Heft 3/98  Kein Ich ohne Wir


Einleitung


In unserer heutigen Welt der Widersprüche, in der das traditionelle Wertesystem im Umbruch ist, suchen und finden Jugendliche nach wie vor Orientierung in Familie und Schule. Allerdings ist der Einfluß dieser Sozialisationsagenturen nicht mehr ganz so stark und ungebrochen wie früher, weshalb der Gruppe der Gleichaltrigen erhöhte Bedeutung zu kommt. Jugendliche müssen heute ein hohes Maß an Autonomie anstreben und erreichen, um den Herausforderungen, die an sie gestellt werden, ge wachsen zu sein. Die oft ungewissen Zukunftsaus sichten der jungen Generation (Ausbildungsengpässe, drohende Arbeitslosigkeit) setzen die Fähigkeit voraus, Frustrationen und Unsicherheiten nicht nur auszuhalten, sondern möglichst sogar kreativ mit ihnen umzugehen.

Der Mensch als gemeinschaftliches Wesen muß stets auch seine Individualität und Identität ausbilden. "Ohne Ich kein Wir" betitelt Ulrich Beck (Ulrich Beck: Ohne Ich kein Wir, in "Die Zeit" Nr. 35 vom 23.8.1996, S. 10f.) seinen politischen Traum vom "solidarischen Individualismus". Die Demokratie, so Beck, brauche Quer köpfe, und plädiert für eine Sozialmoral des "eigenen Lebens". Autonomie bedeute demnach nicht Egoismus, sondern "ein Leben auf der Suche nach einem Dasein mit anderen und für andere". Nur ein selbstbestimmtes Ich kann Wesentliches zum Wir beitragen.

Die wichtigsten Sozialisationsinstanzen - Familie, Schule und die Gruppe der Gleichaltrigen (die Peer Group) - tragen dazu bei, daß Jugendliche als konfliktfähige und motivierte Menschen ihren Platz in der Gesellschaft finden können. Die wichtigste Rolle hierbei spielt immer noch die Familie. Die Familien formen verändern sich: von der Großfamilie mit mehreren Generationen zur Kernfamilie aus Eltern mit Kind oder Kindern, daneben eine zunehmende Zahl alleinerziehender Mütter oder Väter. Auch Lebensformen, die sich vom traditonellen Familienmodell lösen wollen, müssen die Frage beantworten, wie sie die Pflege und Erziehung der Heranwachsenden regeln wollen.

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Zeichnung: Dietmar Dänecke, Die Zeit Nr. 35/1996

Das Thema im Unterricht

Das Thema eignet sich in allen Schularten als Einführung in das Fach Gemeinschaftskunde. Ohne gleich in die oft nicht besonders motivierenden Teil bereiche unseres politischen Systems einzudringen, holt es die Jugendlichen dort ab, wo sie stehen - in den Kleingruppen unserer Gesellschaft (Familie, Schule und Gleichaltrige). Die Bausteine des Heftes orientieren sich an den Erfahrungsbereichen der Jugendlichen und dürften damit bei den Schülerinnen und Schülern auf ein natürliches Interesse stoßen. Hierin liegt die Chance, daß die Jugendlichen über das Interesse am Thema auch Lust auf Politik bekommen und für unsere Demokratie motiviert wer den können.

In den Lehrplänen der einzelnen Schularten wird das Thema dieses Heftes vielfach genannt. Meistens ist es das Fach Gemeinschaftskunde, in dem zumindest Teilaspekte in Lehrplaneinheiten oder in fächerverbindenden Themen wie folgt aufgegriffen wer den:

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Claus Bremer, In: Burckhard Garbe: Experimentelle Texte im Sprachunterricht, Düsseldorf. Schwann 1976, S. 68

Aufgrund der Nähe von Gemeinschaftskunde und speziell dieses Themas zu anderen Fächern ist der Einsatz der Materialien zum Beispiel auch im Deutsch- und Religionsunterricht, im Fach "Mensch und Umwelt" sowie bei Projekten vorstellbar.

Die Schülerinnen und Schüler sollen bei der Beschäftigung mit dem Themenbereich erkennen, wie sehr das Individuum sozialbezogen ist und in seinen Einstellungen und Verhaltensweisen stark von den Menschen und Gruppen seiner Umwelt geprägt wird. Die Beschäftigung mit Gruppenprozessen soll sie in die Lage versetzen, sich ihrer eigenen Bezugsgruppen bewußt zu werden. Die Beispiele sollen die Jugendlichen darüber hinaus motivieren, in Gruppen aktiv mitzuarbeiten. Die Schülerinnen und Schüler lernen so für ihre Zukunft, die persönlichkeitsstabilisierenden Wirkungen einer Gruppe zu nutzen und mit ihren die Selbstentfaltung begren zenden Wirkungen produktiv umzugehen. Familie, Schule und Gleichaltrige sind somit Erfahrungsbereiche, die reichlich Gelegenheit zu sozialem Lernen bieten.

Die Bausteine

Der Baustein A (Ich lebe in Gruppen) thematisiert grundsätzliche Fragen und Probleme der Jugendlichen als Gemeinschaftswesen. Er vermittelt Basis wissen (der Mensch als "zoonpolitikon") und ist Ausgangspunkt für die folgenden Bausteine. Die Jugendlichen als politische Wesen leben nicht passiv in der Gemeinschaft, sondern tragen und gestalten die Primär- und die Sekundärgruppen, in denen sich ihre Sozialisation vollzieht, bei zunehmendem Alter mit. Wegen ihrer zentralen Bedeutung ist der Fami lie ein eigener Baustein (B: Meine Familie) gewidmet. Im abschließenden Baustein werden Schule und die Gruppe der Gleichaltrigen zusammengefaßt (C: Die Schule und die Freunde).

Wir haben im Unterricht viel erreicht, wenn die Schülerinnen und Schüler das folgende Zitat von Adolf Friedemann verstehen und akzeptieren: "Je des Ich in der Gruppe nimmt etwas vom anderen und gibt etwas her." ( Zit. nach: Otto Marmet: Ich und du und so weiter. Kleine Einführung in die Sozialpsychologie. Weinheim: Psychologie-Verl. Union 1988. S. 19)

Roland Götzinger