers Heinz Leymann, der das Thema auf die Arbeitswelt ausweitete, fand es öffentliche Beachtung.

Mobbing ist zwar ein neuer Begriff, aber keine ganz neue Erscheinung. Psychoterror unter Schülern in Form von Drangsalieren, Quälen, Demütigen und Ausgrenzen kann sich bis zur Drohung, Erpressung und körperlichen Gewalt steigern. Betroffen sind vor allem schwächere, aber auch hochbegabte Schüler, die sich kaum wehren können. Die Starken sind oft ältere Schüler, die sich auf Kosten der jüngeren amüsieren. Manchmal sind es Jungen, die sich Mädchen als Opfer aussuchen (und umgekehrt) oder eine Klasse einen Außenseiter. Mobbing richtet sich gegen jede denkbare Art von Andersartigkeit und kann folglich fast jeden Schüler treffen.

Als Einstieg ins Thema bieten sich Beispiele aus dem Schulalltag wie C 8 an (Was da abläuft, ist extrem). Mit welchen subtilen Mitteln gemobbt wird, verdeutlicht C 9 (Wie Opa Feinfingers Hund). Die Schüler beschreiben, was beim Mobbing geschieht, wer so etwas tut und welche Motive dahinter stehen können (C 10). Sie stellen auch fest, wie sich Mob bing bei den Betroffenen auswirkt. So wird klar, daß es sich bei Mobbing nicht um die gelegentliche, gewöhnliche und bald wieder vergessene Stichelei oder Rauferei, sondern um wiederholte Quälereien mit System handelt, die den betroffenen Kindern das Leben zur Hölle machen. Alternativ kann man auf literarische Beispiele zurückgreifen, die sich bei Peter Weiss (Abschied von den Eltern) oder bei Robert Musil (Zögling Törleß) finden.

Mobbing ist ein ernstzunehmendes soziales Phäno men, welches in vielen Bereichen, darunter der Schule, alltäglich ist. Dies beweisen die Erfahrungen aus der Mobbing-Beratung, denn mit 15 Prozent der Anrufe ist das Schulwesen beim Stuttgarter Anti-Mobbing-Beratungstelefon relativ stark vertreten. Mechthild Schäfer, Wissenschaftlerin am Max Planck-Institut für psychologische Forschung in München betont: "An deutschen Schulen wird mindestens eines von zehn Kindern ernsthaft schika niert, und mehr als eines von zehn Kindern schikaniert andere." (Der Spiegel, 34/1997, S. 170). Von Mobbing sind im übrigen alle Schularten gleicher maßen betroffen.

Wie wirkt sich Mobbing aus? Mobbing macht phy sisch und psychisch krank, mit entsprechenden negativen sozialen Folgen. Für die Opfer gibt es kein Entkommen. Der Gemobbte hat mit Nervosität, Schlaf- und Konzentrationsschwierigkeiten, Herz und Kreislaufproblemen sowie quälenden Erinnerungen, depressiver Verstimmung, Reizbarkeit oder Wutanfällen zu kämpfen. Die Betroffenen verstehen die Welt nicht mehr, fühlen sich isoliert und fehlen öfters in der Schule. Neben Rückzug sind Lustlosigkeit, Depression, Angstzustände oder ziellos wir kende Aktivitäten im Kampf gegen die Ungerechtigkeit zu beobachten. In extremen Fällen kann Suizidgefahr bestehen. Der Text C 11 geht auf so ziale und psychische Folgen ein und wirft die Frage auf, aus welchen Gründen Hilfe oft unterbleibt. Zum nächsten Thema kann man mit der Frage überleiten: Welche Maßnahmen würdet ihr ergreifen, um den Opfern zu helfen?

Wie kann man sich gegen Mobbing zur Wehr setzen? Da jeder Fall verschieden gelagert ist, sind ein fache Ratschläge und Patentrezepte mit Vorbehalt zu genießen. Die Maßnahmen erfordern Sensibilität sowie Empathie und sind mit viel Aufwand und Engagement verbunden. Lösungsstrategien kann man in der angeführten Fachliteratur (z. B. bei Kasper 1998) nachlesen oder bei den dort angegebenen Beratungsstellen einholen.

