BAUSTEIN D
Nachfolgestaaten und Perspektiven
Alle Nachfolgestaaten standen nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems vor der politischen Herausforderung, demokratische Strukturen einzuführen, z. B. freie Wahlen und Presse- und Meinungsfreiheit. Außerdem galt es, eine weitgehend vom Staat gelenkte Wirtschaft in eine freie Marktwirtschaft umzuwandeln. Die Bewältigung der Kriegsfolgen sowie die politische Umsetzung des Dayton-Friedens zählen jedoch zu den größten Herausforderungen (D 1).
Die Folgen des Krieges
Die größten Schäden durch den Krieg sind in Bosnien-Herzegowina und im östlichen Teil Kroatiens entstanden, z. B. in den Regionen um Sarajewo und Bihac, in der Krajina und in Ostslawonien (Vukovar). Die Schäden durch unmittelbare Kriegseinwirkungen waren in Slowenien (Zehntagekrieg) relativ gering; in Serbien, Montenegro und Makedonien gab es keine. Doch hatten die Wirtschaftssanktionen der UNO gegen die Bundesrepublik Jugoslawien und die Abschottung der Grenzen von seiten Griechenlands gegenüber dem bis 1995 nicht akzeptierten neuen Staat Makedonien folgenschwere Auswirkungen auf die jeweilige Wirtschaft. In den vom Krieg betroffenen Gebieten ist die Infrastruktur noch nicht wieder funktionsfähig. Viele Fabrik- und Wohngebäude sind noch zerstört. Die Unterbringung und Versorgung von Hunderttausenden von Flüchtlingen und Vertriebenen belasten schwer die öffentlichen Haushalte in Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien. Die Arbeitslosigkeit ist enorm hoch. Mehrere Millionen Landminen beeinträchtigen die Sicherheit der Bevölkerung, besonders der Kinder, und erschweren den Wiederaufbau.
Die Rückführung der Flüchtlinge und Vertriebenen ist im Vertrag von Dayton garantiert, aber nur ansatzweise gelungen. Die meisten Vertriebenen und Flüchtlinge haben in absehbarer Zeit kaum eine Chance, in die Heimat bzw. in ihre Häuser zurückzukehren, entweder weil sie aus ethnischen Gründen nicht erwünscht sind oder weil ihre Flucht als "Verrat" an der Nation angesehen wird. Erforderlich ist also auch ein innerer Frieden, d. h., die Bereitschaft, die Zurückkehrenden zu integrieren und ihnen die Chance zu geben, gleichberechtigt beim Neuanfang mitzuwirken.
Die Frage, wer als Rechtsnachfolger des ehemaligen Jugoslawien gelten kann, ist noch nicht geklärt: Welcher Staat oder welche Staaten? Es wird schwierig sein, die zwischenstaatlichen Beziehungen der Nachfolgestaaten wieder zu normalisieren. Bereits geschlossene bilaterale Verträge (etwa zwischen Kroatien und der Bundesrepublik Jugoslawien) erleichtern die Zusammenarbeit, weil in vielen Bereichen an frühere wirtschaftliche Verflechtungen angeknüpft werden kann.
Für Europa bleibt es eine Aufgabe auf lange Sicht, den Balkanstaaten wieder den Weg zu einer sicheren Zukunft zu öffnen. Allerdings bestehen auf beiden Seiten hohe Erwartungen. Während Bosnien-Herzegowina, Kroatien und die BR Jugoslawien auf konkrete und großzügige Unterstützung bei der Bewältigung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme hoffen, erwartet die EU die zügige politische Umsetzung des Dayton-Friedens. Wegen der hohen Anforderungen für den Beitritt haben die Nachfolgestaaten auf absehbare Zeit kaum eine Chance, sich der EU anzuschließen (Ausnahme: Slowenien).
Daß die Menschen, vor allem in den ehemaligen Kriegsgebieten, den Frieden zu bewahren wünschen und sich am Wiederaufbau engagiert beteiligen, wird vielfach bezeugt, z. B. auch von Klaus Vack, der zwischen 1991 und 1997 im Auftrag des Komitees für Grundrechte und Demokratie bei über 60 Fahrten mit Hilfsgütern die politische Situation und die Stimmungslage vor Ort in Kroatien und Bosnien-Herzegowina kennengelernt hat.
