BAUSTEIN A

Zur jugoslawischen Geschichte

"Nur die Vergangenheit kann die Gegenwart erklären"


Macht und Last der Geschichte

Zu den Ursachen des Balkankrieges zählen nationale, kulturelle, religiöse, wirtschaftliche und andere Gründe, die im wesentlichen in der hochkomplizierten Geschichte der südslawischen Völker wurzeln. Man kann sich ihr auf mehreren Wegen nähern. Die wenigen wissenschaftlichen Darstellungen aus deutscher Sicht sind so vorsichtig abgewogen (z. B. bei Gotthold Rhode und Peter Bartl), daß der so scheinbar plötzlich aufgebrochene Haß beim jüngsten Balkankrieg kaum verständlich wird (Ausnahme: Holm Sundhaussen).

Eine zweite, ergänzende Annäherung kann man mit dem berühmten Roman "Die Brücke über die Drina" (und anderen die Historie charakterisierenden Schriften) von Ivo Andric versuchen. Der Nobelpreisträger für Literatur verkörpert selbst in seiner Person den ungeheuren Zwiespalt zwischen Bosniaken, Serben und Kroaten, um deren Aussöhnung er sich zeitlebens bemühte.

Den Haß und die Grausamkeiten des Balkankrieges kann man in gewisser Weise nachvollziehen, wenn man, drittens, die Erlebnisse von Zeitzeugen vor Ort heranzieht (z. B. in Kroatien oder Bosnien-Herzegowina), die handelnd und leidend die wechselvolle Geschichte vom Ende des Ersten Weltkrieges bis in die neunziger Jahre miterlebten. Die spektakulären Morde von 1928 und 1934 werden in Gesprächen kaum erwähnt. Die traumatischen Ereignisse im Zweiten Weltkrieg in Jugoslawien aber sind nicht nur bei den Zeitzeugen, sondern in zahlreichen Einzelheiten auch bei den Nachgeborenen unmittelbar präsent. Hinzu kommt, daß innerhalb eines Dorfes (z. B. bei Dubrovnik oder in der Herzegowina) schon bald nach 1945 Feinde von damals zusammenlebten: Kroaten, die bei der deutschen Wehrmacht gedient hatten, ehemalige Ustaschen und Partisanen, oft auch muslimische Bosniaken. Spannungen gab es zudem zwischen glaubenstreuen Katholiken und kirchenfeindlichen Kommunisten. Vorbehalte gegenüber der jeweils anderen Religion waren schon immer vorhanden. Andererseits wird auch vom friedlichen Zusammenleben von Katholiken, Orthodoxen und Muslimen berichtet, besonders seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Während der kommunistischen Ära hatte die Gläubigkeit bis gegen Ende der achtziger Jahre stark nachgelassen. Bei den Kroaten galten noch 53 Prozent als gläubig, bei den Muslimen 37 und bei den Serben 34 Prozent.

Die Erosion des Tito-Staates nahm seit Ende der achtziger Jahre gefährliche Formen an, nicht zuletzt durch die Sensationspresse, die aggressiv die Vergangenheit im nationalistischen Geist interpretierte (Sundhaussen). EU-Koordinator Bildt stellte 1995 resigniert fest, jede Seite in Bosnien-Herzegowina sehe sich in der Rolle des Opfers und suche so lange nach Beispielen in der Geschichte, bis sich die These vom unterdrückten Volk untermauern lasse. Diese Auffassung wurde durch demagogische Wahlkampfparolen 1996 bestätigt, bei denen oft genug auch weit zurückliegende Ereignisse der Geschichte als Argumente herangezogen wurden.

Nach der These des Harvard-Professors Samuel P Huntington wird die Zukunft nicht mehr von widerstreitenden Ideologien, sondern vom "Kampf der Kulturen" bestimmt. Er sieht seine These auch in Bosnien bestätigt, "wo die orthodox-christlichen Serben auf die moslemischen Bosnier trafen". Die Balkanspezialistin Marie-Janine Calic sieht dies differenzierter. Sie widerspricht Huntington mit der Begründung, daß der Balkankrieg keineswegs als Kampf der Kulturen oder Religionskrieg zu werten sei, weil die Grenzen zwischen den Kulturen und Religionen auf dem Balkan nirgends hermetisch abgeschlossen gewesen seien. Sie verweist darauf, daß sich im Laufe von Jahrhunderten multi-ethnisch, multikonfessionell und multikulturell geprägte regionale Identitäten entwickelt hätten. Huntingtons These und Calics Widerspruch werden gerade in den Balkanstaaten weiter diskutiert werden. Die Serbisch-Orthodoxe Kirche sprach (1995) von den "gekreuzigten Brüdern" in Bosnien. Deschner und Petrovic gaben ihrem Buch gar den Titel: "Weltkrieg der Religionen". Es gibt deutliche Hinweise dafür, daß die amerikanische Außenpolitik in Bosnien von Huntingtons These stark beeinflußt ist (so Peter Krapf, Ulm/Bihac).

