Heft 3/98 Kein Ich ohne Wir
Geleitwort des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport
Wenn es an der Schwelle zum 21. Jahrhundert schon für die
Erwachsenen angesichts von zunehmendem Egoismus, neuen gruppendynamischen Pro zessen und
sich verändernder Gesellschaftsstrukturen nicht einfach ist, den eigenen Standort zu
behaupten, um wieviel schwieriger ist es für unsere Ju gendlichen, ihre Identität und
ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Auf ihre Fragen Wer bin ich, wo
stehe ich,
wer oder was sind die anderen?
kann die Soziologie zwar fachspezifische Antworten
geben, aber schwerlich Lebenshorizonte öffnen. Hier sind die Sozialisationsinstanzen
selbst gefragt, in unserem Fall vor allem die Schule. Von ihr werden in steigendem Maße
Erziehungsaufgaben erwartet, je mehr sich die traditionelle Familie destabilisiert,
Jugendliche bereits von "elterlichen Altlasten" sprechen und Peer-groups ein
diffuses Bild bieten.
Hauptaufgabe der schulischen Erziehungsarbeit wird es nach wie vor sein müssen, unseren Kindern und Jugendlichen zu helfen, zu sich selbst zu finden, ihre Persönlichkeitsstruktur zu festigen. Die Schule wird sich aber künftig intensiver um den Aspekt KEIN ICH OHNE WIR zu kümmern haben, denn der Wert menschlicher Gemeinschaften darf nicht hinter einem extremen Individualismus oder gar Egoismus zurücktreten. Spielregeln anzuerkennen, sich einordnen zu lernen und eigene Wünsche auch einmal zurückzustellen, statt beständig zu fordern, solche Verhaltensnormen gegen einen verbreite ten Trend wieder als etwas bewußt zu machen, von dem alle profitieren, ist eine Herausforderung an alle Lehrerinnen und Lehrer.
In diesem Sinne hofft das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, daß das vorliegende Heft über bloße Wissensvermittlung und über den Gemeinschaftskundeunterricht hinaus unseren Schülerinnen und Schülern Impulse geben kann, sich formend und stabilisierend in ihre jeweiligen Lebenskreise einzubringen. Es dankt der Landeszentrale für politische Bildung, daß sie dieses Anliegen erkannt hat und mit ihrem Material unterstützt, das breit ge fächert die relevanten Altersstufen anspricht.
Rudolf Pfeil
Gymnasialprofessor
Ministerium für Kultus, Jugend und Sport
Baden-Württemberg