Heft 3/98 Kein Ich ohne Wir
Baustein B: Meine Familie
Kaum ein Begriff ruft so unterschiedliche Emotionen hervor wie das Wort Familie. Jeder Mensch hat seine Erfahrungen, Erlebnisse und seine Meinung, positiver wie negativer Art. Von der romantisiert verklärten Idylle bis zum Horrorszenarium - das Spektrum individueller Erfahrungen ist weit gefächert. Die Thematik erfordert einen sensiblen Zugang, weil die Privatsphären der Schülerinnen und Schüler unter schiedlich sind. Es können Kinder in der Klasse sein, die emotional stark betroffen sind, weil sie gerade eine Krise in ihrer Familie erleben oder unter der Trennung ihrer Eltern leiden.
Ausgehend von den Fragen "Was ist eigentlich eine Familie?" und "Welche Erscheinungsformen gibt es heute?" wird das zentrale Thema "Welche Funktion hat die Familie im Entwicklungsprozeß der Kinder und Jugendlichen?" in Verbindung mit dem gesellschaftspolitischen Umfeld aufgegriffen. Die Bereiche "Wie erleben Kinder und Jugendliche ihre Familie?" und "Wie bewerten sie Bedeutung und Zukunft der Familie?" sollen die kritische Auseinandersetzung und Urteilsbildung fördern. Sie sind je nach Situation in der Klasse und Alter der Schülerinnen und Schüler unterschiedlich zu gewichten.
Die Behandlung des Themas Familie hat zum Ziel, den Jugendlichen zu helfen,
zu erkennen, daß die Familie als Lebensbereich auch heute von elementarer Wichtigkeit ist und existentiellen Bedürfnissen gerecht wird,
zu erkennen, daß die Familie als private Institution ein Modell menschlichen Zusammenlebens ist, das sich an die wandelnden gesellschaftlichen Verhältnisse anpaßt, selbst aber auch auf die Gesellschaft wirkt und wichtige Leistungen über nimmt,
zu erkennen, daß unterschiedliche Erscheinungsformen existieren und für das Alltagsleben der Betroffenen entsprechende Auswirkungen haben.
1. Was ist eigentlich eine Familie? (B 1 bis B 10)
Die Frage "Wen zählst du zu deiner Familie?" (B 1) kann als Einstieg dienen, alternativ zwei Bilder von einer Mutter mit Kind und einer Familie mit Verwandtschaft. Danach werden die wichtigsten Merk male anhand des Textes (B 2) herausgearbeitet und festgehalten. Familie läßt sich heute beschreiben als eine vor allem in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern begründete soziale Gruppe eigener Art, die als solche gesellschaftlich, d. h. als Institution, anerkannt ist und einem Wandel unterliegt. Eine all gemeinverbindliche Definition von Familie existiert nicht, denn durch das Grundgesetz (Artikel 6) und die Landesverfassung (Artikel 12) wird nur ein Rahmen abgesteckt, der der inhaltlichen Konkretisierung durch Detailgesetzgebung und Rechtsprechung bedarf. Dies hat zur Folge, daß für das Verständnis des Familienbegriffs immer auch wertgebundene Bestimmungen und Anschauungen von Bedeutung sind.
Nach christlichem Grundverständnis ist in unserem Kulturkreis der Familienbegriff normativ auf eine lebenslange Ehe (mit Kindern) angelegt. Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts wird der Familienbegriff auch auf alleinerziehende Mütter oder Väter und auf Ehepaare mit Adoptivkindern angewendet. Aktueller Streitpunkt ist die Anerkennung von Lebensgemeinschaften ohne öffentliche Legitimation mit Kindern als Familie, insbesondere ihre Berücksichtigung in familienpolitischen Programmen des Staates.
In der Alltagswirklichkeit stellt das Zusammenleben als Familie keine statische Lebensform dar. Familien sind aufgrund ihrer Struktur sehr dynamische so ziale Gebilde und aufgrund der Orientierung an indi viduellen Bedürfnissen der Familienmitglieder äußerst vielfältig. Anhand des Schaubildes (B 3) werden nach der Form des äußeren Zusammenlebens die heute am häufigsten vertretenen sechs Typen der Lebensformen unterschieden:
Ehepaare mit Kindern oder ohne Kinder, Ein-Eltern Familie (Alleinerziehende), nichteheliche Lebensgemeinschaften mit oder ohne Kinder und Allein lebende.
