Heft 3/98 Kein Ich ohne Wir
Baustein A: Ich lebe in Gruppen
Alle Menschen leben von Geburt an in einer Gruppe. Die meisten
gehören einer Familie an, besuchen Kindergarten und Schule. Später treten sie in eine
Jugendgruppe ein (Pfadfinder, Verein, Musikschule) und bewegen sich im Freundeskreis. Nach
der Schule kommt in der Regel die Ausbildung oder das Studium und der Beruf. Dazwischen
finden sich noch viele andere Gruppen, denen man für kürzere oder längere Zeit
angehört. Im Rahmen dieses lebenslangen Sozialisationsprozesses übernimmt das
Individuum in den Gruppen verschiedene Rollen, verinnerlicht Werte, Normen und Regeln. Die
Gesell chaft bewertet diese Rollen (und ihre jeweilige Interpretation durch den
Rollenträger) mit dem Status. Das Gefühl der Identität ist dabei eng mit den verschiedenen Gruppenzugehörigkeiten verbunden. Das Leben des jungen Menschen wird durch die
Gesellschaft und ihre Gruppen geprägt. Die Jugendlichen erfahren so, wie eine Gruppe als
sozia les System entsteht und sich entwickelt. Sie haben dabei die Chance, sich selbst zu
finden und mit an deren zusammenzuarbeiten. Im Unterricht kann die Beschäftigung mit den
Themen Gemeinwesen, Rolle, Status, Norm und Sozialisation dazu beitragen, sich
grundsätzlicher Gruppenmechanismen bewußt zu werden. Die Grundregeln des Zusammenlebens
und der Anpassung an die Gesellschaft werden aufgezeigt. Dieser Baustein soll die Schüle
rinnen und Schüler ferner befähigen, ihre eigenen Rollen in Gruppen zu erkennen, selbst
zu definieren und aktiv wahrzunehmen.
1. Merkmale von Gruppen (A 1 und A 2)
Eine Auseinandersetzung mit dem Gruppenbegriff sollte am Anfang stehen. Man spricht in der
Regel erst dann von einer Gruppe, wenn bestimmte Merk male vorhanden sind. Eine sinnvolle
Orientierungshilfe zum Gruppenbegriff, auch für einen möglichen Tafelanschrieb, bietet
der folgende Merkmalskatalog.
Die Fotos A 1 (Meine Welt) machen deutlich, was man unter gesellschaftlichen Gruppen versteht, wie vielfältig und wichtig sie sind. Die Schülerinnen und Schüler können eigene Fotos anfertigen, sie vorstellen sowie Geschichten erzählen oder aufschreiben ("Eine Gruppe, die mir besonders am Herzen liegt"). Es lassen sich Aufnahmen von Gruppen sammeln und verschiedenen Unterscheidungskriterien zuordnen. Legt man bezüglich des Gruppenbegriffs den Merkmalskatalog des Schaubildes 1 zugrunde, dann kann man prüfen, ob es sich im soziologischen
Schaubild 1: Eigenschaften von Gruppen
Eine Gruppe unterscheidet sich von anderen Menschenansammlungen (Masse, Menge) durch
folgende Merkmale:
Die Mitglieder einer Gruppe kennen sich persönlich. Eine Gruppe ist deshalb nicht unbegrenzt groß.
Die Mitglieder interagieren und entwickeln gefühlsmäßige Beziehungen zueinander, positive wie negative.
Die Mitglieder haben ein gemeinsames Ziel (Thema oder Anliegen). Das gemeinsame Ziel fördert die Kommunikation und ist Anlaß für gemeinsame Aktivitäten. Individuelle Bedürfnisse werden für die Erreichung des Gruppenziels zurückgestellt.
Die Mitglieder haben ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, durch das sie sich auch nach außen ab grenzen. Sie finden ihre eigene Gruppe häufig besser als andere Gruppen.
Für die Art und Weise, wie die Mitglieder interagieren, wie sie sich ihrer Aufgabe widmen und wie sie sich nach außen darstellen, gibt es informelle Regeln oder Normen, die für die Mitglieder verbindlich sind.
Die Gruppenmitglieder nehmen aufgrund ihrer Eigenheiten und Fähigkeiten innerhalb der Gruppe verschiedene Positionen mit verschiedenem Ansehen und verschiedene Rollen ein.
Eine Gruppe überdauert eine gewisse Zeit und schafft dadurch Gewohnheiten und Traditionen.
Nach Gislinde Bovet: Gruppe, Unterrichtsmaterial des Verbandes der Psychologielehrerinnen, 1992, S. 15 (gekürzt)
Sinne um soziale Gruppen handelt. Manchmal wird fälschlicherweise von Gruppen gesprochen, wenn es sich um Massen oder Mengen handelt (z. B. Stadionbesucher, Wartende).
