Einleitung


Jahrelang beherrschte der Krieg auf dem Balkan die Medien. Per Fernsehen konnte man das Geschehen im Wohnzimmer "live" verfolgen: Bombardierungen, Heckenschützen und die Tötung von Zivilisten, auch Kindern, sogenannte "ethnische Säuberungen", die Vertreibung oder Flucht von Tausenden: Kroaten, Bosniaken und Serben. Gerade auch in Deutschland saß der Schock tief. Bestürzt sah man die Beschießung des Weltkulturerbes Dubrovnik und anderer Küstenstädte in Dalmatien - Ferienorte, die viele mit unbeschwerten Urlaubserinnerungen verbinden.

Internationale Verflechtungen

In Europa nahm man den Krieg mit besonderer Erschütterung auf. Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch des Ostblocks glaubte man, eine sichere, friedvolle Zukunft vor sich zu haben. Der säkulare Prozeß der Einigung ganz Europas, der Bau eines gemeinsamen europäischen Hauses, schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Aber während die Europäische Union dabei war, Grenzen zu überwinden, den Nationalismus zurückzudrängen und sogar auf bestimmte Souveränitätsrechte zu verzichten, geschah im zerfallenden Jugoslawien genau das Gegenteil.

Über den Balkan und Europa hinaus bekam der Krieg eine weltweite Dimension. Die Vereinten Nationen nahmen sich engagiert der Krise auf dem Balkan an. Durch rege Reisediplomatie, unzählige Gespräche, vorläufige Waffenstillstände und Vereinbarungen wurde versucht, den Kriegsherd auszulöschen. Aber die Kontrahenten hatten ihre konkreten nationalen Ziele vor Augen. Die einen argumentierten mit dem Recht auf Selbstbestimmung der Nationen, die anderen mit der völkerrechtlichen Gültigkeit eines von der UNO anerkannten Staates und der gemeinsamen Verfassung der Einzelnationen. Hinzu kam, daß alte Kriegskonstellationen wieder sichtbar wurden. Rußland, die "Schutzmacht" Serbiens schon im 19. Jahrhundert, verteidigte die Interessen Jugoslawiens. Frankreich und Großbritannien erinnerten sich der Waffenbrüderschaft mit Serbien in beiden Weltkriegen, Deutschland andererseits unterstützte Kroatien und Slowenien.

Verantwortung für den Kriegsausbruch?

Aus einem Interview mit dem amerikanischen Chefunterhändler Holbrooke, dem "Architekten" des Dayton-Vertrages (Der Spiegel 31/1996)

Der Spiegel: Trifft die Deutschen Ihrer Meinung nach eine besondere Verantwortung für den Kriegsausbruch durch die schnelle Anerkennung Kroatiens und Sloweniens im Dezember 1991?

Holbrooke: Es war eine unglückliche Entscheidung, die ich bedaure und von der ich mir wünschte, sie wäre nicht getroffen worden. Aber daß sie für das Blutvergießen auf dem Balkan sozusagen verantwortlich war - nein, an eine solche Kausalität glaube ich nicht. Später spielten die Deutschen übrigens die positivste Rolle aller Europäer.


Die Lage in Bosnien-Herzegowina

Waffenstillstände gab es zuhauf, aber lange Zeit keinen Frieden. Erst als die UNO vom Grundsatz des Peacekeeping zum Peacemaking überging und in ihrem Auftrag die NATO militärisch eingriff, war die Zeit der Hilflosigkeit und Ausweglosigkeit vorbei. Mit dem Abkommen von Dayton wurde ein dauerhafter Waffenstillstand geschaffen; die Weichen für die Zukunft waren gestellt. Allerdings steckt der Teufel im Detail; die politische Umsetzung des Abkommens stößt immer von neuem auf große Hindernisse, die oft unüberwindbar scheinen. Die Nachfolgestaaten der ehemaligen "Sozialistischen Föderativen Republik" Jugoslawien betonen mit Nachdruck ihre nationale Eigenstaatlichkeit, richten strenge Grenzkontrollen ein, schaffen je eigene Währungen und verwenden sogar innerhalb von Bosnien-Herzegowina drei verschiedene Autokennzeichen.