Bundesrepublik Jugoslawien
Das neue Jugoslawien ist international isoliert; es besitzt derzeit weder die Mitgliedschaft bei der UNO noch bei der Blockfreien-Bewegung. Trotz einer starken Opposition und vieler Vorbehalte (z. B. seitens der UNO und der EU) wird Milosevic auf internationaler Ebene doch als ein Garant für Stabilität auf dem Balkan angesehen. Ende 1996 protestierten Hunderttausende seiner Landsleute viele Wochen lang täglich, weil Milosevic die Kommunalwahlen zu seinen Gunsten manipuliert hatte. Das Oppositionsbündnis Zajedno war in den meisten Städten als Sieger hervorgegangen. Erst nach langem Hinhalten erkannte Milosevic die Wahlergebnisse an. Die Pressefreiheit ist allerdings noch nicht gewährleistet. Die Exponenten der Opposition, Vuk Draskovic und der eloquente Zoran Djindjic, sind sich nur in ihrer Gegnerschaft zu Milosevic einig.
Das Problem der ethnischen Minderheiten wurde einstweilen in den Hintergrund gedrängt. Neben den Ungarn in der Woiwodina und den Muslimen im Sandschak (Novi Pazar) handelt es sich hierbei vor allem um die Albaner im Kosovo, die die serbische Herrschaft in der Provinz ablehnen und eine Untergrundregierung mit dem Schriftsteller Ibrahim Rugova als Präsidenten gebildet haben. Seit die Universität in Pristina und die Schulen von den Serben geschlossen wurden, richteten die Kosovo-Albaner neue Schulen in privaten Häusern ein. Seit kurzem operiert eine "Befreiungsarmee Kosovo", die Serbien den "offenen Krieg" erklärt hat und den Anschluß an Albanien sucht.
Das Verhältnis zur Republik Srpska war wegen Milosevics Anerkennung des Dayton-Vertrags gespannt. Der Vertrag über "besondere Beziehungen" zwischen der Republik Srpska und Belgrad ist jedoch ein sichtbares Zeichen der Annäherung. Seit Dayton vollzog die Serbisch-Orthodoxe Kirche einen Kurswechsel gegenüber Milosevic, weil dieser die bosnischen Serben verraten habe. Die massive Kritik ist deshalb bemerkenswert, weil die Kirche traditionell staatsnah (und nationalistisch) eingestellt ist. Patriarch Pavle von Belgrad verurteilte offen die Kriegsverbrechen; allerdings weist er die Schuld "allen drei Seiten" zu.
Schwierig ist auch die wirtschaftliche Situation, vor allem durch die hohen Kriegsausgaben und das jahrelange Wirtschaftsembargo. Mit der Einführung des "Super-Dinars" 1994 wurde die ausgeuferte Inflation gestoppt.
Kroatien
Im Vergleich aller Nachfolgestaaten Jugoslawiens ist Kroatien aus den Kriegen gestärkt hervorgegangen. Hilfreich waren die traditionell guten deutsch-kroatischen Beziehungen, auch die Unterstützung der USA bei der Rückeroberung der (kroatischen) Krajina. Wegen der geostrategischen Lage und der militärischen Stärke sieht Washington Kroatien als Gleichgewicht gegenüber Serbien und als Patronatsmacht für den Friedensvertrag für Bosnien-Herzegowina. Kroatien wurde 1996 in den Europarat aufgenommen, allerdings erst nach der Zusage, bestimmte Auflagen, z. B. die Rückkehr von 200 000 Serben zu ermöglichen und die Ergebnisse der Kommunalwahlen von 1995 anzuerkennen. Zagreb hofft auch auf baldige Aufnahme in die EU. Noch ist Ostslawonien mit den angrenzenden Gebieten Baranja und Westsyrmien von den Serben besetzt. 5000 UNO-Soldaten entmilitarisierten die Region und bereiteten die Übergabe an Kroatien vor.