Ein vergleichbares Problem stellt sich bei der Unterscheidung nach verschiedenen Gruppenarten.
Schaubild 2: Arten von Gruppen
Gruppen unterscheiden sich nach:
1. der Größe
kleine Gruppen -
große Gruppen
(Freunde)
(Jugendpartei)
2. der Dauer
flüchtige Gruppen -
dauernde Gruppen
(Spielgruppe)
(Klasse)
3. der Organisation
formelle Gruppen - informelle
Gruppen
(Mannschaft)
(Clique)
4. dem Grad der wechselseitigen Beziehungen
Primärgruppen -
Sekundärgruppen
(Familie)
(Verein)
Alternativ oder ergänzend bietet sich die Erzählung A 2 (Ein normaler Tag) an. Sie führt am Beispiel des Tagesablaufs einer Schülerin in die Bereiche Rolle, Status, Normen und Sanktionen ein und macht deutlich, wie sehr unser Verhalten und das der an deren vom Innenleben von Gruppen bestimmt wird. Ob die Fachbegriffe gleich zu Beginn und vollständig erarbeitet werden, hängt von der Intention, der Klassensituation und der Schulart ab.
Wichtig ist der Hinweis, daß Leistungen, die von einer Gruppe erbracht werden, häufig besser sind als die Leistungen einzelner. Zu den Vorteilen gehören ferner: weniger Überforderung des einzelnen, die Notwendigkeit des Zusammenhalts und der gegenseitigen Hilfestellung, die gemeinsame Verantwortung und Erfolgserlebnisse. Das liegt nach Gislinde Bovet (1992, S. 8) daran, "daß in einer Gruppe mehr Informationen zusammengetragen werden, mehr Lösungseinfälle zustande kommen, Fehler eher auf gedeckt werden und die Motivation konstanter ist."
2. Rollenerwartungen und Rollenkonflikte
(A3 bisA7)
Jedes Mitglied einer Gruppe übernimmt bestimmte Rollen innerhalb einer Gruppe und ist damit unter schiedlichen Erwartungen ausgesetzt. Eine Rollenerwartung beschreibt, was jemand tun muß oder soll, wenn er den Erwartungen der anderen Gruppenmitglieder oder denen der Umwelt gerecht wer den will.
Als Einstieg in das Thema wäre ein Rollenspiel denkbar, in dem Schüler oder Lehrer durch entsprechendes unerwartetes Auftreten "aus der Rolle fallen". Der Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt. Mit Hilfe von Abbildungen wie A 3 ("Verhält sich ein Lehrer so?") läßt sich auf ironische Art in das Thema einführen. Auch Jugendliche sind schon früh Träger verschiedener Rollen, die zum einen zugewiesen und zum anderen erworben sind. Dieses Rollenrepertoire ließe sich grafisch oder tabellarisch wie in A 4 (Meine Last) herausarbeiten oder ergänzen. Das Schaubild A 5 (Was wollen die alle von mir?) könnte in unvollständiger Form als Vorlage dienen, seine eigene Rolle als Schüler darzustellen, um sie mit der anderer Rollen zu vergleichen.
Eine Gruppe ist keine in sich geschlossene heile Welt. Rollenkonflikte entstehen durch widersprüchliche Erwartungen an eine Person. Es kann zu Intra Rollenkonflikten (Widersprüchen zwischen den Erwartungen innerhalb einer Rolle) und Inter-Rollenkonflikten (Widersprüchen zwischen den Anforderungen durch verschiedene Rollen) kommen. Anschauliche Beispiele hierfür liefert A 6 (Dumm gelaufen). In die Rolle des Außenseiters gerät schnell, wer den Erwartungen einer Gruppe nicht entspricht oder aufgrund seiner Eigenschaften nicht entsprechen kann. Die Zeichnungen A 7 (Die Schüler) illustrieren anschaulich, wie die Eigenwahrnehmung und die Fremdwahrnehmung einer Rolle (hier der Schülerrolle) deutlich voneinander abweichen können.
3. Prestige und Statussymbole (A 8 und A 9)
Mit Status wird die Rangordnung eines Individuums in einer Gruppe und in der Gesellschaft beschrie ben. Ausschlaggebend für den Status, den jemand einnimmt, ist die Bewertung (Prestige-Zuschreibung) der anderen. Unabhängig von ihrer Persönlichkeit genießen die Inhaber einer bestimmten Rolle unterschiedliches Prestige.
Wichtig für die Jugendlichen ist die kritische Auseinandersetzung mit den Statussymbolen, welche für das Prestige (Ansehen in der Gruppe oder Clique) eine große Rolle spielen. Solche höheren und geringeren Bewertungen sind oft nur relativ, da sie auf grund subjektiver Beurteilungen anderer entstehen und charakterliche Qualifikationen nicht berücksichtigen.