Mobbing ist ein Problem sämtlicher Schulangehörigen, nicht etwa das des Täters oder des Opfers al lein. In der Regel wissen alle in einer Klasse, wann und wo Mobbing stattfindet. Die Schüler neigen dazu, ihre Rolle als Mitläufer zu unterschätzen. Die Schule sollte den Schülern das Beziehungsgeflecht und die Verhaltensmuster der beteiligten Personen (Mobber, Gemobbter, Mitläufer, Lehrer und Eltern als nicht Eingeweihte) klarmachen und am konkreten Fall Handlungsmuster erarbeiten. Vorrangiges Ziel muß es sein, daß die Beteiligten lernen, ihre Beziehungen anders zu gestalten und angemessen mit einander umzugehen. Wichtig ist, möglichst früh einzuschreiten, am besten präventiv. Hier taucht bereits die erste Hürde auf, denn nur jedes Dritte unter den Opfern teilt seinen Kummer den Lehrern mit, und nur jeder vierte Lehrer spricht ein Opfer von sich aus an. Hier sind genaue Beobachtung und Sensibilität gefragt. Die Errichtung eines Schikane- oder Anti-Mobbing-Briefkastens kann bei der Früherken nung helfen. Diese Maßnahmen lassen sich auf der Ebene der gesamten Schule anwenden (mit Einbeziehung der Gesamtlehrerkonferenz, der SMV und der Schulkonferenz).

Das folgende Modell zielt auf die Konfliktlösung innerhalb einer Klasse. Die Schüler beraten gemein sam, was zu tun ist. Für die betroffenen Schüler ist es wichtig, daß sie in ihrer Selbstsicherheit und ihrem Auftreten gestärkt werden. Um die Konfliktfähigkeit zu trainieren, erscheinen Rollenspiele methodisch am sinnvollsten. Da deutliche Strukturen helfen, Mobbing zu verhindern, bestehen weitere Lösungstrategien darin, Regeln aufzustellen, welche derartige Verhaltensweisen ächten. Dies geschieht zum Beispiel in Form einer Sammlung positiver Ziel und Wertvorstellungen.

Die Vorlage C 12 (Anti-Mobbing-Konvention) ist als Anregung gedacht, einen Verhaltenskodex in schülernaher Sprache zu erstellen. Sie dient als kollektive Mobbingprävention für eine ganze Schule, an die sich alle zu halten haben. Wer andere schikaniert, muß mit Konsequenzen rechnen. Mit der Klasse können Vereinbarungen zum Gewaltverzicht (mit entsprechenden Strafen) unter dem Motto "Das wollen wir nicht!" aufgestellt und verbindlich vereinbart werden.

Eine weitere Lösungsstrategie stellt die Methode der Mediation dar, bei der unparteiische Dritte als Schlichter vermitteln. Hierzu gibt es ausgearbeitete praxisorientierte Trainingsprogramme für Schüler von Jeffrey und Noack (Schüler-Streit-Schlichter Programm). Es geht hierbei um das konstruktive und friedliche Austragen von Konflikten, wobei u.a. besonderer Wert auf Hierarchiefreiheit und Selbst hilfe gelegt wird. Das praktische Ausbildungsprogramm gliedert sich in ein kooperatives Konfliktlösetraining und ein praktisches Ausbildungsprogramm für Schüler-Streit-Schlichter. Ein Element aus dem formalisierten Schlichtungsverfahren stellt das Schlichtungsformular (C 13) dar.

Literaturhinweise zum Thema Mobbing

Ene mene muh, und raus bist Du! Mobbing und Schule. Eine Dokumentation mit Fachbeiträgen und Beispielen der In itiative zur Förderung hochbegabter Kinder e.V. Stuttgart 1998

Hanewinkel, Reiner u. Knaack, Reimer: Mobbing: Gewaltprävention in Schulen in Schleswig-Holstein. Kiel, Juli 1997

Jeffreys, Karin u. Noack, Ute: Streiten, Vermitteln, Lösen: das Schüler-Streit-Schlichter-Programm für die Klassen 5 bis 10. Lichtenau 1998.