Das kroatische Versprechen, mit dem Internationalen Tribunal in Den Haag zusammenzuarbeiten, wird nur zögerlich umgesetzt. (Auch bei den Serben und Bosniaken kann von einer Zusammenarbeit mit Den Haag kaum die Rede sein.)
Mit Ungeduld verfolgen die Kroaten das ungelöste Problem des Brcko-Korridors, den die bosnischen Serben als unverzichtbares Bindeglied zwischen den beiden weit auseinanderliegenden Gebieten der Republik Srpska ansehen. Wenn die UN-Schiedskommission den Korridor den Kroaten zusprechen würde, wäre die Republik Srpska zweigeteilt, was vermutlich Krieg bedeuten würde.
Die Wirtschaft kommt langsam wieder voran. Der bedeutsame Sektor des Fremdenverkehrs an der adriatischen Küste bringt in der Zeit zwischen Krieg und Frieden nur wenig Devisen ins Land.
Bosnien-Herzegowina
Das Staatsgebilde wird von über 30 000 SFOR-Soldaten im Auftrag der Vereinten Nationen geschützt. Die militärische Entflechtung und die Schaffung einer neutralen Pufferzone entlang der Grenzen sind abgeschlossen, aber die politische Umsetzung des Dayton-Abkommens macht kaum Fortschritte. Die im Friedensvertrag festgeschriebene Bewegungsfreiheit und Freizügigkeit steht nur auf dem Papier. Hunderttausenden von Flüchtlingen ist die Rückkehr verwehrt, entweder weil sie aus ethnischen Gründen nicht erwünscht sind oder weil ihre Flucht als "Verrat" an der Nation angesehen wird (D 4 und D 5).

Zurück - aber wohin?
Zeichnung: Fritz Behrendt, 1997
Ein Augenzeuge charakterisiert die Bosnisch-Kroatische Föderation so: "Zwei Völker leben hier nebeneinander, dort gegeneinander, in einigen Gegenden sogar miteinander" (D 6). Zur Umsetzung des Friedens von Dayton gehört es auch, die mehrere Millionen verlegten Landminen zu räumen. Sie sind eine große Gefahr vor allem für die Zivilbevölkerung, aber auch für die Infrastruktur (D 7).
Große Schwierigkeiten bereitet die Aufteilung von Bosnien-Herzegowina in zwei autonome Gebiete, die Bosnisch-Kroatische Föderation und die Republik Srpska. Die meisten in der Herzegowina lebenden Kroaten möchten sich dem kroatischen Staat und die bosnischen Serben der Bundesrepublik Jugoslawien anschließen. Insider behaupten, der Trend gehe dahin, daß der Staat eines Tages in drei ethnisch weitgehend homogene Territorien aufgeteilt werde (D 9). Da die politischen Strukturen (noch) nicht gefestigt sind, können auch keine dauerhaften wirtschaftlichen Strukturen aufgebaut werden (D 8). Wegen des schleppenden Wiederaufbaus, bedingt durch die mangelnde Bereitschaft, den Dayton-Vertrag politisch umzusetzen, ist jetzt Kritik laut geworden (D 10). Die Kritik wirkt sich auch auf Zusagen internationaler finanzieller Hilfen aus. Die Geberländer machten bei ihrer dritten Konferenz im Juli 1997 deutlich, daß die Geldleistungen für den Wiederaufbau vom Grad der Umsetzung des Friedensabkommens abhängen werden, zum Beispiel von der Aufnahme der Flüchtlinge und der Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag (D 11). Bei Serben und Kroaten, aber auch in der westlichen Welt, werden fundamentalistische Strömungen bei den Moslems mit Mißtrauen beobachtet.
Makedonien
Es war der einzige Staat, dessen Loslösung von Jugoslawien keinen Krieg nach sich zog. Als eigenständige Nation wurden die Makedonen zuerst von Tito anerkannt.