Die für das Verständnis der heutigen Situation auf dem Balkan so wichtige Geschichte der südslawischen Völker muß wegen Platzmangels auf wesentliche Strukturen und Ereignisse, die direkt oder indirekt auf den Krieg im ehemaligen Jugoslawien einwirkten, beschränkt werden. Ausführliche Materialien stellen die verworrenen Jahre zwischen 1941 und 1945 vor. Diese Kriegszeit hat nicht nur zu Verwerfungen innerhalb der einzelnen Nationen, sondern durch den verhängnisvollen Bürgerkrieg auch zu tiefen Rissen und zur Verfeindung der Nationen untereinander geführt, die das Bewußtsein bis heute prägen.

Grenzland und Durchgangsland

Südslawien ist über lange Jahrhunderte hinweg ein Grenzland. Bereits in der Spätantike verläuft hier an der Drina die wichtige Grenze zwischen dem west- und oströmischen Reich, zwischen dem römisch-katholischen und dem orthodoxen Christentum. Die Drina bildet in der Osmanenzeit auch die Scheidelinie zwischen dem Christentum und dem Islam. "Die Brücke über die Drina" ist, wie die alte Brücke in Mostar, zugleich aber auch eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.

Südslawien ist zudem ein Durchgangsland, obwohl es von der Landesnatur her eher unzugänglich und von fremder Macht nur schwer zu beherrschen ist. Die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg zum Beispiel bekommt das Land nicht in den Griff. Im Lauf der Geschichte kommt es immer wieder zu größeren Bevölkerungsverschiebungen. So weichen zum Beispiel die Serben in der frühen Neuzeit aus ihrem Stammland, dem heutigen Kosovo, nach Norden aus, und Albaner rücken nach.

In einem langen historischen Prozeß wird Südslawien zu einem ethnisch so stark gemischten Land, daß man es mit einem Leopardenfell vergleicht. Auf engem Raum wohnen in den Städten und vielen hundert Dörfern mehrere Nationalitäten zusammen. Es kommt nicht nur zu multikulturellen Begegnungen, sondern über lange Zeiten auch zu einer funktionierenden multikulturellen Gesellschaft, beispielsweise in Sarajewo. Vier Religionen, die im Grunde dem gleichen Gott huldigen, unterscheiden sich durch ihre Gotteshäuser, durch ihre religiösen Feste und Gebräuche, sogar durch je eigene Zeitrechnungen, durch eigene Kalender.

Vom Mittelalter zur Neuzeit

Sowohl die Kroaten wie auch die Serben und Bosnier begründen ihre staatliche Eigenständigkeit mit großen, selbständigen Königreichen im Mittelalter. Im 20. Jahrhundert dienen diese als Legitimation, um eigene Nationalstaaten zu errichten - die die mittelalterlichen Reiche nie gewesen sind.

Grundlegende Veränderungen geschehen auf dem Balkan durch die osmanischen Eroberungen. Nach der Entscheidungsschlacht 1389 auf dem Amselfeld im Kosovo stehen die Serben unter osmanischer Herrschaft. Dieses Jahr gilt für die Serben bis heute als Schicksalsjahr. Vier Jahre später nehmen die Osmanen Bosnien in Besitz. Ein Großteil der Bosnier (die Bogumilen, mit einer eigenen Kirche, seit Jahrhunderten von Katholiken wie von Orthodoxen angefeindet und verfolgt) nimmt den muslimischen Glauben an. Die Bosnier sind Südslawen wie die Kroaten und Serben und sprechen die gleiche Sprache.

Nach der Niederlage der Ungarn bei Mohacs im Jahre 1526 werden Ungarn und Kroatien zweigeteilt: die östlichen Gebiete gehören von nun an den Osmanen, die anderen den Habsburgern. Das Habsburgerreich baut in der Folgezeit als Abwehr gegen die Türken eine lange Militärgrenze auf, in Kroatien Krajina genannt und überwiegend von Serben besiedelt.

Aufstände gegen die Türkenherrschaft unternehmen die Serben mit wechselnden Erfolgen: 1689/90, 1804 und 1815. 1878 erreicht Serbien die völkerrechtliche Unabhängigkeit, ebenso Montenegro.

Slowenen und Kroaten gehören bis 1918 zum Reich der Habsburger. Fast ganz Kroatien und Slawonien wird 1699 von den Habsburgern erobert. Nur die Kroaten in der Herzegowina bleiben weiterhin unter osmanischer Herrschaft - bis 1878. (Die besonders nationale Einstellung der herzegowinischen Kroaten, z. B. in Mostar, hat wohl darin ihren Ursprung; die Erinnerung an die Unterdrückung durch die Osmanen ist dort bis heute noch lebendig.)

Seit dem 15. Jahrhundert bis zur napoleonischen Zeit besitzen die Venezianer die dalmatinische Küste. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis 1912/14 ändern sich die politischen Verhältnisse auf dem Balkan grundlegend. (Vgl. dazu historische Karten, z. B. in: Völker, Staaten und Kulturen, Braunschweig: Schroedel 1979, S. 72 f. u. 80 f.)