Kasper, Horst: Mobbing in der Schule. Weinheim und Basel: Beltz 1998

Psychologie heute, August 1997

Die Freunde

Neben der Familie und der Schule gilt die sogenannte Peer Group als weitere wesentliche Sozialisationsagentur. Unter Peers versteht man Men schen, welche etwa gleichen Rang und Status haben. In der Soziologie wird mit Peer Group die Gruppe der Gleichaltrigen im Kindes- und Jugendalter bezeichnet; die Jugendlichen selbst sprechen meist von der Clique oder ihrem Freundeskreis.

Bereits im Kindergarten knüpfen Kinder Freundschaften mit Gleichaltrigen. Ungefähr mit zehn Jah ren intensivieren sie die Kontakte, die im Jugendalter einen Höhepunkt erreichen. Die Familienbande lockern sich während der Jugendphase, da mehr Zeit außerhalb des Elternhauses verbracht wird.

So muß sich die Familie nicht nur mit der Schule auseinandersetzen, sondern sie befindet sich auch in harter Konkurrenz zu dem Einfluß der Peer Group. An der Gruppe der Gleichaltrigen orientieren sich die Jugendlichen immer mehr, von ihr beziehen sie ihre Maßstäbe, bei ihr suchen sie Zuflucht. Diese Gruppe hat der Familie und der Schule sicher in manchen Bereichen den Rang abgelaufen oder zu mindest streitig gemacht. Die Peer Group spielt als Sozialisationsinstanz neben Familie und Schule eine wichtige Rolle im Sozialisationsprozeß der Jugendlichen.

Die Jugendphase ist gleichzusetzen mit einem Zeit abschnitt tiefgreifender Änderungen. Die körperliche Entwicklung ist durch starkes Körperwachstum und sexuelle Reifung gekennzeichnet. Die Persönlichkeitsentwicklung verläuft vielfach konfliktträchtig und krisenhaft, begleitet von einer gewissen Diffusität des Selbst- und des Weltbilds. Es beginnt der Abspaltungsprozeß vom Elternhaus. Jugendkulturen sind häufig Abgrenzungsversuche gegenüber der Erwachsenenwelt, die sich auch in einer eigenständigen Jugendsprache äußern. In den Augen der Jugendlichen gelten die Eltern nicht mehr viel. Die Jugendlichen verhalten sich ihnen gegen über nun häufig maßlos und provokativ. Es kommt zum Krach mit den Eltern, die Schulleistungen ver schlechtern sich, die Mithilfe im Haushalt wird ver weigert, im Jugendzimmer herrscht Chaos. Neuere Untersuchungen zeigen aber, daß dies nicht generell gilt. Die Eltern sind keineswegs vollkommen abge meldet, vielmehr haben die Hälfte aller Jugendlichen sowohl zu den Gleichaltrigen als auch zu ihren Eltern ein gutes Verhältnis (Shell-Studie 1997, S. 343).

4. Die Bedeutung der Gleichaltrigen (C 14 bis C 19)

Viele Jugendliche können sich den Alltag, die Freizeit ohne die Clique gar nicht vorstellen. Die Karikatur C 14 (Familienszene) thematisiert den Ablösungsprozeß der Jugendlichen von den Erwachsenen und läßt sich über die angeführte Frage erschließen. Mit wem will die Jugend ihre Freizeit verbringen? Eine Antwort darauf gibt das Schaubild C 15 (Freizeitbeschäftigungen). Die Materialien machen deutlich, daß die Mehrheit der Jugendlichen ihre Freizeit hauptsächlich mit Freunden verbringt oder verbringen möchte. Die Freizeit in der Gruppe der Gleichaltrigen repräsentiert für die Jugendlichen das Leben überhaupt und rückt die anderen Bereiche an die Peripherie.