Makedonien hat sich dank einer klugen Staatsführung mittlerweile innen- und außenpolitisch stabilisiert, aber nicht alle Probleme sind gelöst. Noch immer führt es den umständlichen Namen "Ehemalige Jugoslawische Republik Makedonien". Griechenland fordert den Verzicht auf den Namen Makedonien, da daraus ein Anspruch Skopjes auf die griechische Region gleichen Namens in Nordgriechenland abgeleitet werden könnte. Im Flaggenstreit einigten sich die beiden Staaten; Makedonien verzichtet auf denl6zackigen Stern von Vergina, das Symbol Alexanders des Großen, und übernimmt statt dessen ein stilisiertes Staatssymbol mit acht breiten Strahlen.
Als Schutz gegenüber Serben (und Albanern) wurden 1991 über tausend amerikanische UN-Soldaten in Makedonien stationiert. Bulgarien bestreitet die Existenz einer eigenständigen makedonischen Sprache, die dem Bulgarischen gleicht. Aber Bulgarien erkannte den neuen Staat an. Seit der Unabhängigkeit ist die politisch führende Kraft der albanischen Minderheit an allen Regierungen Makedoniens beteiligt. Die Siedlungsgebiete der Albaner liegen an den Grenzen des Mutterlandes Albanien sowie an der Grenze zum Kosovo.
Die Wirtschaft kommt nur schwer in Schwung. Die Arbeitslosenrate ist hoch. Wahrscheinlich lebt die Mehrheit der Makedonier unter der Armutsgrenze.
Slowenien
Das Land stabilisierte sich nach der Unabhängigkeit innen- und
außenpolitisch ziemlich rasch und profiliert sich wirtschaftlich so
vielversprechend, daß demnächst Beitrittsverhandlungen mit der
Europäischen Union geführt werden. Für 1997 werden erwartet:
ein hohes Bruttoinlandsprodukt mit über 16 000 DM pro Einwohner, ein
Durchschnittslohn von
972 DM, ein Wirtschaftswachstum von 4, eine Inflation von 8 und eine
Arbeitslosigkeit von 14,1 Prozent (Angaben: Focus 30/1997).
Engagements für Frieden und Wiederaufbau
Viele Prognosen für die Zukunft Bosnien-Herzegowinas sind eher düster. Sie halten die politische Umsetzung des Dayton-Friedens für eine Illusion, weil keine der Konfliktparteien ernsthaft gewillt sei, den Vertrag zu erfüllen. Wenn die Amerikaner ihre Truppen fristgerecht Mitte 1998 abziehen, ist ein neuer Krieg wahrscheinlich, wenn die europäischen Staaten die Lücke nicht schließen können. Es ist bedenklich, wenn die Minenräumung nicht vorankommt und Berichte stimmen, daß sogar neue Minenfelder angelegt worden sind.
Andererseits gibt es ein weltweites Engagement für Bosnien-Herzegowina, auch von islamischer Seite. Anlaß zu Optimismus geben die zahlreichen Bemühungen um Hilfen für Bosnien-Herzegowina: von internationalen Organisationen, der Europäischen Union und über 50 Geberländern, 170 deutschen Hilfsorganisationen und zahlreichen Privatinitiativen. Das Land benötigt nicht nur materielle Hilfen. Es geht auch darum, den Menschen in Bosnien-Herzegowina Mut zu machen, den Wiederaufbau anzupacken sowie Frieden und Aussöhnung anzustreben.
Die Europäische Union hatte für die einst von Muslimen, Kroaten und Serben bewohnte Stadt Mostar ein Modellprojekt konzipiert, das zeigen sollte, daß nach dem Krieg das Zusammenleben bei gutem Willen aller Beteiligten wieder möglich sei. Das Projekt, mit Elan vorangetrieben von EU-Administrator Koschnick, ist gescheitert. Dennoch engagiert sich Hans Koschnick unentwegt für den Frieden auf dem Balkan. Er sagt, es sei sinnvoller (und billiger), für den Frieden zu bezahlen als für einen weiteren Krieg (D 12). Papst Johannes Paul II. setzte mit seiner Reise nach Sarajewo ein Zeichen, das auch die Muslime, voran Izetbegovic, zu würdigen wußten.