Stellvertretend für hochentwickelte Industrieländer läßt sich die Verteilung der unterschiedlichen Lebensformen und der zeitliche Wandel am Beispiel des Bundeslandes Baden-Württemberg mit Hilfe des Diagramms (B 4) feststellen. Ehe und Familie sind immer noch die mit Abstand häufigsten Lebensformen. Obwohl die "klassische" Familie zahlenmäßig an Gewicht verloren hat, wachsen die meisten Kinder nach wie vor in Familien mit beiden Elternteilen auf. Nicht zuletzt aufgrund demographischer Entwicklungen haben Familien mit alleinerziehenden Müttern und Vätern, Ehepaare ohne Kinder sowie nichteheliche Lebensgemeinschaften mit und ohne Kinder zunehmende quantitative Bedeutung und gesellschaftliche Akzeptanz (Statist. Landesamt B.W.: Statistisch-prognostischer Bericht 1997, Stuttgart, S. 93).
Weitere Strukturveränderungen und deren Ursachen werden in den Texten über die Bewertung der Mut terrolle, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf so wie den Wandel der Vaterrolle dokumentiert (B 5 bis B 7). Die veränderte soziale Rolle der Frau, ihre ge stiegene Qualifikation und Erwerbsbeteiligung, die Möglichkeit der Geburtenplanung, die bewußte Entscheidung bei Kinderzahl und dem Zeitpunkt des Kinderwunsches, die spätere Mutterschaft und der zunehmende "unerfüllte Kinderwunsch" führen ins gesamt zu einer geringeren Kinderzahl pro Familie. Eine Rolle spielen auch grundsätzliche Lebenseinstellungen der Partner, wie Konsumansprüche versus "Kostenfaktor" Kind, die Bewertung unserer Gesellschaft als kinderfeindlich und die Einschätzung der ökonomischen und ökologischen Zukunftschancen.
Ein weiteres Merkmal der Familie ist die Dynamik, die den Familienzyklus bestimmt. Die Schaubilder (B 8 und B 9) zeigen einerseits abnehmende Eheschließungen und andererseits zunehmende Scheidungsraten, die sich in einer Zunahme der Ein-Personen-Haushalte (B 10) auswirken. Darüber hinaus wirkt sich der Auszug der jungen Erwachsenen aus dem Elternhaus vor der Eheschließung, (meist vor übergehendes) Alleinleben nach Trennungen sowie eine höhere Lebenserwartung (ein Drittel aller Allein lebenden sind über 60 Jahre) auf die unterschiedlichen Lebensphasen der Familie aus.
2. Die Familie als soziale Gruppe (B 11 bis B 14)
Als Einstieg im Unterricht bietet sich eine Umfrage an: Was bedeutet Familie für dich?,
wobei das Umfrageraster (B 11) blanko zum Ankreuzen verteilt wird. Alternativ
können die Beispiele aus dem Focus-Interview (B 12) zu einer Befragung anregen.
Ein Vergleich der Klassenmeinung mit der Repräsentativ-Umfrage von Allensbach bringt
weitere Ergebnisse. Die Antworten können anschließend gemeinsam den unten genannten
Hauptfunktionen zugeordnet werden.
Es gibt keine andere Institution oder Gruppe, die für das Leben und Zusammenleben der Menschen eine ähnliche Bedeutung hätte wie die Familie. Die Inter pretation des Textes (B 13) bringt weitere Aspekte dazu und erläutert, warum der Staat die Familie unter besonderen Schutz stellt. Auf welche Weise das möglich ist, zeigen Beispiele familienpolitischer Maßnahmen (B 14). Aus den grundlegenden Merk malen der Familie - unterschiedliche Geschlechter der Eltern, Alters- bzw. Generationenunterschied zwischen Eltern und Kindern sowie Struktur als Kleingruppe - ergeben sich bestimmte Aufgaben oder Funktionen.