Die Einflußmöglichkeiten von Europäischer Union und OSZE sind begrenzt. Ohne die USA (mit ihrem Chefunterhändler Holbrooke) scheint es in Bosnien-Herzegowina kaum Fortschritte zu geben. Während sich Slowenien konsolidiert, Makedonien einen friedlichen Ausgleich mit Bulgarien und Griechenland erzielt, sogar Kroatien und Serbien wieder kooperieren, kommt es bei der Rückführung der nach Hunderttausenden zählenden Flüchtlinge immer wieder zu Konfrontationen. Die Kluft zwischen bosnischen Serben, Kroaten und Bosniaken scheint unüberbrückbar zu sein. Dies ist um so weniger verständlich, als Bosnien-Herzegowina einst ein Europa im kleinen gewesen ist: eine multi-ethnische, multireligiöse und multikulturelle Einheit (wenn auch früher nicht ganz frei von Konflikten). Es sieht so aus, als ob Bosnien-Herzegowina für Europa eine Daueraufgabe bliebe.

Der Balkan und die Deutschen

Es sind nicht nur Urlaubserinnerungen, die Deutsche mit Jugoslawien verbinden. Auch sonst sind die Verflechtungen zwischen Deutschen, Kroaten, Serben und Bosniaken eng. Unzählige Arbeitskräfte aus dem ehemaligen Jugoslawien sind in Deutschland heimisch geworden, leben Tür an Tür mit deutschen Nachbarn. Serbische, kroatische, bosnische und deutsche Schüler gehen gemeinsam in deutsche Schulen. Fußballvereine mit den Namen Sarajewo, Kosova, Makedonia, Croatia und Beograd tragen Verbandsspiele zusammen mit deutschen Vereinen aus. Viele Deutsche sind mit Familien vom Balkan und auf dem Balkan befreundet. In Baden-Württemberg leben ständig über 300 000 Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien (aus Serbien 170 000, Kroatien 75 000 und 60 000 aus Bosnien-Herzegowina). Tausende von Kriegsflüchtlingen wurden von ihren Verwandten aufgenommen.

Internationale Kreisliga

Tausende von Mitbürgern aus dem ehemaligen Jugoslawien, die unter uns leben, haben noch immer enge Bindungen an ihre Heimat. Das zeigt ein Blick auf die Fußballtabellen der Kreisliga B von Stuttgart. Hier spielen auch Mannschaften aus Serbien, Kosovo, Kroatien, Makedonien und Bosnien mit: Beograd, Croatia, Zagreb Stuttgart, Sarajewo Stuttgart, Kosova Bernhausen, Makedonia Stuttgart, Slaven Möhringen, Zvezda (= Stern) Stuttgart.

Kreisliga B, Staffel 5: Omonia Vaihingen - SV Rot II 2:1; TSV Zuffenhausen II - SpVgg Giebel II 3:1; SKG Botnang II - TV Zuffenhausen II 2:0; C. Zagreb Stgt. II - TSV Steinhaldenf. II 3:2; SV Prag Stgt. II - MTV Stgt. II 1:2 9        

TSV Zuffenh. II
Omonia
Giebel II  
Rot II
Croatia II
Beograd
Steinhaldenfeld II
MTV II
TV Zuffenh. II
Prag Stgt. II
Botnang II
Mühlhausen II
Prag II
9
9
10  
8
8
8
8
8
9
8
8
8
0
30:10
21:7
20:17
19:11
18:12
15:14
16:30
18:23
9:16
12:21
14:24
8:15
0:0
23
21
14
13
13
11
10
9
7
7
7
5
0
Stuttgarter Zeitung, 11.11.1996 (Tabelle)

Zum erstenmal in der Geschichte der Bundesrepublik wurden Bundeswehrsoldaten, auch freiwillige Wehrpflichtige, in Europa eingesetzt, zunächst als IFOR-Soldaten in Kroatien, dann als Teil der SFOR bei Sarajewo. Auf breiter Basis arbeiten internationale, nationale und private Institutionen, auch Privatpersonen, für den Frieden in Bosnien-Herzegowina, auch wenn manche Prognosen für die Zukunft eher negativ sind. Der Wiederaufbau Mostars sollte beispielhaft sein für ganz Bosnien-Herzegowina. Das Modell ist gescheitert. Der Hohe Repräsentant der Europäischen Union in Sarajewo hat einen schweren Stand, weil sich die drei Vertragsparteien gegenseitig nicht trauen.