Vom 19. Jahrhundert bis 1918

In beiden großen Balkanvölkern - Kroaten und Serben - entsteht im 19. Jahrhundert die Idee, alle südslawischen Völker, die sich ihrer ethnischen, kulturellen und sprachlichen Verwandtschaft bewußt sind, in einem Staat zu einen. 1878 wird Serbien unabhängig. Nun wird angestrebt, alle auf dem Balkan lebenden Serben - z. B. in Kroatien, Slawonien und Südungarn - in einem großserbischen Reich zu vereinigen und weitere südslawische Völker zu integrieren. Dies weist voraus auf den Staat von 1918 und 1945, auch auf das serbische Ziel in den Jahren von 1991 bis 1995, alle Serben in einem Staat zusammenzufassen (siehe Krajina und bosnische Serben).

In den Balkankriegen von 1912/13 gelingt es den südslawischen Staaten, die Türken aus Europa hinauszudrängen. Damit ist der Weg frei für eine Neuordnung Südosteuropas, doch der Streit um das türkische Erbe führt zum zweiten Balkankrieg. Der Sieg über die Türken wird auch als Befreiung der christlichen Religionen gesehen.

Der Zusammenschluß zu einem südslawischen Staat wird während des Ersten Weltkrieges aktuell. Die österreichischen Truppen erleiden 1914 in Serbien vernichtende Niederlagen mit hohen Verlusten. Im Oktober 1915 wird Serbien mit Hilfe deutscher und bulgarischer Truppen erobert. Nach dem Tod von Kaiser Franz Joseph (1916) fordern habsburgische Südslawen zunächst die Vereinigung aller von Slowenen, Kroaten und Serben bewohnten Länder der Monarchie zu einem autonomen Staat. 1917 einigen sich die serbische Regierung und der kroatisch-slowenische "Südslawische Ausschuß" grundsätzlich, ohne wesentliche Details zu fixieren, auf die Gründung eines Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen. Im Jahr 1918 vertreiben die Serben die Mittelmächte aus ihrem Land. Der neue südslawische Staat entsteht am 1.12.1918 - unter enormem Zeitdruck - und wird von den Siegermächten auf der Pariser Friedenskonferenz anerkannt.

Die Italiener nehmen wichtige Gebiete von Slowenien und Kroatien an der Adriaküste in Besitz. Die Kroaten, die zu den Verlierern des Krieges gehören, hoffen auf die Hilfe des intakten serbischen Heeres. Im neuen Staat dominieren die Serben, die in der Folgezeit ihre starke Machtstellung in Regierung, Verwaltung und im Heer durchsetzen und alle föderalistischen Bestrebungen verhindern. Die Verliererstaaten von 1919, Ungarn und Bulgarien, sinnen auf Revision der jugoslawischen Grenzen; zusammen mit deutschen und italienischen Truppen erobern sie 1941 Jugoslawien.

Das Königreich von 1918 bis 1941

Der neue Vielvölkerstaat von 1918 umfaßt außer den Serben, Kroaten und Slowenen auch die weiteren südslawischen Völker der Bosniaken, Montenegriner und Makedonen, zusammen etwa zehn Millionen Menschen. Zu den weiteren zwei Millionen Staatsbürgern (ohne besondere Minderheitenrechte) gehören Deutsche, Ungarn, Albaner, Rumänen, Türken, Slowaken, Italiener, Bulgaren, Walachen, Roma und andere Nationalitäten. Die "chaotische ethnische Landkarte" ist ein Produkt der überaus komplizierten Geschichte des Balkans.

In den Anfangsjahren des großen Balkanstaates werden von unterschiedlichen Parteien vier Modelle favorisiert. Die vier Modelle bestimmen die Diskussion in der Folgezeit bis zum Krieg in den neunziger Jahren.

· Das integrative Modell hat als Vision zum Ziel, die Einzelnationalismen der Serben,
  Kroaten und Slowenen zu überwinden.

· Im föderativen Modell sollen alle südslawischen Nationen gleichberechtigt sein.

· Das großserbische Modell zielt auf eine Ausweitung des serbischen Staatsverständnisses
  vor 1918 auf den neuen Staat.

· Das separatistische Modell bevorzugt die völlige staatliche Trennung der einzelnen
  Nationen.

Die umstrittene Verfassung von 1921 entscheidet über den weiteren Weg des Staates. Sie wird, am serbischen Nationalfeiertag, dem 28. Juni, mit nur einfacher Mehrheit im Parlament verabschiedet. Die meisten Abgeordneten aus Kroatien und Slowenien votieren mit Nein oder bleiben aus Protest der Abstimmung fern. Mit der zentralistischen Verfassung ist die Chance einer Integration verspielt. "Die 'Weichen' waren falsch gestellt, und der 'Zug' fuhr in die falsche Richtung" (Sundhaussen). Verschärft werden die nationalen Gegensätze durch ein sichtbares Wirtschaftsgefälle von Norden nach Süden, von Slowenien und Kroatien nach Montenegro, Kosovo und Makedonien. Seit der Staatsgründung, so der Führer der einflußreichen Kroatischen Bauernpartei, Stjepan Radic, betrachte sich das kroatische Volk als "unterdrückt wie nie zuvor in seiner Geschichte" (1921). Er möchte das Königreich in eine Konföderation umwandeln. 1928 wird Radic im Parlament das Opfer eines Mordanschlags. Die Gegensätze zwischen Kroaten und Serben erreichen einen Höhepunkt. 1929 wird der Staat in Jugoslawien umbenannt. Der König übernimmt, gestützt auf die Armee, selbst die Regierungsgeschäfte.