Bei seiner Ankunft auf dem Flughafen in Sarajewo wurde Johannes
Paul II. vom bosnischen Staatspräsidenten Izetbegovic (rechts) und dem
kroatischen Mitglied des Staatspräsidiums, Zubak (beim Handkuß),
begrüßt. Dahinter der Sarajewoer Erzbischof Puljic.
Bild: KNA
Der Papst rief insbesondere auch die katholischen Bischöfe und Geistlichen auf, weder Gewalt noch Unrecht zu dulden und den Friedensprozeß zu fördern (D 13 a, b). Die Ordensgemeinschaft der Franziskaner hielt während der osmanischen Herrschaft in Bosnien-Herzegowina bis 1878 das katholisch-religiöse Leben aufrecht, zum Teil in heimlichen Zirkeln. Die Mönche mußten über Jahrhunderte hinweg Kompromisse mit der muslimischen Obrigkeit akzeptieren. Auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen widmen sich die Franziskaner heute der Friedenserziehung in den Schulen (D 13 c).
Die Künstlerin Bärbel Bohley setzt sich in Sarajewo für die
baldige Rückkehr der Flüchtlinge ein und versucht, das verkrustete
Freund-Feind-Denken aufzubrechen (D 14). Unter den deutschen Soldaten,
die bei SFOR Friedensarbeit vor Ort leisten, sind auch Wehrpflichtige, die
sich freiwillig für diese Aufgabe gemeldet haben. Der Bericht von Dirk
Pohl zeigt die Beweggründe eines 2ljährigen Soldaten aus Brandenburg
(D 15). Weniger bekannt ist das Engagement von 170 deutschen
Hilfsorganisationen, das von allen Parteien des Bundestages unterstützt
wird. Im Vordergrund steht nicht nur die finanzielle Hilfe, sondern auch
das Bemühen, den schwierigen Prozeß der Versöhnung und
"Entfeindung" in Bosnien zu unterstützen (D 16). Auf Hans Koschnick
machte das Engagement der Freiwilligen von
"Pax Christi" und "Aktion Sühnezeichen" besonderen Eindruck. Beispielhafte
Projekte werden auch von Klaus Vack in Gang gesetzt, dem führenden Vertreter
des Komitees für Grundrechte und Demokratie in Sensbachtal (D 17).
Auch Schulen beteiligen sich an der Bosnienhilfe, wie das Beispiel der
Riemenschneider-Realschule in Tauberbischofsheim zeigt (D 18). Als
Teilnehmer des vom Europarat initiierten Civitas-Sommer-Seminars in Bihac
im Jahr 1996 schloß Studienrat Peter Krapf aus Ulm zahlreiche
Freundschaften mit bosnischen Kollegen. Er berichtete, daß das Interesse,
mit deutschen Schülern, Kollegien und Schulen Kontakte aufzunehmen,
sehr groß sei. Aus Sicherheitsgründen könne man aber eine
Schulpartnerschaft oder einen Schüleraustausch derzeit noch nicht
realisieren. Die Landeszentrale für politische Bildung in
Baden-Württemberg startete 1992, initiiert von Direktor Siegfried Schiele,
in Stuttgart das "Forum ehemaliges Jugoslawien". Dessen Vortragsabende und
Seminare ermöglichen Begegnungen zwischen Kroaten, Serben und Bosniaken,
die schon lange in Deutschland leben, und tragen zum gegenseitigen Verstehen
bei (D 19).
Unterrichtspraktische Hinweise
Die Zeitungsüberschriften aus den Jahren 1996/97 vermitteln einen Überblick, welche Probleme auch nach dem Friedensabkommen von Dayton noch zu bewältigen sind (D 1). Die komprimierte Übersicht über die wichtigsten Daten zu den Nachfolgestaaten (D 2) eignet sich gut für Vergleiche (z. B. mittels Kurzreferaten und Landkarte). Anhand der Flächengrößen, Einwohnerzahlen und Wirtschaftsdaten kann man z. B. die politische Bedeutung und das Wirtschaftspotential erkennen.