Ein gutes Beispiel hierfür sind sogenannte "Markenklamotten", die als Statussymbol bei den Jugendlichen im Trend liegen, obwohl oder weil sie nicht ge rade billig sind. Da das Taschengeld für Kleidung mit dem richtigen Label oft nicht reicht, arbeiten viele dafür in ihrer Freizeit. Dies verdeutlicht A 8 (Jobben für die Jeans von Joop). Das Schaubild A 9 ("Ich will das, oder ich nerv dich ...!") belegt, daß Kinder durchaus bei einigen Waren ihren Kaufwillen durch setzen. Die Schüler erörtern die Frage, warum be stimmte Fabrikate von den Gleichaltrigen bevorzugt werden. Andere Fragestellungen sind: Wer entscheidet, was "geil", "hip" und "cool" ist? Welche Folgen ergeben sich daraus für die Gruppe (Familie, Freunde, Klasse)?
4. Soziale Normen und Ich-Identität (A 10 bis A 12)
Soziale Normen verkörpern verbindliche Verhaltenserwartungen an die Mitglieder einer Gruppe. Dahin ter stehen gesellschaftliche Werte, die sich im Laufe der Zeit teilweise verändern. Oft handelt es sich da bei auch um ungeschriebene, nicht genau definierte Regeln dafür, wie "man" sich zu verhalten hat. Da her sind Normen grundsätzlich veränderbar und historischen Wandlungen unterworfen. Einerseits sind Gruppennormen wichtig für das Funktionieren einer Gruppe, weil sie Orientierung bieten, das Verhalten aller kalkulierbar machen, Konflikten vorbeugen und somit Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, Andererseits schränken sie das Individuum in dessen Freiheiten ein. Die Gruppe (und die Gesellschaft) überwacht die Einhaltung der Normen. Sie belohnt normgerechtes Verhalten und bestraft Normabweichungen durch positive oder negative Sanktionen. Eine von den Schülerinnen und Schülern selbst er stellte Ordnung für das Schullandheim (Beispiel A 10), kann dazu dienen, die Notwendigkeit von Sanktionen zu begründen, andererseits ihre Grenzen aufzuzeigen. Die Fragen: "Was könnte der Schülerrat bei bestimmten Verstößen beschließen? Wie könnte er die Einhaltung der Regeln darüber hinaus unterstützen?" weisen auf Sanktionen in bei den Richtungen hin.
Sozialisation wird im allgemeinen als ein lebenslanger Prozeß des Hineinwachsens eines Individuums in die Gesellschaft definiert. Bei
Kindern und Jugendlichen sind dies insbesondere die Lernprozesse, die sowohl bewußt als
auch unbewußt die Übernahme von Rollen und Normen in den Gruppen und die Entwicklung der
Ich-Identität einschließen. Hierbei geht es gleichzeitig um die sensiblen Prozesse der
Individualisierung als auch der Vergesellschaftung. Problematische Sozialisationsbedingun
gen in Kindheit und Jugend können den Menschen ein Leben lang belasten. Die Frage: Wer
bin ich? ist somit eng mit der jeweiligen Sozialisation verbunden. Die Entwicklung der
Identität von Jugendlichen hängt von einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrer
sozialen Umwelt ab und entscheidet mit dar über, ob eine individuelle Persönlichkeit
entsteht, die ihren Teil zur Gemeinschaft beitragen kann. Jugend hat es heute oft schwer,
jung zu sein. Nicht nur die Eltern, die um keinen Preis alt sein wollen, sondern auch
Industrie und Handel gehen derart wenig auf Distanz, daß es für die Jugendlichen
schwierig ist, ihre eigene Identität zu entwickeln. Der Katalog A 11
(Zwölf
persönliche Rechte) kann als Grundlage dienen, um an Fallbeispielen die Rechte von
Kindern und Jugendlichen zu konkretisieren und zu diskutieren. Darüber hinaus ist es
reiz voll, dem Rechtekatalog der Kinder einen Pflichtenkatalog gegenüberzustellen. Auch
über persönliche Rechte der Erwachsenen sollte gesprochen werden, um das Ziel eines
menschengerechten Umgangs miteinander anzustreben. (Vgl. dazu Artikel 2 des Grundgesetzes
der Bundesrepublik Deutschland.) Das anspruchsvolle Gedicht (A 12)
von Günter Kunert ist als Aufforderung zu verstehen, sich die Suche nach seinem eigenen Weg nicht zu
leicht zu machen, sondern herauszufinden, welcher Weg nicht nur gangbar, sondern
"für mehr als mich" sinnvoll ist.