1934 wird, nicht zuletzt als Reaktion auf die Ermordung von Radic, der serbische König Alexander von makedonischen und kroatischen Nationalisten ermordet. 1939 kommt es aufgrund der gefährlichen außenpolitischen Zuspitzung in Europa zu einer Verständigung (sporazum) zwischen den beiden großen rivalisierenden Nationen.

Deutsche und Serben im 20. Jahrhundert

1914 wird Serbien in der deutschen Öffentlichkeit als Drahtzieher für den Mord am österreichischen Thronfolger angesehen. "Serbien muß sterbien" ist in den hektischen ersten Kriegswochen in Österreich wie in Deutschland eine gängige Straßenparole. 1915 marschieren deutsche Truppen in Belgrad ein.

Nach der Gründung des Königreichs im Jahre 1918 haben die über 500 000 Volksdeutschen in Jugoslawien (die meisten in der Batschka) nur wenig Chancen, Minderheitenrechte wahrzunehmen. Erst nach der Weltwirtschaftskrise entspannt sich das deutsch-serbische Verhältnis. Mit weitreichenden Handelsverträgen seit 1933 kommt es zu einem regen Güteraustausch. Deutschland wird der beste Kunde Jugoslawiens und ist mit 54 Prozent an Jugoslawiens Importen beteiligt. Mit dem "Anschluß" Osterreichs im Jahre 1938 entsteht eine gemeinsame Grenze zwischen Deutschland und Jugoslawien.

1941 tritt Jugoslawien auf Drängen Hitlers dem Dreimächtepakt bei. Hitler will die Südostflanke für den Fall eines Angriffs auf die Sowjetunion absichern. Nach einem Militärputsch in Belgrad wird die Hauptstadt von deutschen Stukafliegern ohne Kriegserklärung angegriffen und zum Teil schwer zerstört. Tausende von Zivilisten werden getötet. Kurze Zeit darauf erobern deutsche Truppen Belgrad. Der Staat wird unter zahlreichen Interessenten aufgeteilt. Nie zuvor sind auf südslawischem Boden so viele Menschen umgekommen wie in den vier Kriegsjahren.

Der totale Bürgerkrieg von 1941 bis 1945

Noch komplizierter als vor dem Zweiten Weltkrieg werden jetzt die Verhältnisse zwischen den einzelnen Nationalitäten und Interessengruppen. Die Beziehungen einzelner Nationen und Gruppierungen zu den Besatzungsmächten führen zu Verfeindungen innerhalb der Nationen
(z. B. kroatische Ustaschen und kroatische Partisanen) und zu Polarisierungen zwischen einigen Nationen, so zwischen Serben und Kroaten. Deutsche (in Serbien), Italiener (in Montenegro und Teilen von Slowenien und Dalmatien), Bulgaren (in Makedonien) und Ungarn (in der Woiwodina) halten das Land besetzt.

Verhängnisvoll ist, daß die neue kroatische Regierung ein "serbenfreies" Kroatien anstrebt. (Fast ein Drittel der etwa sechs Millionen Einwohner Kroatiens sind Serben.) Nach dem Bericht eines deutschen Offiziers sind Hunderttausende von Serben Opfer der von Hitler ermunterten Exzesse der Ustaschen geworden; Tausende sind im Massenvernichtungslager Jasenovac ums Leben gekommen, andere an Ort und Stelle getötet oder aus ihrer Heimat vertrieben worden.

In Bosnien fühlt sich ein Teil der Muslime den Kroaten zugehörig, andere verstehen sich eigenständig als Muslime, und ein dritter (kleinerer) Teil neigt den Serben zu. Serbische Freischärler "rächen" sich in Ostbosnien und der Herzegowina an solchen Muslimen, die sich für die kroatische und deutsche Seite entschieden haben. Auch die Ustaschen verfolgen und töten Muslime, wenn sie sich nicht für die Kroaten entscheiden. Durch den Bürgerkrieg befinden sich in Bosnien über 200 000 Muslime auf der Flucht. Manche Muslime hoffen auf deutsche Unterstützung, um einen eigenen Staat gründen zu können. Rund 20 000 treten der muslimischen SS-Division Handschar bei, die meist gegen die Tito-Partisanen eingesetzt werden. Im Bürgerkrieg bekämpfen sich kroatische Ustaschen und serbisch-nationale Tschetniks; Ustaschen und (kommunistische) Partisanen; Tschetniks und Partisanen. Der von den Deutschen in Belgrad eingesetzte serbische General Nedic kämpft mit seinen Truppen gegen die Tschetniks, verfolgt aber auch die Partisanen. Den drei Besatzungsmächten machen die immer stärker und zahlreicher werdenden Tito-Partisanen zu schaffen. Der große Erfolg der Partisanen gründet darauf, daß der Befreiungskampf nicht zuerst unter kommunistischen, sondern unter gesamtjugoslawischen Vorzeichen geführt wird. Andererseits gibt es auch Kontakte zwischen den Deutschen und den Tschetniks, ebenso zwischen Deutschen und Partisanen (Gefangenenaustausch). Der Keitel-Befehl, daß für jeden erschossenen deutschen Soldaten 100 und für jeden Verwundeten 50 Geiseln zu erschießen seien, hat verheerende Folgen für das deutsch-serbische Verhältnis.