Die folgenden Materialien belegen, daß mit den jugendlichen Gruppenbildungen offensichtlich Bedürfnisse befriedigt werden, welche die Gesellschaft sonst nicht oder nur unvollständig erfüllt. Sie zeigen, daß Jugendgruppen meist eine Reaktion der Jugendlichen auf die Welt der Erwachsenen sind und sich bewußt von der Familie und der Schule ab setzen.

Die Zugehörigkeit zu einer Peer Group ist im Regel fall freiwillig und kann aufgekündigt werden. Bovet (a.a.0., S. 10) beschreibt die Funktionen wie folgt: "Für die Jugendlichen ist die Peer-Gruppe Übungsfeld für neu zu erwerbende Verhaltensweisen (diskutieren, tanzen...) und für neue Wertvorstellungen und Normen (Kleidung, Politik...). Fähigkeiten, die in Familie und Schule nicht viel Bedeutung haben..., wer den in der Gruppe oft honoriert und bieten Kompensationsmöglichkeiten. Die Gruppe gibt Rückmeldungen über die Wirkung der eigenen Person auf andere, bietet Vergleichsmöglichkeiten und dient damit auch der Identitätsfindung. Sie bietet Orientierung und emotionale Unterstützung, die der sich von den Eltern lösende Jugendliche braucht." Peer Groups können für Jugendliche also sowohl eine normative Funktion (Erwerb von Werthaltungen und Einstellungen) als auch eine komparative Funktion (die Jugendlichen gewinnen im wesentlichen über die Peer Group ihre Selbsteinschätzung) haben (Naudascher 1978, S. 10).

Mit eigenen Aufnahmen oder Texten können die Schülerinnen und Schüler ihren Freundeskreis vor stellen und erzählen, wie wichtig er ihren ist. Der Liedtext des Hits "Freunde" (C 16) des bekannten Softrockquintetts Pur aus dem schwäbischen Bietigheim gibt auf einfühlsame Art eine Antwort auf die Frage nach den Besonderheiten einer engen Freundschaftsbeziehung.

Neben den Freundeskreisen kommt es zur Entwicklung breiter Jugendbewegungen bis hin zu jugendlichen Subkulturen. Viele blicken dabei auf die Love Parade. Doch die größte Jugendbewegung ist eher still und präsentiert sich in Zeltlagern und bei Fußballturnieren. Ungefähr fünf Millionen 16- bis 25jährige geben sich in den Jugendverbänden unspektakulärem Zeitvertreib hin, wie die Tabelle C 18 (Mitgliedschaften) und der Text über die Pfadfinder (C 17) belegen. Vereine und Jugendverbände schaffen sozialen Zusammenhalt und bauen Brücken zwischen den Generationen.

Ein anderes Phänomen sind die Fan-Gruppen der Boygroups, die fast nur aus jungen Mädchen beste hen. Ihr Verhalten und insbesondere ihr Rauschzustand, wie in C 19 (Kids werfen Kuscheltiere) beschrieben, erinnert in manchem stark an das Fanverhalten aus der Rock-and-Roll-Szene in der Mitte der fünfziger Jahre. Es erscheint reizvoll, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Gestern und dem Heute herauszuarbeiten.

5. Problematische Subkulturen (C 20 bis C 22)

Gewalt kommt häufig aus der Gruppe. Jugendliche, die verzweifelt danach streben, eine seelische Krisensituation zu überwinden, bilden oft spontane Banden oder Gangs mit Gleichgesinnten oder treten diesen bei. Probleme sind zu erwarten, wenn Jugendliche in den Banden eine Art Familienersatz suchen, weil sie ihre familiären Beziehungen als unbefriedigend erleben. Besonders anfällig sind junge Menschen in Reifungs- und Entwicklungskrisen. Paart sich hierbei eine radikale Gewaltideologie mit blindem Gehorsam, begünstigt das Drogenmißbrauch, Gewalt, Vandalismus und halsbrecherische Mutproben. Das muß nicht zwangsläufig sein, liegt aber im Bereich des Möglichen, wie das Bei spiel C 20 der radikalen Mädchenbewegung ("Krawallmädchen") zeigt. Der Anteil der Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren, die sich extremen Jugendgruppen zugehörig fühlen, wie zum Beispiel Punks oder Skinheads, liegt nach Ergebnissen von Befragungen unter fünf Prozent. Trotzdem bilden blindwütiger Radikalismus, Jugendkriminalität und fanatische Sekten eine große Gefahr für die junge Generation und die gesamte Gesellschaft.