Schaubild 3: Funktionen der Familie
Regeneration (Spannungsausgleich, Freizeitgestaltung)
Die Familie trägt zum Oberleben einer Gesellschaft und Kultur bei, indem sie als sozialisierende Instanz deren Werte und Erfahrungen in der Generationen kette weitergibt. Sie erfüllt zentrale Bedürfnisse nach Anerkennung und Wertschätzung im Rahmen einer verläßlichen Beziehung sowie nach Lebens sinn überhaupt. Je nach gesellschaftlicher und historischer Situation variiert diese Synthese der Bedürfnisse und Funktionen, auch die Erfüllung gelingt mehr oder weniger gut und ändert sich, wenn Gesellschaften sich ändern. "Die Familie ist die be ständigste und anpassungsfähigste aller menschlichen Institutionen. Sie biegt sich wie ein Bambus im orientalischen Märchen, um sich alsbald wieder auf zurichten", so beschrieb sie der Anthropologe Paul Bohannan.
3. Die Familie als Sozialisationsinstanz (B 15 bis B 23)
In den Industriegesellschaften wird die Sozialisationsfunktion als wichtigste Aufgabe, als Kernfunk tion der Familie gesehen. Die Familie wird zur wichtigsten Erziehungsinstanz für die Kinder. In der industriellen Massengesellschaft kommen die Schule, später der Kindergarten hinzu, um Aufgaben der Erziehung und Bildung zu übernehmen. Damit wurde die Kindheit zur Familienzeit, die Jugend zur Schulzeit. Bis zur Mitte unseres Jahrhunderts wur den Kinder und Jugendliche als "Noch-nicht-Erwachsene" wahrgenommen, die ihre eigenen, geschützten Entwicklungsbedingungen benötigen, um ihre Persönlichkeit reifen zu lassen.
Artikel 6 GG
(Ehe und Familie, nichteheliche Kinder)
(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.
(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen ob liegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.
(3) Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsbe rechtigten versagen oder wenn die Kinder aus an deren Gründen zu verwahrlosen drohen.
(4) Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft.
(5) Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche und seelische Entwicklung und ihre Stellung in der Gesellschaft zu schaffen wie den ehelichen Kindern.
Mit Gründung der Bundesrepublik werden in Art. 6 GG die Rechte und Pflichten für Eltern und Kinder sowie das Elternrecht auf die Erziehung der Kinder geregelt, wobei das Wohl des Kindes eindeutig Vor rang vor dem Elternrecht hat.
Aktuell wird das zum Ausdruck gebracht in dem seit 1.7.1998 geltenden Gesetz zur Reform des Kindschaftsrechts (§§ 1626 BGB). Betroffen ist vor allem das elterliche Sorgerecht, das erstmals auch unverheirateten Paaren das gemeinsame Sorgerecht er möglicht. Zudem sollen auch nach einer Scheidung beide Elternteile gemeinsam das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder haben. Zentraler Punkt der Neuregelung ist die Gleichstellung ehelicher und nicht-ehelicher Kinder, die sich auf das Umgangs recht und das Erbrecht auswirkt. Außerdem entfällt die gesetzliche Amtspflegeschaft für nicht-eheliche Kinder. Diese Änderung könnte eine Neudefinition der Familie zur Folge haben, insbesondere für nicht eheliche Lebensgemeinschaften mit gemeinsamem Sorgerecht für gemeinsame Kinder.