Jugoslawien unter Tito (1945-1991)

Titos Jugoslawien beginnt mit hoffnungsvollen Perspektiven. Außer den beiden großen Nationalitäten der Serben und Kroaten werden auch anderen Völkerschaften eigene Teilrepubliken gewährt: den Slowenen, Montenegrinern, Makedonen und den Bewohnern von Bosnien-Herzegowina; die zu Serbien gehörenden Provinzen Woiwodina und Kosovo erhalten einen autonomen Status.

Schon 1943 gründet Tito in Jajce mit dem Antifaschistischen Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens gegenüber der königlichen Exilregierung in London eine Art Gegenregierung. Im November 1945 entsteht die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien, bei der jedoch die kommunistische Partei dominiert. Titos Absicht, die Interessen der einzelnen Nationalitäten zugunsten einer einigenden jugoslawischen Idee zurückzudrängen, scheitert. Auch wenn in dem atheistischen Staat die Religionen an Bedeutung verlieren, bleiben altes Brauchtum und die den Lebenslauf begleitende religiöse Kultur bestehen. Das Bestreben der Regierung, den Lebensstandard in den unterentwickelten Provinzen anzuheben, führt bei Kroaten und Slowenen zum Vorwurf, die Finanzierung geschehe zu ihren Lasten.

Einer Versöhnung stehen auch die Traumata des Krieges und Bürgerkrieges im Wege. Die Kroaten können nicht vergessen, daß Zehntausende von Ustaschen und Mitgliedern der kroatischen Landwehr ermordet worden sind. Über 100 000 von ihnen sind nach Kriegsende in Kärnten von den Briten an die Partisanen übergeben worden; Massenerschießungen bei Bleiburg folgen. Tito verfolgt mit seinen Partisanen alle politischen Gegner; erschlagen oder erschossen werden slowenische "Weißgardisten", königstreue Tschetniks, muslimische Tschetnikeinheiten und muslimische SS-Soldaten, Vertreter des katholischen Klerus, Mitglieder der mit den Deutschen kollaborierenden Nedic-Truppen, die der Kollektivschuld und Kollaboration angeklagten Volksdeutschen und Ungarn in der Woiwodina, Kosovo-Albaner und deutsche Kriegsgefangene.

Diese Art der Abrechnung trägt nicht dazu bei, zwischen den Nationalitäten des Vielvölkerstaates ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entstehen zu lassen. Hier liegt eine der Ursachen, daß anfangs der neunziger Jahre Slowenen, Kroaten, Bosniaken und Makedonen bestrebt sind, eigene Staaten zu gründen und sich von der serbischen Dominanz zu befreien.


Josip Broz Tito (1892-1980)

Tito gilt als eine der erfolgreichsten und schillerndsten Politikerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Als Josip Broz wurde er als siebtes von 15 Kindern einer Bauernfamilie geboren. Tito - wie er sich später nennt - ist einer seiner Decknamen aus seiner Zeit als kommunistischer Funktionär. Der legendäre Partisanenführer wird zum Begründer des zweiten jugoslawischen Staates und der Blockfreien-Bewegung. Durch seine Reise- und Besuchspolitik in alle Welt seit 1956 gewinnt er eine weit größere Bedeutung, als es der Größe, Wirtschaftskraft und militärischen Macht seines Landes entspricht (Rhode). Tito zählt zusammen mit Nehru (Indien) und Nasser (Ägypten) zu den Wortführern der blockfreien Staaten und verficht die Politik der friedlichen Koexistenz. Er will nicht nur zwischen den Blöcken in Ost und West politisch eine "Dritte Kraft" etablieren; in der Wirtschaft versucht er einen "Dritten Weg" zwischen Marktwirtschaft und Zentralverwaltungswirtschaft. Tito genießt mehr als drei Jahrzehnte lang großes Ansehen in der Welt und Popularität in seinem Land. Er besucht und empfängt die Großen der Welt, Stalin und Churchill, Chruschtschow und Breschnew, Hua Kuo Feng sowie Kennedy und Carter. Obwohl er als Atheist die katholische Kirche in seinem Land unterdrückt, Priester verfolgt und einsperrt, trifft er auch mit Papst Paul VI. zusammen. Titos Bild ist zu seinen Lebzeiten nicht nur in allen Schulen und öffentlichen Gebäuden gegenwärtig, sondern auch in den Privathäusern, in Kroatien oft neben dem des Papstes.