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| Staatsname | Bundesrepublik Jugoslawien (YU) (Rechtsnachfolge der SFR YU, durch UNO nicht anerkannt) |
Republik Kroatien (HR) | Republik Bosnien-Herzegowina (BIH) | Republik Slowenien (SLO) | Republik Makedonien (MK), laut UNO: ehem. jugoslawische Republik Makedonien | Vergleichszahlen |
| Staatsform | Bundesrepublik Jugoslawien (besteht aus den Republiken Serbien und Montenegro) |
Republik | Föderative Republik, gemäß Dayton-Abkommen, bestehend aus der bosniakisch-kroatischen Föderation und der Republik Srpska | Republik | Republik | |
| Fläche | 102.173 km2 | 56.538 km2 | 51.129 km2 | 20.250 km2 | 25.700 km2 | Bayern 70.545 km2 Baden-Württ. 35.751 km2 |
| Einwohnerzahl | 10,1 Mio. (1993) Serbien 9,8 Mio. (Kosovo/Woiwodina je ca. 2 Mio,), Montenegro 0,615 Mio. |
4,78 Mio. | 3,5 Mio. (1996) | 2,09 Mio. | 2,09 Mio. | Baden-Württ. 10,3 Mio. Berlin 3,47 Mio. Saarland 2,57 Mio. |
| Bevölkerungsdichte (E./km2) | 105 | 85 | 68 | 98 | 81 | Baden-Württ. 289 BRD 229 Mecklenburg-Vorp. 79 |
| Hauptstadt Einwohner |
Belgrad, 1,1 Mio. |
Zagreb, 707.000 |
Sarajewo, 383.000 (1993) |
Ljubliana, 270.000 |
Skopje, 440.000 |
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| Amtssprache | Serbisch u. montenegrinisch (kyrillische Schrift) |
Kroatisch (lateinsiche Schrift) |
Bosnisch (lat. Schrift), kroatisch und lateinisch | Slowenisch (lat. Schrift) | Makedonisch (kyrillische Schrift) | |
| Religionen | 44 % Serbisch-Orthodoxe 31 % Katholiken 12 % Muslime Protestanten und Juden |
76,6 % Katholiken 11,1 % Serbisch-Orthodoxe 1,4 % Protestanten 1,2 % Muslime |
40 % Muslime 33 % Serbisch-Orthodoxe 19 % Katholiken (1994) |
70,8 % Katholiken 2,4 % Serbisch-Orthodoxe 1,4 % Protestanten 1,5 % Muslime |
50 % Makedonisch-Orthodoxe, des weiteren Muslime, Serbisch-, Bulgarisch- und Griechisch-Orthodoxe | |
| Nationalitäten | 62,3 % Serben 16,6 % Albaner 5,0 % Montenegriner 3,3 % Ungarn 3,3 % Jugoslawen (Eigenbezeichnung) 3,1 % ethnische Muslime |
78,1 % Kroaten 12,2 % Serben nationale Minderheiten: ethnische Muslime, Slowenen, Ungarn, Italiener, Tschechen, Albaner |
43,7 % Muslime 31,4 % Serben 17,3 % Kroaten 5,5 % Jugoslawen 0,3 % Montenegriner |
87,7 % Slowenen 2,8 % Kroaten 2,4 % Serben 1,4 % ethnische Muslime Kleinere nationale Minderheiten: Ungarn, Makedonier, Montenegriner, Albaner, Italiener |
66,5 % Makedonier 22,9 % Albaner 4,0% Türken 2,3 % Roma 2,0 % Serben 0,4 % Walachen |
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| Flüchtlinge | 607.000 aus BIH, Kroatien und Slowenien |
180.000 (1994) | 1,3 Mio. Binnenflüchtlinge | 24.000 aus BIH (1995) | 7.000 aus BIH | BRD: 320.000 aus BIH |
| Verkehr, Wirtschaft | Norden: gut erschlossen, der Süden nicht: Defizite in verkarsteten Gebirgen Montenegros |