Anhand von Bildern über Hooligans (C 21), Skins oder Punks sollen die Schüler beschreiben, was sie über solche Gruppen wissen. So sind zum Beispiel die dem Rechtsextremismus nahestehenden Skins mit ihren kurzgeschorenen Haaren, weiten Bomberjacken und Springerstiefeln an ihrer Aufmachung sofort zu erkennen; man sollte sich jedoch davor hüten, in jedem Glatzenträger einen Gewalttäter zu sehen.

Punks werden der links-alternativen Szene zuge rechnet; Hooligans finden sich im Umfeld von Fan Gruppen im Fußball.

Das Interview C 22 (Ohne Gewalt?) gewährt einen Einblick in die Denkweise von gewaltbereiten Skinheads.

6. Jugend und Politik (C 23 und C 24)

Ist die Jugend politikverdrossen? Inwieweit ist sie bereit, sich in Gruppen zu engagieren? Mit diesen und anderen Fragen über Stimmungen und Trends bei Jugendlichen beschäftigen sich immer wieder Jugendstudien unterschiedlicher Auftraggeber mit teilweise sich widersprechenden Ergebnissen. Die Studie "Teens 2000" von Grey hat herausgefunden, daß bei den Jugendlichen die Devise "Das Leben genießen" dominiere; die Deutsche Shell dagegen stellt fest: "Die gesellschaftliche Krise hat die Jugendlichen erreicht." Was die politische Beteiligung angeht, so bestätigt die zwölfte Shell-Studie geläufige Annahmen von einem gestörten Verhältnis zwischen Jugend und Politik. Es kommt den meisten Jugendlichen nicht in den Sinn, sich auf konventionellem Wege in die Politik einzumischen.

Allerdings - und das ist die positive Botschaft - trotz nicht gerade günstiger Perspektiven resignieren die jungen Leute nicht. Das Schaubild C 23 (Politisches Engagement) zeigt, daß die Jugendlichen nicht nur viele Formen der politischen Beteiligung befürworten, sondern - wenn auch in geringerem Ausmaß sich selbst beteiligen. Zumindest starke Minderheiten unter den Jugendlichen sind bereit, sich einzubringen und mitzubestimmen. Sie wollen selbst die Ziele festlegen und diese auch möglichst rasch er reichen.

Daran müssen wir im Unterricht anknüpfen. Möglichkeiten zum Mitmachen gibt es zum Beispiel in der Schülermitverwaltung, aber auf kommunaler Ebene auch in Jugendgemeinderäten. Solche Partizipationsmöglichkeiten bieten Chancen, etwas zu vermitteln, was Schule und Familie nur bedingt können: die Erfahrung, daß politisches Engagement auch erfolgreich sein kann. In Arbeitsgruppen könnten die Schüler einen möglichen Aufgabenkatalog für den Jugendgemeinderat ihrer Kommune aufstellen. Das Interview C 24 mit Jugendgemeinderäten aus Bad Wimpfen, Friedrichshall und Künzelsau be leuchtet Chancen und Probleme des politischen Engagements junger Menschen in der Kommunalpolitik.

In Sachen Jugendgemeinderat interessierte Jugendliche erhalten Informationen und Tips bei

Wolfgang Berger,
dem Referenten für Außerschulische Jugendbildung
bei der Landeszentrale für politische Bildung,
Stafflenbergstraße 38,
70184 Stuttgart
(Telefax 0711 /237 14 96).