Als einziger Führer eines mit Hilfe der Sowjetarmee 1944/45 befreiten Landes kann es Tito durchsetzen, daß nach der deutschen Kapitulation alle Sowjetsoldaten das Land verlassen. Der überraschende Ausschluß aus der Kominform am 28.6.1948 durch Stalin kann ihn nicht in die Knie zwingen. Er bringt in der Folgezeit das Kunststück fertig, daß sowohl die Westmächte wie auch der Kreml jahrzehntelang um politischen, militärischen und wirtschaftlichen Einfluß im strategisch bedeutsamen Jugoslawien kämpfen.

Aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur erzielt Tito große Erfolge. Unbeirrbar, taktisch geschickt, mit feinem Gespür für Macht und Gefahr, verfolgt er seine Ziele. In den dreißiger Jahren steigt er zum Führer der in Jugoslawien verbotenen kommunistischen Partei auf. International bekannt wird er durch den mit Härte und Ausdauer geführten Partisanenkrieg gegen die deutschen und italienischen Besatzer. Seine Landsleute verleihen ihm den Titel eines Marschalls, die Alliierten den eines selbständigen alliierten Befehlshabers.

Lange Zeit trug Tito schlichte soldatische Kleidung. Auffallend ist die Mütze mit dem Sowjetstern, den alle Partisanen trugen. Dijlas berichtet, daß Stalin damit nicht einverstanden war, und zwar mit Rücksicht auf die Alliierten.
Abb. aus Peter Scholl-Latour: Im Fadenkreuz der Mächte, a.a.O. (vgl. A 4)

Er begründet den neuen jugoslawischen Staat (1943/45) auf der Basis der großen Nationalitäten im Land unter der Parole "Brüderlichkeit und Einheit". Es gelingt ihm - so hat es den Anschein -, die durch Besatzungspolitik und Bürgerkrieg tief verfeindeten Nationalitäten und Gruppierungen zu integrieren. Daß er nicht in nationalen Kategorien denkt, zeigt die Heirat mit einer Russin in Sibirien. Nach der Trennung lebt er mit einem volksdeutschen Mädchen zusammen, 1952 heiratet er eine Serbin. Titos Vater war Kroate, seine Mutter Slowenin.

Titos Biographie hat aber auch dunkle Stellen. Seine Vergangenheit als KP-Funktionär in Moskau in den dreißiger Jahren ist undurchsichtig; nach Kriegsende rächt er sich grausam an den politischen Feinden. Eine Vergangenheitsbewältigung findet nicht statt; rechtsstaatliche Prozesse gegenüber den innenpolitischen Gegnern gibt es nicht.

Nach seinem Tod gilt Tito bald nicht mehr als einigende Klammer. National gesinnte Kroaten möchten den "größten Politiker, den ihre Nation je hervorbrachte", von seinem Mausoleum in Belgrad in die Heimat heimholen. Die großserbischen Nationalisten dagegen wollen ihn lieber heute als morgen los haben, weil er die serbische Idee verraten habe.


Warum ist auch Titos Jugoslawien gescheitert?

Trotz einer erstaunlichen Dynamik seit 1945 gelingt es nicht auf Dauer, die Wirtschaft zu stabilisieren. Die strukturellen Unterschiede in den einzelnen Regionen, Fehlinvestitionen, Mißwirtschaft und Bürokratisierung beim System der selbstverwalteten Betriebe nach dem Modell einer sozialistischen Marktwirtschaft führen seit der Mitte der sechziger Jahre zu ersten Einbrüchen und zu einer permanenten Schuldenkrise bis zum Ende der Republik.

Als die Einzelrepubliken vermehrt um Macht und Einfluß kämpfen, gesteht Tito ihnen seit 1969 zu, daß alle zentralen Machtorgane des Bundes paritätisch mit Repräsentanten der Einzelrepubliken besetzt werden und daß Führungsposten jährlich mit Repräsentanten rotieren. Durch Verfassungsänderungen (1971 und 1974) werden wesentliche Bundeskompetenzen auf die Einzelrepubliken übertragen. Nach Titos Tod im Jahre 1980 "erwachten in allen Landesteilen nationalistische Bewegungen" (Calic). Ein Jahr später fordern die Albaner im Kosovo eine eigene Republik; umgekehrt verurteilen die Serben die (angebliche) albanische Unterdrückungspolitik gegenüber den im Kosovo lebenden Serben. Als Milosevic seit 1986 eine Politik der nationalen Einheit forciert, provoziert er dadurch noch größere Spannungen, erst recht, als er die Autonomierechte der Provinzen Kosovo und Woiwodina aufhebt. Die nationalistischen Stimmungen werden zusätzlich angeheizt, als Milosevic 1989 in Erinnerung an die legendäre Schlacht von 1389 vor Hunderttausenden von nationalistischen Serben auf dem Amselfeld im Kosovo der großserbischen Idee neuen Auftrieb gibt. Das provoziert die nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit strebenden Slowenen, Kroaten, Bosniaken und Makedonen. Während viele "Jugoslawen" lange Zeit mit den sozialen und wirtschaftlichen Fortschritten ihres Landes zufrieden gewesen sind, beschleunigt ein massiver Vertrauensverlust in den Gesamtstaat den schleichenden Zerfall. Die eigene Sprache, Kultur und Geschichte gewinnen bei den einzelnen Nationen wieder größere Bedeutung, und 1990 sieht nur noch eine Minderheit die nationale Vielfalt im Vielvölkerstaat als eine Bereicherung.