Infrastruktur gut entwickelt, 7 internationale Flughäfen, viele Adriahäfen, vor Kriegsbeginn ca. 6 Mio. Touristen | Infrastruktur weitgehend zerstört, 2 internationale Fllughäfen (Mostar und Sarajewo), Bodenschätze, Agrarprodukte: Mais, Weizen, Kartoffeln, Hanf, Tabak, Zuckerrüben | gutes Verkehrsnetz auch über Alpen zu Italien und Österreich, Flughäfen in Ljubliana und Maribor, großteils Gebirgsland, fruchtbare Beckenlandschaft in Zentralslowenien | Hauptverkehrsachse entlang Morava-Wadar-Furche, 2 internationale Flughäfen (Skopje und Ohrid), verkarstete Gebirge, Küste: Wein, Feigen, Oliven, Mandeln | |
| Bruttosozialprodukt/je E. Arbeitslosigkeit |
900 $ (S 1993) 27 % (1995) |
3.223 $ (S 1991), 17 % (1995) |
350 $ (S 1995), 80 % (1995) |
7.140 $ (S 1994), 13,8 % (1995) |
790 $, 42,6 % (1994) |
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| Währung | Jugoslawischer Neuer Dinar | 1 Kuna = 100 Lipa | 1 bos.-herzeg. Dinar = 100 Para | 1 Tolar = 100 Stotin | 1 Denar = 100 Deni | |
| Anteil städtischer Bevölkerung | 57 % | 63 % | 49 % | 63 % | 59 % | BRD 86 % |
| Analphabeten Erw. über 15 J. | 7 % | 3 % | keine Angaben | 1 % | 11 % | BRD unter 5 % |
Zusammenstellung: Hugo Eckert/vr/fb/ob. Quellen: Fischer Weltalmanach, Munzinger-Archiv u.a.
Serben, Montenegriner, Kroaten und Bosniaken hatten bis zum Zerfall des Tito-Staates im wesentlichen die gleiche Sprache. Mit den Schülern könnte man darüber diskutieren, weshalb die einzelnen Nationen großen Wert auf eine je eigene Sprache legen, die, auch wegen der Eigenmächtigkeiten in der Rechtschreibung, die Nationen eher trennen als verbinden. Hinzu kommt noch die Schriftbarriere. An einen Arbeitsauftrag, welche Staaten große Minderheiten aufweisen, kann die Frage anschließen, welche Bedeutung dies sowohl innen- wie außenpolitisch im einzelnen für die betreffenden Staaten hat. Den Schülern wird einleuchten, daß die Eigenbezeichnung "Jugoslawen" z. B. von Mischehen bevorzugt wurde.
Die Frage, welche Hauptprobleme Serben, Kroaten und Bosniaken vordringlich zu lösen haben, lassen sich mit den Materialien D 3 bis D 5 beantworten. Die Schüler sollten erfahren, daß 1941-45 in der Krajina von kroatischen Ustaschen einige hundert serbisch-orthodoxe Kirchen und Klöster zerstört wurden. Man sollte ihnen die Frage vorlegen, in welchem Dilemma die meisten Flüchtlinge leben (D 4) und wie man das Vertriebenen- und Flüchtlingsproblem gerecht und menschenwürdig lösen könnte (Überlegungen von Landesbischof Engelhardt bei D 5). Spannend könnte sich ein Rollenspiel gestalten: ein Gespräch zwischen einem zurückkehrenden Flüchtling im wehrfähigen Alter und einem Soldaten, der seine Heimat, sein Land verteidigte (Argumente für Flucht; Gegenargumente). Der Vorschlag des deutschen Diplomaten Steiner, daß alle Flüchtlinge möglichst am gleichen Tag in ihre Heimat zurückkehren sollten, bleibt eine Illusion. "In Bosnien eint die Furcht vor den Rückkehrern die Menschen" titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 10.3.1997. Tausende von Flüchtlingen haben eine panische Angst vor der Rückkehr, solange auch schwere Kriegsverbrechen ungesühnt bleiben.