Bei der Sozialisation ist die Familie in ihrer
Wechselwirkung mit anderen gesellschaftlichen Institutionen zu betrachten, die teilweise
im Zusammenwirken, teilweise in Konkurrenz stehen. Mit Hilfe des Schaubildes (S. 9) und B
15 kann dies an Beispielen erläutert werden. Oft übernimmt dabei die Familie die
fördernde oder vorbereitende Funktion, z. B. für Kindergarten, Schule, Kirche und
Erwerbsleben. Festzuhalten ist die zentrale Bedeutung und Monopolstellung der Familie in
der frühkindlichen Phase bis zu vier Jahren, die man auch als "primäre Sozialisation" oder "soziokulturelle Geburt" bezeichnet. Der Einfluß der
Familie wird mit fortschreitendem Alter des Kindes durch Kindergarten, Schule, Gruppe der
Gleichaltrigen, Beruf und Massenmedien zurückgedrängt und von außen überlagert. Unbe
stritten ist jedoch, daß er weiterhin stark wirksam bleibt und zunehmend an die
Erziehungsleistungen höhere Anforderungen gestellt werden (B 17).
4. Wie wird Familie erlebt?
(B 18 bis B 22)
Jede Familie ist anders. Die Familie, in die das Kind hineingeboren wird, hat Einfluß auf seine Persönlichkeit. In starkem Maße beeinflussen die Gefühlsbindungen und Machtbeziehungen die Bereitschaft des Kindes, von Mutter und Vater zu lernen und sich an ihren Verhaltensweisen und Einstellungen zu orientieren. Werte und Normen werden im Zusammen leben von Eltern und Kindern vermittelt, so entstehen Vertrauen und wechselseitige Anerkennung. Die Anzeige (B 18) soll eine Diskussion über die Notwendigkeit innerfamiliärer Kommunikation auslösen. Das Diagramm (B 19) veranschaulicht, wie Frauen mit Kindern Gratifikationen und Belastungen durch die Familie erleben. Deutlich wird der hohe Stellen wert der Familie, die zunehmend zur hauptsächlichen, wenn nicht alleinigen Erfüllungsinstanz für tiefe Sehnsüchte, emotionale und existentielle Bedürfnisse wird. Sie ist der Ort, wo man sich sozusagen ohne Schminke zeigen und wo man eine Geborgenheit erleben kann, die sonst kaum mehr zu finden ist". Daneben bietet die Familie einen Freiraum für die persönliche und intellektuelle Entfaltung: "Sein können wie ich bin" und "Anregende Gespräche führen" (B 11). Die Qualität der persönlichen Beziehungen, die emotionale Beheimatung, Geborgenheit, Liebe, Kommunikation, Verständnis und gegenseitige Hilfe und Zusammenhalt sowie die Wertschätzung der Familienmitglieder füreinander bestimmen den individuellen Wert der Familie. Am Beispiel eines ehemaligen Kinderdorfkindes (B 20) können diese Merkmale herausgearbeitet werden und mit aktuellen Umfragen (B 21, B 22) verglichen werden.
Die Familie steht heutzutage im Spannungsfeld. Sie leistet als persönlicher Schutz- und Schonraum, in dem Gefühle ausgelebt und Spannungen abgebaut werden, einen wichtigen Beitrag zur psychischen Regeneration und Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft. Gerade diese starke Emotionalisierung birgt die Gefahr in sich, daß hohe Erwartungen nicht erfüllt werden können und Enttäuschungen leicht zu Krisen und zum Scheitern führen können. Die Familie ist auch oft überfordert - nicht nur aufgrund ihrer differenzierten Erscheinungsformen - mit Alltagssorgen und Problemen aus Schule und Arbeitswelt. Die wachsende Zahl von Kindern mit Sozialisationsdefiziten, unangemessenen Normvorstellungen, psychosomatischen, neurotischen und psychischen Störungen und einem hohen autoaggressiven Potential verdeutlichen das Versagen der Familie als Erziehungsinstanz, was auch von der Schule nur bedingt aufgefangen werden kann (Elternjournal 2/97, S. 15). Zum Abschluß des Themas wird noch einmal die eigene Meinung gefordert. Die Erarbeitung der "richtigen" Lösung (und ihre Begründung) im Fallbeispiel "Hänsel und Gretel" (B 22) ist geeignet, alle Aspekte des Themas noch einmal argumentativ aufzugreifen.
Schaubild 4: Was bedeutet Sozialisation durch die Familie?

Max Wingen: Familienpolitik. Grundlagen und aktuelle Probleme. Schriftenreihe Band 339, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung Bonn, 1997, S. 50