Unterrichtspraktische Hinweise

Zur Geschichte und Geographie des Balkans

Der Baustein A soll zeigen, welch enorme Bedeutung die Geschichte für die südslawischen Völker hatte und bis zum heutigen Tag hat. Sichtbar wird dies nicht zuletzt an Symbolen der einzelnen Völker. Makedonien hatte den Stern von Vergina in der Flagge, das Sonnensymbol Alexanders des Großen, und entfachte dadurch einen heftigen Streit mit Griechenland. Die Bosniaken führen das königliche Lilienwappen - in Erinnerung an das bosnische Königreich im Mittelalter. Das kroatische Wappen zeigt das historische weißrote Schachbrettmuster (das auch die Ustaschen verwendeten). Ein Beispiel für die besonders enge Verknüpfung der Serben mit der Geschichte ist die im Bau befindliche St.-Sava-Kathedrale in Belgrad, demnächst die größte christlich-orthodoxe Kirche auf dem Balkan. Sie entsteht genau an der Stelle, wo die Türken vor 400 Jahren die Überreste des heiligen Sava, des Schutzpatrons der Serben, verbrannten.

A 1: Es ist zweckmäßig, bei der Behandlung des Balkanproblems mit der Arbeit an einer Landkarte zu beginnen. Die Karte sollte nicht nur die physischgeographischen Gegebenheiten zeigen, sondern auch die Lage und die Grenzen der Nachbarstaaten. Auffallen werden den Schülern die vielen Gebirgsregionen mit hohen Bergen und die Tatsache, daß nur wenige Flüsse zur Adria hin durchbrechen; z. B. die Neretva (Mostar); andererseits die Bosna (Sarajewo), die in Richtung Donau nach Norden fließt. Die Unzugänglichkeit und Verkehrsfeindlichkeit des Landes werden die Schüler leicht erkennen. Die deutschen Truppen sind 1941-45 bei der Partisanenbekämpfung daran gescheitert. Das Zögern des Westens, im ehemaligen Jugoslawien militärisch früher einzugreifen, hat auch mit solchen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg zu tun.

Vom Mittelalter bis zu den beiden Balkankriegen (1912/13)

A 2: Anhand der Zeittafel bekommen die Schüler einen Einblick in die wechselvolle Geschichte des Balkans (Lehrervortrag oder Schülerreferat). Ein Überblick über die Zeit von 1389 bis 1912 soll deutlich machen, welch große Bedeutung die mehrhundertjährige Osmanenherrschaft für die Südslawen hatte. Die Zitate "Halbmond siegt über das Kreuz" und umgekehrt (1912: A 4) zeigen die Frontstellung zwischen Muslimen einerseits und Katholiken und Orthodoxen andererseits.

Diese französische Darstellung kommentiert den Sieg der christlichen Balkanvölker im Feldzug von 1912 mit den Worten: La croix chasse le croissant hors l'Europe (Das Kreuz vertreibt den Halbmond aus Europa).
Abb. nach Peter Scholl-Latour: Im Fadenkreuz der Mächte. München: Goldmann 1995,
S. 128 ff. (Roger Viollet)

Die Furcht vor einem islamischen Staat, einem "grünen Band" zwischen den Staaten mit christlicher Kulturtradition, ist bei Serben und Kroaten präsent. Welche Auswirkungen die Balkankriege 1912/13 für die Siegerstaaten, aber auch für die Türken hatten, zeigt ein Blick auf die Karte: Die türkische Grenze wurde um ca. 1000 km nach Osten hin zurückgedrängt.

Der 28. Juni, ein symbolträchtiges Datum

A 3: Am Beispiel der Daten zum 28. Juni (Vidovdan, Tag des hl. Veit) sollten die Schüler erkennen, was das Ursprungsdatum von 1389 für die Serben bedeutet. Das Bild des Mädchens vom Amselfeld, welches sterbende Serben labt, schmückt bis heute serbische Wohnungen und ist in öffentlichen Gebäuden ebenfalls zu sehen, bis zu den Amtsräumen von Milosevic, Karadzic und Mladic. Über die Bedeutung des Amselfeldes im Kosovo für die Serben sagte Milosevic dort am 28.6.1989 vor etwa einer Million Serben pathetisch: "Hier befindet sich heute die Seele eines jeden Serben!" Am gleichen Tag wurde die großserbische Idee proklamiert: Serbien sei überall dort, wo Serben wohnen und wohnten. Als die Serben 1996 aus Vororten von Sarajewo abzogen, nahmen viele nicht nur ihren Hausrat, sondern auch ihre Toten mit. Es ist wichtig, auf das uns oft nicht verständliche serbische Denken und Fühlen aufmerksam zu machen.