Auf die Frage, warum die politische Umsetzung des Dayton-Abkommens nur schleppend oder gar nicht vorankommt, geben die Materialien von D 6 bis D 11 Auskunft. Warum ist die Räumung von über drei Millionen Landminen so vorrangig? Tausende von Schulkindern sind auf dem Weg zur Schule gefährdet, desgleichen Bauern auf ihren Feldern. Minen behindern auch den Ausbau der Infrastruktur (D 7). Die politische Zukunft von Bosnien-Herzegowina wird von deutschen Diplomaten sehr skeptisch beurteilt. Die von der Balkan-Expertin Calic vorgestellten Szenarien eignen sich, auch unter Einbeziehung geostrategischer Gesichtspunkte, für eine interessante Diskussion (D 9), desgleichen die Störfaktoren für ein friedliches Zusammenleben sowie die Verbesserungsvorschläge (D 10). Die Schüler könnten sich mit der Frage befassen, ob sie die strengen Auflagen für die Vergabe von Wiederaufbauhilfen für richtig halten (D 11). Anhand des Focus-Artikels (D 8) kann man Gründe auflisten, die den Wiederaufbau behindern (Lösungen z.T. bei D 10). Im Zusammenhang mit den Beschlüssen der Geberkonferenz sollte man die Schüler zur Überlegung auffordern, wie man den Anteil an Bosnienflüchtlingen in Deutschland (Ende 1996: 320 000) und damit die Kosten reduzieren könnte, und zwar auf eine humane Weise (z. B. durch Rückkehrer-Hilfen, Wiederaufbauhilfen, Hilfe zur Selbsthife etc.).
Angesichts der schwierigen Wirtschaftslage in Deutschland ist es nicht einfach, breite Zustimmung der Bevölkerung für umfangreiche Bosnien-Hilfen zu erhalten. Deshalb sind Appelle von bekannten Politikerpersönlichkeiten wie Hans Koschnick unentbehrlich. Folgende Fragen könnte man mit den Schülern besprechen: Welche Zusammenhänge sieht Koschnick zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Balkankrieg? Warum überzeugt Koschnick mit seinem Grundsatz, daß nur derjenige Hilfe beanspruchen kann, der selbst jemandem Hilfe geleistet hat? Wie stehen die Jugendlichen zu dem Vorschlag, eine Zeitlang im europäischen Ausland "am Brennpunkt der Gesellschaft" mitzuarbeiten? (D 12)
Trotz Attentatswarnungen reiste der von Alter und Krankheit gebeugte Papst nach Sarajewo, um kraft seiner Autorität für Frieden und Versöhnung zu werben (D 13). Mit folgenden Fragen könnte man eine Diskussion führen: Wie steht der Papst zu den anderen Religionen in Bosnien? Kann die Erinnerung Izetbegovics an die multireligiöse und multikulturelle Gemeinschaft in Sarajewo auch in die Zukunft weisen? Wie stehen Sie zu dem Appell des Papstes in Sarajewo, "zu vergeben und um Vergebung zu bitten"? (Siehe hierzu auch D 13 c.) Die folgenden Materialien (D 14 bis D 18) eignen sich für Kurzreferate mit anschließendem Gespräch über die Frage, aus welchen Gründen sich die Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen (z. B. Politik, Kirchen, Rotes Kreuz, THW, Friedensbewegung) für Bosnien engagieren. Auf den Bericht eines Wehrpflichtigen (D 15) sei besonders hingewiesen, weil hier ein Jugendlicher von seinen Erfahrungen vor Ort in Bosnien berichtet.
Das Projekt der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (D 19) sollte der Lehrer selbst vorstellen und dazu ermuntern, daß man mit Schülern und Jugendlichen (von Eltern) aus dem ehemaligen Jugoslawien über die Probleme in Bosnien-Herzegowina sprechen und überhaupt mit ausländischen Schülern Kontakt aufnehmen sollte.
Den Abschluß bildet das Gedicht einer Schülerin (D 20),
das die Sehnsucht nach einer heilen Welt widerspiegelt. Ob der "Traum von
besseren Dingen" durch persönliches Engagement zu realisieren ist?