Zeitschrift 

 

Gegen den Strich

Karikaturen zu zehn Themen

 

Heft 3/4-2005, 
Hrsg.: LpB

 
 

 

 
 

Geleitwort des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport

Im schwarzen Anzug und mit trauriger Miene legt ein Herr ein Buch mit der Aufschrift »EU-Verfassung« in ein Dreisternegefrierfach, das die Form eines Sarges hat. Die Verfassung wird »auf Eis gelegt«, vielleicht wird sie sogar für immer beerdigt: Wenige Tage nach dem Scheitern der Referenden über die EU-Verfassung in Frankreich und in den Niederlanden erschien diese Karikatur in der Stuttgarter Zeitung. Sparsame Striche scheinen in schnellem Zug auf das Papier geworfen, mit leichter Hand skizziert. Vieles ist
nur angedeutet, und dennoch trifft die Zeichnung zielsicher ins Schwarze.

Es braucht mehr Worte als Pinselstriche, um diese Karikatur zu beschreiben. Die unmittelbare, simultane Sprache des Bildes erreicht uns schneller als das Nacheinander der Wortsprache. Was das Auge innerhalb weniger Sekunden erfasst, verlangt dem Gehirn bei einem Text vergleichbaren Inhaltes hochkomplexe Leistungen ab. Was die Karikatur mit bildlichen Mitteln direkt und scheinbar einfach vermittelt, bedarf, in Worte gesetzt, der Erklärung.

Genau dies sei ihre Schwäche: Plakativ, zugespitzt und vereinfacht sei der dargestellte Sachverhalt, könnte man der Karikatur vorwerfen. Das aber ist gerade das typische Merkmal einer Karikatur. Sie will nicht umfassend informieren oder gar erörtern. Sie will einen Sachverhalt aufdecken, sie will hinterfragen und kritisieren, sie will eine Meinung äußern. Die spitze Feder wird zum spitzen Finger, der auf Missstände hinweist – fragend, anklagend, mahnend. Und doch ist die Karikatur auch mit dem Witz verwandt und will belustigen und erheitern. Im überraschten Schmunzeln oder Lachen über eine Karikatur liegt oft ein Moment der Entspannung und Befreiung, auch wenn einem bei manchen Karikaturen in schreckenvollem Erkennen das Lachen im Halse stecken bleibt.

Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg legt nun ein Heft vor, in dem zahlreiche Karikaturen zu mehreren Themenbereichen vorgestellt werden, die mit ganz unterschiedlichen Zielsetzungen in verschiedenen Fächern eingesetzt werden können. Die übertriebene Darstellung in der Karikatur fordert zur Stellungnahme heraus und eignet sich daher besonders als Einführung in ein Thema oder als Einstieg in eine Diskussion. Aber auch ganze Unterrichtseinheiten können, wie die Vorschläge zeigen, mit Karikaturen geplant werden. Das bringt methodische Abwechslung in den Unterricht und fördert die Motivation der Schülerinnen
und Schüler. Und wer gelernt hat, Karikaturen zu entschlüsseln, sieht nicht nur die dargestellten Probleme, sondern auch den Witz. So wird auch die Fähigkeit geschult, den Unzulänglichkeiten der Menschen und den Schwierigkeiten des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen.

Johanna Seebacher
Ministerium für Kultus, Jugend und Sport


 

 


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