Es gibt aber auch ermutigende Zeichen. Viele Staaten leisten finanzielle und andere Aufbauhilfen; auch in Deutschland und vor Ort wirken prominente Mittler des Friedens. Der Papst wirbt für Versöhnung und Frieden, Hans Koschnick plädiert unentwegt für Verständnis und Hilfen. Über hundert große private deutsche Organisationen sind beim Friedensprozeß in Bosnien-Herzegowina engagiert, nicht nur mit Sachgütern und Geld, sondern auch mit uneigennützigen Helfern vor Ort. Die Verantwortung von Europa ist groß, die Herausforderung auf dem Balkan zu bestehen. Allerdings werden Friedenstruppen noch für längere Zeit erforderlich sein, um ein erneutes Aufbrechen von Konflikten zu unterbinden.

Zur Gliederung des Heftes

Die Hintergründe des Zerfalls des ehemaligen Staates Jugoslawien sind so komplex, daß es kaum möglich erscheint, sie in einem schmalen Heft für Schülerinnen und Schüler verständlich darzustellen. Die Autoren zeigen deshalb an aussagekräftigen Beispielen wichtige Faktoren auf.

Im ersten Baustein werden Stationen aus der jugoslawischen Geschichte, vor allem des 20. Jahrhunderts, beleuchtet, die zur Erklärung der heutigen Situation beitragen können. Deutlich wird, daß die Großmächte auf dem Balkan stets ihre eigenen Ziele verfolgten und die Wünsche nach Wahrung der kulturellen Identität einzelner Völker oft zurücktreten mußten. Nach der Beschäftigung mit den Quellen können die Schüler verstehen, daß wichtige Ursachen der aktuellen Konflikte in der Geschichte der Balkanvölker zu suchen sind.

Der genaue Verlauf der neuen Balkankriege seit 1991 soll eine geringe Rolle spielen. Die Dokumente des Bausteins B zeigen die Ausgangslage und mögliche Motive der Beteiligten; vor allem kommt es aber darauf an, die konkreten Auswirkungen der Kriege für die Menschen in der Region zu schildern. In einem eigenen Baustein (C) wird der Friedensschluß von Dayton ausführlich behandelt. Die Schwierigkeiten der Umsetzung des Friedensvertrags werden vorgestellt, um einsichtig zu machen, daß es noch ein langer Weg zu einem dauerhaften Frieden sein kann.

Im Baustein D sollen die Schülerinnen und Schüler zunächst einen gerafften Überblick über die fünf Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien erhalten. Die Daten eignen sich nicht nur für interessante Vergleiche, sie bieten auch Grundlagen, um gegenwärtige innenpolitische Herausforderungen dieser Staaten zu erklären.

Ein wichtiger Abschnitt dieses Bausteins untersucht abschließend die Frage, was getan werden kann, um zum Frieden in diesem umkämpften Land beizutragen. Die vielen positiven Beispiele sollen nicht trügerisch leichte Lösungen vorgaukeln. Sie sollen vielmehr helfen, bei den Schülerinnen und Schülern nicht allein das Gefühl der Ausweglosigkeit zurückzulassen. Schließlich gibt es auch bei Politikern und Wissenschaftlern die Hoffnung, daß das friedliche Miteinander von Muslimen, Juden und katholischen wie orthodoxen Christen in der Vergangenheit auch ein Modell für die Zukunft in einem zwar dreigeteilten, aber doch vereinten Bosnien-Herzegowina sein kann.


Hugo Eckert


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