Der Zweite Weltkrieg auf dem Balkan

A 6 bis A 10: Der wechsel- und leidvollen Geschichte Jugoslawiens von 1941 bis 1945 sollte besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, weil hier wichtige Ursprünge für die tiefen Feindschaften zwischen Serben, Kroaten und Bosniaken zu finden sind. Das Land wurde besetzt und zerstückelt. Die Karte A 6 zeigt auch die Zentren der Partisanen: z. B. Uzice, Foca, Jajce, Bihac, Montenegro. Aus dem Schaubild A 7 geht hervor, wie verworren die Situation damals war: wer gegen wen kämpfte und aus welchen Gründen, z. B. Serben gegen Serben und Kroaten gegen Kroaten. Nationalsozialistische, faschistische, großserbische, nationalistische und kommunistische Ideologien prallten aufeinander. Der mörderische Bruderkampf säte Zwietracht in der eigenen Nation und steigerte den Haß auf die anderen. Der Geheimbefehl von 1941 (A 8) ist ein Zeugnis der Brutalität bei der Bekämpfung der Partisanengruppen. Der Katalog zur umstrittenen Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" (Hamburg 1996) dokumentiert mit zahlreichen Fotos die Geiselerschießungen. Die Grundlage war der berüchtigte Keitel-Befehl, für einen getöteten deutschen Soldaten 100 Geiseln zu erschießen. Brutalitäten gab es auch bei den Ustaschen, Tschetniks, Muslimen (SS-Division Handschar) und Partisanen (A 9, A10).

Titos Staat und sein Zerfall

A 11 bis A 18: Tito wurde von Stalin wie Churchill unterschätzt (A 13). Mit Hilfe des Lehrers können die Schüler die Aufteilung des Balkans in Interessensphären mittels der handschriftlichen Notizen herausfinden. Ein dunkles Kapitel in Titos Biographie ist die blutige Abrechnung der Partisanen an ihren Hauptgegnern in Bleiburg in Kärnten und auch sonst im Land, die vor allem bei den Kroaten unvergessen ist. Titos neuer Staat berücksichtigte formal die Interessen der größeren Nationen; in Wirklichkeit herrschte die Partei, die eine Einheitsnation verwirklichen wollte. Anhand der Karte A 15 können die Schüler die sechs Teilrepubliken (mit den beiden ehemals autonomen Gebieten), jeweils mit den Hauptstädten, zusammenstellen und mit der heutigen Gliederung vergleichen (siehe D 2).

Der Lehrer sollte auf die so stark vermischte ethnische Zusammensetzung (vgl. wiederum D 2) in den neuen Republiken ("Leopardenfell") und bereits hier auf die Flüchtlingsproblematik hinweisen (vor allem in Bosnien-Herzegowina).

Nach Titos Tod brachen alte Gegensätze wieder auf. Der Text A 14 ist die Grundlage für eine Diskussion über die Frage, welche Bedeutung die Erinnerungen an die Zeit des Zweiten Weltkriegs für den Zerfall des Staates hatten. Weitere Informationen über die Hintergründe des Zerfalls enthalten die Materialien A 16 bis A 18. Titos griffiger Ausspruch (A 17) sollte an der Tafel schriftlich fixiert werden.

A 17
Josip Broz Tito soll die komplizierteste Staatsschöpfung des 20. Jahrhunderts so charakterisiert haben:

"Ich regiere ein Land
mit zwei Alphabeten,
drei Sprachen,
vier Religionen und fünf Nationalitäten,
die in sechs Republiken leben,
von sieben Nachbarn umgeben sind
und mit acht Minderheiten
auskommen müssen."

Erläuterungen zu A 17

Drei Sprachen: serbokroatisch, slowenisch und makedonisch

Vier Religionen: serbisch-orthodox, katholisch, muslimisch und jüdisch

Fünf Nationalitäten: Serben/Montenegriner, Kroaten, Slowenen, (nationale) Muslime und Makedonen

Sechs Republiken: Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Makedonien, Serbien und Montenegro als je eigene Republik

Sieben Nachbarn: Italien, Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Griechenland und Albanien

Acht Minderheiten: Albaner, Ungarn, Türkei, Roma, Italiener, Tschechen, Walachen und Bulgaren (in Wirklichkeit sind es nochmehr)

Weitere wichtige Faktoren für den Zerfall nennt Calic (A 18). Zusammenfassend könnte man als Überleitung zum Baustein B die wesentlichen Gründe für das Zusammenbrechen des Tito-Staates auflisten (u. a. Autoritätsschwund des Staates nach Titos Tod, Legendenbildungen über die Zeit nach 1941, die Mystik der großen Zahl der Opfer, fehlende Vergangenheitsbewältigung, enorme Probleme des Vielvölkerstaates und nationale und wirtschaftliche Gründe).


Back